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Ko. 444.

Der Kaiser und Kismarck.

Der Depeschenwechsel zwischen Kaiser Wilhelm und Fürst Bismarck ist in weiten Kreisen des deutschen Volkes mit hoher Befriedigung aufgeuommen worden. Diese freudige Stimmung spiegelt sich auch fast allgemein in der Presse wieder, soweit sie sich bisher zu dem das größte Auf­sehen erregenden Vorgang geäußert hat. Man empfindet es als einen neuen, von dem tiefen Gemüthe des Herrschers zeugenden Charakterzug, daß er das erste, das erlösende Wort gesprochen, welches einer Aussöhnung zwischen ihm und dem Einiger des deutschen Volkes die Wege zu bahnen geeignet ist. Bei dem offenbar leider recht schwankend gewordenen Gesundheitszustände des ehemaligen Kanz­lers lag die Möglichkeit nur zu nahe, daß das seltsame Vcrhültniß zwischen dem Träger der Kaiser­krone und ihrem Stifter unausgeglichen geblieben und der Geschichte ein Blatt eingefügt worden wäre, dessen In­halt ein für jeden Vaterlandsfreund betrübender hätte werden müssen. Mag man auch dem Akte kaiserlicher Huld, der aus dem ungarischen Frcistädtchen wie ein Lichtstrahl durch die deutschen Lande fuhr, eine besondere politische Bedeutung nicht beimesscn wollen, vom rein menschlichen Stand­punkte aus allein schon muß Jeder, sofern er menschlich fühlt, demselben Gerechtigkeit widerfahren lassen und ihn schätzen als eine eminent patriotische That. Dies geschieht denn auch in erfreulichstem Maße namentlich Seitens der hauptstädtischen Presse. In besonders warmen Worten kommt es in der freikonservativenPost" zum Ausdruck, welche schreibt:

Die Stellung zum Fürsten Bismarck uni: die Stellung des atcren gegenüber dem kaiserliche» RegiiucnteEt von zahlreichen erlandSfreundcn bisher mit Bctrübniß enrMinden und hat in hen Gemüthern zahlreicher Leuljchen einen schunaLichen Widerstreit zwischen den Gefühlen der Liebe und Treue gegenüber dem Herrscher und der großen Belehrung gegenüber dem großen StaatSmanne hervoraerufen. Aber auch wer in fester monarchischer Gesinnung diese» Zwiespalt in der eigenen Brust überwunden hat, konnte sich der Ueberzeugung nicht verschließen, daß jene schmerzliche Empfindung die patriotische Freudigkeit vielfach gelähmt und die Stärkung und Befestigung der Bande zwischen dem Monarchen und dem Bolle erschwert und gehindert har. Die hochherzige Initiative des Kaisers wird mit einem Schlage den Alpdruck, welcher ans zahlreichen patriotischen Herzen lastete, beseitigt und der Entwickelung der Liebe und des Vertrauens zu dem Herrscher freie Bahn gemacht haben. Dies gilt insbesondere auch von den nicht preußischen Landestheilen, namentlich auch von Süddeutschlaud. Das in den Kaisertageir in Karlsruhe und Stuttgart begonnene Werk findet in dem kaiserlichen Telegramm an den Altreichskanzler seine würdige und nach der Sprache der Presse der betheiligten LandeStheile während der Kaiser­tage sicher erfolgreiche Krönung. Der Ausdruck lebhaften Dankes, welchen die Antwort des Fürsten Bismarck enthält, wird sicher Widerhall in allen patriotischen deutschen Herzen finden."

DieNationalztg." (natioualliberal) schreibt:

Die Initiative des Kaisers zur Wiederherstellung derjenigen persönlichen Beziehungen, welche zwischen dem Träger der Kaiser­krone und dem StaatSmanne, der sie geschmiedet, niemals hätten ge­stört werden sollen, ist der freudigen Zustimmung der großen Mehr­heit b(S deutschen Volkes gewiß. Ueverall, wo das bisherige Ver- hültniß zwischen dem Kaiser und Bismarck schmerzlich empfunden wurde, wird man an den ersten Schritt des Monarchen die Hoffnung knüpfen, daß er bald zur vollen Ausgleichung der traurigen Irrungen führen möge."

DasBerl. Tageblatt" (freisinnigeVereinigung) sagt:

Diese Thatsachc sei von großer Bedeutung für unser inneres politisches Leben. Für das deutsche Volk sei cs ein beruhigendes Bewußtsein, daß durch das Entgegenkommen des Monarchen einem Konflikt die Spitze abgebrochen werde, dessen Fortdauer das An­sehen des Reiches nach Außen schwer schädigte."

