Seite 2. 9. September 1898. Wiesbadener Tagbtatt (Abend-Ausgabe). Berlag: Langgasse 27. 41. Jahrgang. No. 422.
Aus Kunst nnd Keben
schäften auswärtiger Garnisonen eine Cholernznlage von täglich 2V- Pf. bis auf Weiteres gezahlt wird.
* Rundschau im Reiche. Der Oberbürgermeister Becker in Köln veröffentlicht den Dank der Kaiserin für die genußreichen Stunden, die ihr bei dem Aufenthalte in Köln am 4. d. M. bereitet worden find.
— Königlich« Schauspiele. (Wochen-Spielentwurf.) Sonntag, den 10. September: „Die Zauberflöte". Anfang 7 Uhr. Montag, den 11.: Geschlossen. Dienstag, den 12.: Erste Gast- darsteltnng des Großherzoglichcn Sächsischen Kammersängers Herrn Max Alvary: „Siegfried". Anfang 6 Uhr. Mittwoch, den 13.: Neu einstudirt: „Ella"—„Durchs Ohr". Anfang 7 Uhr. Donnerstag, den 14.: Zweite Gastdarstcllung des Großherzogl. Sächsischen Kammersängers Herrn MaxAlvary: „Tannhäuser". Anfang 6V-lihr. Freitag, de» 15.: Geschlossen. Samstag, den 16.: Zum ersten Male wiederholt: „Herr und Diener" — „Graphologie" — „Nur drei Worte" — „Militärfromm". Anfang 7 Uhr. Sonntag, den 17.: „Hasemarms Töchter". Anfang 7 Uhr. Montag, den 18.: Dritte und letzte Gastdarstellung de« Großherzogl. Sächsischen Kamnicr- säugers Herrn Max Alvarh: „Lohcngrin". Anfang 6'/- Uhr. Dienstag, den 19.: Erste Gastdarstcllmig des Fräul. Nnstcha Butze: „Der Hüttenbesitzer". Anfang 7 Uhr.
h. Aus Frankfurt a. M., 8. Sept., wird uns berichtet: Es ist eine cigeuthümliche Thatsachc: Dr. Okto 2) cor teilt, welcher sich als selbständiger Direktor oder Intendant an den großen Bühnen in Weimar, Frankfurt, Oldenburg und Berlin niemals dauernd halten konnte, leistet Erstaunliches, so bald er mit nu- geschulten Dilettanten vor die Oeffentlichkcit tritt. Er hat dies vor Jahren mit seiner Luther-Auffnhrnug bewiesen; heute kommt er mit seinem fünfaktigen historischen Charakterbild „G u st av Adolph"
Arrslimd.
* Großbritannien. Das Oberhaus verwarf die Homer ule-Bill mit 428 gegen 42 Stimmen. — Bei den Unruhen, welche in Featherstone in der Nähe von Bradford durch streikende Bergleute hervorgernftn wurden, schossen die Soldaten auf die Tumnltnauten. Es wurden dabei acht Personen verwundet, und eine von diesen ist gestorben. Die Zahl der Tumultuanten, welche großen Schaden anrichtetcn, wird auf 8000 geschätzt. Gestern fanden erneute Ansamnilungeu der Ruhestörer statt, und cs werden weitere Krawalle befürchtet. — Bon den bei den Unruhen in Featherstone am 7. d. verwundeten Tumultuanten ist noch einer gestorben ; der Zustand mehrerer anderer ist bedenklich. In Birstall zerstörte ein Hanfe von ausständigen Grubenarbeiter» die Bureaus der White-Lee-Grube. Die Behörden und Kavallerie sind nach deut Schauplatze der Unruhen unterwegs, wo eine große Erregung herrsäst. — Nach Meldungen aus Pontefract versuchte eine Anzahl Ansstäudiger in der Kohlengrube „Alton" mehrere Wagen in Brand zu stecken; Soldaten zerstreuten die Ausständigen. In Wakefield getrauen sich die Einwohner nicht, ihre Häuser zu verlassen; sie'richteten das Ersuchen an de» Minister des Innern, 600 Soldaten nach Derbyshire zu entsenden. Die Diebstähle auf den Landstraßen werden immer häufiger. — Tic Bergleute von Nordstaffordshirc beschlossen, die Arbeit zu den früheren Löhnen wieder aufzunehmen.
