Abend-Ausgabe»
1893
Samstag, de» 23. September
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vernehmen. Die zügellose, hochfahrende Sprache der „Unabhängigen" imponirt heute Niemand mehr; in Cisleithauien regt sich immer mehr die Neigung, der fortgesetzten, immer wachsenden Anmaßung der ungarischen Nachbarn energisch zu begegnen, und in Ungarn selbst regt es sich mächtig in weiten, weiten Kreisen gegen die chauvinistischen, jeder Duldung feindlichen Propheten des allein seligmachendeu absoluten Magyarismus. Wenn Ungarn keinen Nationalitätenkampf haben will, dann muß es auch fremde Gefühle und Rechte achten. Nicht jede Nationalität ist so „assimilationsfähig", so stark in der Verachtung und Preisgabe des eigenen nationalen Wesens wie die Deutschen Ungarns, die man heute in den Reihen der extrevlsten „Magyaren" vergnügt cinhermarschiren sieht.
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Auf dem Manöverfelde von Güns dürfte auch die Ernennung des neuen Reichs-Kriegsministers Generals der Kavallerie Edlen v. Krieghammer vollzogen worden sein. Die Armee bezeichnet diese Wahl als die glücklichste, welche getroffen werden konnte. Krieghammer ist ein hochgebildeter, kenntnißreicher, eleganter und energischer General, Kavallerist von Haus aus und als Reiterführer bewährt, dabei aber auch auf dem hervorragenden Posten des Krakauer Corps-Kommandos vollkommen erprobt. Man verspricht sich von ihm die zielbewußte, kräftige Wahrung der Hceres- Jnteressen, die energische Fortsetzung des Werkes der Entfaltung und steten Verjüngung unserer Armee.
schaffen. Da er noch nicht in die Lage gekommen ist, sich als Moltke zu bewähren, möchte man ihm auch die persönliche Bedeutung, jenes Ingenium absprechen, das von dem Chef des großen Gencralstabs unzertrennlich sein soll. Diejenigen aber, welche Friedrich v. Beck näher gestanden, welche ihn in seinem aufopfernden, unermüdlichen Wirken beobachtet, seine klaren, wohlüberdachtcn Maßnahmen richtig gewürdigt haben, sie finden die Carriere begreiflich, welche er, von der Gunst des Monarchen getragen, zurückgelcgt hat; sie bekennen, daß er seinen hohen Vertrauensposten bis heute nur zum Wohle der Armee gebraucht hat. Die Worte, mit beiten Kaiser Wilhelm die Auszeichnung dieses Mannes begründet hat, sind der volle Ausdruck der Bewunderung, welche er für den ersten militärischen Beirath nnseres Kaisers und unseres Erzherzog-Feldmarschalls enipfindet. Sie sind aber zugleich auch der klare, überall verständliche Ausdruck jener innigen, waffenbrüderlichen Beziehungen, welche die beiden Heere Oesterreich-Ungarns und Deutschlands verbinden. Kaiser Wilhelm würdigt Becks Verdienste um Oesterreichs Armee auch als Verdienste „um das deutsche Heer". Kann man klarer und überzeugender die Innigkeit des Bundesverhältnisses betonen, in welchem die beiden Heere stehen?
