Abend-Ausgabe.
Wiesbadem TsMt.
41. Jahrgang.
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1893
Montag, den 2. Oktober
Uo. 460.
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Der Berug
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Sparkasserrbiicher für Kinder.
Kann es ein trostreicheres Bewußtsein für gute Eltern geben, als die Gewißheit, ihre Kinder dermal einst wohl versorgt in der Welt zurückzulassen? Oder wenn nicht dies, ihnen doch wenigstens einen kleinen Sparpfennig mit auf den Weg geben zu können, wenn sie in das Treiben des Lebens hinausziehen, oder sich ein eigenes Heim gründen gehen? Aber freilich, ein solches Glück müssen sich die Miuderbegüterten versagen, glauben wenigstens, es sich ver- s rg«n zu müssen, denn im Augenblick der Roth kommen sie erst nieist zu spät zu der Erkenntniß, daß ihnen jede Möglichkeit fehlt, das Erforderliche herbeizuschaffen. Daß ihnen eine lange, lange Frist gegeben war, durch Sparen vielleicht mehr als genug auf den Haufen zu briugeu, kommt ihnen meist gar nicht in den Sinn. Sie meinen, ihr Einkommen sei zu gering, um bnton auch noch etwas bei Seite zu legen. Aber das Einkommen einer Familie ist selten so gering, daß nicht einiges Wenige sich immerhin erübrige» und für die Kinder anlegen ließe. Um eine Anleitung zum Sparrn zu ‘ geben, verweisen wir auf die sogenannten Sparkassenbücher für Kinder, die wir auf das Wärmste empfehlen. Wollte der kleine Handwerker, der Arbeiter oder sonst irgend wer, der nicht gerade mit Glücksgütern gesegnet ist, nur einmal ernstlich den Versuch machen, jede Woche eine Kleinigkeit für jedes Kind zckrückzulegen, er würde erstaunen, wie rasch das Kapital sich vermehrte und würde zuletzt ganz gcwohn- heitsgemäß das Sparen fortsetzen. Fängt man gleich bei der Geburt des Kindes an, eine Kleinigkeit für dasselbe bei Seite zu legen, so häuft sich bis zum 20. Jahre desselben eine recht erkleckliche Summe an. Legt man z. B. jeden Tag einen einzigen Pfennig weg, so ergiebt das per Woche eine Ersparnis von 7 Pfennigen, per Jahr 52 x 7 = 3 Mk. 64 Pf., in 10 Jahren 36 Mk. 40 Pf., in 20 Iahen 72 Mk. 80 Pf. Wer wäre nicht im Stande, jeden Tag einen Pfennig zu erübrigen? Gesetzt also, man sparte 3, 4, 5 Pfennige, würde nicht der junge Mann, sobald er sich etablirt, mit 360 Mark sich ganz hübsch (?) einrichten, die Tochter das Wesentlichste für ihren zukünftigen Hausstand anschaffen können? Der ehrliche Arbeiter wird vielleicht sich solcher Anregung nicht verschließen und wenigstens einen Versuch machen. Die Freude, welche er mit der Zeit am Sparen finden wird, soll ihm am unwiderleglichsten beweisen, wer ihm recht gerathen.
Eine sehr schöne Einrichtung, die man nicht genug empfehlen kann, find die sogenannten Pfennigsparkassen. Man spart so lange, bis man 10 Pfennig beisammen hat, dann geht man hin und kauft sich für diese 10 Pfennige eine Sparmarke. Die Sparmarken werden in ein Qnittungsbuch eingeklebt, in welches 20 Marken hineingchcn, und sobald diese 20 Marken vollzählig find, trägt man da-s Buch zu der Verwaltungsstelle, wo dessen Werth (2 Mk.) zinslich angelegt wird. Das Schönste, was diese Art des Sparens bewirkt, ist die Lust am Sparen, welche dieselbe auch in den Kindern selbst zu erziehen im Stande ist. Alsbald wird der kleine Wicht auch Vergnügen daran finden, seine Pfennige, die er sonst zum Zuckerbäcker trüge, zum Kauf einer Sparmarke zu verwenden, und wenn auch die Summe, die er auf solche Weise zusammenbringt, gewiß nicht in's Gewicht fallen kann, um so bedeutungsvoller fällt die moralische Bedeutung des Sparens in's Gewicht, die unzweifelhaft in dem späteren Leben des Kindes ihren Ausdruck finden wird.