* Serbien. Exkönig Milan dementirt selbst die Nachricht von ftutet Erkrankung. Bon Aix-les-BainS und der Schweiz konimend, will er sich erneu Monat in Paris anshalten. Die Königin Natalie befindet sich in Biarritz. -- Der Ministerpräsident Dokitsch übersandte dem König Alexander fein Entlassnngsgesnch, das er mit Gesnudhcitsrückfichten begründete. — Wie der „Franks. Ztg." berichtet wird, hat die Niederlegnug eines Kranzes durch den König Alexander am Grabe Karageorgevics in Belgrad das größte Aussehen Hervorgernfen. Das „Amtsblatt" veröffcut- lichtdic Inschrift, welche lautet: „Ich depomre diesen Kranz zum Ruhm und Andenken des Helden, der als Erster für die Ilnab- hängigkeit Serbiens zu kämpfen begaun. Ruhm dem großen Kara- georgevie." Hierzli fei bemerkt, daß in der Kapelle Topola der Körper Karageorgevics ohne Kopf ruht, da letzterer seiner Zeit vom Fürsten Milosch Öbrenovic au den Sultan auf dessen Verlangen ausgeliesert wurde.
* Egypten. Es bestätigt sich, daß der Cbedive itu nächste» Jahr nach Europa und iusb'csoudere nach Loudon zu kommen beabsichtigt.
* Amerika. Nach Meldungen att8~ Columbia hatte der Gouverneur von Süd-Carolina einen Spezialagentcu nach den Inseln von Süd-Carolina gesandt, nm die Wirkungen des Cyclons zu untersuchen. Dieser Agent berichtet nun, daß über 20,000 Personen, größtentheils Reger, durch Hunger, Dnrst und Krankheiten dem Tode nahe gebracht worden seien. Der Gouverneur fordert daher in einem Anfruf zur Unterstützung der Nothleidenden auf.
und hat de» gleichen überraschenden Erfolg. Wie schwer derselbe wiegt, wenn man bedenkt, daß unter den zahlreichen Darstellern, die das Festspiel bedingt, nur zwei Künstler von Beruf — Herr Dr. Devricnt selbst und die früher am Hoftheater in Berlin thatig gewesene Frau Di . Sophie Hauser-BurSka—sind, kann nur der ermessen, der das opferwillige, aber schwer fügsame Material der Dilettanten tu feinen Schwächen und Vorzügen (und diese Vorzüge der Einzelnen sind erst reckst Schwächen für die Gesammtheit) kennt. Doppelt schtver aber ist cs, in unserem Saalbau zu sprechen. Hier, wo das leiseste Pianisfimo der Musik bis in den letzten Winkel des Saales verstanden wird, kommt, als ungelöstes Räthsel der Akustik, das gesprochene Wort nur von Demjenigen voll und klar zu Gehör, welcher es gelernt hat, jedes Wort, jede Silbe scharf accentuirt zu sprechen. Diese Anforderung, der viele Sprecher von Beruf nicht genügen, hat, im Großen und Ganzen gesagt, die zahlreiche Menge der Damen und Herren aus hiesigen Kreisen befriedigend erfüllt. Dies, nicht zum Wenigsten, bedingt nufere volle Anerkennung für den Leiter des Festspiels, den Dichter und Darsteller Herrn Dr. Otto Devricnt. Die Aufführung, welche bis zmn 22. September zehn Wiederholungen erlebt, erfolgt zur Feier des fünfzigjährigen Jubiläums des Gnstav- Adolph-Vercins, und cs wird der Ueberschnß, welcher sich nach der gestrigen Aufführung in ansehnlicher Höhe erwarten läßt, von dem Verein zu mildthätigcn Zwecken verwendet, lieber die Unmöglichkeit, die lose zusammenhängenden Seeucn des „Charakterbildes" als ein einheitliches Ganze auf die Bühne zu bringen, wollen wir schweigen; das Stück ist eigens als ei» evangelisches Festspiel geschrieben und eignet sich in seiner Tendenz nur für spezielle Zwecke, nicht für die Schanspielbühne. Der Darsteller Devricnt hatte gleichen Erfolg wie der Regisseur Devrieut; in der äußeren Erscheinung iuar er etwas zu alt für den geschichtlichen Gustav- Adolph, der bekanntlich schon mit 38 Jahren den Heldentod bei Lützen fand. Frau Dr. Bnrska wirkte ebenso durch reizvolle Erscheinung wie durch verständige Darstellung. Der Menge der Dilettanten fei lobend gedacht, namentlich wegen der geschickten Art, lvie sie iu den Massenseeneu sich zu bewegen wußte.
