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Abend-Ausgabe

41. Jahrgang»

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Wo. 440.

Wrttmoch, den 20. September

1803.

Der KiirK-rKrieg in Krnstlien.

! Das Bombardement einer Stadt wie 91 io de Janeiro ist >vohl geeignet, Aufsehen zn erregen. Seit Alexandrien, das Arabi Pascha besetzt hatte, von der englischen Flotte mit Geschossen überschüttet worden ist, hat sich keine Groß- stadt in solcher Gefahr befunden wie die Metropole Bra­siliens, welcher Admiral Custodio de Mello für Donnerstag elf Uhr Vormittags die Eröffnung des Feuers angeknndigt hatte. Die Einwohnerschaft mag in diesen schweren Stunden den Tag verwünscht haben, an dem Kaiser Dom Pedro gezwungenen Abschied von ihr nahm und sie mit Jubel die f Errichtung der Republik begrüßte, die alle Schwierigkeiten lösen sollte. Die radikale Lösung vom 15. November 1889 hat sich nicht bewährt. Unter dem Präsidenten Fonseca begann eine wilde Geldjagd emporgekommener Militärs und Geschäftsleute zum Schaden des Landes, von den zu Staaten erklärten Provinzen erhob sich die wichtigste, Rio Grande do Sul, gegen die Central-Regierung, die Ver­fassung wurde verletzt, ein Staatsstreich sollte Fonseeas Situation retten, und ein Aufstand der Marine unter Custodio de Mello und Waiidenkolk, die Rio de Janeiro zu beschießen drohten, milßte schließlich der Unordnung ein Ende machen. Aber bald begann sie anfs Nene. In den Einzelstaaten gab es Empörungen, Rio, dem mau den ver­jagten Gouverneur wieder aufzwingen wollte, blieb uu- zufriedeli, und nun ist eine neue Abrechnung eingetreten, die sich, wie es scheint, unter größeren Opfern vollzieht als die erste.

Nachdem Marschall Fonseca nach kurzem Widerstände auf die angemaßte Diktatur verzichtet hatte, wurde Wce- präsident Marschall Peixoto die leitende Persönlichkeit. Die Verfassung, die bei der Gründung der Republik festgestellt worden ist, schreibt vor, daß der Präsident und der Vice­präsident auf vier Jahre gewählt werden; gehen sie in den beiden ersten Jahren ihrer Amtsthätigkeit ab, so haben Neu­wahlen staltznfinden, gehen sie in den beiden letzten Jahren ab, so sind sie durch den Präsidenten des Kongresses und den des obersten Gerichtshofes zu ersetzen. Da Fonseca nur ein Jahr lang fein Amt inuegehabt hatte, so wäre cs in Ordnung gewesen,daßNeuwahlen ausgeschrieben worden wären, was jedoch Peixoto unterließ. Anfangs gaben sich die beiden Admirale, die seinen Vorgänger beseitigt hallen, damit zu­frieden, allmählich aber trennten sie sich von ihm; die An­hänger Fousecas scheinen ihren Vortheil dabei gefunden zu haben, sich um ihn zn schaaren, es halte sich nichts geändert als der Name ihres Führers. Der Staat Rio Grande ver­harrte demgemäß in der Opposition, und die Marine fand sich, genau wie unter Fonseca, hinter dem Landheere zurück­gesetzt. Wir in Europa begreifen nicht, daß eine Waffen­gattung willkürlich schlechter behandelt werden könne als eine andere; in den süd-amerikanischen Republiken aber, wo sich Alles auf persönliche Fragen znspitzt, sind solcheAbslufungen und daraus eulsteheude Reibungen nichts Neues. Peixoto wollte sich auf das LaudHcer stützen, das er wohl auch zur Niederhaltung der partikularistischen Beivegungen brauchte. Admiral Custodio de Mello, Marineminister, erklärte sich sowohl als Gegner der in Rio Grande ergriffenen Maß­regeln, wie er gegen die Bcnachtheiligung der Sectruppen protestirte; er schrieb einen Brief in diesem Sinne an den Marschall Peixoto und stellte ihm sein Portefeuille zur Verfügung. Admiral Wandenkolk, der gern selbst Präsident werden möchte, ließ sich gar in eine Verschwörung ein, die entdeckt und für die er bestraft wurde; als er wieder frei war, suchte er neuerdings einen Aufstand anzuzetteln, jedoch mit gleichem Mißerfolge, sei es, daß die Zeit noch nicht reif, fei es, daß fein Ansehen nicht groß genug oder sein Ehrgeiz verdächtig war. In den seither verflossenen zwei Monaten aber hat sich die Situation nicht nur in Rio Grande verschoben, der Kongreß selbst ist in Konflikt mit ’ ii Machthaber geraten. Es besteht nämlich eine Ver- saffungsbestimmnng, nach welcher der Vicepräsident nicht für die feiner Amtsdauer folgenden vier Jahre zum Präsidenten gewählt werden kann, und die daher Peixoto, der von Rechts wegen nur Vicepräsident ist, an dem Aufsteigen zur Präsi­dentschaft, d. h. am Verbleiben in seiner thatsächlich schon jetzt ersten Stellung im Reiche, verhinderii würde. Vor Kurzem hatte nun der Kongreß ein Wahlgesetz auszuarbeiten, das sich, wie gebührlich, von der verfassungsmäßigen Grund­lage und somit auch von jenem dem Marschall unangenehmen Paragraphen nicht entfernt. Der Marschall indes; legte gegen das Wahlgesetz, als es fertig war, fein Veto ein und bewies damit, daß er gesonnen war — unbekümmert um die Verfassung, mit der es schon nicht im Einklänge steht, daß er den Präsidentenposten bisher nicht hat besetzen lassen —, diesen Posten bei Beginn des neuen Termines, des 15. November 1894, für sich in Anspruch zu nehmen. Daraufhin rief Admiral Custodio de Mello am 5. ds. die

