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Abend-Ausgabe.

Wiesbadener Tsgblstt

1893

Freitag) den 29. September

K-. 456

stehen heiße Kampfestage bevor.

Zur Sage in Oesterreich - Ungarn.

(SBou unserem eigenen Korrespondenten.) □ Wien, 28. September.

setzen seine Zustimmung verweigern würde, .wenn sie einmal die entsprechende Unterstützung der parlamentarischen Faktoren

p-MUchk Tagcs-Nmidfcha».

— Am 1. Oktober tritt das neue Militärgesetz in Kraft, um das seit Jahresfrist so heftig gestritten worden und das wegen der noch ungelösten Deckungsfrage auch gegenwärtig noch unser öffentliches Leben in starker Er­regung hält. In dem erbitterten Kampf der Parteien und unter der Einwirkung aufreizender Schlagworte sind die neuen Lasten, die diese Militärreform unvermeidlich mit sich bringt, mehr in de» Vordergrund getreten, als die be­deutenden Erleichterungen und Vortheile, die sie auf der anderen Seite für jeden einzelnen Wehrpflichtigen und für die wirthschaftlichc Wohlfahrt des ganzen Volkes herbeifühlt. Es kann aber nicht ausbleiben, daß auch die letzteren günstigen Eigenschaften der Heercsreform sich mehr und mehr fühlbar machen, weny sie erst in der praktischen Aus»

gefunden haben.

Dem diesseitigen Abgeordnetenhause werden die Jungczcchcn unangenehme Stunden schaffen. Die Ver­hängung des Ausnahms- oder kleinen Belagerungszustandes über Prag und dessen nächste Umgebung hat die Partei in ihrer Heimath in Presse und Versammlungen mundtodt ge­macht;" um so lauter wird sie im Wiener Parlament sein und ihre Stimme gegen jene Beschränkung der Freiheit er­heben. Als solche 'wird man ja die Ansnahmsverfügnngcn überall beklagen müssen; aber thatsächlich waren die politischen, die deutschfeindlichen und anlidpnastischcn Excesse bis zu einem Grade gediehen, welcher einen energischen Akt der Regierung zur unbedingten Nothwendigkcit machte. Dem System Taaffe ist der Vorwurf nicht erspart worden, daß gerade bei seiner „Vcrsöhnnngs"-Politik die nationale Ver­hetzung, der Terrorismus der extreme» Parteien auf das Aeußcrste angcwachscn ist. In der Thai, die liebens­würdigsten, dem Dentschthnme gefährlichsten Konzessionen an die czcchische Nation haben keinen anderen Effekt gehabt als den Ansporn zu immer neuen und potenzirten Ansprüchen nnd Forderungen von dieser Seite. Die frivole Verleugnung der festen Ausgleichs-Pacten durch die von dcn Jnugczcchen ein- gcschüchtcrten Altczcchen war eine entschiedene Niederlage der großen Versöhnungs-Aktion. Nun hat der jnng- czechische Terrorismus jede Anknüpfung an versöhnliche Ideen absolut unmöglich gemacht. Diese Radikalen be­herrschen das Terrain in Böhmen; sie geben den rüden Ton an 4Wb bekennen vM», daß sic sich in dieser Hinsicht clavisch an das ungarifthe Beispiel halten: was da durch hartnäckigen Chauvi-MmE erreicht wurde, das wollen auch i» erringen. Sie rnM«n die weglosen kaiserlichen Adler und unbewaffnete kaiscMche Beamte; sie bekriegen die schwarzgetbe Farbe und deutsche Stryßcn-Nameu; mit diesen Bübereien laufen ziemlich unvcrhüllte Wühlereien gegen den österreichischen Staat parallel. Man predigt den Hoch- verrath nnd verlangt dafür zärtliche Gesinnungen „von oben". Daß die jungczcchischen Politiker die unversöhn­lichen Feinde des Dreibundes und namentlich des deutsch- österreichischen Bündnisses sind, haben sie ohne Rücksicht bei jeder Gelegenheit in die Welt hinausgeschrieen. Sie fraternisiren mit den radikalen Serben nnd Montenegrinern, mit den bulgarischen Umsturzmäuneru, mit den Russen und Franzosen. Und diese Leute finden merkwürdiger Weise noch immer Verthcidiger selbst im deutschen Reiche, nur des­halb, weil sie zu gelegener Zeit, wenn cs mit ihrer nationalen Brntalität nicht kollidirt, das liberale Mäntelchen nmhängen. Daß ihr Liberalismus dort anfhört, wo ihre Dcsiderien und ihre Germanophobie beginnen, ist selbstverständlich. Das Ver­fehlte der Taaffe'schen Versöhnungs-Aktion zugegeben, müssen wir doch heute konstatircn, daß dem offenen Hoch- vcrrath und der systematischen Verhetzung eines in Kaiser­treue stets bewährten Volkes gegenüber keine andere Raison galt, als der ganze Ernst des Ausnahmezustandes. Die Deutschen Böhmens empfinden ihn als Erlösung von un­erträglicher Drangsalirung; sie wissen doch, daß nun eine starke Hand für die Ordnung im Lande, für ihre eigene Sicherheit sorgt. Daß die Reichshanptstadt Wien auch ge­wisser Ausnahms-Verfügungcn theilhaftig werden wird, er­scheint keineswegs ausgeschlossen, nachdem in Wien ein ganzes Sprengbomben-Magazin und Anarchisten-Depot anfgedeckt worden ist. Die „Propaganda der That" rührt sich; ihre grimmigsten Propheten kommen merkwürdiger Weise aus Böhmen nach Wien und zeugen davon, wie gründlich untcr- wühlt dort der Boden ist. Alle diese Fragen werden das Parlament beschäftigen. Die Jungczcchcn, denen cs kaum gelingen wird, eine Mehrheit zur Verdammung der Aus­nahme-Verfügung anfzutreiben, wolle» sich durch eine kon­sequente Obstruktionspolitik rächen. Die Saison beginnt recht anregend, wie man sieht: Ungarn, sowie Cisleithanien

