Abend-Ausgabe
fcbdöritrr Tagblstt
Verlag: Langgasse 27.
A.T,OOO Abonnenten
Mo. 426
Dienstag, den 12. Septemder
1893
Deutschlands statt.
In Cassel dagegen hat sich am
Polttische Tages-Rand scharr.
Kon der Kaiserreise.
ite
von tSd
lohe chast . als
33
Dor= »nrntii 15868
Karlsruhe, 11. Sept. Die heutige Parade über das 14. Armeccorps nahm bei fortdauernd günstiger Witterung einen prächtigen Verlauf. Der Kaiser mit glänzendem Gefolge ritt die Fronten ab, nahm einen zweimaligen Vordcimarfch ab und begrüßte alsdann die Militär-Vereine. Der Kaiser erwähnte dabei der Militär-Vorlage und des Eintretens der Mlitär-Vereine für
ie 23.
Usk,
— Die Vorbereitungen für die Verhandlungen über den deutsch-russischen Handelsvertrag sind in lebhaftem Gange. Die Grundlage der Anweisungen für die Abgeordneten der deutschen Negierung behandelt besonders eingehend diejenigen Punkte, welche früher zu Meinungsverschiedenheiten geführt haben. Alles wird darauf eingerichtet, die Verhandlungen unverzögert zu greifbaren Vcr- hältnisscu zu. führen.
— Die angeblich von der Neichscegierung beabsichtigte Nichtzuzichnng von landwirthschaftlichen Sachverständigen zu den Berathunge» über den Handelsvertrag mit Rußland ist zur Zeit in agrarischen Kreisen, nainenilich in dem Preßorgane des Bundes der Landwirlhe, der Gegenstand lebhafter Beschwerden. Mit dem Gespcnste des russischen Handelsvertrags ist, namentlich in der Reichstagswahl-Agitation, viel Mißbrauch getrieben morden, und wir unsererseits haben es an Verurtheilung desselben nicht fehlen lassen. Insbesondere ist die an die Rcichstags- kandidatcn gestellte Forderung, sich int Voraus gegen einen solchen Vertrag zu verpflichten, von uns entschieden zurückgewiesen worden. Anders steht cs aber um die gegenwärtigen Beschwerden. Es handelt sich nicht um allgemeine agitatorische Redewendungen, sondern um das bestimmte Verlangen, vor den entscheideirden Entschließung:» über den russischen Handelsvertrag, ebenso wie Sachverständige anderer Produktionszweige, so auch solche der Landwirthschaft zu höreu. Man wird diesem Verlangen die Berechtigung nicht bestreiten können. Freilich bezeichnet mau eine Befragung der Latrdwirthschaft in diesem Falle als überflüssig, da ja die Ausdehnung der Eelreidczollsätze unseres Vertragstarifs auf Rußland die conditio sine qua non eines russischen Handelsvertrags, eine weitere Erörterung über diesen Punkt also ausgeschlossen sei. Dann kann man cs aber den Interessenten der Landwirthschaft umso weniger verdenken, wenn sie jetzt, wo die Verhandlungen mit Rußland mit vollem Ernste anfgenommen werden sollen, zuträchst noch einmal eine gewissenhafte Untersuchung der Vorfrage verlangen, ob jene Bedingung überhaupt ohne eine unberechtigte und gefährliche Schädigung der deutschen Landwirthschaft zugestanden werden könne. _ Die Ansicht, daß die Ausdehnnug der Vertragssätze auf Rußland die Getreidcprcise in Deutschland nur sehr wenig oder gar nicht beeinflussen würde, wird bekanntlich in landwirthschaftlichen Kreisen vielfach nicht gclheilt. Warum will man diese Frage nicht einmal zwischen Vertretern der Regierung und dcr großen landwirthschaftlichen Organisationen erörtern lassen? Schaden könnte das doch gewiß nicht. Und die Zweckmäßigkeit der Erörterung dürfte sich umso weniger bestreiten lassen, als die Entwickelung dcs Getreidehandcls im Laufe dieses Jahres, namentlich aber seit dem Beginn des Zollkrieges mit Rußland, neues Material zur Beurtheiluug der Frage geboten hat. Außerdem aber werden die Interessen der Landwirthschaft doch nicht allein durch die Gctreidezölle berührt, sondern sie kommen auch noch an anderen Punkten in Mitleidenschaft. Warum wollte sich die Regierung den Vorwurf machen lasten, daß sie sich für solche Fälle nicht ebenso einen sachverständigen „Beirath" bestellt hätte, wie für die Bcurtheilung der industriellen Interessen? Wir würden die Unterlassung der Berufung eines landwirthschaftlichen Beiraths für einen Fehler halten, glauben aber bis auf Weiteres gar nicht, daß die Negierung denselben könnte begehen wollen.
