Abend-Ausgabe
Wiesbadener Tagblatt.
41. Jahrgang.
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jlo. 416.
Mittwoch, den 6. September
1893.
Einrichtung und Pflege von Schnigiirttn.
; | ’ Die Aufgaben der Volksschule, der früher nur der
Unterricht in den Elcmcntarfächern, nur Bibel, Katechismus und Gesangbuch, zukamen, haben sich mit der Zeit wesentlich erweitert. Es war natürlich, daß man ihr allmählich anch die Fürsorge für die Gesundheit der Schnlkindcr übertrug, daß Turnen, Ausflüge, Schwimmen in den Schulplan aufgenommen wurden. Damit hat es aber nicht sei» Bewenden gehabt. Der Handfertigkeitsunterricht ist aufgetreten und -fordert gebieterisch erweiterte Berücksichtigung in dem deutschen Volksschulunterricht. Es werden gegenwärtig alle Hebel angesctzt, um den Haushaltungsunterricht für Mädchen in die Volksschule einznführen. Erbittert tobt der Kampf der Meinungen, ob all' diese Zuthaten nicht dem eigentlichen Zweck der Volksschule, zunächst das Allgemeine zu lehren, Abbruch thun und einem verfrühten nnd nngesnndcn Fachunterricht den Weg bahnen würden.
In anderen Ländern hat man nicht solchen Nachdruck auf die theoretische Seite der Frage gelegt, sondern ist mit praktischen Veranstaltungen vorgegangen. Frankreich nnd Schtveden haben sich nicht gescheut, den Handfertigkeits- Unterricht in weitem Umfang zu einem obligatorischen zu machen, und gegenwärtig ist in Oesterreich ein Institut im Werden begriffen, das mit dem Beginn eines landwirth- schaftlichen Fachunterrichts schon in der Volksschule große Ähnlichkeit hat, wir meinen das Institut der Schulgärten. Was darunter zu verstehen ist, ist am besten aus folgender Instruktion über die Einrichtung und Pflege der Schulgärten ersichtlich, welche der niederösterreichische Laudesschul- räth vor Kurzem erlassen hat:
c Die Anlage des Schulgartens hat sich nach den örtlichen Verhältnissen zu richten. Die Pflege desselben hängt hauptsächlich von der Individualität nnd der Berufsliebe des Schnlgärtners ab; es läßt sich demnach eine allgemeine Norm in dieser Hinsicht kann: festsetzendoch erscheint cs nothwendig, einige allgemeine Gesichtspunkte fcstzustellen, die bei Errichtung eines Schulgartens maßgebend sein sollen: 1) Der Schulgarten ist zunächst vom allgemeinen, erziehlichen Gesichtspunkte zu betrachten. 2) Er darf weder ausschließlich Baumschule, noch botanischer, noch Gemüse- oder Blumengarten sein, er muß sich vielmehr, auf möglichst einfachen Grundprinzipien fußend, den lokalen Bedürfnissen eng anschließen.
Jeder vollständige Schulgarten soll nachstehende Bestand- theilc haben: 1) Eine Abthcilung für Obstbau; 2) a. in Weinbaugegenden eine Abtheilnng für Rcbenknltur; b) in Waldgegenden eine Abtheilnng für Waldkultur; 3) eine Abtheilnng für Gemüsebau; 4) eine Abheilung für land- wirthschaftliche Versuchszwecke nnd 5) eine Bicnenhütte mit Bienen. Die Größe des Schulgartens richtet sich nach den örtlichen Verhältnissen; in der Regel werden 3—5 Ar vollständig genügen. Der Schulgarten ist vor der Bepflanzung zu rigolen und einzuzäunen. Die Lage und Bodenbeschaffenheit müssen derart sein, daß derselbe seinen i Zweck auch wirklich erfülle. Der Platz für den Schulgarten soll so gewählt werden, daß in nächster Nähe desselben dem Bedürfnisse an Wasser Rechnung getragen werden kann. Für die Beistellung des erforderlichen Düngers und der zur , Bearbeitung des Schulgartens nöthigen Werkzeuge hat der Ortsschnlrath zu sorgen.
