«a. Jahrgang.
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Po. 434.
Som^iag, den 16. September
1893.
Die gegenwärtige Zusammensetzung des preußischen Abgeordnetenhauses nnd die
Aussichten für die Neuwahlen.
x Im Hinblick auf die nahe bevorstehende» Landlags- wahlen in Preußen ist es bon Interesse, sich noch einmal die Zusammensetzung des jetzigen Abgeordnetenhauses zu vergegenwärtigen und auf diejenigen Wahlkreise hinzuweisen, in denen Verschiebungen in der Parteistelluug der Abgeordneten noch am ehesten zu erwarten sind. Von den 433 Mitgliedern des Abgeordnetenhauses gehörten zuletzt 128 Mitglieder der konservativen, 65 der freikonscrvativcn, 86 der natloualliberalen, 29 der freisinnigen, 98 der Zentrums-, 15 der polnischen Fraktion an, 12 waren fraktionslos (darunter 8 von konservativer bezm. srcikonser- oativer, 2 von liberaler Richtung, 2 Dänen).
I. Die alten östlichen Provinzen.
1) Die Provinz Ostpreußen hat in 16 Wahlkreisen 32 Abgeordnete zu wählen. Davon waren 22 konservativ, 3 freikonservativ, 1 nationallibcral, 1 freisinnig, 1 wild (lib.), 4 ultramontan. Die konservativen Wahlsitzc sind hier gut befestigt, nur Gumbinnen nnd Tilsit bieten für liberale Kandidaten einige Aussichten. Dagegen ist auch in der bisher durch Männer verschiedener liberaler Richtung vertretenen Stadt Königsberg immer eine starke konservative Gegnerschaft zu bekämpfen.
2) Die Provinz West Pr eußen hat in 12 Wahlkreisen 22 Vertreter zu wählen. Davon waren bisher 4 konservativ, 8 freikonservativ, 2 nationaliiberal, 4 freisinnig, 1 ultramontan, 3 Polen. In den konservativ vertretenen Wahlkreisen Elbing und Grandenz haben die Liberalen immer stärke Minderheiten aufgebracht. Sehr zweifelhaft erscheint auch das Ergebniß einer Neuwahl in dem jetzt durch ein poluisch-ultramontan-freisinnigcs Kompromiß von einem freisinnigen und einem Ccntrnmsmann mit knapper Mehrheit den Konservativen abgenommenen Wahlkreis Tuchel-Schlochau.
3) Die Provinz Brandenburg hat außer den neun sämnitlich in freisinnigen Händen besindlichcn und schwer anfechtbaren Berliner Mandaten in 18 Wahlkreisen 36 Abgeordnete zu wählen. Davon waren bisher 25 kons., 8 freikons., 3 wild (kons. bezw. freikons.). Die konservativen Wahlkreise sind hier meist wohlbefestigt. Nur in Stadt Frankfurt a. O. sowie in Obst- und Westhavelland sind die Aussichten für liberale Kandidaten etwas günstiger.
' 4) Die Provinz Pommern wählt in 13 Wahlkreisen 26 Vertreter. Dave» waren bisher 20 kons., 2 freikons., 3 fraktionslos (kons. bezw. freikons.), 1 freisinnig (Stadt Stettin). Die konservativen Wahlkreise der Provinz gehören zu den sichersten.
5) Die Provinz Posen wühlt in 14 Wahlkreisen 29 Vertreter, davon waren zuletzt 6 kons., 7 freikons., 1 nat.-lib., 3 freif., 12 Polen. In der jetzt mit knappster Mehrheit freisinnig vertretenen Stadt Posen stehen sich Polen, Freisinnige und die weiter rechts stehenden deutschen Richtungen annähernd gleich stark gegenüber, und cs wird ein lebhafter Kampf entbrennen. Die Mandate von Poscu- Land sind durch ein konservativ-freisinniges Kompromiß gegen die Polen mit geringer Mehrheit' in den Händen jener beiden Parteien. Auch die Wahlkreise Samtcr und Fraustndt sind ohne Zusammenhallen der deutschen Parteien schwer gegen die Polen zu halten. Von den polnischen Wahlkreisen würde höchstens G,lesen einige Aussichten für eine deutsche Kandidatur bieten.
II. Die neuen nnd westlichen Provinzen.
In den neuen Provinzen Schleswig-Holstein, Hannover und Hessen-Nassau wählen, im Gegensatz zu den alten Provinzen, wo dieselben Wahlkreise säst durchgängig zwei oder drei Vertreter zu entsenden haben, die einzelnen Wahlkreise nur je einen Abgeordnete». Eine Ausnahme bilden hier nur die beiden großen Städte Hannover und Frankfurt a. M., welche je zwei Abgeordnete zu wählen haben.