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Avounenren

führung vor alle Betheiligicn hintreten. Allerdings bezweckt das neue Gesetz in erster Linie eine bedeutende Vermehrung unserer Streitkräfte, wie sie durch die starken Vorsprünge unserer Nachbarn zur Sicherung des Vaterlandes gebieterisch gefordert war, und die damit verbundenen finanziellen Lasten muß das deutsche Volk patriotisch tragen, um möglichst stark für die Abwehr verhängnißvoller Wendungen gerüstet zu sein. Die Reform stellt aber nicht nur eine Ver­mehrung und bessere Organisation unserer Streitkräfte dar, sie bietet auch bedeutende Erleichterungen: Eine Entlastung des Einzelnen durch Abkürzung der Dienstzeit, eine gerechtere Vertheiluug und Ausgleichung der Wehrpflichten, eine Schonung der älteren Mannschaften. Das sind soziale und wirth- schaftlich sehr bedeutende Vortheile, durch welche einige neue Steuerlasten reichlich ausgewogen werden. Trotz des jetzt noch herrschenden starken Widerspruchs wird, wenn erst die Reform in Kraft und Leben getreten ist und neben den Lasten auch die Wohlthatcn Jedem fühlbar werden, Niemand mehr an den neuen Grundlagen unserer HecreSverfassnng rütteln wollen. Wir haben jetzt das Möglichste gethan, unser Vaterland gegen alle Wechselfälle zu schützen, und können mit dem Bewußtsein patriotischer und thatkräftiger Pflichterfüllung der Zukunft entgegengehen.

— Unter dem Vorsitz des Professors Mendelssohn fand am Dienstag Abend in Berlin eine von etwa 400 Herren besuchte Versammlung des neu begründeten Centralvereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens statt. Nach einem Vortrag des Rechtsanwalts Emil Leh­mann aus Dresden und einer längeren Erörterung, die durch Brmerkmigen des Rabbiners Dr. Maybanm, daß man den Talrund nicht preisgcben könne und dürfe,hervorgerufen wurde, wurden folgende Thesxn einstimmig angenommen:

Wir sichen fest nuf dem Boden der deutschen Nationalität. Unsere Gemeinschaft mit den Juden anderer Länder ist keine andere, als die der Katholiken zu denen anderer Länder und die der Protestanten zu den Protestanten der anderen Ländern. Wir er­füllen unsere Pflichten als Staatsbürger freudig und halten fest an dem uns vcrfassnngsniäßia gewährleisteten Recht. Wir gehören als Inden keiner politischen Partei an. Die politische Anschauung wie die religiöse ist Sache des Einzelnen. Wir haben keine andere Moral als die unserer nichtjüdischen Mitbürger.