* Godelintapetr. In einem Hause auf der Prinzengracht in Haag ist unter einer Lage von 5—6 Tapeten eine gemalte nach- gcmachte Gobelintapete von anscheinend großem Wcrthe bloßgclegt, auf der die Abenteuer Dou Quixotes wiedcrgcgcbeu werden. Das Haus wurde im Frühjahr 1662 erbaut, hat vielfach den Besitzer gewechselt und gehört jetzt der Stadt. Leider sind iu späteren Jahre» durch die betreffende Wand eine Thür und ein Fenster gelegt, wodurch einige Stücke des Gobelins verloren gegangen sind. Bisher hal man den Schöpfer desKuustwcrks nicht feststellcn können; aller Wahrscheinlichkeit nach hat der junge Vollevcus (1683—1759) es gemalt, da eine Enkelin des ursprüngliche» Besitzers des Hauses mit einem Daniel Bollevens vcrhcirathet war.
Aus Ztadt nnd Land.
Wiesbadcu, 9. September.
Wichtig« N«u«rmig im Eisenbahnverkehr.
Wie schon mitgetheilt, wird vom 1. Oktober d. I. ab auf den Linien H orchheim — Nied er la hu stein — Wiesbaden — Frankfurt a. M. und Frankfurt a. M. — F n l d a — B e b r a die bisher übliche Art dcr Kontrolle der Fahrtausweise (Fahrkarten, Fahrscheine u. s. w.) dahin abgeändert, daß die Haupt- Prnfnng der Fahrtausweise ans ihre Gültigkeit, sowie die Durchlochung nnd die Abnahme derselben an den Ein- und Ausgänge» der Stationen durch besondere Beamte vorgenommcn wird, und daß au den Zügen durch das Zugpersonal nur noch eine Nachprüfung stattfindet. Zur Ausführung des neuen Kontroü-Versahrens werden auf den Stationen der genannte::Linien theils die Bahnsteige allein, thcils die Bahusicige und die Wartefälc dem allgemeinen Verkehr des Publikum entzogen und lediglich der Benutzung durch das reisende Publikum Vorbehalten. Dementsprechend sind entweder die Bahnsteige allein oder die Bahnsteige und Wartesäle gegen- die übrigen, im freien Verkehr verbleibenden Theile der Stationen ab- gefperrt. Der Eintritt in den abgcsperrten Theil und der Austritt aus demselben ist fortan nur beit mit einem gültigen Fahrtausweis versehenen oder sonst znm Betreten der Stationen berechtigten Personen gestattet. Uni jedoch auch Nichtreifenden, Personen, welche entweder Ncisende zu den Zügen begleiten oder von den Zügen abholen wollen u. s. iu., den Zugang zu dem abgesperrten Theile zu ermöglichen, werden besondere Karten, Bahnsteigkarten, ansgcgeben, welche znm einmaligen Betreten des abgcsperrten Theiles der Stationen berechtigen. Die Bahnsteigkarten gelten nur für die Station, für welche dieselben ausgestellt sind; dieselben sind zum Preise von 10Pfennigen an den Fahrkartenschaltern zu habe» oder aus selbstthätigcn Kartenausgebern (Automaten) zu entnehmen. Sowohl die mit Fahrtausweisen, wie die mit Bahnsteigkarten versehenen Personen dürfen ihren Eintritt und Austritt in beit bezw. aus dem abgespcrrtcnTheil der Stationen nur durch die dafür beftiunuten und besonders eingerichtete» Ein-