In Ungarn hat sich übrigens gegenwärtig die öffentliche Aufmerksamkeit beinahe von den Manöveru weg der Antwort des Kaisers auf die Ansprachen zugcwendet, mit denen ihn die Vertreter der einzelnen Konfessionen und Municipien begrüßt haben. Wenn der Monarch in Borossebes das an Hochverrath grenzende Treiben gewisser jung-rumänischer Irredentisten gebrandmarkt und dem griechisch-unirten wie dem griechisch-orientalischen Bischof die besondere Pflege des nationalen Friedens ans Herz gelegt hat, so hat er andererseits auch Worte gefunden, um des, wahnwitzigen magyarischen Chauvinismus entgegenzutretcn, welcher die anderen Nationalitäten des Landes durch Unterdrückung ihrer sprachlichen und nationalen Eigenart provocirt; in Güns aber hat er in seiner Antwort an den Obergespan Gelegenheit genommen, das in jenen deutsch-ungarischen Landcstheilen besonders fruchtbare herostratische Treiben jener ungarischen Radikalen zu verdammen, welche den staatsrechtlich verbrieften Ausgleich noch immer zum Ausgangspunkt heißer Mehrforderungen machen, die den patriotischen und dynastischen Interessen schnurgerade entgegenlaufen. Der Ausgleich ist abgeschlossen, das Berhültuiß der beiden Reichshälsten zu einander und zur Gesammt-Monarchie vollkommen geklärt und über jeden Zweifel erhaben. Und dennoch Hetzen die ungarischen Oppositionsparteien ihr Volk von Affaire zu Affaire, von Forderung zu Forderung; dennoch möchten sie in ihrem Größenwahn und ihrer Unersättlichkeit die Sterne vom Himmel herab auf den ungarischen Globus reißen. Sie betreiben eine systematische, gewissenlose Jagd gegen die Armee, gegen jede Gemeinsamkeil in der Monarchie und wissen doch ganz gut, daß Ungarn mit seinen eigenen Kräften, bedroht von feindseligen, gereizten Stämmen in seinem Innern, keinem fremden Ansturm zu widerstehen vermöchte. Aber diese klare Erkenntniß hindert die radikale und die längst nicht mehr „gemäßigte" Opposition keineswegs, den ohnehin stark entwickelten ungarischen Größenwahn und Uebermnth noch mehr aufzustacheln und auf immer neue Konzessionen zum Schaden der Einheit und Stärke der Monarchie hinzudrängeu.
Es war höchste Zeit, daß unser Kaiser, welcher den ungarischen Kossuth-Anbetern gegenüber ohnehin das äußerste Maß von Milde und Langmuth bewährt hat, endlich kategorisch erklärte, daß der Ausgleich zwischen den beiden Reichs- Hälften eine feststehende und unverrückbare Thatsache sei und daß man jede Auflehnung gegen dieses auf bilateraler Vereinbarung beruhende staatsrechtliche Werk als ungesetzlich und unpatriotisch brandmarken müsse. Dieser kategorische Ausspruch, den man aus dem Munde des allezeit gnädigen, weisen Monarchen gar nicht erwartet hätte, hat nun einen Sturm auf der ganzen Linie der ungarischen Opposition entfesselt. Dieselben Leute, welche in passenden Momenten von Betheuemngen ihrer „homagialen Treue" gegen ihren „angebeteten König" überfließen, wülhen nun dagegen, daß ihm das Ministerium direkte Angriffe gegen die Opposition „in den Mund lege". Die Verurtheilung staatsfeindlicher, auf den offenen Umsturz bestehender staatsrechtlicher Verhältnisse abzielendcr Tendenzen ist also ein Eingriff in die konstitutionelle Freiheit; der Monarch soll auch den ausgesprochenen Feinden der Krone, den Zerstörern der verbrieften Einheit der Monarchie zärtlich die Wange streicheln! Dem liberalen Ministerium kann übrigens die neueste Hetze gegen die Kaiserworte zur warnenden Lehre dienen; hätte man von Seiten der Regierung und der Parlamentsmehrheit den Muth gefunden, der terroristischen Opposition einmal kategorisch den Standpunkt klar zu machen — sie wäre nicht so verwundert und empfindlich, jetzt von dem gekrönten König die unverblümte Wahrheit zu
Verlag: Langgasse 27.
13,000 Aksmrenten
Ans Oesterreich.
(Von unserem eigenen Korrespondenten.)
□ Mir», 21. September.