Der Unterricht im Schulgarten ist derart einzurichten, \ daß Kinder vom fünften Schuljahr an wenigstens eine ; Stunde wöchentlich, und zwar außer der Unterrichtszeit, hcrangezogen werden. Es ist selbstverständlich, daß nicht j eine ganze Schulklasse oder Abtheilnng int Schulgarten Verwendung finden kann, sondern daß abwechselnd eine kleine Gruppe von Schülern zu den Belehrungen und Arbeiten heranzuziehen sein wird. In welchem Umfang die Schulkinder an den vorbezeichneten Arbeiten selbst mit Hand anlegen, hängt von der Jndividnalität des Lehrers und der ^Schulkinder selbst ab. Schließt sich der naturkundliche Unterricht an einen gut und ortsgemäß eingerichteten Schul- । garten an, so kann der Lehrer in den Sommermonaten nach Maßgabe der Witterung und der Bedürfnisse des Unterrichts mit den Schülern der Obcrgruppe, beziehungsweise den einzelnen Klassen der Bürgerschule wöchentlich eine Naturgeschichtsstunde im Schulgarten abhaltcn, vorausgesetzt, daß dieser bereits entsprechend eingerichtet ist.
Wie in der Abtheilung für Obstbau die Arbeiten von ten größeren Knaben, so sollen die in der Gcmüsc- abtheilung vorzunehmende» Arbeiten vorzugsweise von den größeren Schulmädchen, vom fünften Schuljahr angefangen, vusgefiihrt iuerben. Die Bepflanzung des Randes mit blühenden Gewächsen soll mit Geschmack geschehen.
| Ein kleiner, und zwar nicht allgemein zugänglicher Raum soll, wo dies nur möglich, dazu verwendet werden, um auf demselben heimische Giftpflanzen sowie die für den
Hausgebrauch wichtigen gewerblichen und medizinischen Pflanzen zu kultiviren. Da jede Giftpflanze ihre» besonderen Habitus hat, der sich nur durch wiederholte Betrachtung der Pflanze in den verschiedenen Stadien der Entwickelung dem Gedächtnisse einprägt, so ist die Anpflanzung der Giftpflanze» für den Unterricht besonders eifrig zu verwerthen. Womöglich sollen anch für den eignen Gebrauch im Schulgarten einige Stücke guter Korbweideiisorten gepflanzt werden. An Orten, wo ein landwirthschaftlicher Lehrkursus besteht, hat der Schulgarten den Fortbilduiigsunterricht zu unterstützen.
lieber das Erträgniß des Schulgartens ist ei» Abkommen zwischen Ortsschnlrath und Schulleitung zu treffen, jedoch bedingt das erziehliche Moment nnd der Zweck des Schulgartens, daß Sämereien, Gemüse, Früchte und dergleichen, Edelreiser sowie die erzogenen Obstbänme an fleißige Schüler abgegeben, eventuell der Gemeinde ganz itneutgeltlich oder doch zu mäßigen Preisen zur Versügung gestellt werden. Der Bezirksschulrath hat darüber zu wachen, daß bei einem Dieustwcchscl des Schulleiters der Schulgarten nicht geschädigt, sondern int guten Zustande dem Nachfolger übergeben werde. Das Eigenthum des abtretendeu Schulleiters ist erforderlichen Falles abznlösen, jedoch darf der bepflanzte Schulgarten vom abtretenden Lehrer unter keinen Ilmständen geräumt, beziehungsweise ausverkaiift werden.
Wie man sieht, sind dem niederösterreichischen Schul- garte» weite Ziele gesteckt. Es springt in die Singen, daß derselbe sowohl für die Gesnndheitspflege der Jugend, als auch für einen gedeihlichen Anschauungsunterricht in der Naturwissenschaft von großer Bedcutnug werden kann. Jedenfalls ist diese Veranstaltung werth, daß ihre Entwickelung auch in Deutschland mit Aufmerksamkeit verfolgt werde. A
Politische Tages-Rundschau.