8) Die Provinz Schleswig-Holstein hat in 19 Wahlkreisen ebenso viele Abgeordnete zu stellen. Davon waren bisher 2 konservativ, 7 nationalliberal, 2 freisinnig, 2 fraktionslos (Dänen). Am streitigsten sind hier stets die jetzt uationalliberal vertretenen Wahlkreise Altona und Süderdilhmarseheil zwischen dieser Partei und den Freisinnigen.
9) Die Provinz Hannover stellt in 35 Wahlkreisen 36 Abgeordnete. Davon gehörten bisher 1 der konservativen, 3 der freikonservativen, 30 der nationallibcralen, 2 der Ccntrumspartei an. Die Provinz ist sonach das uaiionalliberale Kernland, nnd nichts berechtigt zu der Annahme, daß sich dies Vcrhältniß ändern werde. Die Welfen sind, abgesehen von dem Centrumshospilauten Dr. Vrnel in Melle, dermalen im Abgeordnctenhause gar nicht vertreten. In einzelnen Wahlkreisen pflegen sie es allerdings auf starke Minderheiten gegen die Nationallibcralen zu bringen.
10) Die Provinz Westfalen wählt in 16 Wahlkreisen 31 Vertreter. Davon gehörten zuletzt 5 der konservativen, 2 der freikonservativen, 7 der nationalliberalen, 2 der frei« sinni,zen »nd 15 der EenIrumSpartri an. Einen Gegenstand heftigen Kampfes bildet hier stets uamentlieh der Wahlkreis H.erfoad-Bielcftld, jetzt durch drei Hochkonscrvative (Stöcker) vertreten. Tic Liberalen nrch Gemäßigckoirscrvallven haben indesscu das vorige Mal eine Hehr .bedeutende Minderheit aufgebracht. Der uatioimiliberake und der nllramontane Besitzstand erscheint nicht gefährdet.
11) Die Provinz Hessen-Nassau wühlt in 25Wahlkreisen 26 Abgeordnete. Davon gehörten bisher 7 der konservativen, 2 der sreikonservalivcn, 10 der national- liberalen. 2 der freisinnigen, 4 der Cciitrumspartei an; 1 war fraktionslos (liberal). Im Regierungsbezirk Cassel scheint einer oder der andere Wahlkreis durch die im Abgeordnetenhanse bisher nicht vertretenen Antisemiten gefährdet. Die Verhältnisse sind hier wenig durchsichtig, und es könnten bei den bisherigen manchmal geringen Majoritäten einzelne Verschiebungen bevorstehen. Ter Wahlkreis Stadt Frankfurt, der bei den Wahlen von 1888 durch zwei National- liberale, dann infolge einer Nachwahl durch 1 National- liberalen und 1 Freisinnigen vertreten war, ist stets ein zwischen den gemäßigten und den fortgeschrittenen Liberalen sehr streitiger Besitz, wobei wenige Stimmen den Ausschlag geben.
12) Die Rhein Provinz ivählt in 32 Wahlkreisen 62 Abgeordnete. Davon gehörten bisher 2 der konservativen, 3 der freikonservativen, 13 der nationallibcralen, 43 der Ccntrumspartei au; 1 war fraktionslos (konservativ). Die Sitze dcs Cent rums sind der großen Mehrzahl nach mit Aussicht ans Erfolg nicht anzugreifen. Starke Minorität«» von srcikonscrvativer oder natioiialliberaler Seite wurden nur in Nees, Crcfeld, Düsseldorf aufgebracht, wogegen auch der jetzt freikonservativ vertretene Wahlkreis Mörs stets hart mit dcnUltramoutaucn zu ringen hat. Die nationalliberalen Wahlkreise sind nicht gefährdet. Nur in dem jetzt von dieser Partei vertretenen Wahlkreise Neuwied ist die Entscheidung im Kampf mit dem Centrnm stets sehr streitig und von ganz wenigen Stimmen abhängig.
6) Die Provinz Schlesien wühlt in 30 Wahlkreise» 65 Abgeordnete. Davon waren zuletzt 21 kons., 8 freikons., 6 nat.-lib.,' 4 freif., 25 nltr., 1 fraktionslos (kons.). Ein heißer Kampf wird um die drei Mandate der Stadt Geslau entstehen, von denen jetzt ja eines den Kons., den Freikons. und den Nat.-lib. durch Kompromiß zwischen diesen Parteien znkam. Es war aber eine sehr knappe Mehrheit gegen die freisinnige» Kandidaten, die damals mir durch die Zurückhaltung der Ccntrumswahlmänncr erzielt werden konnte. In den meisten andern Wahlkreisen biete» Versuche, die Parteien aus dem bisherigen Besitzstand zu verdrängen, wenig Aussicht auf Erfolg. Nur im Regierungsbezirk Liegnitz dürften einzelne Mandate zwischen Konscr- daliven und Freisinnigen streitig fein.
