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Wiksbs-kmr TsgM.

«1. Jahrgang.

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Verlag: Langgaffe 27.

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K-. 434.

Dounerstas, den 28. September

1893.

Wertes Hucrrtat!

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des in zwei Ausgabe» erscheinenden

„Wiesbadener Tagblutt"

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Die Franenfrage in Amerika.

Aus New-Aork wird der „Sozial-Korr." geschrieben: Ein gut Stück Weg, weit mehr als in irgend einem Lande der Welt, hat die Frauenfrage in Amerika zuruck- gelegt. Die Frauen haben sich Anerkennung und Respekt auf Gebieten errungen, die vor kaum einem Jahrzehnt nicht nur Europäer, sondern selbst Amerikaner nicht für möglich gehalten hätten.

Und wie sich die Anschauungen der Männerwelt geändert haben! Als die Frau anfing, sich in Wissenschaft,. Kunst und Gewerbe auszubilden, da belächelte man erst deren Streben, denn man hielt sie einer Konkurrenz nicht für fähig, und als man merkte, daß man. die Fähigkeiten der Frau unterschätzt hatte, da bekämpfte man sie als un- bequsmen Embrmgling; aber die Frau gewann Schritt für Schritt Terrain und heute ist der Kampf der Männer gegen die Gleichberechtigung der Frau als nutzlos aufgegeben, ja man findet, daß die Moral der Menschheit dadurch nur ge­winnen kann.

Man weist die Frau, die sich einen Beruf auswählen will, der bisher von der Männerwelt monopolisirt wurde, nicht mehr höhnisch an den Kochherd oder in die Kinder­stube, sondern ladet sie förmlich ein, ihre Kräfte und Ge­schicklichkeiten zu erproben.

Es sei hier nicht von jenen Frauenrechtlerinnen die Rede, welche sich abmühen, für die Frauen das Stimmrecht zu erkämpfen und sie zur Theilnahme am politischen Leben heranzuziehen. Ohne dieses Streben, ungeprüft zu ver­dammen, muß man doch mindestens zugeben, daß die TmanzipatiouSbestrebungen der Frau auf politischem Gebiete noch verfrüht sind. In vielen Staaten der Union hat die Frau das Stimmrecht für gewisse Lokalwahlcn, z. B. Schul- räthe und dergleichen, aber daß von diesem Recht nur ein verschwindend geringer Brauch gemacht wird, ist ein Be­weis, daß die Masse der Frauen dieses Recht gar nicht will. Das politische Leben ist unrein und bedingt die Be­rührung mit Elementen, die man sich im Privatleben fern­hält. Der natürliche Takt der Frau verbietet ihr, auch nur vorübergehend gemeinsame Sache mit Personen zu mache», deren Annäherung ihr widerlich ist. Es fehlt der amerika­nischen Frau weder Geschick, Verstündniß, noch Interesse für die Politik, aber sie scheut sich, persönlich in den Kampf einzutreten! Auf den Gebieten des menschlichen Schaffens ist sie besser zu Hause und sie hat gar keinen schweren Kampf mehr, einen Posten zu erhalten, denn man sucht sie sogar.

In den Fabriken ist das Frauengeschlecht nicht mehr ruf die leichteren und schlechter bezahlten Arbeiten an- zewiesen, sondern Hai auch die Beaufsichtigung und Leitung )ou Maschinen, beherrscht das Verpackungsdepartement-,'" uhrt die Bücher, fungirt als Kassirer, als Korrespondent «der als Reisender. Und das Alles mit einem Erfolg, daß nanche Fabrikanten es in ihrem Interesse sinden, alle Posten, wenn möglich mit Frauen zu besetzen. Es könnte hier der Einwand gemacht werden, daß man der Frau deshalb den Vorzug gebe, weil sie billiger sei. Allein die Fälle mindern sich, wo dies zutrifft. Die Frau, welche eine verantwortliche Stellung hat und sie zum Vortheil des Geschäftes ausübt, verlangt auch ihren entsprechenden Lohn und erhält ihn. Auf einer Hochbahn Hal die Verwaltung nach und nach die Kassirer an den sämmtlichen Stationen entlassen und Frauen und Mädchen angestelll zu denselben Löhnen. Ich fragte bei einer paffenden Gelegenheit den Präsidenten der Bahn, was diese eigentlich bei dem Wechsel gewonnen habe und ob die Frauen für immer beibehalten werden sollen. Darauf erwiderte mir der Betreffende ungefähr folgendes: „Wir hatten, ein Experiment gemacht, sind aber gut dabei gefahren. Mit den männlichen Kaffirern hatten wir häufig Unannehmlichkeiten. Bald war einer betrunken ober ver­nachlässigte den Dienst in anderer Weise; bald kamen Klagen von den Passagieren, daß sie grob behandelt würden; bald entdeckten wir Betrügereien, Kassirer und Billet­