Die freisinnigeVossische Zeitung" giebt ihrer Verwunderung Ausdruck, daß die Umgebung des Kaisers es nicht für nöthig gehalten habe, ihn früher von der ernsten Erkrankung Bismarcks zu unterrichten, und in demselben Sinne bemerkt der ebenfalls freisinnigeBerliner Börsen-Courier", es müsse ein schwerverständliches Versehen des Lektors stattgefunden haben, dessen Aufgabe es ist, für den Kaiser Zeitungsausschnitte zu machen. Unter allen Umständen aber werde das Vorgehen des Kaisers in den weitesten Kreisen befriedigen.

- Die Frage, ob der Kaiser bei Absendung seines Telc- .ramms aus eigener Initiative oder im Einverständniß mit dem Reichskanzler Grafen Caprivi, der sich bekanntlich zur Zeit in Karlsbad befindet, gehandelt hat, wird von den Blättern vorläufig noch übergangen. Um so mehr be­schäftigt man sich mit den etwaigen Folgen, die der Depeschenwechsel in dem Verhältniß des Fürsten Bismarck zum Kaiser und seiner Regierung haben könnte. Dabei ist man natürlich nur auf Vermuthungen und Wünsche an­gewiesen, und daß sich dieselben im Großen unb Ganzen in einer Richtung bewegen, ist nach Lage der Sache natür­lich. Der hochkonservativrReichsbote" erhofft von dem Angebot des Kaisers, der dem Fürsten eines seiner Schlösser zur Verfügung gestellt hat, einen wohlthuenden Einfluß auf das Gemüth des großen Kanzlers. Die ultramontane Germania", welche es dahingestellt sein läßt, ob die Handlung des Kaisers mit dem Hinweis auf die Möglichkeit

Freitag, den 22. September

1893.

eines baldigen Hinscheidens des Fürsten in Zusammenhang steht, äußert sich mißtrauisch. Sie erinnert, daß Fürst Bismarck das kaiserliche Anerbieten zwar mit lebhaftem Dank empfangen, aber gleichzeitig auch auf dasselbe ver­zichtet, freilich mit der Motivirung, es geschehe auf An- rathen des Arztes, also aus Gesundheitsrücksichten.

DieVoss. Ztg." erwähnt fragend auch die Möglich­keit, daß Fürst Bismarck nunmehr die Streitaxt begraben werde. Im Uebrigen meint sie:

Es sind in den letzten Jahren wiederholt Versuche gemacht worden, eine Annäherung zwischen dem Kaiser und dem Fürsten Bismarck zu bewirken. Alle diese Bemühungen sind vergeblich ge­wesen. Was die nächste Zeit bringt, wer will es wissen? Hier und dort spricht man bereits von einer Zusammenkunft des Herr­schers mit seinem früheren Rathgeber. Indessen wäre es voreilig, solchen Gerüchten Glaube» zu schenke». Daß Fürst Bismarck heute nicht mehr nach einem Amte begehrt, das ist gewiß, aber daß er darum bereits vergäße, was ihm im Jahre 1890 und später ge­schehen ist, das wäre unifo mehr zu bezweifeln, je erfreulicher sich die Gesundheit des Fürsten Bismarck kräftigen sollte. Immerhin bleibt der Depescheuwechsel zwischen Güus und Kissingen ein Er­eignis;, das allgemeines Aussehen nmcht, obwohl doch nichts natür­licher scheinen sollte, als daß ein Herrscher, was immer auch vor­gekommen sei, schon mit Rücksicht auf die Nachwelt einem schwer- kranken StaatSmanne von der Vergangenheit des ersten Kanzlers jede Freundlichkeit erweist, die in seiner Macht steht."

Auffällig erscheint fast allen Biäitcrn, daß der Kaiser nach der Fassung der offiziösen Meldung erst nachträglich von der schweren Erkrankung des Fürsten gehört hat. Die Germania" meint, vielleicht sei der Nachdruck aus das Wortschwer" zu legen.

DiePost" weist dagegen darauf hin, wie widersprechend die Nachrichten aus Kissingen lauteten, und wie die Meldungen, daß der Fürst schwer erkrankt sei, regelmäßig von anderer Seite bestritten wurden.

Die Korrespondenten", schreibt, sie,die von Kissiugeu aus die Presse bedienten, konnten sich ja nicht einmal darüber einigen, ob der Fmst bettlägerig gewesen oder nietet, was doch am Ende an Ort und Stelle nicht so schwer festzustellen gewesen sein mußte. Erst zn einer Zeit, da man in Kissingen feilte dringenden Besorgnisse mehr hegte, sind sichere Nachrichten darüber, daß der Fürst schwer krank gewesen, aus indirektem Wege hierher gelaugt und weiteren Kreisen bekannt geworden."

