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Ko. 432.

Mittwoch, de» 27. September

1893.

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Jngend- «nd Uolksspiele in Deutschland.

Die Sorge für die körperliche und geistige Gesundheit der Jugend darf man wohl als die wichtigste nnd zugleich wirksamste Form der Vorbeugung gegen alle Epidemien be­zeichnen, die unser modernes Gesellschaftsleben in physischer und moralischer Beziehung bedrohen. Einsichtige Volksfreunde und Aerzle haben daher diesem Punkte vou jeher besondere Aufmerksamkeit gewidmet. Aber während bis vor nicht allzu langer Zeit die geistige und sittlichen Hygiene im Vordergrund ihres Interesses stand, haben sie neuerdings wieder nachdrück- licher die Forderung einer zweckmäßigen körperlichen Ausbildung unserer Jugend betont. Sie haben darauf hingcwiesen, daß wenn man heutzutage so viel vou den Enterbten der mensch­lichen Gesellschaft spräche, man im gewissen Sinne auch unsere Jugend und insbesondere unsere großstädtische Jugend zu den Enterbten rechnen muffe, da ihr die Mög­lichkeit der freien Entfaltung ihrer Körperkräfte so vielfach verkümmert sei. Eindringlicher als früher ertönt daher gegen­wärtig die Mahnung: Setzt unsere Jugend in das ihnen gebührende Erbe an Luft und Licht, an Sonnenschein, Feld und Wald wieder ein und die matten Augen und krummen Rücken werden verschwinden, Lebensmuts) nnd Gesundheit werden den Jüngling in das Manncsalter, das Mädchen in ihren Frauenberuf begleiten.

Die engen, dumpfen Wohnungen der Großstädte, die kümmerlichen Plätze, von denen manche Stadtverwaltungen selbst die harmlosen Spiele der Kinder verscheuchen möchten, die meist weite Entfernung von Feld und Wald haben in der That heute dem Leben der großstädtischen Jugend den eigentlichen Reiz der Jugend, das Tummeln in der freien Natur, genommen. Die paar Stunden Turnen können, so i sehr wir auch ihre Bedeutung anerkennen, dem nicht völlig abhelfen. Es gilt, auch außerhalb der Schulz und nicht allein den Schülern, sondern auch der noch nicht schul-- pflichtigen und der der Schule schon entwachsenen Jugend Ge­legenheit zu geben, jenen glücklichen und jeder Fessel spottenden Trieb nach freier Bewegung und Kraftäußerung zu befriedigen. Und wo die Gelegenheit nicht vorhanden ist, da müssen Gemeinden und Vereine eingreifen, denn an den gesunden Lungen und kräftigen Gliedern ihrer Jngend hat die Gesellschaft mindestens ebenso viel Interesse, als daran, daß diese Jugend ein paar hundert Vokabeln mehr oder weniger lernt.

Am meisten ist in diesem Sinne durch die Bewegung für Jugend- und Volksspiele gewirkt worden, zn deren Förderung sich am 21. Mai 1891 in Berlin eine Anzahl gemeinnützig thätiger Männer aus allen Theilen Deutsch­lands versammelt und aus seiner Mitte einen Central- Ausschuß mit dem Abgeordneten E. v. Scheuckendorsf in

furt a. M., München, Straßburg, Reichenbach und einer Reihe anderer Städte aufzuweisen. Es steht zn erwarten, daß das Beispiel, was hier von einsichtigen Sladt- und Schulverwaltungen gegeben morden ist, bald in weiten Theilen des deutschen Vaterlandes Nachahmung finden und dadurch die Einrichtung der Jngend- und Voiksspiele zu einer dauernden gemacht wird.

Die Aufgaben des Central-Ausschusses faßt der Vor­sitzende v. Schenckcndorff in seinem Geschäftsbericht über das Jahr 1892 in folgenden 4 Punkten zusammen: er will erstens nach allen Seiten hin durch Belehrung jeder Art, durch die Presse, Vorträge ?c. fördernd auf die Bewegung wirken, er will zweitens besondere Kurse zur Ausbildung von Lehrern und Lehrerinnen in Jugend- und Volksspielen abhaltcu. Im Jahre 1892 fanden in 7 Orten 12 solcher Kurse statt, in denen 396 Lehrer und 284 Lehrerinnen ausgebildet wurden. Im Jahre 1893 soll sich die Zahl der Orte mehr als verdoppeln, die Zahl der Kurse in noch höherem Maße steigen. Ferner will der Central-Ausschuß über Littcratur, Einrichtungen von Spielen, Spielplätzen, über Spielgerüthe Auskunft ertheilen. In dieser Hinsicht ist namenllich die Thütigkeit des Geschäftsführers, des un­ermüdlichen Direktors H. Raydt in Laucnburg a. E., her­vorzuheben. Als vierte Aufgabe wird die Entwickelung der inneren Spiclmcthode, also namentlich die Ermittelung der Zweckmäßigkeit der Spiele bezeichnet. Gerade in dieser Beziehung enthält das Büchlein eine Fülleinteressanter Anregungen".