Im Vordergründe des öffentlichen Interesses in Oester- crich stehen gegenwärtig die Kaiser-Manöver in Ungarn. öS sind die größten Truppenübungen, welche jemals in unserem Reiche und vielleicht in ganz Europa abgehalten vorden sind. Zwei Armeen, welche in ihrer Stärke wohl bie Ziffer 150,000 erreichen, begegneten sich gestern und ieute auf den durch manche blutige Kriegsthat geweihten Feldern von Güns. Nieder-Oesterreich, Süd-Mähren, Steiermark, Kärnten, Kram, Istrien und Triest, Kroatien und Slavonien haben ihre Garnisonen auf das Manöverterrainentsandt; fünf Armeeeorps stehen im Felde, ein Drittel beinahe der österreichischen Wehrmacht, und nichts ist versäumt worden, das Mcmöverbild de»Kriegsbilde portrait- getreu zu näher«. Außer vier vollständigen Corps der gemeinsamen Armee ist noch ein fünftes aus Linien- und ungarischen Landwehr-Truppen kombisirt worden. Zwei wertere ungarische Landwehr- (Honved-) Divisionen sind operirenden Corps zugetheilt. Au der Spitze der Gesammt- Uebungen steht Erzherzog Albrecht, der Sieger von Custozza, der einzige Feldmarschall unseres Heeres; die Armeen kommandiren zwei unserer hervorragendsten Generale, denen wohl auch im Kriegsfälle Armee-Kommandos zugedacht sind: F.-Z.-M. Freiherr v. Schönfeld und F.-Z.-M. Freiherr v. Re i nl ä n d e r. Auch ihre Generalstabschefs (F.-M.-L. Fiedler und G.-M. v. Pitreich) haben Namen vom allerbesten Klange, und der Chef des großen Generalstabs, F.-Z.-M. Freiherr v. Beck, steht dem Oberleiter der Manöver, F.-M. Erzherzog Albrecht, zur Seite. Der ganze Heeres- apparat ist kriegsmäßig in Thäligkeit gesetzt. Die Com- pqgnieen der Fuhtruppen sind auf 130 Mann gebracht, also wesentlich erhöht in ihrem Friedensbestande; die Kavallerie ist auf vollem Kriegsfuße. Allgemein ist der Gebrauch des schwachen Pulvers; Feldtelegraph, Telephon, Fahrrad und Feldeisenbahn kommen in Verwendung, sogar : die Kriegshunde fehlen nicht auf dem Manöverplan.
Und der bisherige Verlauf der großen Kriegsübungen hat — dies konstatiren sämmtliche Beobachter — die volle Tüchtigkeit aller Heeresabtheilungen überzeugend dargethan. Der erste Tag gehörte der Reiterei. Zwei volle Kavallerie- Divisionen mit ungefähr 60 Eseadrouen standen sich gegenüber. Man weiß, wie die österreichisch-ungarische Kavallerie reitet. Und hier sah man die schneidigsten der Regimenter, die NadaSdy-, Palffy-, Radetzky-, Windischgrätz-, Württemberg-, Preußen - Husaren, Sicilien « Ulanen, Savoyen-, ; Nikolaus-, Sachsen- und Ferdinand-Dragoner. Die Attacken ° können nicht schärfer geritten und rascher zum Stehen ge- : bracht werden, als es von diesen Reiter-Völkern geschah. Und eine der schneidigsten Attacken ritt Kaiser Wilhelm mit seinen Husaren vom 7. Regiment. Echtes Reiterfeucr glühte in seinen Augen, er hielt das Tempo mit den wie die Windsbraut daherbrausenden magyarischen Reitern, die ja, sozusagen schon zu Pferde geboren werden. Vorgestern p*d heute hatte die Infanterie Gelegenheit, ihre Solidität iM Feuergefecht, ihre Unermüdlichkeit und Marschtüchtigkeit zu bewähren. Schönfeld und Reinlünder operiren wie auf dem Schachbrett: sie lieferten heute ein Treffen, wie es die kühne Phantasie der englischen Schlachlen-Erfinder nicht genialer zu schildern vermag.
Dir höchste Anerkennung für die Leistungen unserer Armee dürfen wir wohl in der Verleihung des Schwarzen Adler-Ordens an den Chef unseres Geueralstabes, Feld- zeugmeister Freiherrn v. Beck, erblicken. Baron Beck muß — man mag zu feinen Verehrern zählen oder nicht — als die Seele der modernen Heeresreorganisation, als das stete, treibende Element bei jedem Fortschritt, als ein für dieses Heer begeisterter, rastlos denkender und sorgender Mann bewundert werden. Er ist als Ausländer (Badenser) manchem eingefleischten Oesterreicher nicht sympathisch; seine schwindelnde Carriöre, seine außergewöhnliche Vertrauensstellung bei dem Monarchen haben ihm Neider in reicher Zahl ge-
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Politische Tages-Rundschau.
— Die Anbahnung einer Aussöhnung zwischen dem Kaiser und Fürst Bismarck beherrscht das politische TageSiuteresse fast vollständig, und erfreulich dabei ist, daß von den Organen fast aller Parteischattirungen der eutgegenfommenbe Schritt des Monarchen mit großer Befriedigung begrüßt wird. Von deutschen Zeitungs stimmen seien noch die folgenden hier wiedergegeben. Die ultra- montane „Köln. Volksztg." erklärt, das Kaiserliche Anerbieten dürfe als Akt der Hochherzigkeit auf die allgemeinste Zustimmung rechnen.