— In den letzten Tagen haben sich zwei neue politische Parteien gegründet. In Berlin konstituirte sich eine „Polnisch-sozialistische Partei Deutsch
lands". Eine Resolution wurde angenommen, worin die polnischen Sozialisten mit der deutschen sozialistischen Partei sich im Prinzip cinverstauden erklären. In das Parteiprogramm soll unter Anderem die Forderung anfgenommen werden, überall da, wo polnische Nationalität vertreten ist, solle üott Behörden die Anwendung der polnischen Sprache als Amtssprache verlangt werden, desgleichen das Lehren der polnischen Sprache in den Schalen. Im nächsten Jahre findet in Posen ein Parteitag 'der polnischen Sozialisten
Montag die „Teutoburger Partei" gebildet. Als Programm wurde festgestcllt: Pflege dcs deutschen National- gcdaukens bei Schonung berechtigter Stammcseigcnthümlich- keiten, konfessioneller und gesellschaftlicher Anschauungen; Schutz verfassungsmäßiger Errungenschaften, parlamentarische Vertretung deutscher Mittelstände; Schutz der Schwachen wider die Ansbentuug durch Stärkere.
— Nach Ankündigungen antisemitischer Blätter und auch der „Krcuzzeitung" soll der Reichstag in der bevorstehenden Session auf Anregung ans dem Hause heraus mit umfassenden Erörterungen über die Juden frage sich zu beschäftigen haben. Die Konservativett werden ihren schon in der letzten Session des aufgelösten Reichstags ein- gebrachtcn, damals aber nicht zur Verhandlung gekommenen Antrag wieder einbringen, einen Gesetzentwurf vorzulegen, nach welchem Israeliten, die nicht Reichsangchörige sind, die Einwanderung über die Grenzen des Reichs untersagt wird. Von antisemitischer Seite scheinen Anträge zu einer systematischen Regelung der Judenfrage vorbereitet zu werden. Die Antisemiten sind seit ihren jüngsten Wahlerfolgen stark genug, die Vorschrift der Geschäftsordnung für die Ein- bri-ngung von Anträgen für sich allein zu erfüllen; sie tverden ohne Zweifel das Bedürfniß und die Verpflichtung fühlen, zu zeigen, daß sie etwas leisten können. Die „Krenzzeitnng" ist überzeugt, daß sich für eine „verständige Jndengesetzgebung" eine Mehrheit im Reichstag finden wird. Sie rechnet dabei auf das Centrum, welches bisher, wenn auch innerlich eine starke antisemitische Strömung vorhanden sein mag, doch große Zurückhaltung in dieser Frage beobachtet hat. Das hochkonservative Blatt wendet sich auch dringend an die Weisheit und Staatsklngheit der Regierung, auf daß sie endlich zur Regelung dieser brennenden Frage wirksame Schritte Ihne. Wir gehen aller Voraussicht nach da wieder sehr erregten und häßlichen Kämpfen im Reichstag entgegen.
— In militärischen Kreisen verlautet nach der „Voss. Ztg.", Graf Haeseler vertrete die Ansicht, daß es trotz der Befestigungen um Metz einem von Westen her vordringenden Feinde möglich sei, zwischen Metz und Saarburg in Lothringen cinzudringeu und die lothringische Hochebene als erstes Schlachtfeld für sich zu gewinnen. Wie es heißt, soll er den Kaiser in der That überzeugt haben. Wenn diese Versioit auf Wahrheit beruht, so dürste die Anlage von Sp crrfo rts zwischen Metz und Saarburg nicht ausbleiben.
