Einzelbild herunterladen
 

Abend-Ausgabe

fcbdiifiicr lagbK

41. Jahrgang.

Erscheint in zwei Ausgaben. — Bezugs-Preis: se Pfennig monatlich für beide Ausgaben zusammen. — Der Bezug kann jederzeit be­gonnen werden.

Verlag: Langgasse 27.

Abonnenten.

Slnzelgen-PreiSr

Die einspaltige Petitzrile für locale Anzeige» 15 Pfg., für auswärtige Anzeigen 25 Pfg. — Rrclamen die Petitzeile für Wiesbaden 50 Pfg.. für Auswärts 75 Pfg.

Mo. 478.

Dontterstog, de» 12. Oktober

1893.

Der Krirgshafen von Toulon.

In diesen Tagen findet auf der Rhede des bedeutenden südfranzösischen Kriegshafens Toulon der feierliche Empfang des nach langer Pause den Flottenbesuch in Kronstadt er­widernden russischen Geschwaders statt. Somit gewinnt das Terrain, auf dem sich die zu einem politischen Ereigniß her­vorragender Art gestempelte Begegnung vollzieht, ein be­sonderes Interesse. Wir bieten daher unseren Lesern eine Situationsskizze von Toulon, des nächst Brest größten und in Zukunft vielleicht des wichtigsten Kriegshafens der französischen Republik, da sich im Mittelmeer eigenthümliche, die maritime Machtstellung der betheiligten Staaten berührende Veränderungen zu voll­ziehen scheinen.

Toulon, die Hauptstation der französischen Mittelmcerflotte, ist eineFestung ersten Ranges; die Stadt liegt am Fuße steil abfallender Berge im Grunde einer tiefen, von der Natur durch ihre geschützte Lage außerordentlich be­vorzugten Bai, deren Eingang südlich durch eine weit vorspringende Halbinsel, Gebet, ge­schützt ist.

Die Kriegsmarine und deren Werft- und Hafenetablissements, Arsenale u. s. w. bilden den eigentlichen Kern für das wirthschaftliche Leben der Stadt, deren sonstige industrielle Anlagen und Handelsbeziehungen nur ge­ringerer Art sind. Toulon steht durch regel­mäßige Dampferlinien mit zahlreichen Miitel- meer-Häfen in Verbindnng, wird hierin jedoch von Marseille bei Weitem übertroffen.

Toulon selbst ist mit Festungswerken um­geben, und durch vorgeschobene selbständige Forts und Batterien, die zum Theil auf der namentlich nördlich der Stadt belegcnen Höhe, zum Theil an geeigneten Stellen der lang­gestreckten, in vielfach gewundenem Bogen sich hinziehenden Küste errichtet sind, fortifikatorisch geschützt. Unsere Kartenskizze läßt die Lage dieser Befestigungen, die sich nördlich auf der Landseite auf dem Mont Faron koncentrieren, deutlich erkennen.

Das Meeresgebiet, auf welchem die Flottenbegegnung stattfindet, gliedert sich in die äußere große und die innere kleine Rhede, welche beide durch eine fast 11/a Kilometer lange Mole voneinander getrennt sind. Durch diese Mole, die südlich vorgelagerte Halbinsel Gebet sowie die ganze reichgegliederte Küstengestaltung wird die innere Rhede,

welche noch durch die Bai von La Sehne erweitert ist, so vollkommen gegen alle Einflüsse des Meeres geschützt, daß sie zu den besten der Welt zählt. An ihrem nordöstlichen, stadtseitigen Ufer liegen die Werftbassins und Arsenale, die in unserer Zeichnung deutlich zu erkennen sind, mit ihren zahlreichen technischen und artilleristischen Etablissements. Hierzu gehört das 1680 nach Vaubans Manier erbaute Marinearsenal, welches mit der Gesammiheit seiner Baulich­keiten 270 Hektar einnimmt und rund 13,000 Arbeiter zu beschäftigen vermag.*)

Den Hof des Arsenals umgeben das große Magazin (für die Materialien zum Bau und zur Ausrüstung der Schiffe), die Seilerei, die Eisenguß- und Hammerwerke, der Uhrpavillon mit den Gebäuden für die Direktion, das Marinemuseum mit Modellen aller Arten von Fahrzeugen, der Waffensaal, die Waffenschmiede, Feilerei und Modell- kammer. Zwischen dem alten und neuen Hafcnbassin des Kriegshafens liegt eine Insel, welche durch eine drehbare Brücke über den Verbindungskanal mit dem Festland zu­sammenhängt und drei Docks, das Bagno und das Marine­hospital enthält. Das Bagno wurde 1682 unter Colberts Vkflwaltung hergestellt und dient jetzr als Depot für die nach Eayenne und Neukaledonien zu deportirenden Ver­brecher. An den Kriegshafen schließt sich westlich, durch den Quai de la Garniture (mit Magazinen) von demselben getrennt, das Hilfsarsenal von Castigneau mit einem Bassin an, welches mit dem Kriegshafen durch einen Kanal in Verbindung steht. Dieses Arsenal umfaßt eine Bäckerei, Fleischerei, eine Eisengießerei, Hammerwerke, große Viktualienmagazine und Kohlendepots. Noch weiter westlich ist das neue Bassin von Mtsficssy (mit Magazinen) hinzu- gekommen. In der südöstlichen Vorstadt Mourillon endlich liegt ein drittes Arsenal, welches große Magazine für Schiffsbauholz und Metalle, sowie verschiedene Werkstätten