Der Schlußsatz verdammt die Unehrlichkeit Einzelner und wendet sich dagegen, daß dem Jndenthnm die Fehler eines einzelnen Jude» zur Last gelegt werde».

— Dem kalten Wasserstrahl, welcher kürzlich sich von der Newa an die Seine ergoß und der in dem Lande der Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit herrschenden Russenbegeisterung galt, ist ein zweiter gefolgt. Der russische Minister des Auswärtigen, Herr v. Giers, ließ den Regierungen Deutschlands, Oesterreich-Ungarns und Italiens Mittheilung zugehen, daß der Flottenbesuch in Toulon un­bedingt nur als Erwiderung des Kronstädker Flottenbesuchs zu betrachten sei und daß die russische Regierung alle Aeuße- rungen und Kundgebungen, welche andere Auffassungen zur Geltung bringen wollen, mißbillige. Diese Erklärung ist nun zwar sehr deutlich, ob sie aber trotzdem an der eigent­lichen Adresse, an die sie gerichtet, verstanden wird, möchten wir bezweifeln. Fanatismus macht eben taub.

— Die Beziehungen zwischen dem Fürsten von Bulgarien und Stambulow scheinen zur Zeil gespannt zu sein. Der allmächtige Minister bringt in seiner „Swoboda" einen bedeutungsvollen Artikel, in welchem der Opposition zum Vorwurf gemacht wird, daß sie den Namen des Fürsten mißbrauche, indem sie das Land glauben machen wolle, daß der Fürst mit der Opposition im Bunde Stam- bulows Sturz wünsche. Der Fürst, führt das Blatt aus, sei viel zu klug, um nicht zu wissen, daß er gegen den Geist der Verfassung verstoßen würde, wenn er den ersten Rath- geber, welcher das Vertrauen des Landes genieße, entlassen wollte. Indem die Opposition dies glauben machen wolle, erzeuge sie Haß gegen den Fürsten, wie einst des Fürsten Alexander Handlungen den Haß des Volkes erregten. An­genommen, der Fürst wolle wirklich Stambulows sich ent­ledigen, so sei dies geeignet, das Land in schwere Kamp^ und in einen Bürgerkrieg zu stürzen, von welchem f chließlich nur Rußland Nutzen ziehen könne. Die Geschichte anderer Völker und auch Bulgariens beweise, daß Schritte der Krone, welche als Gewaltakt gegen das Volk aufgefaßt werden müssen, steis auch für die Krone schlimme Folgen hatten.

— Der Bürgerkrieg in Argentinien nimmt immer größere Ausdehnung an. lieber Valparaiso meldet der „New-Aorker Herald," die nördlichen Staaten Argentiniens befänden sich jetzt in offener Empörung gegen den Präsidenten Iacns Pena. Die Lage verschlimmere sich, die Treue vieler ; Regiermigsöramten werde bezweifelt. Die Regierung soll die Verhaftung des Adnn'-tts Solier und des Gouverneurs Dr. Alem ancstordyet haben.