— I» Ungarn erregt Sensation ein Theil der Antwort des Königs auf die Ansprachen der Deputationen dcs Aradcr Komitats, welche wohl auch als Antwort auf die Encyklika dcs Papstes anfgefaßt werden darf. Dem katholischeit Bischof Dcsscwffy erwiderte der König, er hoffe, . daß der Klerus den ReligionSfricden und das Einvernehmen zwischen den Konscssiönen und den Nationalitäten wahre. Dem Bischof der griechischen unirten Rumänen, Pavel, sagte er: „Der Patriotismus bestehe nicht in übertriebenem Chauvinismus und verwerflichen Straßenausschrcitungen; das Interesse des Staates erheischte die Respektirnng der Verfassung und der Landesgesctze." Zu dem gricchisch-orien- talisch-rnmänischen Bischof Metianu äußerte der König noch schärfer, er erwarte, daß der Bischof seine Gläubigen von jenen schädlichen Agitationen fernhalte, welche die Irreführung dcs Volkes bezwecken. Bei den Rumänen herrscht infolge dessen große Aufregung. Die rumänischen Geistlichen blieben ostentativ dem Besuche fern, den die Deputationen nachträglich dem Ministerpräsidenten abstatteten. — Viel- bemerkl wird auch die Nachricht, Kaiser Franz Joseph habe inBoros-Sebes beim Hofdiner folgenden Toast in deutscher Sprache, das Champagnerglas gegen den ihm gegenübersitzenden russischen Militär-Attache erhebend, ausgebracht: „Auf das Wohl meiwes theurcn Freundes, des Kaisers Alexander !" Die Militärkapelle mußte darauf die russische Hymne spielen.
an ihn wenden und er für Alle da ist. Das ist wirth- schaftlich richtig, es ist aber auch politisch richtig. Der Kaufmann ist eine Säule, eine Stütze des Mittelstandes, des Standes, aus dem der Staat den größten Nutzen und die besten Kräfte zieht, und diesen Stand soll man hi jeder Weise stützen. Thut der Staat nichts, so müssen Glieder des Standes das selbst thun. Und das ist ganz gut mög
Anzeigen-Preisr
Die einspaltige Petitzcile für locale Anzeigen 15 Pfg., für auswärtige Anzeigen 25 Pfg. — Reklame» die Petitzeile für Wiesbaden 50 Pfg., für Auswärts 75 Pfg.
«. Jahrgang.
Erscheint in zwei Ausgaben. — Bezugs-Preis: SS Pfennig monatlich für beide Ausgaben ' zusanniten. — Der Bezug kann jederzeit begonnen werden.
Ergeben. Wenn einige hungrige, beschäftigungslose Acrztc " ^'rdcn Verein bilden, um das Geld, welches bisher die Aerzte ö f cm Kaufmann zuwaudtcn, selbst zu verdienen, so kann man es schließlich dem Kaufmann nicht verdenken, wenn er statt thcnrer Aerzte und Medizin cs schließlich einmal mit Wasser versucht, das auch manchmal helfen soll.
Das ist aber der Kampf Aller gegen Alle, und das ist falsch. Der Kaufmann ist auf alle Stände angewiesen, er soll die Waare für Alle liefern, er soll das Mittelglied -wischen Produktion und Koitsumlion sein und die Wünsche eines Jeden befriedigen. Das kann er nur, wenn sich Alle
lich. In Dänemark hat man die Bedränger des Kauf- manusstaudes recht glänzend heimgeschickt. Dort wollte man auch einen großen „Store" entrichten, einen Konsnmverein für Beamte, Lehrer, Offiziere?c. Die Lieferung hätte am liebsten eine einzige Firma, die einen großen Profit dabei machen wollte, gehabt. Kaum rechneten aber die Kopenhagener und andere dänische Kaufleute aus, daß, wenn der konstinifähigste Thcil der Kunden, die Beamten, voit ihnen abspringen würden, sie nur ruhig einpacken und aus- waudern könnten. Aber das paßte ihnen doch nicht. Sie organisirten einen Sturm gegen den „Store", der schließlich so gewaltig wurde, daß er die ganzen schönen Prozente über den Haufen warf und dabei noch den Nutzen halte, daß er einmal reinigend sog. volkswirthschaftliche Ansichten, neueste und jüngere Gclchrtcuafterwcishcit hinauSfcgtc und für de» gefnnben Menschenverstand Platz machte.
Das lvar einmal eine erlösende That, die man hoffentlich in Deutschland als ein gutes Beispiel nicht vergißt. Wer leben will, der gebe auch Andern zu leben, das ist so wahr, daß darauf die Organisation unserer ganzen mcnschlicheit Gesellschaft beruht.
Jedem das Seine.