Zum Schluffe unserer Anregung möchten wir noch auf ein schönes, nachahmenswerthes Beispiel des Bestrebens der Eltern, für ihre Kinder zu sorgen, aufmerksam machen, welches im sächsischen Vogtlande im Schwünge ist. Dort sammeln die Eltern die im Getreide auftretende schwärzliche Mutterkerze, bringen sie in kleinen Säckchen zum Droguisten, der sie zu Arzneizwecken verwendet und legen den Erlös zur Erwerbung von Sparkassenbüchern für ihre Kinder an. Das kleine Beispiel möge zeigen, wie erfinderisch die Elternliebe sein kann, wenn es ihr wirklich ernst ist um das Wohl der Kinder
Komische Tages-Kuudschau.
— Gegen die Tabakfabrikatsteuer bringt die „Kreuzzeitung", hauptsächlich mit Hinweis auf die Gefährdung der wcstphälischen Tabakindustrie, einen sehr scharfen Artikel, da diese Steuer geradezu die Arbeit selbst belaste und fast ausschließlich von den ärmeren und mittleren Klassen aufgebracht werde. Das konservative Blatt giebt der bestimmten Erwartung Ausdruck, daß der Reichstag dieser Vorlage seine Zustimmung versagen werde, und empfiehlt als Ersatz das Zurückgreifen auf die Erhöhung der Biersteuer. Wenn die „Kreuzzeitnng" in dieser Frage ihre ganze Partei hinter sich hätte, wäre es um die Aussichten auf einen positiven Erfolg der Reichssteuerreform schlecht bestellt. Es ist indessen zu beachten, daß der Redakteur der „Kreuzzeitung", v. Hammerstein, im Reichstag einen bei der Frage stark interessirtcu westphälischen Wahlkreis vertritt.
— Die drohende Ankündigung von Centrumsblättern, daß ihre Partei jetzt unverzüglich und energisch eine Entscheidung über die Jesuiten frage herbeiführen und diese Entscheidung gewissermaßen zur Richtschnur ihrer Haltung bei andern politischen Fragen, insbesondere der Reichsstener- Reform nehmen werde, hat in der Presse anderer Parteien, außer der nationalliberalen noch keine Erwiderungen gefunden. Und doch ist die Frage nicht nur von großer prinzipieller, sondern auch, wie mau sicht, von erheblicher praktischer Bedeutung. Die Entscheidung dcS gegenwärtigen Reichstags, der in so mancher Beziehung eine unbekannte Größe darstellt., ist keineswegs zweifellos. Für den Centrumsantrag auf Aufhebung des Jesuitengesetzes sind sicher die 100 Stimmen dieser Partei, die 44 sozialdemokratische^ die 19 polnischen, die 11 der süddeutschen Bslkspmtei nnd etwa 14 der Fraktionslosen, das macht 188. Als sichere Gegner des Centrnmsantrags sind zu betrachten die 53 nationalliberalen, die 27 freikonservativen, wohl auch die 13 Stimmen der freisinnigen Vereinigung, und etwa 7 „Wilde", das macht 100 Stimmen. Wir glauben dazu noch die 68 Mitglieder der konservativen Fraktion rechnen zu können, obwohl auf dem äußersten rechten Flügel, wo die Hinneigung zum Centrum immer sehr merklich, nicht mit voller Sicherheit zu rechnen ist. Dann kommt die freisinnige Volkspartei mit 23 Mitgliedern in Betracht. Ein Theil derselben verdankt den Ultramontanen seine Mandate; bei ihnen ist deshalb wohl kaum auf Widerstand gegen einen solchen Centrumsantrag zu rechnen. Andere Mitglieder der freisinnigen Volkspartei werden wohl schon im Hinblick auf die gewaltige, durch Huuderttanseude von Petitiousunter- schriflen bewiesene Bewegung im evangelischen Volk für die Aufrechterhaltung des Jesuitengesetzes stimmen. Die Fraktion wird sich also voraussichtlich in dieser Frage spalten. Im günstigsten Fall würden sonach diejenigen, welche mit Sicherheit oder großer Wahrscheinlichkeit zu den Gegnern des Centrumsantrages zu rechnen sind, den Freunden desselben annähernd gleichkommen. Es kommen dann noch die 13 Antisemiten in Frage, deren Haltung zweifelhast ist. Stimmen sie gegen den Centrumsantrag, wie es doch wohl wahrscheinlich ist, so könnte derselbe, wenn auch mit geringer Mehrheit, niedergestimmt werden. Man sieht auch hier wieder, wie unsicher nnd von den kleinsten Gruppen, ja der Abstimmung ganz vereinzelter Mitglieder abhängig gegenwärtig die wichtigsten Entscheidungen im Reichstag sind.