nnd Ausgänge nehmen. Dabei wird die Kontrolle in der Weile vorgenommcn, daß an beit Eingängen die Fahrausweise der o>- gehcnden Reifenden und die Bahnsteigkarten der in die Station eintretenbeit Personen geprüft und durchkocht ober sonst enkwerchet Werben, während an den Ausgängen die Fahrtausweise der an- gefominenen Reisenden und die Bahnsteigkarten der aus der Station austretenben Personen nochmals geprüft, bk' Bahnsteigkarten und diejenigen Fahrtausweise, berat Gültigkeit abgelaufen ist, abgenommen und diejenigen Fahrtausweise, deren Gültigkeit noch nicht abgelaufen ist, den Reisenden zurückgegeben werden. Wer am AttSganM keinen ober feinen gültigen Fahrtausweis, keine oder keine gültige vorschriftsmäßig entwertheteBahnsteigkarte vorzeigen ober sich sonst ausweise» kann, wird zum Austritt aus der Station nicht zugelaffc» mtb wie ein Reisender, welcher ohne gültigen Fahrtausweis betroffen ist, nach den für diesen Fall erlassenen Bestimmuitge» behandelt Di e R e i sende n, welche nach Stationeit der genannten Linien Horchheim—Liederlahnstein—Wiesbaden—Frankfurt u. Frankfurt— Fulda—Bebra reisen, haben daher ihre Fah rtau sw eise bis zum Ausgange aufberZiclstation aufzubewahrcn und hier an de» Beamten abzugebeu. Dies ist erforderlich, gleichviel ob die Reise von einer Station dcr vorbezeichneten Strecken selbst, ober von einer Station einer anderen Linie, auf welcher die bisherige Art der Kontrolle der Fahrtausweise vorläufig bestehen bleibt, aiigetreten wird. Folgende Beispiele mögen das Verfahren näher erläutern: 1) Bet einer Reise von Frankfurt a. M. Hauptbahuhof nach Rüdesheim hat der Reisende feinen Fahrtausweis am Emgauge in den abgefperrten Theil des Haupt- bahnhofs Frankfurt a. M. dem Beamten zur Hauptprüfnug und Durchlochung, sodann beim Einsteigen in den Zug ober wahrend ber Fahrt auf Erforbem bem Zngpersonale zur Nachprüfung vorzuzeigen unb schließlich bcnselben in Rüdesheim dem Beamten am Ausgange abzugebeu; dieser prüft den Fahrtausweis nochmals auf seine Gültigkeit, nimmt nach Richtigbefnnd denselben je nach der Art des Ausweises entweder an sich oder giebt ihn dem Reisenden zurück und läßt sodann den Reisenden znm Austritt zu.