*) Zum Vergleich sei bemerkt, daß das bei dem deutschen Reichs- kriegShafen Kiel belegcne kaiserliche Marine-Etablissement rund 61 Hektar umfaßt und etwa 4000 Arbeiter beschäftigt.

und Schiffsbauplätze enthält. Zu den Marine-Etablissements gehört auch das unter Ludwig XIV. erbaute Marinehospital mit naturhistorischem Kabinett; einen Annex desselben bildet das Hospital von St. Mandrier auf der Halbinsel Ccvet. Bei letzterem befindet sich ein botanischer Garten und westlich das Quarantäne-Lazarcth.

Südwestlich, gegenüber von Toulon und in der Luft­linie 5 Kilometer von diesem entfernt, liegt La Sehne an der gleichnamigen Bucht, ein Ort, der durch feine groß­artige Schiffswerft berühmt ist. Er zählt 8500 Einwohner, unter ihnen über 2000 Werftarbeiter.

Der Meerestheil, aus welchem sich die Feierlichkeiten vollziehen, ist vermöge seiner Lage und Umgebung zur Ver­

anstaltung von Marinefesten außerordentlich geeignet, das lehrt miet) ein Blick aus die Karte. Das russische Ge­schwader soll am 13. Oktober, welcher Termin amtlich mit- getheilt wurde, aus der Rhede eintreffen, nachdem sich die Schiffe in dem spanischen Hasen Cadix versammelt hatten. Zwei derselben, das Flaggschiff des Admirals Avellan, „Pamjatj Asowa" und „Dimitri Douskoi" sind vorher in Kopenhagen vom Czaren inspizirt worden. Im Ganzen besteht das Geschwader aus 5 Schiffen, über die in tech­nischer Hinsicht in Berichtigung vielfach unzutreffender An­gaben folgende Mittheilungen zu machen sind. Der Panzer­kreuzer „Pamjatj Asowa", das Admiralsschiff, ist 116 Meter lang, 15 Meter breit und hat einen Tief­gang von 7,6 Meter, 6000 Tonnen Deplacement und 11,500 Pferdekräste; es läuft 18 Seemeilen — 4ffs geo­graphische Meilen in der Stande, die Mannschaft besteht aus 525 Personen. Ter Panzerkreuzer „Dimitri Dons- koi" ist nur 90 Meter lang, 16 Meter breit, hat einen Tiefgang von 7,6 Meter, 5796 Touilen Deplaeemerrt bei 9300 Pferdekräften und läuft 16 Seemeilen (= 4 geogr. Meilen) in der Stunde; er hat eine Mannschaft von 551 Köpfen. Diese beiden Schiffe kamen überKopeuhagen. Das Panzerschiff „Imperator Nicolaj I" ist ein ge­panzerter Kreuzer von 101 Meter Länge, 20 Meter Breite, 7,7 Meter Tiefgang und 8440 Tonnen Deplacement; seine Blaschine besitzt 8500 Pferdekräste, er legt 16 Knoten in der Stunde zurück. Die Bemannung besteht ans 604 Per­sonell. Der Panzerkreuzer „Admiral Nach im off" ist 101 Meter lang, 19 Meter breit, hat 7,7 Meter Tiefgang, 7781 Tonnen Deplacement, 8000 Pferdekräste, macht 16 Seemeilen in der Stunde lind führt 567 Mann an Bord. Der Kreuzer ersten Ranges, „Rynda", endlich ist ein Panzerdeckschiff; er ist 81 Meter lang, 14 Meter breit, geht nur 4,9 Meter tief, hat bei 2950 Tonnen Deplacement 3600 Pferdestärken, macht 15 Knoten in der Stunde und hat eine aus 322 Mann bestehende Befatzung.

iMitifdje Tages-Rundschau.

