No. 450.
41. Jahrgang.
Wiesbadener Tagblatt (Slbend-AuSgabe). Verlag: Langgasse 37. 26. September 1808. Sette 8,
fehlen. Herr Branddirektor Scheurcr bemerkte im Anschluss hieran, daß er seit 1873 alle deutschen Feuerwehrtage besucht, aber noch bei keinem einen so erhebenden Eindruck gewonnen habe, wie in München. Der Protektor des Verbandstages. Prinzregent Luitpold und der Ehrenpräsident Prinz Ludwig hätten nicht nur den Namen bergegeben, sondern sich an dem Verbandstage persönlich bctheiligt. Welches große Interesse das bayerische Königshaus dem Feuerwehr« wesen entgegenbringe, sei am deutlichsten daraus hervorgegangen, daß die jüngsten Prinzen gelegentlich einer Hebung m der Uniform der Münchener Feuerwehr erschienen und dem Ausschüsse vorgestellt worden seien. Die bayerische Feuerwehr marschire nicht nur wegen ihrer Kopfsiärke, sondern auch wegen ihrer LeistungSsähigkeit an der Fpitze des Deutschen Verbandes. Die freiwillige Feuerwehr hatte seither feine oder doch nur sehr geringe Mittel zur Verfügung über welche sie ohne Zustimmung der Magistratr-Feuerlösch-Komnuisisn verfügen ksunte. In die Kasse der freiwilligen Feuerwehr flößen die Zuwendungen und Geschenke von Behörden, Einwohnern und Gesellschaften; ferner die vom Ausschuß etwa festgesetzlen Geldstrafen, sowie die etwa zu erhebenden Mitgliederbcitrage. An eifrige und tüchtige Mitglieder der Feuerwehr kann, wenn dieselben in oder außer Dienst Schaden erleiden, au? der Kasse eine Beihülse gewährt werden. Ueber die allgemeine Fenermchrkasse entscheidet die Kommisiion des Magistrats nach Anhörung der Führer. Ueber die Kasse der freiwilligen Wehr kann der Ausichutz allein entscheiden. Für Unterstützungen stehen der Wehr noch drei »assen zur Verfügung, die Beihülfekasse des Verbandes, tue Nachen- Münchener Gesellschaft und die Landes-Braudkasse. Da die Erlangung von Beihülfen aus diesen Kaffen mit Weitläufigkeiten verknüpft ist, so hat der Ausschuß, von dem Grundsätze ausgehend, daß in Nothfällen rasche Hülfe die beste ist, sich mit der Frage der Beschaffung von Mitteln beschäftigt, über welche er im Interesse bet Wehr allein verfügen kann. Solche Mittel waren auch erwünscht, um bei festlichen Gelegenheiten ober Beerdigungen Musik engagiren zu können. Zur Dotiruug der Kasse sollen pro Mitglied und Jahr 20 Pfg. erhoben werden, da, wo AbtheilnngSkassen bestehen, sollen die Beitrage nicht von den einzelnen Wehrleuten, sondern von den Ab-
theilungskassen bestritten werden. Zu diesen Beitragen
sollen einige Prozente der Lotkaufgelder streße,:, sodaß vielleicht im nächsten Jahre nicht nöthig wäre, so hohe Beitrage zu erbeben. Dieser Beschluß desAnSschuffes wurde einstimmig angenommenund nach der Erledigung einiger interner Angelegenheiten die Verhandlungen gegen Uhr geschlossen.