2) Auf der Linie Gemünden—Elm bleibt das seitherige Verfahren der Kontrolle für alle Stationen dieser Strecke vorläufig bestehen mit Ausnahme ber Station Elm, welche zu der abgesperrten Haupi- linie Frankfurt -Bebra gehört und auf welcher demnach die Kontrolle , an den Ein- unb Ausgängen stattfinbct. Bei einer Reise von Würzburg ober von Gemünden nach Elm hat daher der Reisende seinen Fahrtausweis zur erstmaligen Prüfnug und Durchlochung wie bisher dem Zugpersonal beim Einsteigen in Würzburg bezw. Gemünden oder während ber Fahrt vorzuzeigen, sodann denselben bis zum Ausgang in Elm anfznbewahren. Es ist somit besonders zn beachten, daß auf den von den Linien Horchheim—Riederlahn- stein—Wiesbaden—Frankfurt und Frankfurt—Bebra abzweigenden Linien, auf welche» die bisherige Art der Kontrolle bestehen bleibt, die auf die Abzweige- und Anschlnßstation lautenden Fahrtausweise nicht durch das Zugpersonal, sondern ebenfalls nur an de» Ausgängen dieser Stationen eingesammeli werden unb daher von dcnReisendcnbis dahin anfzubewahreii sind. Als solche Abzweige-oder Anschlußstationen kommen auf den abgespcrrteu Linie» folgende Stationen in Betracht;
1. Auf der Linie Horchhcim—Wiesbaden—Frankfurt a. M.: Niedcr- lahnsteiu, Oberlahnstein, Wiesbaden, Kurve, Höchst unb Frankfurt a. Main (letztere als Gcmeinschaftsstation ber nicht gesperrten Linien ber Main-Weser-, der Homburger-, ber Main-Neckar- und der Hessischen Lndwigsbahn). Auf der anschließenden Strecke Horchheim—Deutz—Köln—Elberfeld wird die Kontrolle der Fahrtausweise ■ an den Ein- und Ausgängen ber Stationen ebenfalls cingeführt. f 2. Auf der Linie Frankfurt a. M.—Bebra: Frankfurt a. M. (als Gememschastsstalion mit der Main-Weser-, der Homburger-, der - Main-Ncckar- und der Hessischen Lndwigsbahn), ferner Sachsen- - Hansen, Hanau, Elm, Fulda und Bebra. Auf ber die Fortsetzung der Linie Frankfurt—Bebra bildenden Strecke Bebra—Eisenach— s Berlin und Bebra—Cassel wird die Kontrolle an den Ein- unb Ausgängen ebenfalls eingerichtet. Im Uebrigen erwachse» beit Reifenden durch das neue Verfahren keinerlei Beschränkungen. ; Namentlich vollzieht sich auf den Uebcrgangsstalioneu der Uebergang von einer Linie auf die andere tote bisher und bleibt cs den Ueber- gangsreiscnden auch auf denjenigen Stationen, auf welchen die Warte- sülc gegen die Bahnsteige abgcsperrt sind, wie bisher gestattet, von bett ■ Bahnsteige» unmittelbar in dieWartesälc einjittreten, tim bett Anschluß abzuwarteu; es bedarf hierzu nur der Vorzeigung des Fahrtausweises an den am Eingang in die Wartesäle rc. stehenden Beamten. Das Gleiche gilt auch für Reisende, welche unterwegs auf Zwischcu- ftationen in die Wartesälc ober Schalterhallen wollen, um entweder eine Erfrischung zu sich zu itehmen ober eine Depesche aufzugeben oder dergleichen; auch diesen ist ber Eintritt unmittelbar von ben Bahnsteigen aus gestattet, nur bebarf c8, sobald babei ber abgesperrte Theil ber Station verlassen werden nut6, ber jedesmaligen Vorzeigung des Fahrtausweises an bett betreffeuben Beamten. Mit ber Einführung bcS netten Kontrollverfahreus wirb hanptsächlich bezweckt, bas Bcgeljcn der Wagcntrittbretter bnrch bie Schaffner während ber Fahrt zur Vornahme ber Kontrolle ber Fahrtausweise entbehrlich zu ntadjen und so den vielen bedaiiersichc» Unfälle» vorzubeugeu, welche dem Zngperfonale durch Abstürzen von den Trittbrettern zu-
(Nachdruck verboten.)
Serttnrr Stimmungsbilder.
(Von unserem eigenen Korrespondenten.)