— Es ist auffallend, daß man bisher so gut wie nichts von der Börsen- oder Reichssteinpel-Steuer gehört hat, die doch jedenfalls einen wesentlichen Bestcmdtheil des neuen für den Reichtag Vorbereiteten Steuerbündels bildet. Bei einer einfachen Erhöhung der bisherigen Sätze, wie sie in der Session von 1892/93 vorgeschlagen worden, wird bei dem jetzigen Darniederliegen aller Geldgeschäfte nicht viel herauskoinmen; über neue Grundlagen dieser Besteuerung oderErweiternngen der zu Stempelabgaben heranzuziehenden Geschäfte hat aber bisher nichts verlautet. Und doch findet gerade diese Steuer, die am wenigsten die untersten Klassen belastet, bei allen Parteien» und in den weitesten Kreisen des Volks den empfänglichsten Boden, wie schon die Aufnahme des früheren Entwurfs im Reichstag bewies. Gegenüber dem starken Widerstand, der sich gegen die Tabak- und Weinsteuer richtet, wäre es zweck­mäßig, wenn das populärste der vorbereiteten Stenerprojckte bald ebenfalls etwas mehr aus seinem Dunkel hervortreten würde. Wer weiß, ob cs nicht das einzige ist, worüber sich der Reichstag mit der Regierung ver­ständigt.

— Nach dem „B. T." wird die in der letzten Landtagssession vollzogene Reform des Wahlgesetzes innerhalb des Staats- ministerinms nur als eine vorläufige er­achtet. An den maßgebenden Stellen wird der Frage in der derzeitigen Wahlperiode eine sehr eingehende Aufmerksamkeit gewidmet. Schon jetzt faiut festgestellt werden, daß, sobald sich die Wirkungen der Steuerreform auf das Wahlrecht zum Abgeordnetenhause übersehen lassen, die Staatsregierung un- verweilt die Initiative ergreift, um einen entsprechenden Ausgleich herbeizuführen.

— lieber den Verlauf und die Dauer der Handelsvertragsverhandlungen mit Rußland läßt sich zur Zeit ein einiger­maßen begründetes Urtheil nicht gewinnen. Theils hüllen sich die Betheiligten in tiefes Stillschweigen, theils lassen sich auch aus dem bisherigen Verlauf der Sache wenig Aiihaltspnnkte zu Schlußfolgerungen aus das endliche Ergebniß gewinnen. Es ist möglich, daß die Verhandlungen sich noch lange hin- ziehe'.i, es ist auch möglich, daß sie verhältiiiß- mäßig rasch, sei cs in welcher Richtung immer, zum Abschluß kommen. Nur das läßt sich nach der ganzen Sachlage und den

weiteren Stadien, welche die Verständigungsversuche noch zu durchlaufen haben, mit Sicherheit annehmen, daß der Reichs­tag auch günstigen Falles erst in sehr vorgerückter Zeit seiner bevorstehenden Session vor diese Frage gestellt werden wird.

— Das klerikale Wiener „Vaterland" und die liberalen Zeitlliigcn besprechen das neue österreichische Wahlreform­projekt und glauben, die Vorlage werde vor dem Frühjahr kaum zur parlamentarischen Entscheidung kommen und bis dahin jedenfalls eine ganz andere Färbung erhalten. Das „Vaterland" bedauert, daß Taaffe vor Einbringung der Vorlage nicht Fühlung mit den Parteiführern genommen habe. Das „Fremdenblatt" prophezeit heiße parlamentarische Kämpfe.

— Der „Figaro" will wissen, England würde nächstens den Besiich erwiedern, welchen das franzö­sische Geschwader unter Gervais im August 1891 bei seiner Rückkehr aus Kronstadt im Hafen von Portsmouth gemacht habe. Der Besuch der englischen Flotte soll in Cherbourg oder Marseille durch das Mittelmeergeschwader, welches Admiral Seyinour nach den italienischen Gewässern führte, erfolgen, wahrscheinlich aber schon im November. Ma» muß abwarteu, ob sich der Figaro, wie so oft, nicht täuscht, ober welchen Charakter die internationale Höflichkeit hier annimmt.

— Die Selbstständigkeit Finnlands ist den Russen längst ein Dorn im Ange. Jetzt scheint man damit umzugehen, ihr em Ende zu machen. Wieder „Grashdauin" meldet, hat Kaiser Alexander III. den Staatssekretär Muranjew beauftragt, dem russischen Reichsrathe einen Plan zur Regelung der Kodifikation und der Verlautbarung von Gesetzen in Finnland zu unterbreiten. Gleichzeitig soll dem­nächst eine Kommission unter Vorsitz des Senators Nckljudow und unter Mitwirkung russischer Juristen eingesetzt werden, die die Frage der finnländischen Gesetzgebung zu lösen haben wird. Der auf Befehl des Zaren dem Reichsrathe vorzu­legende Plan beabsichtigt die Gesetzgebung in Finnland dem

’onxv

Leuchtth.’

e

Zs

0- C ---