= Das Absehen der Schwerhörige». Es giebt Leiden, die, wie Gehörleiden, Ohrensausen ,c., der Kunst des Arztes spotten und die von diesen Leiden Heimgesuchten ost mit Verzweiflung erfüllen. Dem Angenkraiiken erweist sich die Optik hülsreich, dem Gelähmten, selbst dem mehrerer Gliedmaßen Beraubten Hilst der Bandagist durch künstliche zur Bewegung eingerichtete Gliedmaßen vorwärts, für die große Zahl der Ohrenleidenden fließt es kem Instrument, das ihnen mit vollem Erfolg das in seinen Funktionen gestörte Organ ersetzen könnte. Angesichts dieser von dem Ohreu- leidenden tief empfundenen Misere dürste _eS von Jntereffe sein, aus zwei Spezialisten, die nach den Mundstellnugen das Absehen lehren und sich damit den Schwerhörigen sehr nützlich erweisen, die Aufmerksamkeit zu lenken. Herr Julins Müller ans Hamburg hat diese neue Methode erdacht und dabei vielen vollständig Tauben dadurch die Möglichkeit geboten, sich mit ihrer Umgebung verständlich zu machen; er und feine Schülerin Frl. Anna Maack in Hamburg, die vollständig taub ist, aber mit gutem Erfolge in teu verschiedensten Städten Abseh-Unterricht ertherlt hat, sie sind die Apostel der neuen, für Schwerhörige so überaus wichtigen Lehre. Frl. Maack hat die Müllersche Absehknust nach ihrer Methode aus- gearbeitet und gedenkt demnächst auch in unserer Stadt erneu Kurins flir Abseh-Unterricht zu eröffnen.
-o- Gerichtsgedönde. Mit dem Neubau des Gerichtsgebäudes, welches bekanntlich auf dem freien Platz neben dem Land- gerichtsgefänguiß zwischen Moritz- und Oranienstraße zu stehen kommt, ist gestern begonnen worden.
= Das rv. Rrttirngshaus feierte am 20. d. M. fein diesjähriges Jahresfest. Der Verlauf desselben war ein recht günstiger. Freunde und Gönner des Hauses waren in großer Zahl erschienen, und da derHimmelsich klärte, so konnte dieNachmittags- feier wieder in gewohnter Weise unter dem alten Nußbäume statt- finden. Unter Ansprachen und Gesängen verweilten hier die Gaste bis znm Anbruche der Dunkelheit.
— Gestohlen wurde wiederum und zwar gestern Nachmittag im Knrhanse ein Uebcrzieher. JmLcsesaal, nmnittelbar hinter dem Eitze des Eigenlhümers, auf der Garderobe ansgehängt, ist derselbe innerhalb 10 Minuten entwendet worden.
— Unfall. Gestern Nachmittag versagte die Hemmvorrichtung eines mit Eisen beladenen Fuhrwerks beim Herabfahren durch die Geisbergstraße. Hierdurch kam das Gefährt in's Rollen und mußte, nm Unglück zu verhüten, gegen eine Maner geleitet werden. Der Wagen konnte so zum Halten gebracht werden, doch brach infolge des Anpralles gegen die Mauer die Deichsel.
* Kiebrich, 24. Sept. Bei einer Vorbesprechung der Vorstände der katholischen Männer- rind Arbeiter-Vereine aus Mainz, Wiesbaden, Mombach, Biebrich und einigen anderen Orten erörterte man lebhaft die Frage, ob ein Verband sämmtlicher in der Diözese Limburg bestehenden katholischen Männer- und Arbeiter-Vereine gegründet werden solle und welches der geeignete Weg zur Erreichung eines Verbandes wäre. Es wurde ein Ausschuß, bestehend an? den Herren Pfarrer Klippers hier und
den Kapläneu Gruber und Dr. Hilsrich (Wiesbaden) gewählt, welcher, nachdem die Versammlung sich für die Bildung des Verbandes ausgesprochen, mit den Vorständen der einzelnen bestehenden Vereine der Diözese und der Nachbarschaft, sich in Verbindung setzen und die nöthigen Vorarbeiten erledigen soll, damit alsdann eine beschlußsaffeiide Versammlung einberufen werden kann.