— Die mit großer Bestimmtheit verbreitete Nachricht, der Chedive von Egypten gedenke in England einen Besuch abzustatten, wird jetzt mit ebenso großer Bestimmtheit dementirt. Ob sie, was das Wahrscheinlichere ist, überhaupt niemals wahr gewesen ist, oder ob der junge Fürst wegen der ihm zahlreich zugesandten Drohbriefe die ihm zugeschriebene Absicht anfgegebcn hat, mag unnntersncht bleiben. Das Ergebniß in dem einen wie in dem andern Falle ist die Fortdauer des unfreundlichen Verhältnisses zu England. Von Wien aus ist beharrlich die offiziöse Anschauung verbreitet worden, der Chedive habe durch seinen Besuch bei dem Sultan nichts erreicht und sei sehr unzufrieden zurückgekehrt; dazu paßte die von englischen Blättern gemeldete Knnde, daß Abbas nuitmehr versuchen wolle, sich mit England auf guten Fuß zu stellen ganz vortrefflich. Es ist aber nichts damit, und man wird sich auch in Wien dazu entschließen müssen, trotze alles zur Schau getragenen Optimismus, dem zwischen Petersburg, Paris, Konstantinopel und Kairo sich entspiunenden Jntriguenspiel fortdauernd geschärfte Aufmerksamkeit zuzuwenden. In der Kunst diplomatischer Verstellung und geduldiger Vorbereitung waren die Orientalen von jeher Meister, und diese Kunst hat man weder am Bosporus noch am Nil verlernt. Das Erscheinen eines türkischen Geschwaders im Mittelmeer — wenn es gelingt, die in desolatem Zustand befindliche Flotte hinauszubringen — wird vielfach als eine Demonstration gegen die russisch-französische Verbrüderung
in Toulon gedeutet; sollte sie nicht eher zu deren Ver stärkung dienen? Die egyptische Frage stellt uuabweislich die Türkei in die Reihen der Gegner Englands; die Tou- loner Affaire richtet sich in erster Linie gegen England; aus beiden Vordersätzen ergiebt sich mit Nothwendigkeit eine Schlußfolgerung, die dem Erscheinen türkischer Kriegsschiffe im Mittclmcer, so wenig fürchterlich sie auch fein mögen, doch eine gewisse Bedeutung verleiht. Nicht allemal entladet sich ein Gewitter, wenn es am Horizont wetterleuchtet; aber daß es wetterleuchtet, darf nicht unerwähnt bleiben, auch wenn man daran keine weiteren Besorgnisse knüpft.
— Zum Russenrummel in Paris wird Folgendes mitgetheilt: Bei dem großen Banket im Stadthause werden den Gästen besonders kunstvolle Menus überreicht werden. Das Etui dazu ist aus Elfenbeinpergament und trägt in goldenen Metallbuchstaben die Dcdication. Außerdem wird jeder der Russen noch eine silberne Nadel mit deL, Wappen der Stadt zum Geschenk erhalten. Die russischen Seeleute werden mit den mannigfaltigsten Schätzen beladen nach Hause zurückkehren. An Wein und Champagner dürsten sie Ueberfluß haben, und kürzlich hat ein Fabrikant auf Korsika auch für Nauchmaterial in Gestalt von 1000 Packeten Cigaretten gesorgt. Damit aber noch nicht genug, hat neuerdings die Stadt St. Claude beschlossen, jedem eine schöne Pfeife neuesten Modells, die in goldenen Lettern die Inschrift „Kronstadt — Toulon 1891—1893" auf dem Rohr trägt, mitzugebeu. Ferner sollen die Russen ein Album mit Photographieen von Paris geschenkt erhalten, und zwar werden 3000 dieser Dinge an sie vertheilt werden. Das Geschenk, welches das Departement Var dem Admiral Avellan überreichen wird, besteht <in einer Reduktion der Marmorgruppe „La Sirene" von D. Puech, die sich im Luxembourg- Museum befindet. Am 22. Oktober soll das Fest auf dem Dlarsfeld in Scene gehen. Nach dem großen Banket und dem naitklschenHest begeben sich die russischen Offiziere auf die erste Plattform des Eiffel-Thurms, um von dort ein großes Brillantfeuerwerk zu besichtigen.