Wie jede größere gemeiiinützigc Bcwegnug, hat auch die Bewegung für Jugend-, mch Volksspiele in Deutschland der Dienste der Statistik utcht rnttaihcu können-. In. dem Jahr­buch findet sich eiiie. aus. der Mer von Dr. Viktor von WoikowÄY-Biedau, außeroideutlichcm Mitglicdc des könig­lich preußischen Krtistflclnn BüreanS, stammende Bearbeitung, der Ergebnisse einer Umfrage über das Jugend- und Volks­spiel in beit deutschen Städten vom Jahre 1892. Dem Ausschüsse sind aus 587 deutschen Städten Berichte zu- gegaugen, bei diesen waren in 371 Jugeudspiele eingeführt, in 211 nicht, bei 5 waren sie in der Einrichtung begriffen. In den 371 Städten wurden Jugcndspiele abgehalten von 97 Gymnasien, 15 Progymuasicn, 32 Realgymnasien, 24 Realprogymnasien, 53 Realschulen, 22 Seminaren, 20 höheren Töchterschulen, 42 Mittelschulen und 87 Volks­schulen. Hiernach scheint in den Kreisen derrealistischen" Anstalten bas Interesse am größten zu fein, wäh­rend die Mittel- und Volksschulen noch in den ersten Anfängen stecken. Gerade hier öffnet sich noch ein weites Feld der Wirksamkeit. Eine eingehende Untersuchung I ist den Spielplätzen gewidmet. Hier darf man besonders das weitherzige Entgegenkommen der Militärbehörden rühmend hervorhcbcu, die in vielen Städten ihre Exerzier­plätze zur Verfügung stellten. Die Leitung der Spiele er­folgte durch 5 Direktoren, 137 Turnlehrer, 54 Klassenlehrer und 41 Turn- und Klassenlehrer. Von diesen hatten 71 einen Spielknrsus mitgemacht, 21 eine Turnlehrerbildungs- austalt besucht, die Zahl der wöchentlichen Spielstunden schwankte zwischen 12 und */* Stunde. Ein besonderer Theil des Werkes enthält endlich die Verhandlungen und Vorträge der Sitzungen vom 21. und 22. Januar 1893 in Berlin, die manche trefflichen Gedanken bergen.

So legt das Jahrbuch 1893 Zevguiß davon ab, wie ernst und zielbewußt der Central-Ausschuß mit der Förderung der körperlichen Ansbildung im deutschen Volke vorgeht. An alle Volks- und Jugendfreunde ergeht aber die Mahnung, kräftig mit Hand ans Werk zu legen.

wb.

Görlitz und dem Mitgliede des Ausschnsses der deutschen Turuerschaft Dr. med. F. A. Schmidt in Bonn sals Vor­sitzenden und dem Schuldirektor H. Raydt in Lanenburg als Geschäftsführer gebildet hat. In den letzten Wochen hat dieser Central-Ausschuß zum zweiten Male sein Ver- bastdsorgau, das Jahrbuch des Central-Ausschusses zur Förderung der Jugend- und Volksspiele in Deutschland,*) veröffentlicht, das ein erfreuliches Bild über den Fortschritt der Bewegung giebt.

Einem wie dringenden Bedürfniß durch Einrichtung von Spielkursen abgeholfen wurde, mag z. B. daraus ersehen werden, daß in unserer Reichshauptstadt die Zahl der frei­willig spielenden Knaben aus den Gemeindeschulen von 4000 im Jahre 1877 auf 68,000 im Jahre 1892 gestiegen ist; gewiß ein erfreuliches Ergebniß, wenn man bedenkt, wie weit manche der Spielplätze von den Schulen entfernt sind. Von den Schülern höherer Lehranstalten spielten in Berlin im letzten Jahre an jedem Spieltage durchschnittlich 4300 Schüler, das ist 22 pCt. der Gesammtzahl. Aehnliche Erfolge haben die Spiele in Braunschweig, Breslau, Frank­

*) lieber Jugend- und Volksspicle. II. Jahrgang 1893. Hannover-Linden. Verlag von Mautz u. Lange.