9 Amöneburg, 25. Sept. Die Herren Dyckerhosf itnd Albert haben sich dadurch, daß sie dem hiesigen Turiwerein au? ihren Mitteln in uneigennützigster Weise eine Turnhalle erbauten, ein wesentliches Verdienst um die Turnsache erworben. Die Wethe dieser Halle war auf gestern bestimmt. Zur Vorfeier fand am Samstag Abend ein hübscher Fackelzng, sowie eine wohlgelnngene Festkneipe statt, bei welch' letzterer Turn- und Vaterlandslieder gesungen, ernste und heitre Worte geredet wurden. Auch der Gesangverein Amöneburg beteiligte sich hieran durch Vortrag hübscher Lieder. Gestern, am Hauptfesttag, war ein Schülerturnen am Morgen arrangirt, und am Nachmittag setzte sich ein stattlicher Festzug mit 14 Fahnen durch die Ortsstraßen in Bewegung. Herr Rud. Dycker ho ff übergab mit herzlichen Worten und dem Wunsche, daß der Turnverein stets ein Hort der Vaterlandsliebe bleibe, die Hallenschlüssel an den 1. Vorsitzenden des Turnvereins, Herrn Verwalter Sand berg. Die Festrede hielt Herr Lehrer Krost von hier und schloß mit Gut Heil auf Kaffer Wilhelm und Großherzog Ernst Ludwig von Heffen. Die Halle hat eine innere Größe von 15 Meter Länge und 9 Meter Breite und macht einen sehr gefälligen niedlichen Eindruck. An der Kopfseite befindet sich ein Wirthschastsbüffet und darüber eine Mnfiktribüne. Die Halle ist vollständig ans doppelter Holzwandung mit Jsolirschicht her- aestellt, innen und außen gestrichen und sehr zweckentsprechend eingerichtet. Von Turnkapazitäten wohnten der Feier noch bei die Herren Kreisturnwart Fritz Heidecker-WieSbad en, 2. KreiS- vertrcter und Gauvertreter von Rheinhessen Reallehrer E. Schmuck und das Mitglied desTuruauSschnffeS des IX. Kreises Ad. Münch- Wiesbaden. r ,
= Langrnschrvalbach, 25. Sept. Dem „Aarboten" zufolge hat der Großfürst Michael M i cha elow i ts ch, welcher während des Sommers mehrere Monate mit seiner Familie dahier gewohnt hat, Herrn Bürgernieifter Höhn eine in dem Bijouteriegeschäft von As Schelleuberg in Wiesbaden angefertigte höchst elegant gearbeitete Brillantnadel geschenkt. — Die Fürstin von Schau m- burg-LiPpe hat dem Heren Bürgermeister Höhn in gleicher Anerkennung ihr Bild mit eigenhändiger Widmung znftellen lassen.
* Zollhaus, 25. Sept. Vergangene Nacht Y«12 Uhr erschoß sich der in dem Schäferschen Kalkgeschäst angestellte Buchhalter Dietz. Gründe, die ihn zu der That veranlaßt haben könnten, sind nicht bekannt. (Diczer Kreisbl.) __
* Klrjfenbach, 26. Sept. Dem Fürstlich Wiedifchen Forster Horz zn Forsthans Klein-Weinbach gelang es, im Niederbrccher Gemeindewald einen Wilderer abznfassen und ihm nach heftiger Gegenwehr das geladene und gespannte Kugelgewehr abzmiebmen.
□ E,»s, 25. Scpk. Gestern Abend ist hier der Hausmeister des Kursaales, Herr C. Bailly, im 72. Lebensjahre nach fast einjährigem Krankenlager verstorben. 34 Jahre lang bekleidete er diese Stellung, in der er die Umwandlung unserer Badeverhältniffe miterlebte nud in welcher er so Manche? gethan, was dazu beigetragen, nach dem Eingehen des Spieles (1872) unser Bad zu heben und ihm seine alte Zugkraft zn erhalten. Tausende von Besuchern kamen persönlich mit dem Verstorbenen in Beziehungen nud hochgestellte Persönlichkeiten ehrten ihn, der sich allezeit des ihm von feinen Vorgesetzten geschenkten großen Vertrauens Werth erwies. — Der junge Mann, der sich nm Samstag Abend im Hausgang eines Wirthshanses zn Neuhäusel erschossen hat, ist von den Eltern, die ihren einzigen Sohn seit Samstag vermißten,wiedererkannt worden.