abnehmer waren häufig im Eiuverständniß, um die Ein­nahmen der Gesellschaft zu verkürzen u. s. w. Die Frauen und Mädchen sind mit ihrem Gehalt zufrieden, sind dem Publikum gegenüber stets höflich und zuvorkommend und mir hören fast nie Klagen. Sie sind pünktlich zur Stelle, in ihren Büchern reinlich und akkurat, kurz und gut, wir glauben, daß Publikum und Gesellschaft durch diese Neuerung profitirt haben.

Die Zahl der Frauen in den photographischen Salons, in den großen Bazars, in den Import- und Exportgeschäften und Handelsbüreaus nimmt sichtbar zu. Frauen befinden sich fast in jeder größeren Zeitungsredaktion, wo sie, be­sonders für gewisse Spezialfälle, recht.tüchtige Berichterstatter abgeben; ebenso giebt es zahlreiche weibliche Äerzte, von denen viele sogar eine sehr ausgcbreitcte Praxis haben; sie leiten persönlich Geschäfte und wo immer sie thätig auf­treten, ist der Erfolg verhältnißmäßig mindestens ebenso groß wie bei Männern.

An Lehrinstititten, privaten wie öffentlichen, haben wir einen erfreulichen Reichthum. Es ist staunenswerth, wie stark die Lehrkurse für Maschinenschreiber, Stenographie, Buchhaltung, Telegraphie und dergleichen besucht werden und namentlich vom weiblichen Geschlecht. Mädchen zwischen 15 und 20 Jahren drängen sich förmlich nach diesen Lehr- sälcn. Viele, die des Tages über arbeiten müssen, benutzen die Abendkurse und ftubiren mit anerkennenswerthem Eifer. Es giebt viele arme Familien, welche nicht im Stande sind, ihren Kindern eine bessere Erziehung zu geben; diese sorgen dann später selbst für ihre Weiterbildung durch den Besuch der Abendkurse. Diese Fortblldung ist entweder gauz um­sonst ober zu sehr mäßigen, leicht erschwingbaren Preisen zu haben. Gemeinden sowohl wie Private opfern große Summen für die Erhaltung der Abendschulen ober sonstigen Lehrgelegenheiten.

Die Young Mens Christian Association und die Young Womens Christian Association geben ihren Mitgliedern Ge­legenheit zum Unterrichtnehmen in vielerlei Gegenständen, um sich für das praktische Leben rüsten und Versäumtes nachholen zu können. Ein fast nur nomineller Jahres­beitrag ist alles, was verlangt wird. Zahlreiche Bürger aller christlichen Sekten zahlen freiwillige Jahresbeiträge oder tragen zur Erhaltung dieses Institutes durch Geschenke und Legate bei. Und wer am Unterricht in den verschiedenen Lehrfächern nicht theilnehmen will, der findet hier vielfache Gelegenheit, sich geistig zu unterhalten, ober seinen Be­kanntenkreis zn erweitern. Auch hier ist es wieder das weibliche Geschlecht, das sich besonders durch hohen Fleiß auszeichnet und manche schöne Stelle erhält.