Ein Vereiustag, der zwar nicht mit großem, durch dir Zeitungen gehenden Halloh begangen wurde, aber bei Vielen weit mehr Interesse erregte, als mancher mit lautem Brimborium gefeierte Kongreß, fand in dieser Woche in Berlin statt, und zwar der fünfte deutsche Philatelistcu- tag, oder sagen wir besser auf gutDeulsch: die fünfte Bereinigung der deutschen Briefmmckcnsammlcr. Denn was früher meist nur als Spielerei und Zeiwertreib der Jugend angesehen wurde, es ist jetzt zu einer Art Wissenschaft erhoben worden, die von ernsten Männern, zu denen hohe Juristen, brannte Professoren und gefeierte Künstler gehören, mit eifriger Sorgfalt und äußerster Hingebnng betrieben wird und die sie veranlaßt, an Kongressen, wie dem obigen, in langen Sitzungen sich über einzelne Zweige dieser seltsamen Wissenschaft zn berathcn und öffentlich Stellung zu nehmen. Und wie groß das Jntereffe daran ist, das geht wohl am besten daraus hervor, daß nicht weniger wie zweihundert auswärtige Theilnehmer, darunter solche aus London, Paris, Amsterdam, Wien re., zu dem obigen Vereinstag erschienen umicu und sich mit beneidenswerthem Eifer und Pflichtgefühl an den verschiedenen, stundeulangm Beralhungen bethriligten. Jntereffant war die Briefmarken- Festbörse, die in dem großen Saale des Architekteuhauses abgehalten wurde und den weiten Raum derart vollständig mit Besuchern angefüllt hatte, daß ein Umhergehen nur schwer möglich war. „Eine Briefmarken-Börse" höre ich erstaunt und wohl auch ironisch fragen. Ja, eine dem bekannten Vorbild der großen Börse ziemlich genau nachgebildete Brieftnarkeu-Börse, die mehrmals hier im Monat Abends unter starker Betheiligung stattfindet und zwar stets unter Anwesenheit besonderer Briefmarken-Makler. Da stehen und sitzen die Sammler einzeln und gruppenweise zusammen, dort erscheint die schlanke Figur eines vielgenannten Hofschauspielers, hier sehen wir einen der begabtesten jüngeren Maler, deffen Bilder auf der gegenwärtigen Ausstellung besonderes Aufsehen erregen, und neben ihm erblickt
man den markanten Kops eines bejahrten Philologen, dessen gelehrte Graiumatiken schon mandjen Schüler zur Verzweiflung gebracht. In diesem Saaleaberhcrrschcn keiueanderenJntcrcssen vor, als nur das eine für bie kleinen, gedruckten bunten Blättchen Papier, die hier zum Kauf unb zur» Tausch arrsgeboten unb mit gespanntester Aufmerksamkeit betrachtet luerbeu. Es sind oft Werlhpapiere iu bcs Wortes vollster Bedeutung, denn wenn auch nicht die rothcn unb binnen Pcnny-Marken von Mauritius aus dem Jahre 1847, deren jede kürzlich in London mit fast siebentausend Mark bezahlt wurde, anf- tauchen, so fehlt es doch nicht an winzigen Blättchen, die zwei-, drei-, auch vierhundert Mark kosten und die häufig im Umsehen ihre Abnehmer finden, sowie an ganzen Sammlungen für vier- und fünftausend Mark, die mit wahrhaft nervöser Hast durchstöbert werden. Denn unter dem Zeichen des „Sammelfiebers" stehen mehr oder minder die sümmtlich hier Erschienenen, die sich meist untereinander kennen und die wissen, welche „Spezialitäten" dieser ober jener bevorzugt; ist doch das Gebiet der Briefmarken ein so umfang« reiches geworden, daß gewissenhafte Sammler sich bestimmte Länder zum Feld ihrer Sammelwnth erkoren haben, der eine nur Deutschland, der andere die ftanzösischeii Kolouieen, dieser