* Waiur, 25. Sept. In dem benachbarten Orte B ode n- heim, indem erst vor ganz kurzer Zeit zwei rasch aufeinanderfolgende Brände die dortigen Bewohner in Angst und Schrecken versetzten, brach in vergangener Nacht gegen 3 Uhr Früh abermals Feuer aus, dem zwei Scheunen zum Opfer fielen. Wie eine Depesche des dortigen Bürgermeisters an die hiesige Staatsanwaltschaft besagt, wird mit größter Bestimmtheit Brandstiftung ver- muthet, weshalb sich die Staatsanwaltschaft heute Früh nach der Brandstätte begab, nm eine Untersuchung einzuleiten.
Gerichtssaal.
-o- Wiesbaden, 26. September. (Strafkammer.) Vorsitzender: Herr Landgerichts-Direktor v. Adelebsen. Beisitzende Richter: die Herren Landgerichtsräthe Keim nud Reich - uiann, Landrichter Dürssel und Assessor Schwarz. Herr Staatsanwalt Kaspar vertritt die Anklage. — Angeklagt ist der vielfach vorbestrafte Gärtner Martin Lang ans Bornheim wegen Diebstahls im wiederholten Rückfalle. Nach Verbüßung einer Zuchthausstrafe von 1 Jahr und 3 Monaten kam der Angeklagte als Hausbitrsche zu einem Kaufmann in Höchst. Lange war er noch nicht in dieser Stelle, da wurde er wegen irgend eines Vergehens von der Polizei gesucht und feftgenonnnen. Er richtete nun einen Brief an feinen Dicustherrntmd bat um Uebersendung feiner zurückgelassenen Sachen. Bei der Nachsnchnng nach diesen Sachen in seinem Zimmer fand man eine Anzahl Gegenstände, die aus dem Geschäfte des Dienstherrn entwendet sind, u- a. auch eine Hose versteckt vor, die ebenfalls aus dem Geschäfte entwendet ist, und welche, wie ein Zeuge etklärt, der Angeklagte getragen hat. Dieser selbst erklärt, er habe nichts gestohlen und toenn man tn feinem Zimmer fremde Gegenstände gefunden habe, so müsse em Mann, der eine Nacht mit ihm zusammen dort geschlafen, dteselben dorthin
verbracht haben. Daß er die gestohlene Hose Betragen habe, bestreitet er ebenfalls. Das Gericht nahm die Schuld des Angeklagten für erwiesen an und belegte denselben mit einer Gesangnißstrafe von 9 Monaten, doch sollen 3 Monate von dieser Strafe als durch die Untersuchungshaft verbüßt gelten.
Kleine Chronik.
Die Militärmützenmacher Berlins beschlossen in den Streik eiuzntreten, dieselben verlangen eine 20-prozentige Lohnerhöhung bei Akkordarbeit, 22,50 Mk. Minimallohn und 10-stündige Arbeitszeit. Fünf Fabrikanten haben die Fordernugen bereit» be- willigt.
In Königsberg i. Pr. ist das bekannte Vergnügungs- Etablissement Flora auf den Hausen niedergebrannt. Das Wohnhaus und der Bühnensaal sind vernichtet; nur das Palmenhaus wurde gerettet. Die Familie des Besitzers hat nur das nackte Leben gerettet. Es wird Brandstiftung vermuthet.
Das Gerichtsverfahren gegen den Kölner Kaufmann Hecht, gewesenen Inhaber einer Firma Maria Farina, der wegen angeblicher Erpressung in Wien verhaftet worden ist, wurde eingestellt und Hecht freigelassen.