— Die Haltung der Lothringer beim Besuche des Kaisers in Metz bespricht ein Bericht des Pariser „Figaro". Der Verfasser bemüht sieh nach Möglichkeit hervorzuheben, daß in den Begrüßnngsarlikeln der französisch gesinnten Metzer Blätter diese Gesinnung dnrchgeschienen, daß manche Kundgebungen nur den Werth äußerlicher Vcr- anstaltnngen gehabt u. f. w. Aber er kann nicht umhin, znzugestehen, daß das Schauspiel ihm Eindruck gemacht hat, daß tein unangenehmer Zwischenfall vorgekommen, daß die Bevölkerung aus Stadt und Land massenhaft herbeigeströmt (was „trauernde Patrioten" doch nicht zu thnn pflegen!), und er schließt seinen Bericht: „Ich werde Ihnen das Ergebniß der Beobachtungen übersenden, welche ich in den französischen Ortschaften gesammelt und welche die Moral des Kaiserlichen Besuches in Metz sind. Das ist merkwürdig, belehrend und nicht lustig." Also erfreut scheint der ftanzösische Beobachter von seinen Wahruehmititgeii nicht zu sein. Das genügt uns. Der Berichterstatter des „Matin" geht sogar noch weiter; er findet, daß in der Gesinnung der Bevölkerung der Reichslande ein großer Wandel zu Gunsten Denlschlands vorgegangen ist; Lothringen habe bereits zu lange auf die Befreiung durch Frankreich gewartet. Die Kinder der im Jahre 1870 wieder zu Deutschland geschlagenen Bevölkerung seien bereits „Ralliirte" (Versöhnte).
— DieKonferenzen der Bundes-Regierungen zur weiteren Vercinbariing und Feststellung der Stener- gesetze haben gestern im Reichsschatzamt unter Vorsitz des Staatssekretärs Grasen Posadowsky begonnen. Es wurde zuerst über die Weinst en er verhandelt, worauf die Be- rathnug der Tabakfabrikatstcuer folgen soll. Man hofft, in der nächsten Woche mit den Verhandlungen fertig werden zu können. Vorläufig soll strenges Geheimniß über das Ergebniß bewahrt werden. Dabei ist aber der Wunsch gerechtfertigt, daß, sobald als irgend möglich, zuverlässige Mittheiliingcn veröffentlicht werden. Die Unsicherheit erzeugt nur willkürliche und unrichtige Vermnlhnngen und beuurnhigt oft ganz unnütz die belheiligten Erwerbskreise. Es ist auch in hohem Grade wünschenswerth, daß die letzteren in den Stand gesetzt werden, möglichst frühzeitig und gründlich ihre Ansichten und Bedenken geltend zu machen, um nicht, wie bei den Handelsverträgen, plötzlich und ohne die Möglichkeit erfolgreichen Widerspruchs vor fast fertige Thatsachen gestellt zu werden.
— Wie man jetzt hört, sollen die II r w a h l e n z u m p r e u - ßifchen Landtag ,Ende Oktober, die Abgeorbnctenwahlen Anfang November festgesetzt werden. Der Landtag wird indessen erst um Mitte Januar einberufen werden.
— Die überaus freundliche und herzliche Belobigung des polnischen Abcls und des galizischen Statthalters durch den Kaiser Franz Joseph in seiner Antwort auf die Ansprache des Landmarschalls in Jaroslaw hat in Wien Aussehen erregt. Alle Blätter besprechen die auffallende Ansprache und legen der rückhaltlosen Billigung des Vorgehens
der galizischen Vertreter durch die Krone eine große Bedeutung für die Zukunft bei. Auch aus der befonberen Auszeichnung, womit ber Kaiser auf die Verdienste des Statthalters Grafen Badeni hinwies, will man schließen, daß diesem für die Znkitttft eine hervorragende Rolle zn- gedacht fei.
— In England dauert der Aus stand der Kohlen- bergwerksleilte an und fährt fort, die bedenklichsten Konsequenzen nach sich zn ziehen. So gab infolge Kohlcn- mangels die Midland-Eifenbahngefellfchaft bekannt, daß ihre großen Werkstätten und Maschinenfabriken in Derby künftighin von Mittwoch bisMoutag jederWoche geschloffen würden. Hiervon sind 6000—7000Arbeiter betroffen. — Im Bezirke Alfreton (Grafschaft Derby), woselbst gegen 1000 Bergarbeiter beschäftigt sind, kamen ernstliche Ruhestörungen vor. Aitsständige Arbeiter griffen die Gebäude an, die zu den Kohlengruben von Toadhole und Oakethorpe gehören, zerbrachen Alles und zogen alsdann nach den Kohlengruben von Shirland. Da die Polizei den Meuterern nicht Einhalt thuu konnte, wurde eine Abthcilung Infanterie aus Sheffield entboten. Anch an anderen Orten wurden von den Ausständigen Unruhen hervorgeritfeu.