Indien, der ausschließlich die Vereinigten Staaten vonsAmerika, unb so fort, und die Augen leuchten auf, und die Wangen röthen sich, wenn Der oder Jener eine seit Langem gesuchte, seltene Marke znm Angebot erhält und sie liebevoll mit der Lupe betrachtet, ob sie auch fein Fehlerchen aufweist — zwar der Preis ist ein großer, ein recht beträchtlicher, zögernd wendet ber Sammler das unscheinbare Blättchen hin und her, dann aber greift doch die Hand zur Börse unb, zählt entschlossen den Betrag auf — Gott fei Dank, daß der Kampf vorüber, daß i h m nun die Marke gehört, daß datz ihn schon so lange ärgernde freie Feld in seinem Album ausgefüllt wird, ihm zur Freude und seinem Sammel-Kollegen T. znm Neide, der nach derselben Marke schon feit Monaten vergeblich forscht!*)
*) Richt nur den Sammlern selbst bereiten die Briefmarken Freude, auch Andere«, die mit der Philatelie nichts zu thun haben. Der Verfasser nebst einigen litterorischen Freunden konnte vor Jahr und Tag durch das Sammel» von Briefmarken einer armen Lehrerin
Außer von diesem Philatelisten-Tage ist nicht allzu viel Neues aus Berlin zu berichten, es herrscht noch immer die j Zeit, wo „nichts los ist", und erst der nahendeHerbst wird wieder mehr Leben und Bewegung in die Weltstadt bringen unb damit zugleich die Tages- unb Wochen-Chronik reichhaltiger und fesselnder gestalten. Selbst aus dem Theater- ; leben, bas doch sonst mit feinen Ueberrafchungen aller Art au erster Stelle steht, ist diesmal nicht viel zu berichten; unter den „Probepfeilen", die allmählich imsere Bühnen abschießen, hat noch keiner recht das Centrum, alias ■ die Gunst des Publikums, getroffen, auch der jüngste nicht, ein vieraktiges Lustspiel von Rudolph Stratz: »Der Oberst von Branitz", das im Lessing-Theater zur ersten Aufführung gelaugte. Ein an sich liebenswürdiges Stück mit manchen gefälligen Scenen, dem eS aber an der spannenden Handlung und dem rechten Aufbau fehlt und das deshalb, trotz seines militärischen Charakters, nur mäßigen j Anklang fand. Denn Soldatenstücke stehen bei unsere« Publikum noch immer in hoher Gunst, das „zweifarbige Tuch" übt seine Anziehungskraft nicht nur im Leben, sondern auch auf der Bühne ans, und auch unfer Schau- ■ spiclhans hofft davon Nutzen zu ziehen, indem es schon in , Kurzem ein neues militärisches Lustspiel Gustav v. MofersM^ zur Darstellung bringen wird. \ ■'
Dcr „Lieutenants-Dichter par exceüence" hat von fein« frohgemutsten 1 literarischen Schaffens- und Wagelust nichts • eingebüßt, trotzdem er in kürzester Frist bereits ein fünfzig' jähriges Jubiläum feiert: fünf Jahrzehnte sind am zwölften September feit jenem Tage verstrichen, an welchem Gustav v. Moser als neugebackener Offizier die „Linden" entlang schlenderte und sich, gewiß mit Wohlgefallen, in der schmucken Gardc-Jäger-lluiform in ben Spiegelscheiben der großen Kaufläden betrachtete. Damals trug er sich noch mit keinerlei litrcrarischeu Plänen, erst mehrere Jahre später — er war unterdessen in das in Görlitz liegende fünfte Jäger-Bataillon
zu einem Klavier verhelfen, und er ist auch ferner für jede Zusendung (nach Berlin W., ® penerftr. 9) ausländischer Marienrc- herzlich dankbar, deren Ertrag er einem andern toolslthätüien Zweck, bem geplanten Rendau de» hiesigen, so sehr fegenSrciehru Asyls für Obdachlose zutoeuden wird.