Man hat früher vielfach die Furcht ausgesprochen, daß, wenn Männer und Frauen unter einem Dache zusammen arbeiten, dies ein weiterer Schritt zur wachsenden Sitten« verderbniß fein werde. Das Resultat ist aber gerade um­gekehrt. In den Büreans, wo auch Frauen angestellt sind, ist der Ton der Konversation anständiger, die bloße An­wesenheit einer Fran verscheucht rohe Ausdrücke, Fluchen und frivole Spaße. Die Frau, die etwas zu leisten im Stande ist, achtet sich selber mehr und wird auch mehr ge­achtet. Mau müßte also gerade im Interesse der Sittlichkeit und der Hebung des Charakters wünschen, daß recht viele Frauen zu den bisherigen Berufssphären der Männer greifen.

Ob der Männerwelt ökonomisch dadurch geschadet wird, das bleibe dahingestellt. Ein solcher Schaden muß sich mit der Zeit irgendwie ausgleichen, sei es durch allgemeine Ver­kürzung der Arbeitszeit, durch vermehrte Arbeitsgelegenheiten oder durch neue Einrichtungen, welche sich durch den Fort­schritt entwickeln werden.

Thatsache ist, daß diejenigen Mädchen, die in lohnenden Berufen Beschäftigung gefunden haben, nicht mehr so drängen, unter die Haube zu kommen, wie früher.. Die Mütter der­selben brauchen nicht nach Männern für ihre Töchter zu jagen. Die Frau, die von einer selbständigen Stellung aus heirathet, fühlt sich unabhängiger, mehr gleichberechtigt mit dem Mann, als dies sonst der Fall war. Sie braucht keine Sklaverei, keine rohe Behandlung zu dulden, denn sie hat das erhebende Gefühl, daß sie nicht hulflos in der Welt dasteht, wenn sie die Qual von sich abschüttelt. Fast möchte man fragen, ob der Frauenerwerb nicht auch veredelnd und verfeinernd auf die Ehe einwirkt, und ich wäre geneigt, es zu bejahen. B. A. B.

Volttische Tages - Rundschau.

— In den nächsten Tagen werden nunmehr die Ver­handlungen über den deutsch-russischen Handels­vertrag aufS Neue beginnen. Man kann nach der Sprache der Regierungsblätter und nach der ganzen Sach­lage nicht zweifeln, daß auf beiden Seiten eine dem Aus­gleich günstige Stimmung und die Neigung zu möglichstem Entgegenkommen besteht. Auf beiden Seiten hat man jetzt

schon die Erfahrung gemacht, daß die handelspolitischen Feindseligkeiten wichtige wirthschastliche Interessen schädigen. Insbesondere hat unverkennbar in Rußland ein Umschwung der Stimmung in der landwirthschaftlichen Bevölkerung stattgefuiiden, der auch auf die Regierungskreise nicht ohne Wirkung geblieben ist, und die leichtfertige Ueberhebung, in der man früher einem Zollkrieg mit Deutschland entgegen­gehen zu können glaubte, hat Angesichts der sich bereits sehr fühlbar machenden Thatsacheu einer ernsteren und ge­drückteren Stimmung weichen müssen. Bei aller Geneigtheit aber, zu einer Verständigung zu gelangen, ist es schwer, über die harten Thatsacheu wichtiger entgegenstehender wirthschaftlichen Interessen hinweg- zukommen. Der Angelpunkt der ganzen Verhandlungen ist der Kornzoll. Rußland verlangt hier, und muß es nach seinen Interessen verlangen, eine Gleichstellung mit andern Nationen auf Grund des in den neuen deutschen Handelsverträgen festgestellten Satzes. Hiergegen wird be­kanntlich in deutschen landwirthschaftlichen Kreisen der hef­tigste Widerspruch erhoben, der sich auch bann schwerlich beschwichtigen ließe, wenn Rußland auf industriellem Gebiet ansehnliche Zugeständnisse lllachen sollte, wovon bisher noch nichts zu bemerken gewesen. Wie hier die gegensätzlichen Interessen, die sich auch in den beiden Reichen selbst wider­sprechen, in Einklang zu bringen sind, ist noch nicht abzu­sehen. Jedenfalls würde ein Vertrag, der ohne die Herab­setzung der Getreidezölle nicht denkbar ist, auch im deutsche» Reichstag bei der in demselben herrschenden starken agrarischen Strömung auf harten Widerstand stoßen. Wir wünschen den Verhandlungen einen guten Fortgang, aber die Aus­sichten haben sich doch noch nicht wesentlich aufgeklärt.