Im Dorfe Breitfnrt bei Neustadt a. d. H. ist der 22-jährige Heinrich Weinmann erstochen worden. Die Ursache ist ein Streit wegen eines Frauenzimmer». Der Mörder ist verhaftet. * , , . „,, ,r
Bei dem Neubau der kathokischeu Kirche m Uchtelfangen bei Saarbrücken ist das Chorgewölbe eingeftürzt, wobei ein Arbeiter getöbtet und ein anderer schwer verletzt wurde.
In Dresden starb der Oberpostdirektor a. D. Geheimer Postrath Zschüschner. Der Verstorbene war 1870 bei Sedan al» Chef der Feldpost im kaiserlichen Hauptquartier thatig. ,
Im Germaiiiaschacht bei Brüx (Böhmen) wurde durch eine Katastrophe die gelammte Zimmerung des Schachte», die Gebäude und die Fahreinrichtung vernichtet. Der Schaden wird auf 100,000 Gulden geschätzt. Der Betrieb des Schachtes, der mit 400 Arbeitern 163,000 Tonnen beförderte, dürste für sechs Monate g^Jn"Odessa wurde auf den Sohn de» deutschen Konsul Hagen von einem Fräulein Bondareuko aus Eifersucht ein Revolverfchitß abgefeuert. Hagen wurde verwundet; die Attentäterin ist verhaftet.
Vermischtes.
* Eholerabrricht. Berlin, 25. Sept. Dem Gefuudhcils- amte wurde gemeldet: In Altona 2 Neuerkraukuugen an Cholera nud 2 Sterbefälle unter den früher Erkrankten; in K i e l eine Erkrankung, in Bodenwerder, Kreis Hameln, eine solche mit tödtlichem Verlauf, bei Heerdt, Kreis Neuß, auf „einem aus Holland gekommenen, iu Ruhrort angelaufenen Schiffe eine Erkrankung; endlich auf einem von Stettin nach Schwedt abgegangenen Schiffe eine lodtlich verlaufene Erkrankung. Iu Berlin find seit Samstag Veränderungen im Bestände der Cholerakrauken in den städtischen Krankenhäusern nicht eingetretem Die gemeldeten cholera- kranken Personen ans dem Kahn im Potsdamer Hatenbecken befinden sich noch immer im Krankenhaufe Moabit. — Hamburg, 25. Sept. Die Zahl sämmtlicher bis heute Morgen gemeldeten Cholerafälle betragt 83, davon hatten 29 tödtlichen Ausgang; heute tvurdcn fünf Seeleute von drei iw Hafen liegenden Schilfen als choleraverdächtig ins Krankenhans eingeliefert.
Letzte Uachrichte»».
Continental-Telegraphen» Tompagnie.
Mohärs, 26. Sevt. Kaiser Wilhelm ist gestern Abend 9 Uhr nach herzlichster Verabschiedung abgereist. Erzherzog Friedrich und die Spitzen der Behörden waren anwesend.
Arw-Nork, 25. Sept. Meldung des „Renterschen Büreans" Die Beamten der „Kansas-City St. Joseph and Conecil Cluffs erfuhren die Absicht von Räubern, einenZug anzugrelfen, und schickten einen Strohmannzug ab. Zwei Meilen von St. Joseph griffen 6 Maskirte den Zug an; es entspann fick em scharfes Gewehrsener, wodurch 3 Räuber getödtet und 2 gefangen wurden; einer entkam unverwimdet.
CourSbericht der Frankfurter Börse vom 26. Sept., Nachuiittags 12V- Uhr. — Credit - Aclien 27f/-—.—, Disconto- Coinmandit-Antheile 173.—, Dresdener Bank—.—, Darmstädter —, Berliner Handels-Gesellschaft —.—, Portugiesen —.—, Italiener 83.20, Ungarn —, Lombarden 85'/», Gotthard- bahii-Actieii 145.60,' Nordost 105.30, Union 74.50, Lanrahutte- Actien 100.50, Gelsenkirchener Bergwerks-Aktien 139.50, Bochumer 117.—, Harpener 131.80, Staatsbahn , 6-prozentige Mexikaner 61.40, 3-prozentige Mexikaner —, Central 113.50, 5-prozentige Italiener —. Tendenz: leicht abgeschächt. ,
B e r l in, 26. Sept. Anfangs - Course. Dlsconto-Kommandit- Antheile 173.10, Russische Noten 212.20.