7) Die Provinz Sachsen wählt in 21 Wahlkreisen 38 Abgeordnete. Davon waren bisher 13 konservativ, 13 freikonseroativ, 9 uationalliberal, 1 freisinnig, 2 ultra- fuontan. Es ist nicht anzunehmen, daß hier irgend »cnncns- rthe Verschiebungen in der Parteistellung der Vertretung ttfinden. Am meisten umstritten zwischen Freisinnigen d Konservativen ist das bis jetzt von den ersteren innc- jabte Mandat von Nordhausen.
13) Die beiden Mandate von Hoh cnzollern sind dem Ceutrum nicht zu entreißen.
Politische Tages Rundschau.
— Dem Bundesrath, dessen Berathnngen voraussichtlich gegen Ende dieses Monats wieder mtfgenomnien werde» dürsten, soll nach der „Kreiizztg." sogleich ein Antrag Preußens, betreffend Abänderung der Gewerbe- Ordnung, vorgclegt werden, wobei cs sich namentlich um die Abänderung des § 35 handeln soll. § 35 bestimmt, daß die Ertheilung von Tanz-, Turn- und Schwimmunterricht als Gewerbe sowie der Betrieb von Badeanstalten zu untersage» ist, wenn Thatsachen vorlicgen, welche die Unzuverlässigkeit des Gewerbetreibendcii in Bezug auf diesen Gewerbebetrieb darthun. Denselben Bestimmungen wird der Trödelhandel, der Handel mit Droguen, der Handel mit Dynamit oder anderen Sprengstoffen sowie das Geschäft von Rechtskonsulenten, von gewerbsmäßigen Vermittelungs- Agenten für Jmmobiliar-Verlrägc, Darlehen nnd Heirat!)«», von Gcsinde-Bermiether», Stellen-Vermittlern und Auktio- i naloren unterworfen.
— I» einer antisemitischen Protcstversamm- lung in Berlin, die gegen die Uebeiführung des Antisemiten Paasch in die Irrenanstalt Verwahrung einkgen sollte, wnrde schließlich eine R c solution an den Minister des Innern beschlossen, welche verlangt:
1) Die Miltheilung dec Gründe, auf welche Ursachen die Sach- vcrstüudigeii sich beiufeii; 2) die Entlassung des Herrn Paasch aus der Irrenanstalt ober feine Unterbringung in die Privatpflege ober wenigstens die erncule Untersuchung seines Geisteszustandes durch mehrere Jrceiiäizie niib bie Veröffentlichung ihres kollegialischen Gutachtens; 3) die fchleunige Inangriffnahme einer gründlichen Verbesserung unseres Irrenrechts ans Krnnd der Erfahrungen in den Prozessen Draake, MoritzdeJonge, Paasch und vieler Anderer.
— Cornelius Herz, der aus dem französischen Panama-Skandal als eine gewisse Berühmtheit hervorgegangene ehemalige Frankfurter Ladciijiingling, ist angeblich wohlauf, geht aus, macht Geschäfte, betreibt ein Gelduntcr- nehmcn in Eauada und steht in regem Verkehr mit seinem Banqnier Chabcrt in Paris — sagt der „Figaro". In Paris wurde der Frau Herz von der Regierung die Ver« sichernug, ihr Gatte habe nichts ob der gegen ihn angekim- digtcu gerichtlichen Ilntersuchnug zu besorgen. Sie hat sich den» auch in aller Sicherheit mit der Abwickelung ihres Besitzes beschäftigen können. Nach einer weiteren Meldung des „Figaro" soll Cornelius Herz unter den Angeil der Polizei nach Calais, Boulogiie, Dieppe, also durch Belgien nach Frankreich gereift sein, wo er mit Freunden Unter» rebungen gehabt haben soll.