in der Bucht von Rio de Janeiro liegenden Schiffe zum Widcrstaiide gegen den verfassungsbrüchigen Biccpräsidenterl auf. Bei der Mißstimmung der Marine gegen Peixoto folgte Alles dem Admiral, der schon Fonseca im Namen der Konstitution und unter dem Beifalle der Bevölkerung ge­stürzt hatte. Ein Panzerschiff, zwei große Kreuzer und mehrere Torpedoboote bildeten feine Macht. Die Negierung erklärte den Vertretern der auswärtigen Mächte, sie werde die Erhebung zu bewältigen wiffeii, könne es aber nicht verhindern, wenn Custodio de Mello diesmal wirklich die Stadt bombardiren wolle, wie er es zur Zeit Foiisecas au- gedroht hatte.

Uebcr die Vorgänge, die sich seit Kurzem zugetragen haben, liegen nur unvollständige und widersprechende Berichte vor. Die Schiffe des Admirals sollen nach einigen Schar­mützeln die große Bucht, in deren Mitte westlich Rio de Janeiro und östlich Nictheroy, der Sitz der Provinzialbehörde, liegt, verlassen haben, um sich den Aufständischen in Rio Grande anzlischlicßen. Darauf sollen sie in die Bucht zu- rückgekehrl sein, was beiveisen würde, daß die beiden Forts, die den schmalen Eingang derselben beherrschen, nicht dem Willen oder nicht die Macht hatten, sie anfznhalten. Rc- gierungsdepeschen meldeten nichts von dieser Ausfahrt, ver­sicherten nur, daß eines jener zwei Forts, Santa Cruz, die Aufforderung zum Anschluß an den Aufstand abgelehnt habe, und theilteu mit, daß die Schiffe in der Bucht lägen und ihre Mannschaften vergebliche Landungsversuche gemacht hätten. So viel scheint richtig, daß Custodio de Mello drei Angriffe auf Nictheroy gemacht hat und jedesmal mit er­heblichem Verlust zurückgeschlagen worden ist. Am ersten Tage des Aufstandes hatte die Regierung angekündigt, sie bereite sich vor, die Schiffe in den Grund zn bahren, und wenn man auf der Karte die zahlreichen Forts sieht, die theils am Eingang znr Bucht, theils in derselben, theils dicht an der Reichshauptstadt, theils knapp neben Nictheroy liegen, so möchte matt allerdings die Zuversicht der Negie­rung, die anfständischen Schiffe einzusperren und zu ver­nichten, für berechtigt halten. Der bloße llmstand aber, daß sie drei Angriffe uitternehmen fonnten, beweist, daß in Wirk­lichkeit jene Befestigungen und Arsenale wenig furchtbar sind, und überdies kommt mit der Nachricht vom Beginn des Bombardements ans die Forts gleichzeitig die andere, daß das größte der int Hafen gelegenen Forts sich für die Insurgenten erklärt habe. Uebrigens scheint Peixoto auch nicht aller Landtruppen sicher zu sein, da er einen Thcil der Garnison ans Rio de Janeiro entfernt hat. Desgleichen mag die Bevölkerung sich schwierig zeigen, beim scbon vor einigen Tagen wurde die Reichshauptstadt, wie die Provin- zialhaupistadt mit Einwilligung des Kongresses, der feinen Widerspruch wagte, in Belagerungszustand erklärt, und es würbe gemeldet, der Marschall habe die Diktatur über­nommen. So kostet denn das geschäftige und genußfreudige Rio alle Aufregungen durch, die ein Bürgerkrieg mit sich bringt, oder, besser gesagt, einen Krieg um den Prästdeiitensitz, um den obersten Platz im Reiche, den man vor vier Jahren in so leichtfertiger Weise den Bewerbungen ehrgeiziger Offiziere preisgegebcn hat.