Politische Tages-Rundschau.

Den Depesche »wechsel zwischen Kaiser Wilhelm und Bismarck ist dasWvlffsche Büreau" in der Lage, zu veröffentlichen. Die Depeschen haben folgenden Wortlaut:

Güns, 19. Sept. An Fürst Bismarck, Kiffinge». Ich habe zn meinem Bedauern jetzt erst erfahren, daß Euer Durchlaucht eine nicht unerhebliche Erkrankung durchgemacht haben. Da mir zugleich, Gott sei Dank, Nachrichten über Ihre stetig fortschreitende Besserung zugegaugen, spreche ich meine wärmste Freude hierüber aus. In dem Wunsch, Ihre Genesung zu einer recht vollständigen zu ge­stalten, bitte ich Euer Durchlaucht, bei der klimatisch wenig günstigen Lage von Varzin und Friedrichsruh für die Winterzeiten in einem meiner in Mitteldeutschland gelegenen Schlösser Quartier aufzu- schlageu. Ich werde nach Rücksprache mit meinem Hofmarschall das geeignetste Schloß Euer Durchlaucht namhaft machen.

Wilhelm.

Die Antwort Bismarcks lautet:

Kissingen, 19. Sept. An Seine Majestät den Deutschen Kaiser, Güns. Euer Majestät danke ich in tiefster Ehrfurcht für den huldreichen Ausdruck der Theilnahme an meiner Erkrankung 1 und der neuerlich eingetretenen Besserung, und nicht minder für die

Absicht gnädiger Fürsorge für die Förderung meiner Genesung, durch Gewährung .eines klimatisch günstigen Wohnsitzes. Meine ehrfurchtsvolle Dankbarkeit für die huldreiche Intention wird durch die Ueberzeugnng nicht abgeschwächt, daß ich meine Herstellung, wenn sie mir nach Gottes Willen überhaupt in Aussicht steht, am wahrscheinlichsten in der altgewohnten Häuslichkeit und deren Zu­behör An Einrichtung nnd Umgebung zu finden glaube. Da mein Leiden nervöser Natur, so glaube ich mit meinem Arzte, daß ein ruhiges Winterlcbeu in den gewohnten Umgebungen und Be- schästignnaen am förderlichsten für meine Genesung sein wurde, daß dieselbe durch den Uebergang in neue, mir bisher fremde Um­gebungen und Verkehrskreise, wie es eine Folge der Verwirklichung der huldreichen Absicht Euer Majestät sein wurde, in meinem hohen Alter im Interesse der Beseitigung der vorhandenen Störungen meines Nervensystems zn vermeiden sein würde. Prof. Schweninger behält sich vor, diese seine und meine Ueberzeugnng schriftlich zu begründen. B i s m a r ck.

lieber den Gesundheitszustand des Fürsten Bismarck gehen die Meldungen der Blätter vollständig auseinander. Während dieHamb. Nachr.", wie schon be­richtet, melden, daß Fürst Bismarck nunmehr wieder her­gestellt ist nnd bereits in den nächsten Tagen in Friedrichs­ruh einlreffen dürfte,' lassen sich dieMünchener Neuesten Nachrichten" aus Kissingen depeschiren, daß zwar im Be­finden des Fürsten eine relative Besserung eingetreten ist, er sich aber noch so schwach und elend befindet, daß von einer Abreise vorläufig feine Rede fein könne. Es heißt des Näheren darüber:

Die Nacht von Sonnabend aus Sonntag war wieder schlimmer, die Schmerzen concentrirten sich auf die linke Schulter. Die letzte Nacht war etwas besser. Der Fürst hat fast keinen Appetit, der ihm sonst nie fehlte, und kann der Gesellschaft nur mühevoll, ans der Chaiselongue liegend, auwohnen. Sein Gesicht ist sehr bleich und besonders am Sinn stark eingefallen. Der mächtige Kopf scheint viel kleiner geworden zu fein. Seit zwei Tagen macht der Fürst keine Ausfahrten, am Sonntag kam eine neue Komplikation durch eine Geschwulst,, infolge eines Insektenstiches dazu. Die Umgebung wünscht dringend die Heimreise nach Friedrichsruh, der Fürst glaubt aber den Strapazen der Reise nicht gewachsen zn sein. Es wurde deshalb schon der Gedanke einer Ueberwiilterung in Kissingen be­sprochen."