Wien, 26. Sept. Vorbörse. Oesterreichische Credit-Actten- 337.25, Staatsbahn-Artien 30450, Lombarden 104.50, Mark- Noten 61V7. Tendenz still.
Die herttige Avettd-Ausgalre umfaßt 6 Setten.
Die sonst monotonen schwarzseidenen Roben, die sich nun bald ein Jahrzehnt lang trotz allen Modewechsels mit Jet- oder Samniet- auspntz begnügen mnßten, werden Heuer sehr effektvoll mit Weißen Sammetröllchen garnirt; auch schwarze Sammet-Roleaux mit weißer Chenille umwunden gelten für diese Kleider als letzte Mode. Recht effektvoll find die schwarzen Sammet-Applikations auf weißem Grunde, die gern zur Moderiiisirung jähriger schwarzer Seidenkleider verwendet werden. Man erzählt sich, daß Exkaiserin Engenie, die einst tonangebendste Modedame der Welt, die feit dem Tode ihres Sohnes nur schwarz trage, diese Mode .Schwarz-Weiß" in Kurs gebracht. Sie hat, der schwarzen Roben üderdrüsfig, in verschiedenen Pariser Salons Roben fertigen lassen, die laut Angabe „pas noir, mais non colorö“ sein sollten. So entstanden die schwarz-weißen Modelle, die jetzt die Reise um bk Welt machen und obgleich für eine lebensmüde, um ihre stolzesten Hoffnungen be« < trogene Frau bestimmt, von den hoffnungsfteudigsten jugendlichsten Erscheinungen getragen werden.
Auch die sonst alle grellen Farbtöne meidende Mäntel-Konfektion glaubt von der schwarz-weißen Mode-Aera Notiz nehmen zu sollen. Man sieht schwarze Sammetpaletots mit weißen, dicken Moiree-Passepoils umrandet, schwarze Pellerinenmäntel, deren Kragen mit weißem Peluche eingefaßt find, Cape» von schwarzem Tuch mit weißen Passerneuterien und Grelots besetzt, reizende Taillenkragen ans weißem Sammt mit Aufschlägen von schwarzem Moiree antique.
Im Allgemeinen entbehrt die Mäntel-Industrie neuer Ideen. Immer wieder Paletots, Capes, Pellerinen. — Sehr fesch sind die aus kaiserblauem Tuch gefertigten halbweiten Jacken — .Soldateska" genannt — die mit Goldborten, Brusttaschen, Epanlettes ganz nach mUitärischem Muster gearbeitet werden und für schlanke, jugendliche Erscheinungen eine reizende Tracht bilden. — Die vor mehr als einem Jahrzehnt beliebten Halblanzen Sammtpaletots dürften — vorliegenden Modellen nach zu urtheileu — wieder ein Saisonartikel
werden. Man füttert sie mit Changeant-Seidenstoff, besetzt sie mit Pelzrollen, Marabonts oder Jetgarnituren; die Schoße find der Taille mittels paffepoilirter Naht angesetzt, in Glockenfalten auslaufend, der Achselkragen gleichfalls en tuyan, rückwärts länger als vorn, fast pellerinenartig, nach oben hin mit voller Kondorrnsche von schwarzen Spitzen ober Federn abschließend.