* * *

Nene Meldungen über die BZclncßung von Rio de Janeiro geben nock kein klares Bild der dortigen Lage. Nach einer Meldung des „New-Aork Herald" ans Montevideo vom 18. d. M. verhalten sich alle Forts in Rio de Janeiro, ausgenommen Santa-Cruz, ent­weder neutral, oder sie Haven sich für den Admiral Mello erklärt. Munition und Lebensrnittel in Santa-Cruz gehen zu Ende; die Armee, obwohl anscheinend Peixoto treu, foll sich in größter Dis­ziplinlosigkeit besinden. Admiral Mello kaufte von verschiedenen Schiffen Vorrätde an Lebeurmitteln, deren er dringend bedurfte. Die am Lande bcsindlläien Marineoffiziere weigern sich, gegen ihre alten Kameraden z» kämpfen. Drei anfständische Schiffe-begaben sich am Sonnabend nach Santos, um sich der Zollamtes zu be­mächtigen und Peixoto diese Einnahmequelle abzuschneiden. Es heißt, daß Rio de Janeiro sich nahezu im Zustande der Anarchie befinde. Der Redakteur des „Heraldo" ist in grausamer Weise er­mordet worden. Der Abfall von Bahia, Pernanibuco und des gesammten Geschwaders von Rio Grande hat sich vollkommen be­stätigt. Die Aufständischen in Rio Grande mobilifiren ihre Streit­kräfte behufs einer völligen Besieguittz der Truppen des Generals Castilho. __

Politische Tages - Urmdschau.

— Das Reglement über bie Ausführung der Wahlen zum preußischen Abgeorbnetenhause ist rembirt worben. Das Ergebniß meldet der „Reichsanzeiger", welcher bas Reglement über bie Ausführung ber Wahlen znm Hause ber Abgeordneten für den Umfang ber Monarchie mit Ausschluß ber Hohenzollernscheit Laube vom 18. Sep­tember 1893 nebst ben auf die Wahlen zum Hanse ber Ab­geordneten bezüglichen Gesetzen, sowie das Reglement über bie Ausführung ber Wahlen zum Hause ber Äbgeorbneten in ben Hohenzollernschen Lauben vom 18. September 1893 nebst den bezüglichen Gesetzen veröffentlicht. Das neue Regle­ment ist in der Hauptsache ein Abdruck des früheren und

nur mit ben neuen Bestimmungen bes Wahlgesetzes vom 29. Juni b. I. in Einklang gebracht. Bezüglich bes Wahl­geschäftes heißt es in § 10 (früher § 11), daß bie Ur­wähler „zu einer für bie Wahlbetheilignng möglichst günstigen Stunde bes Tages" zusammenzuberufen sind. Sodann ist bie Bestimmung in Fortfall gekommen, wonach bei Beginn ber Urwahlcn bie maßgebenden Bestimmungen des Gesetzes und des Wahlreglements zu verlesen sind; auch kommt bie Verlesung ber Namen aller stimmberechtigten Urwähler in Fortfall. Dagegen ist bie Bestimmung bestehen geblieben, wonach der Protokollführer bie Wähler nach ber Reihenfolge der Abtheilnngsliste aufzurufen hat. Es entscheidet also auch künftig für die Stimmabgabe nicht die Priorität bes Erscheinens be3 Einzelnen vor dem Wahltische.

— Währeub wegen ber bevorstehenben Laubtags- wählen in Preußen im Allgemeiuen noch eine be- merkenswerthe Stille herrscht, trotzdem ber Wahltermin nicht mehr gar zu fern ist, scheint man in Berlin sich einstweilen schonzur Wahlschlacht zu rüsten. Eine Mitgliederversammlung der dortigen Freisinnigen Vereinigung beschloß, in Berlin eigene Kandidaten zur Landtagswahl auf­zustellen. Sie beauftragte ben geschäftsführenden Ausschuß, geeignete Vorschläge zu machen und dabei auf solche Männer zu sehen, bie entschieben liberale Gesinnung unb Sach- kenntniß mit persönlichem Ansehen bei ber Bürgerschaft ver­binden.