Unter dieser Ueberschrift bringt die „Kaufmännische ; Ke form" den nachstehenden Aufsatz, dessen Ausführungen, mag man ihnen auch nicht in allen Punkten beitreten wollen «nd namentlich die Form, in der sie hier und da gegeben ' Verden, nicht billigen, int Allgemeinen doch durchaus berechtigt erscheinen. Der Artikel lautet:
' Jedermann will Geld verdienen. Das ist nicht nur ein so wahrer Satz, sondern es ist auch ein so richtiger Satz, daß sich dagegen nichts einwendcu läßt. Die Sorge um »ns selbst, um unsere Familie, nm den Staat läßt uns nicht zur Ruhe kommen und sporitt uns an, immer wieder zu arbeiten, immer wieder zu sparen, nut essen und trinken zu können, um einen Nothpfennig kleiner oder größer für pater zurückzulegen. Der Hunger ist das eine große Agens, das die Welt bewegt, der Hunger iit seiner vielerlei Gestalt, als Kribbeln in dem Magen, also fames ord., ganz gewöhnlicher Hunger, der Hunger nach Vergnügen, nach Ehre, nach Geld um des Geldes willen. Und wenn heute der Kaufmann hinaus geht und Aufträge sucht, wenn er Reklamen hinausgiebt, wenn er int Laden immer wieder nette Waareu vorlegt oder Preiscourante und Musterbücher verschickt, so arbeitet er, um sich oben zu erhalten, rechtschaffen und ehrlich sich durch die Welt zu schlagen. Und der Stand des Kaufmanns ist kein überflüssiger. Wohl ist er nicht im stetigsten Sinne des Wortes produktiv wie der Bauer uni) • der Arbeiter, aber er ist auch nicht nur konsumtiv wie dcr Beamte und der Staat, sondern er ist distributiv, d. h. cr sorgt für die Vertheiluug der Güter nach ihren Zwecken^ er sorgt für die Befriedigung der Wünsche der Konsumciweu. Und weil heutzutage in der vollen Befriedigung Mer Wünsche die höchste Kultur gefunden wird, so ist derKlws- fflann auch int gewissen Sinne ein Kulturträger, weil cr bemüht ist, die gewünschien Sachen zu beschaffe» und neue Wünsche anzuregen, und damit dies Alles billig geschieht, ist die liebe Konkurrenz da, eine Einrichtung, die sehr wohl- thätig wirkt, wenn sic in ehrlichen Händen liegt. Dcr Kaufmann neidet den andern Kaufmann nicht. Er weiß es zu genau, daß es große und kleine Geschäfte, reiche und minder reiche Kaufleute giebt, er betrachtet sie alle als seine Standesgenossett, wentt sie nach ehrlichen kaufmännischen Prinzipien ihr Geschäft betreiben. Das ist ihr Berns.
Wenn aber Leute, die nur zu den konsumtiven Stünden gehören, wie Beamte, Offiziere und in gewisser Beziehung Geistliche, Lehrer, Aerzte rc., dem Kaufmann ins Handwerk pfuschen, so muß er gegen dieses Unterfangen Front machen und muß sich seiner Haut wehren. Dcr Kampf, den die iogenannten Konsumvereine einzelner Berufsstände gegen den Käufmamtsstand kämpfen, ist kein ehrlicher. Wie die Reichs- post mit Recht ihr Monopol besitzt und dadurch im Stande ist, nicht nur von Berlin nach Rixdorf, sondern auch von Mülhausen nach Memcl den Brief für 10 Pf. zu verschicken, so soll der Kaufmanttsstand das Monopol des vcrtheilcnden (distributiven) Gewerbes haben, nicht der einzelne Kaufmanit, sondern der Kaufmaunsstattd. Das frommt ihm, und das frommt den Andern. Wenn heute ein Konsumverein von Lehrern sich bemüht, den Lehrern billigere Preise für Zucker und Kaffee, für Leinwand oder Kohleuschauseln zu gewähren, so greift er ohne uennensmerthen Nutzen in das Gebiet eines andern Standes über und schädigt den Mau», dcr aus gesetzlichen Gründen nicht im Stande ist, mit seinesgleichen einen Bildungskonsumverein zu gründen, in welchem die Bildung der Kinder nach dem Angebot des Mindestfordcrnden verzapft wird. Wenn ein Offizicrverein alle Gegenstände, die ein erwachsener Mensch gebraucht, seinen Mitgliedern unter Umgehung des Zwischcithandels abläßt, so schädigt erden Kauf- mannsstaud,dcnn der Kaufmann muß feine Steuern zur Erhaltung des Heeres bezahlen wie jeder Andere, er darf nicht ab- zwacken, noch weniger kann cr die Offizicrstelleit an den Billigsten