Die Regenmäntel, betten nach Aussage der Wetterpropheten mehr Verwendung bevorsteht, als unfern Modedamen lieb, sind mit gesticktem Schulterstück, hohen, weiten Keulenärmeln, breiten, gestickten Schärpen gefertigt. Die Länge entspricht der des Kleides; diesen einfachen, nach Art der Hängeschürzen gefertigten Mänteln affortiri man große Pcllerinenkragen, die, warm gefüttert, den leichten Regenmantel auch als Wintermantel gelten lassen. — Paletots werden zumeist ans porös-wasserdichten Stoffen in den Nuancen Mousse, Tegetthoffblau, Stahlgraii gefertigt: man stattet sie mit spitzen Lapuchons, großen Taschen, weit absteheuden Ballonärmeln ans, denen breite Leder-, Sammet-, Paffementerie-Stnlpen affortirt sind. — Für Regenmäntel wird vielfach dänisches Leder als Besatz verwendet; die Patten, Knöpfe, Aufschläge find aus diesem Material gefertigt, mit dunklerem Sammet-Passepoil ober Stepperei umranbet.
Eine neue Paletotform, „Korso" genannt, zeigt rückwärts kurze, in Harmonikafalten aufgestellte Schoßtheile, vorn lange, shawlartix herabhäiigende, gestickte Enden, die unten mit handbreiten Chenillefransen abgegrenzt werden. Der „Korso" ist mehr eine Tracht für ältere Damen, wird dementsprechend aus schweren Seiden-, Sammt- ober Chinsstoffen gefertigt, auch mit Seibentresien ober en relief gestickten Bordüren garnirt.
Die Herbstmode verlangt, baß ber Hut in Styl unb Farbe mit bem Paletot, eventuell Mantel, übereiuftimme. Unsere größeren Konsektionsgeschäfte haben benn auch zumeist Ateliers für bas Putzfach eingerichtet, in betten jene petits riens geschaffen werden, die so viel kosten unb noch so wenig aussehen, baß man sich oft verwunbert fragt, worin denn ber Werth eine» solchen
Hütchens bestehe. Das ganze, zu solchen nt ober mm Capotes verwendete Material kostet vielleicht 6—8 Gulden unb bei Preis be, jiffert sich nicht selten auf 50—60 Gulden.
Capotes werden jetzt vielfach mit aufgeschlagenem, aus Sammt- febertt mosaikartig zusammengesetztem Diadem gefertigt, nach den Ohren zn länger, rückwärts mit Einschnitt, dem dann die nach vorn zunehmenden Kinnbänder eingesetzt sind. — Eine eigene Spezialität find die aus Käferflügeln zusammengesetzten Toeqnes; sie schillern in allen Farben, lassen sich auf den ersten Blick gar nicht bezüglich ihrer Provenienz erkennen, wirken aber, nachdem man das Material gesichtet, um so iutereffanter; ober soll man — vom thierfteund- lichen Standpunkte ausgehend — dieser Mode-Industrie nicht nur kein Interesse entgegenbringen, sondern sogar gegen dieselbe Front machen?
Die Thierschntz-Vereine bekämpsen das Tragen ber Federn seit Jahrzehnten; leider ohne Erfolg. Ob sie auch gegen das Tragen von Käferflügeln Stellung nehmen, ist abzuwatten; wie viele Hunderte Käfer müssen herhalten, bis man das Material zur Beklebung eines einzigen Hutes erhält! Viele Käser find allerdings schädlich, c» ist vielleicht sogar von Nutzen, wenn man ihnen den Lebensodem atts- bläft, viele aber haben, wie winzig sie auch find, im Welten- oauzen eine Aufgabe zu erfüllen und somit einen Anspruch auf Schonung.
Von dem jüngst in Paris unter Kuratel, gestellten Herzog von Talleyrand, ber sich gern gl» erster Modelöwe der Seinestabt geriete, erzählt man, daß er für seine Gemahlin ein Dutzend solcher ans Käferflngelu znsammengesetzteu Hüte bestellte, deren Werth sich auf mehr als 1000 Franc» bezifferte. Der Herzog selbst trägt seine Hüte, wie ehedem König Ludwig von Bayern, mit Brillanten gar« nirt, in den CraVoten große Brillant-Broche», die Schirmgriffe mit Brillanten und Perlen pavirt; dabei zählt der gute Herr 64 Jahre; Alter schützt bekanntlich vor Thorheit — nicht.
Iba Barber.