— Die Konferenz für internationales Privat recht, welche im Haag stattfand, wurde am Mittwoch nach mehr als zweiwöchiger Tagung beendet. Die Delegirtenvon Deutschland, Oesterreich-Ungarn, Belgien, Dänemark, Spanien, Frankreich, Italien, den Niederlanden, Portugal, Rußland und der Schweiz unterzeichneten das Schlußprotokoll, in dem den Regierungen Vorschläge für internationale Bestimmungen, betreffend Eheschließungen, Erbfolge, Testamente, Mittheilung gerichtlicher Akten und Requisitionsanträge unterbreitet werden. Das Protokoll bleibt auch anderen Staaten znm Zutritt offen. Die Kon­ferenz sprach den Wunsch auf neue Einberufung im nächsten Sommer aus.

— In der anarchistischen Bewegung scheint eine Wendung eintreten zu sollen; die Anarchisten wollen näm­lich die Gründung von Gewerkschaften in die Hand nehmen Jn einer Versammlung der Berliner Anarchisten wurde diese Frage erörtert und zwar führte Redakteur Landauer ans, daß die Arbeiter eine nenneuswerthe Verbesserung ihrer Lage vor Aufhebung des Privateigenthnms zwar nicht er­zielen könnten, dennoch erscheine es nothwendig, daß sie sich gewerkschaftlich organifiren. Die bestehenden sozialdemo­kratischen Ceutralorgauisationeu mit ihrem Drill und Beamten­apparat bäten heute schon ein Bild des sozialdemokratischen Zukunftsstaates. Die Massen würden unter Verlust der Freiheit und Unabhängigkeit zurecht gedrillt und der aller­letzte Groschen werde den Arbeitern entrissen. Fast das ge- sammte Geld werde oft für die Verwaltung verausgabt. So habe eine Maurervereinigung 4160 Mk.für Beamtengeldcr rc. und nur 67 Mk. für Aufklärung der Kollegen in einem Jahre verbraucht. Redner gab den Genossen schließlich den Rath, entweder selbst gewerkschaftliche Lokalvereine zu gründen oder dezentralisirten sozialdemokratischen beizutreten, um von Innen heraus für eine Umgestaltung derselben im anarchistischen Sinne zu wirken. In gleicher Weise sprachen auch die folgenden Redner und der Vorsitzende stellte den Versammelten anheim, nach dem Gehörten zu handeln.

— Kaiser Franz Joseph rügte bekanntlich kürzlich gelegentlich in einer Ansprache an die Vertreter ungarischer Städte den übertriebenen Chauvinismus, der mit dem Patriotismus nichts gemein har, betonte scharf das Fest­halten am Dualismus der Monarchie und warnte davor, au dem Ausgleichsverträge zu rütteln. Darüber ist nun bitterer Groll entstanden und zwar gegen den Minister­präsidenten Wekerle, der die verfassungsmäßige Ver­antwortung für die kaiserlichen Worte trägt. Nun hat das Pester Organisationskomite des Centralvereins der Un­abhängigkeitspartei eine Petition an den Reichstag ein­gereicht, in welcher die Versetzung des Kabinetts Wekerle in Anklagezustand wegen der Günsel Aeußerungen des Kaisers verlangt wird. Die Petition wird der in der Geschäftsordnung vorgeschriebenen Behand- lmrg unterzogen werden und man darf auf den Ausgang gespannt sein.

— Der Wundergreis im englischen Kabinett, der 84-jährige Gladstone, ist von einer fast jugendlichen Kampfeslust erfüllt aus Anlaß des ablehnenden Verhaltens der Lords gegen seine Homerule-Bill. In Albert Hall zu