Deutsches Kelch.
* Kof- nnd Prrsonal-Uachrichte». Der Kaiser ist gestern Vormittag 71/» Uhr in Trakehnen eingetroffen und von der Vevölkerung jubelnd begrüßt worden. — Nach vertrauenswürdigen Mittheilnngeu der „Neuen Freien Presse" aus Kissingen sieht Fürst Bismarck sehr eingefallen aus und ist ein hinsälliger Greis geworden. Dienstag iiüternahm Bismarck eine Spazierfahrt. Zwei Diener geleiteten ihn die Treppe hinunter. Er grüßte mit der linken Hand, die rechte kann er nicht erheben. Momentan sei er außer Staude, seinen Namen zu schreiben. Gerüchte von einem Schlaganfall sollen ans Wahrheit beruhen. Am 26. August erkältete sich Bismarck im Bade, trotzdem empfing er am 27. August die Frankfurter, und dies habe ihm vollends den Krach gegeben, wie Graf Herbert sagte. , .
* Krrlin, 2. Okt. Nach offiziöser Mittheilnug stellt, wie der „Franks. Ztg." berichtet wird, die jetzt im Gauge b.fiudliche Neu- veraulaaung der Gebäudesteuer einen Mehrertrag von 6 Millionen in Aussicht. — Dem „Bert. Tagebl." zufolge werden Seitens der Reichssauitätsbehörde Versuche mir infizirten Thierleichen oorgenommen, die wie menschliche Leichname in Särgen m den verschiedensten Bodenarten bestattet werden. Man will feststellen, rote lange die Bakterien in eingesargtenThierleichenfortleben und welchen Einfluß die Bodenart, das Grundwasser u. s. tu. dabei ansübt.
Ausland.
* Italien. Der König stürzte Samstag früh auf einem Spazierritt in Monza mit dem Pferde und kam dabet mit einem Bein unter das Pferd zu liegen, verletzte sich aber anichetnend nicht, sodaß er den Ritt fortsesen konnte.
* Frankreich. Die Untersuchung gegen den Kutscher Moore, welcher das Attentat auf Lockroy verübte, ist beendet. Movre wurde von den Aerzten als zurechnungsfähig erkannt und wird daher vor beit Affisenhof gestellt. — In einem offenen Brief beschuldigt Bischof Urgel die französische Regiernng durch willkürliche Maßregeln die Unabhängigkeit der Republik Andorra zu vernichten.
* Spanien. Die Besserung Sagastas macht weitere
Fortschritte. , _
* Dänemark. Man spricht in Kopenhagen von der bevorstehenden Verlobung des 28 Jahre alten Prinzen Christian, ältesten Sohnes des dänischen Kronprinzen, mit der Prinzessin Helene von Orleans, die sich augenblicklich in Fredensborg befindet.
* Amerika. Nach einer aus Buenos Avres in Paris ein- geqangenen Drahtmeldnng eroberte das PauzersE „kstidepeudencia bei Rosario ein ausständisches Panzerschiff. — Das Bombardement von Rio de Janeiro hat wieder begonnen.
Königliche Schauspiele.
S a in stag, 30. Sept. Zur Feier des 70. Geburtstages R. v. Gottschall's: „Maria de Padilla", Trauerspiel tn 5 Akten van Rudolph v. Gottschall. In Scene gesetzt von Herrn M. KLchh. Zum ersten Male.
Rudolph v. Gottschall, an der Schwelle des Greisenalters stehend, sieht am 30. September 1893 (1823 geboren) auf ein an Ehren und Auszeichnungen reiches Lebe» zurück. Orden und goldene Medaillen für Kunst und Wissenschaft wurden ihm verliehen, er wurde Groß- herzoglich sächsischer Geheimer Hosrath, und vom Kaiser Wilhelm 1. I wurde ihm 1877 der erbliche Adel verliehen. Aber neben diesen äußeren