Andere Blätter wieder deuten mehr oder minder aus­führlich an, daß die Kundgebung des Kaisers auf andere Einflüsse, die erst in Güus in seine Nähe kamen, zurück­zuführen sei. Mag dem nun sein, wie ihm wolle, die hochcrfreuliche Thatsache besteht, und wohl in mehr als einer deutschen Stadt wird die Begeisterung darüber, die sie wachgerufen, ebenso lebhaft gewesen sein, wie in Berlin, aus der dieKöln. Ztg." noch nachsolgendes Stimmungs­bild erhält:

Es gab am Abend des Eintreffens der Depesche in der ReichS- hauptstadt an den Stammtischen der Bierlokale, in den Kaffee­häusern nur einen einzigen Gesprächsstoff: die Güuser Meldung. Da sie so plötzlich kam, war das Gefühl der Freude umso größer, äußerte es sich umso unmittelbarer und frischer, und Hochrufe auf den Kaiser, auf den Fürsten Bismarck brachen aus. Das waren stellenweise nicht mehr die kalt-kritischen Berliner, etwas von der südländischen Temperatur schien über sie gekommen zu sein, und manches Glas mehr als sonst wurde heute geleert, während die überraschende Wendung der Tinge besprochen wurde, welche die Erkrankung des ersten deutschen Reichskanzlers gezeitigt hat."

* * *

Hd. Berlin, 21. Sept. In Hofkreisen wird dem freundlichen Depeschenwechsel des Kaisers und Bismarcks eine per­sönliche unb politische Tragweite zugeschrieben. Den unmittelbaren Anstoß dazu hätten der Kaiser von Oesterreich und der König von Sachsen gegeben, welche sich täglich in Kissingen nach Bismarcks Befinden erkundigten; auch Erwägungen, welche die Geschehnisse der äußeren Politik wachriesen, sollen wesentlich dazu beigetragen haben, beit Kaiser zu veranlassen, dem Auslände zu zeigen, daß auch ihm die Rücksichten auf die europäische Politik und die Ge- sammtlage über die persönlichen Empfindungen und Jntereffen gehen. Auch der plötzliche Besuch des Prinzen Albrecht von Preußen bei der Kaiserin Friedrich in Homburg wird mit der Angelegenheit in Zusammenhang gebracht.

Mien, 21. Sept. DieNeue Fr. Press e" schreibt: Kaiser Wilhelm hat nur eine Pflicht erfüllt, als er an das Krankenbett des alten Kanzlers herantrat, aber es ist menschlich schön, wenn Monarchcn in der Fülle ihrer Gewalt, die so leicht zur Rücksichts­losigkeit verlockt, sich selbst überwinden, eine harte und schwere Pflicht erfüllen, persönliche Neigungen und Stimmungen dem StaatSgedanken unterordnen, sich vor dem Verdienste neigen und die Ehrfurcht vor bet herrlichen Offenbarung der Natur im Genie nicht verlieren. So handelt ein Monarch, der sich im Geiste des großen Friedrich nur als den ersten Diener im Staate ansieht.

Arbeiter- und H andwerker Org anisationen.

(Von unserem eigenen Korrespondenten.) Berlin, 21. Sept.

Wiederholt ist an dieser Stelle schon darauf hingewiesen worden, daß weite Kreise der deutschen Bevölkerung mit den Parteibildungen, wie wir sie gegenwärtig aufzuweisen haben, unzufrieden find, hauptsächlich aus dem Grunde, weil die Mehrzahl jener Parteien eine zu große Jnteressen-Politik treibt und darüber die Anforderungen weiter bürgerlicher Schichten unseres Vaterlandes unberücksichtigt läßt. Zumal unser Handwerkerstand ist in dieser Beziehung während der letzten Jahre zu seinem und unserem Schaden vielfach ver­

nachlässigt worden, und auf di: Nachtheile wie Gefahren, die aus dieser Vernachlässigung entspringen, haben wir erst noch kürzlich in dem Leitartikel desWicsb. Tagblatt" vom 25. August hiugewiesen, indem wir dort hervorhoben, wie berechtigt viele jener Klagen seien, die man aus den Kreisen der Handwerker und kleineren Gewerbetreibenden zu vernehmen bekäme, und wie dringend wünschenswerth im eigensten Interesse des Staates eine wärmere Berück­sichtigung derselben wäre.