Das parlamentarische Leben unserer Monarchie, viel­gestaltig wie wohl in keinem zweiten Reiche der Welt, ist erwacht. Gestern hat das ungarische Abgeordnetenhaus feine Sitzungen eröffnet, und schon der erste Tag hat einen Vorgeschmack geboten von de» Stürme» und rednerischen Excessen, zu dessen Schauplatz es die Männer der scharfen und schärfsten Opposition zu machen gedenken. Die Kaiscr- ; worte von Güns, über die ich Ihnen kürzlich berichtet, haben l die Oppositions-Fraktionen Ungarns in eine wahre Berserker- wuth versetzt. Seit Jahre» gefalle» sie sich in der Rolle sB- unwiderstehlicher Terroristen; fie sind gewohnt, durch maß- W lose Kühnheit und Rücksichtslosigkeit und durch kluge Spcku- lätiön auf den magyarischen Größenwahn und Chauvinis­mus die Majorität ins Bockshorn zu jagen Und, wenn auch nicht alle ihre wohlbekanntenUnabhängigkeits-Jdealeztrrrreichen, | so doch stückweise zu erhaschen, was sie sich wünschen und träumen. Nun „wagt" es der Monarch, diesen Terroristen Worte der Wahrheit ins Antlitz zu schleiidern, die sie nicht vertragen; er „wagt" es, an den gesunden Sinn des ” ungarischen Volkes zu appelliren und sie vor jenen „Ver-

W führern" zu schützen, welche sich als die privilegirten Ver-

M tretet des unverfälschten Ungarthums geberbeit. Das ver­drießt die Herren umso mehr, als es im Volke doch noch viele Tausende giebt, betten ihr gefrönter König heiliger ist, als das Evangelium der „Unabhängigen".

Dem Monarchen unmittelbar entgegenzntreten, verwehrt der wuthschnaubenden Opposition die parlamentarische Ge­setzgebung Ungarns, welche die Krone von der öffentlichen Diskussion ausschließt. Aber ein Ausweg ist ja rasch ge­funden. Man attakirt einfach die verantwortlichen Minister, h welche dem konstitutionellen König jene energischen Worte eingeflößt haben und fordert von ihnen Rechenschaft über diese schlechte Berathung des Herrschers. Am unangenehmsten ist es ihnen, daß der Kaiser den staatsrechtlich vereinbarten Ausgleich als etwas Fertiges, Abgeschlossenes betrachtet; ihnen erscheint diese Grundlage der österreichisch-ungarischen Monarchie gar nicht „fertig", gar nicht „fest" — sie machen gerade den Ausgleich zum Gegenstände ihrer heftigsten An­griffe, ihn umzustürzen oder wenigstens z» modifiziren, ist ■i das Hauptziel ihres leidenschaftlichen Strebens. Werden die Minister nun, wie so oft, unter dem terroristischen Einflüsse der lungenkräftigen Oppositions-Redner klein werden oder werden sie den Muth haben, für die Worte ihres gekrönten Königs energisch einzutreten? Es bedarf nichts als dieser Energie, um die skandalsüchtige», in ihrer Unverfrorenheit schrankenlosen Elemente der Opposition niederzuhalten. Aber freilich, das Kabinet hat sich mit seiner kirchenpolitischen Aktion in ein Meer von Sorgen gestürzt, aus dem es schwer wieder emporzutauchen vermag. Die Fragen auf diesem Gebiete verwirren sich umso mehr, als neben dem römisch- kl^hoUschen Episkopat auch der Klerus anderer Bekenntnisse aus seiner Abneigung gegen die projektirte neue kirchen- potitische Gesetzgebung fein Hehl macht. Die einzig Be­friedigten bleiben dann die Israeliten und die orthodox- liberale Partei. Man ist gespannt auf das Resultat der Audienz, welche gestern der Kardinal-Fürstprimas Claudius Vaszary bei dem Monarchen hatte. Der Kardinal war, wie man versichert, »ach Wien gekommen, um Aufklärungen über die ♦ jüngste päpstliche Encyclica zu geben, welche den Wider­stand gegen die Regierung in der neu aufgeworfenen kirchen- ; politischen Frage organifirt und die unbedingte Zustimmung der Bischöfe des römischen und griechischen Ritus gesunden hat. Der strenge KonstitutionalismuL des Kaisers ist ebenso bekannt wie fein strenger Katholicismns; thatsächlich beob­achtet die Krone in dieser Sache eine zuwartende Haltung. Die Action des Ministeriums Weckerle dürste den aposto­lischen König nicht eben begeistert haben; aber der Kaiser hält zu strenge an der Verfassung fest, als daß er den Ge­

u. Jahrgang.

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