— Das Abschiedsgesuch des Herrn v. Soden ist nunmehr genehmigt worden, und zwar wurde benv früheren Gouverneur von Ostafrika bas Prädikat Excellenz verliehen, eine bei dem Dieustalter bes Herrn v. Sobeu äußerst seltene Auszeichnung, für die es nur einen einzigen Vorgang giebt aus dem Anfang ber siebziger Jahre, wo einem austretenden Gesaubten gleichfalls der Excellenztitel verliehen wurde. Gleichzeitig ist Oberst v. Scheie gnm Gouverneur von Ostafrika ernannt worben. Gemäß einer früheren Kabincttsorbre führt auch biefer für bie Dauer seines afrikanischen Amtes ben Titel Excellenz.

— Bei bem in Frankreich herrschenden Russen- taume I gehört ein gewisser Muth dazu, im eigenen Lande den in feilstem Servilismus sich überbietenden Anbetern alles Russischen einmal einen Spiegel vorzuhalteu, ber sie die ganze Lächerlichkeit und Widersinnigkeit ihres Gebührens schauen läßt. Diesen Muth besitzt ein Sozialist, ber neu erwählte Pariser Devutirte Baillaut. Derselbe publizirte in der „Petile Ncpublignc srauxaise" einen Artikel, betitelt: „Czarisme et Republicanisme“, in welchem er ben Repu­blikanern unb Sozialisten, bie sich vor bem Czaren auf bie Kniee werfen, gehörig bie Wahrheit sagt:

„Wie tief sind wir doch gesunken," schreibt er, „es wagen sich kaum einige furchtsame Proteste gegen diese servile Wnth hervor! Hat man nicht angekündigt, daß sogar der Pariser Gemeinderath, der doch für republikanisch gilt, sich versammle und seinerseits nach Komplimenten und Weihranch für den Czaren suchen soll? Es giebt Leute, die, da sie in Paris weder einen Diktator noch einen Kaiser haben, dessen Stiefel sie lecken können, keine Gelegenheit ver­säumen, um sich vor dem CäsariSmuS niederzuwerfen. Es mag ihnen wohl bekommen, aber die Nation soll ihnen nicht folgen. Die, welche das russische Volk ehren wollen, haben seit langer Zeit Ge­legenheit dazu, denn wir haben in nnserer Mitte seine edelsten Ver­treter. Die Sozialisten, die Republikaner, die Nihilisten, die vom Czaren fortgejagt worden sind, wenn er sie nicht anshäugen konnte, und die in ihrem Lande mit Lebensgefahr für die Freiheit, für die Republik gekämpft haben. An die russischen Nihilisten, Nepublikaner und Sozialisten richten sich unsere Syinpathieen und Huldigungen' und nicht an ihren Henker und Tyrannen!"

Natürlich behaupten bie waschechten republikauifchen Blätter, Vaillaut könne nicht so schreiben, „wenn er nicht im Solbe ber brutschen Negierung stehen würbe". Ucbrigens wirb ja bie französisch-russische Freundschaft nun nächstens auf bem Punkt der Siedehitze anlangen. Der russische Flottenbesuch wirb bas Signal geben, bei welchem die französischen Chauvinisten bas bischen Besonnenheit und Vernunft, bas sie noch besessen, vollständig von sich thttn.'. Schon jetzt gebärbet sich bas ganze Volk gleich Kinbcrn oder Narren. Das wird schließlich noch einen Ausbruch geben, ber vom völkerpathologischeu Gesichtspunkt höchst interessant zu beobachten sein wird. Aufregen ober gar einschüchtern lassen wirb sich wenigstens in Deutschland und wohl auch anderwärts Niemand von bem Anblick, wie französische und russische Hitz­köpfe Freuudschastsküffe austauschen. Die europäische Lage wirb daburch nur wieder einmal grell beleuchtet, geändert wird daran nichts, und daß bie stets vorhandene Gefahr für ben europäischen Frieden durch Festjubel, Bankette, Phrasen­schwall und krankhaften Freudentaumel wesentlich verstärkt werde, wird man nicht auznnehmeu brauchen. Das geht vorüber wie ber physische Katzenjammer. Das französisch­russische Bündniß, mag es nun formell vereinbart sein oder nur in ber allgemeinen Situation liegen, hat keinerlei sach­liche und wahrhafte Begründung in großen gemeinsamen Interessen ber beiden Nationen; es ist nur durch ben Haß gegen das zu seiner gebührettden Macht gelangte Deutsch­land und durch die unwürdige Selbsterniedrigung der ehe»