Wie manch' andere Berufszweige, wir erinnern zumal an die kleineren Gewerbetreibenden, an die Beamten und Lehrer, hat auch der Handwerkerstand unter der seit über einem Deceunium fast überall int Vordergründe stehenden sozialen Bewegung" zu leiden gehabt. Diesoziale Frage" beherrschte mit einem Schlage Alles; Berufene und Un­berufene drängten sich zu ihrer Lösung, die Behörden und Parlamente widmeten ihr die denkbar größte Aufmerksam­keit, die Gesetzgebung bemächtigte sich ihrer in von Jahr zu Jahr erhöhtem Maße; durch unzählige Vorschriften, die vieles Gute, aber auch manches Lästige im Gefolge hatten, suchte man das drohende Gespenst dersozialen Revolution" zu bannen, und was bei diesem Bestreben dem Einen zum Nutzen gereichte, gereichte dem Anderen zum Schaden. Diese allgemeine Theilnahme wußte die Arbeiterschaft in über­raschender Weise für sich auszubeuten, vor Allem durch eine mustergültige Organisation, der sie in erster Linie ihre ge­waltigen Erfolge bei den Wahlen verdankt; nie wurde ein Ruf meisterhafter befolgt als jener der sozialdemokratischen Führer:Arbeiter, organisirt Euch!" Und diese Organi­sation beschränkte sich nicht nur auf rein politische Ziele, wenngleich diese stets den äußeren Anlaß boten; auch in praktisch-sozialer Hinsicht wurde durch diese straffe Organi­sation Ungeheures erreicht zum großen Vortheile von Millionen deutscher Arbeiter.

War doch allein der int vergangenen Jahre in Halber­stadt abgehaltene Allgemeine deutsche Gewerkschafts-Kongreß von den Vertretern von etwa 300,000 organisirlen deutschen Arbeitern besucht, und betrachtete man cs als eine Haupt­aufgabe, die Cenlralisation der verschiedenen gewerkschaft­lichen Verbände behufs wirksamerer Verfolgung der gemein­samen Interessen zu fördern. Und zwar handelte es sich um eine Centralisatiou in doppelter Richtung, einmal um Zu­sammenschluß der für den nämlichen Gewerbszweig be­stehenden örtlichen Verbände zu solchen, die sich durch ganz Deutschland oder größere Theile desselben erstrecken, und zweitens um eine Vereinigung der für verwandte einzelne Berufszweige bestehenden Verbände zu einem weiteren Be- rnfsverbande. Der von dem Kongreß sestgestellte Organi­sationsplan empfiehlt für die Zusammenfassung der Arbeiter verwandter Gewerbe (beispielsweise der sämmtlichen Branchen der Metallindustrie re.) je nach Umständen die losere Form der sogenanntenUnion", d. h. der Vereinbarung gegenseitiger Unterstützung der Einzelverbände für bestimmte Zwecke, oder aber die festere Form des sogenannten Jndustrieverbandes, der alle Arbeiter einer Hauptindustriegruppe unmittelbar, ohne das Zwischenglied eines engeren Fachvcreins, aufnimmt. Die Spitze der Organisation bildet eine Generalkommission der deutschen Gewerkschaften, welche für Ausdehnung der Arbeiterorganisation zu agitiren, statistische Aufnahmen, z. B. über die Arbeitsausstände und ihre Erfolge, zu ver­anstalten und zu verarbeiten, ein Blatt für die Gewerk­schaftsbewegung herauszugeben unb internationale Beziehungen der Arbeiter zu pflegen hat.

Kann man den Arbeitern eine derartige, für sie nur er­sprießliche Organisation nicht verdenken, so mußte man sich mit Recht wundern, daß Deutschlands Handwerker sich nicht in ähnlicher Weise aufgerafft zur Verthcidigung ihrer vielfach gefährdeten Jntereffen; unser Handwerkerstand gehört zu den gesundesten und solidesten Bcstandtheilen unserer Bevölkerung, unb es muß deshalb auch der Allgemeinheit daran liegen, daß er nicht mehr und mehr zwischen den Malsteinen der Großindustrie und einer schwer zu vcrurtheilenden Schleuder- Konkurrenz zerrieben wird. Mit aufrichtiger Freude be­grüßen wir daher die Nachricht, daß jetzt die Handwerker aus ihrer Reserve hervortreten und durch Bildung einer eigenen sozialen Partei energischer für ihre Angelegenheiten eintreten wollen. Die Agitation geht vom Central-Ausschuß der vereinigten Jnnungsvcrbände Deutschlands aus, der ein Programm ausgearbeitet, das bereits von Seiten verschiedener Verbandstage angenommen worden ist und dem auch der Allgemeine deutsche Handwerkerbund, der sich bisher der Bildung einer eigenen Partei widersetzte, zugestimmt hat. Delegirte der Innungen und des Handwerkerbundes werden binnen Kurzem in Halle das Programm noch näher fest- setzen, und die eigentliche Bildung der Partei soll im Früh­jahr gelegentlich des in Berlin abzuhaltenden Allgemeinen Handwerkertages stattfinden.

lieber die Bestrebungen dieser neuen sozialen Partei er­fahren wir aus einem Artikel derVoss. Ztg." Näheres;