Der Berichterstatter des Münchener Blattes behauptet weiterhin, daß man von einem Besuch des Kaisers bei dem Fürsten spreche, aber allerdings in der Familie des Fürsten selbst davon noch nichts bekannt sei. Falls aber der Ge­sundheitszustand des Fürsten eine baldige Abreise nach Friedrichsruh gestatten sollte, sei eine Zusammen fünft des Fürsten mit dem Kaiser an drittem Orte.

lieber die Aufhebung der Wiener Anarchisten- wer kstü tte bringt dieWiener Zeitung" einen eingehenden Bericht, dem wir noch folgendes Thatsächliche entnehmen:

Alle Mobilien in dem Zimmer der verhafteten Tischlergesellen wurden einer eingehenden Untersuchung unterzogen, die ein über­raschendes Resultat ergab. Zuerst wurde ein großer Schlafdivan untersucht, dessen Vcrschlutzmechanismus nach langem Suchen ent­deckt wurde. Der Hohlranm desselben enthielt eine komplette Handdruckprcsse mit allen dazu gehörigen Utensilien in fast neuem Zustande. Ferner sand sich tut Verstecke auf einer Walze eine anarchistische Flugschrift:c. Ein Tisch, dessen Platte abgesprengt werden mußte, enthielt eilten komplett eingerichteten Setzerkasten. Auch das Nachtkästchen hatte geheimen Vexirverschluß und barg in seinem Innern Hunderte von Flugschristen anarchistischer Tendenz. In einem Koffer wurden Gegenstände gefunden, die es außer Zweifel stellen, daß diese Leute Verbrechen geplant haben, welche die Wiener Bevölkernng einschnchtern sollten. Im Koffer fand man nämlich Sprengstoffe, darunter Pikri», eine noch nicht adjnstirte und auch noch nicht gefüllte Bombe, einige Blechkassetten, die mit entsprechender Füllung ebenfalls als Sprenggeschosse dienen können. Glasballons zum Wersen als Bomben, ferner Zinn und Blei zur Herstellung derselben. Formen zum Gießen und Erzeugen anderer Gegenstände. Die Kommission, mit der auch ein Sachverständiger für Spreng­stoffe kam, sand außer den bereits erwähnten Gegenständen anch ein Kistchen, ans dem zwei Leitungsdrähte herausragten. Der Sach­verständige erlaubte nicht, daß es geöffnet wurde, sondern wird es in feinem Laboratorium untersuchen. Haspel, der ein Fanatiker von erschreckendem CyniSmnS ist, hatte an der Innenseite seines Rockes zwei Drahthäkchen zur Befestigung einer Bombe. Es wurden im Ganzen vierzehn Leute verhaftet. Die Wohnungen Aller wurden durchsucht, und mau fand nebst sehr bedenklichen Korrespon­denzen, anarchistischen Broschüren und Blätter», bei Einem einen Revolver mit Munition, bei einem Andern eine Stockstinte, bei Vielen Leitungsdrähte. Die Verhafteten sind im Polizei-Gefaiigen- hause nnd werden nach deui Abschlüsse der polizeilichen Vorerhebungen dem Landesgerichte eingeliefert. Die Wohnung von Hahne! und Haspel ist behördlich geschlossen worden. Die verfänglichen Ein­richtungsstücke sind bei der Polizeidirektion.

Gegen den überschwenglichen R ussenb egeiste» rungStaumel, der namentlich die Pariser anläßlich des bevorstehenden ritssischen Flottenbesuches ergriffen hat, machen die französischen Sozialisten Front. Wie verlautet, beschlossen die Arbeitervereine mehrerer Pariser Bezirke, an die Regierung das Ersuchen zu richten, den Gemeinderaths- beschluß über die Bewilligung von 350,000 Frcs. für den Empfang der Russen für ungiltig zu erklären. Am Dienstag ist in Paris das Programm der Prunkvorstellung in der Großen Oper zu Ehren der russischen Gäste veröffentlicht worden. Die erste Abteilung der Prunkvorstellung besteht aus einzelnen Akten französischer Opern, die zweite aus einem großartigen musikalischen Huldigungsbilde, worin die gesammte Truppe in russischer Tracht russische Lieder und die Czarenhymne singen und das Balletkorps russische Tänze ausführen wird. Den Schluß bildet eine Apotheose: die