— Dem „New-Jork Hcrald" wird aus Buenos Aires unterm 14. September gemeldet: Die brasilianische Jiisiirgeuteuslolle von Rio de Janeiro eröffnete gestern das Feuer auf die Forts in der Nähe von Nietheroy und beschoß sodann die Stadt, namentlich das Arsenal. Das- Bombardemeut dauerte von 11 Uhr Morgens bis 5 Uhr Nachmittags, richtete jedoch wenig Schaden an. Die Schiffe eröffneten heule wieder das Feuer. Eine von den Insurgenten versuchte Landung wurde vereitelt. Beide Leiten halte» Verluste. In Rio ist die Ruhe vollkommen anfrechterhalle» worden. Der Kapitän des Kanonenboots „Alagoas" fiel von dem Nebellcngcschwader ab nnd eilte nach Rio, um den Viccprüsidcnten Peixoto Über die Bewegungen der Nebellenschiffe zu unterrichten. Alle für eine Landung günstigen Punkte bei Rio sind stark verschanzt. Die Landtruppen sind Peixoto treu geblieben, »nd alle fremden Schiffe int Hafen bleiben neutral. Die in Buenos Aires wohnenden Brasilianer glauben, ein Sieg der Revolution würde eine Wiederherstellung der Monarchie bedeuten. Die auswärtigen Handelsfirmen in Buenos Aires prolcstireu bei dem brasilianischen Gesandten gegen die Suspension des Tclcgraphcndienstes mit Rio. — Dem „Ncw- Iork Hcrald" wird über Valparaiso ans Rivera (Brasilien) gemeldet, daß die Aufständischen in Rio Grande do Snl die Streitkräfte deS Generals Castilho bei Bago geschlagen und viele Waffen erobert haben. DasGefüngniß in Rivera sei mit gefangene» Föderalisten überfüllt. Die Kümpfe in Tncnman sind infolge einer Intervention des Bundes beendet.
Das Kaiserpaar in Stuttgart.
Stuttgart, 15. Sept. Fast sauuutliche Blätter begrüben das Kaffeipaar in sympathischen Artikeln. Dec amtliche Staatsanzeiger sagt unter Anderem: „Tas verflossene erste Lnstrum der Regierung des Kaisers Wilhelm hat gezeigt, daß er fest entschlossen ist, im Sinne seiner großen Vorgänger, insbesondere seines allgeliebten, ehrwürdige» Großvaters, zum Frommen de? deutschen Vaterlandes das höchste Amt auszufülle». Das württembergischeVolk schaut zu ihm auf mit festem Vertrauen, es schätzt seine» offenen, freien und ritterlichen Elm ratter, freut sich seiner frifdje», kraftvollen Art, zu handeln; mit innigster Sympathie iiinmit es an feinem Familien- gliick Anthcil, und vor Allem freut es sich dec herzliche» Freuud- schast, welche den deutsche» Kaiser mit dem angestammte» Herrscher unsres Landes verbindet. Aus aufrichtigstem Herzen ruft das württenibergifche Volk dem Kaiser »nd seiner hohen Gemahlin heule ein herzliches Grüß Golt! entgegen." Gestern Abend um 87« Uhr fand im Schloßhof ein großer Zapfenstreich statt, der glänzend vertief. Die Fürstlichkeiten sahen dem Schauspiel vom Schloß- dalkon aus z». Der Kaiscrwurde beim Erscheinen niitZurusen begrüßt. Der heutigen Parade auf dem Exereirptatz bei Eauustatt wohnten der Kaiser und die Kaiserin, der König und bie Königin, ber Prinz von Neapel und die übrigen Fürstlichkeiten bei. Die Parade begann um 10 Uhr Vormittags bei prächtiger Witterung und nahm einen glänzenden Verlauf. In Parade stand das gelammte 13. Armee- corps unter dem Kommando des Korps-Kommandeurs Generals der Infanterie v. Wölckern. Es fand ein zweimaliger Vorbeimarsch beider Treffen miter de» Divisions-Kommandeuren General-Lieu- tenauts v.Linbequist und v. Nickisch-Rosenegk statt. Der Kaiser führte dem König zweimal sein Infanterie-Regiment Kaffer Wilhelm König von Preußen (2. Würtlembergisches) Nr. 120 vor. Der Köurg führte dem Kaiser bie Grenadier-Regimenter Nr. 119 nnd 123, das Ulanen-Regimeiet Nr. 19, das Dragoner-Regiment Nr. 26 und bas Feldartillerie-Regiment Nr. 13vor. Bei dem Ulanen-Negiment Nr.19 kommaudirke der Herzog Albrecht die erste Schwadron. Um 127-Uhr war bie Parade beendigt. Der Kaiser war hoch befriedigt. Er ritt die Front der sehr zahlreich mit prächtige» Bannern erschienenen Kriegervereine ab und beehrte mehrere Krieger mit einer Ansprache. Seit dem frühe» Morgen war eine zahllose Zuschanermenge auf den Tribünen und Plätzen aufgefteDt, welche die Majestäten, den