Die „Münchener Allgem. Ztg." sagt:
„Eine besondere Freude empfinden wir Süddeutschen über den SchrUt, den der Kaiser gethan, nachdem er eben unsere Gefilde verlassen. Ob der Aufenthalt in unserer Mitte ibn freudiger, freier gestimmt und ihn bewogen hat, den Impulsen seines Herzen« zu folgen, wagen wir nicht zu entscheiden. Der Empfang, den der Monarch in Württemberg und Baden gefunden, war ein ebenso glänzender wie würdiger, wäre aber die jetzt verbreitete Kunde damals bereits bekannt gewesen, so wurde ein Jubelst»rm von wahrhaft elementarer Kraft den Kaiserlichen Herrn begrüßt haben."
Der „Schwäb. Merkur" schließt seine freudige Betrachtung mit folgenden Sätzen:
„Der Kaiser bat in den letzten Wochen die Rüstung iiachaesehen, am Rhein, in Lothringen, diesseits des Rheins im Süden Deutschlands. Es war ernste, anstrengende Arbeit, und die Worte, die er da bei dieser und jener Gelegenheit gesprochen, gaben Zeugniß von dem hohen Standpunkt, von dem er feine Arbeit aussaßt. Es waren geradezu politische Manifeste, die aus seinen, Munde ausgingen. In ihren Zusammenhang paßt es vollkommen, was setzt vom Kaiser aus Güns nach Kissingen ergangen ist. Nun möge cm guter Stern über dem Fortgang walten!"
Auch im Auslande findet der hochherzige Entschluß des Kaisers die weitgehendste Beachtung und namentlich in Oesterreich hat derselbe freudigen Anklang gesunden. Das halbamtliche „Wiener Fremdenblatt" schreibt:
„Oesterreich-Ungarn nimmt regsten Antheil an der Freude, womit in dem verbündeten Nachbarstaate der edle Schritt des Kaiser« Wilhelm bei Bismarck ausgenommen wurde. Niemand wird wohl eme specisisch-politische Bedeutung hinter dem Ereigniß suchen, schon weil Bismarck nicht mehr politisch thätig zu fein verlangt. E« handelt stch um das HerzenSbedürsniß des Monarchen, feinem Volke die Freude an dem großen Manne nicht zu verbittern. Auch wir entziehen uns dem Eindrücke nicht, den der echt kaiserliche Akt des mächtsgen Vertreters der Gegenwart hervorruft, ein Akt, welcher die Größe beider PersönIichkeNe» mit neuer Deutlichkeit uaherückt und für alle Gemüther, welchen beide teuer sind, Befreiung und Erleichterung mit sich bringt. Daß jener dem deutschen Volksgesuhl so willkommene Akt in Güns, innerhalb unserer Grenzen, vollzogen wurde, ist für un« ein erfreuliches Symbol."
Zur Erklärung, weshalb der Kaiser erst nachträglich von der schweren Erkrankung beS Fürsten Bismarck Kenntniß erhalten, wirb der „Tägl. Rundschau" von wohlunterrichteter Seite geschrieben:
„Die Blätter, denen man Fühlung mit Kissingen zutrauen durfte, waren in ihren «enßermigen über den Gesundheitszustand des Fürsten sehr zurückhaltend; erst nach eiugetretener Besserung wurde ongedeiitet, daß der Fürst einen ernsten Krankheitsfall gehabt habe. Es ist allgemein bekannt, daß Fürst Bismarck öfter« au Ischia« und neuralgischen Schmerzen zu leiden hat, und es konnte daher auch angenommen werden, daß abermals mir ein solcher, vielleicht besonders hestigerAnsall twrließe._ Erst als immer wieder berichtet wurde, die Zeit der Abreise taffe sich noch nicht bestimmen, erfuhr mau — e« wird kann, über acht Tage her fein —, daß der Fürst außer an Ischias auch au Gürtelrose gelitten hätte. Der beste Beweis aber, daß die Betrachtungen über die nachträgliche Unterrichtung des Kaisers versehlt sind, liegt darin, daß auch mit der letzten Nachricht die Wahrheit nicht erschöpft ist. Fürst Bismarck hat, wie wir erfahren, eine schwere Lu »gen-
41. Jahrgang.
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Wsues (Quartal1!
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