— In Paris war gestern das Gerücht verbreitet gewesen, Präsident Carnot sei operirt worden und die Operation hätte einen schlimmen Ausgang genommen. Die „Petite republiqne franyaise“ behauptet, die Verbreitung dieses Gerüchts sei auf ein wohlorganisirtes Manöver znrückzuführen, das bezwecke, die Umgebung Carnots zu beunruhigen und Carnot selbst zum Rücktritt zu veraulasfeu. Das Blatt scheint Recht zu haben, denn Caniot prästdirte gestern Vormittag in Fontainebleau einem Ministerrath. Die Minister fanden Carnot in bester Gesundheit. Carnot redete sie mit den Worten an: „Sie sehen, daß ich .mich) für einen Tobten nicht übel befinde." Die falsche Nachricht t ief in Paris ungeheure Aufregung hervor, und der Minister des Innern sandte allen Präfekten und Unterprüfekten telegraphisch ein Dementi. Die Polizeipräfektur hat Befehl erhalten, über den Urheber der falschen Nachrichten bezüglich der Gesundheit Carnots eine Untersuchung einzuleiten.
— In der amerikanischen Fachschrift „Jron Age" vom 10. August findet sich nachfolgende Bemerkung:
„Professor Neuleaiix aus Dcutschland zollte den ameri- kanischcn Arbeitern in einer in letzter Woche vor dem Ingenieur- Kongreß gehaltenen Ansprache hohe Auerkenmiug, indem er sagte: „Ich beobachte, daß Ihre (die amerikanischen) Arbeiter bis auf Viooo Zoll Genauigkeit arbeiten. Unsere (die deutschen) Arbeiter sangen hiermit geradeietzt erstatt." Die meisten Amerikaner, glauben wir, haben bisher unter dem Eindruck gestanden, daß die deutschen Arbeiter sich eine größere Genauigkeit ungeeignet haben, al§ die Maschinenbauer in den Vereinigten Staaten. Dieser Eindruck mag von der besonderen Durchbildung und mechanischen Geschicklichkeit herrühren, welche in anderen Gewerben als demjenigen des Maschinenbaues, namentlich im Baugewerbe, hervortritt. Der gute Professor mag hinsichtlich der Maschinenbauer im Recht fein, da unsere (die amerikanischen) Arbeiter dieses Gewerbszweiges sicherlich bemerkcuswerlh genaue Arbeit liefern, indem stePrcieisicmSinstrmueute oniDCnben, die außerordentlich empfindlich sind."
Dazu bemerkt btc Fachschrift „Stahl itnb Eisen":
„Da lins der offizielle Wortlaut der Verhandlungen noch nicht vorliegt, so enthalten wir uns bis dahin jeglicher Kritik; wir halten obige Wiedergabe für ungenau, da es uns unglaublich erscheint, daß ein offizieller Vertreter des Deutschen Reichs seine Anwesenheit drüben benutzt, um das Ansehen der Industrie seines Landes systematisch herabzusetzen."
Prof.Nenleaux ist bekanntlich ber Erfinder besvcrhängniß- vollen Wortes: „Billig unb schlecht".
Rom Kaiser-Manöver.
Metz, 3. Sept. Ter Beginn des Kaiser-ManöverS auf dem historischen Boden von Colligiiy war äußerst intereffaut. Dem Manöver der beiden Divisionen des 16. Korps, unter Leitung des Generals Graf v. Haeselcr, ztvischen Metz und Urville wohnte der Kaiser mit seinen fürstlichen Gästen bei. Der Kaiser, der als oberster Schiedsrichter fungirte, hielt auf der Höhe westlich von dem Dorfe Colliguy. Dieser Ort wurde nach heftigem Gefecht um 10 Uhr von dem Westkorps genommen und das Ost- korps gegen Urville znriickgedrängt. Hierauf folgte die Kritik, die bis 12 Uhr dauerte. Dann kehrte der Kaiser nach Urville zurück, und die übrigen Fürstlichkeiten begaben sich mittels Wagen «och der Stadt, woselbst sie Nachmittags Besuche abstatteten. Nach 6 Uhr begann die glänzende Auffahrt zur Mittagstafel, die um 7 Uhr im Militaikasiiio stattsand. Die bayrischen Prinzen, der König von Sachsen, der Prinz von Neapel und der Reichskanzler Gras Caprivi wurden von der in den Straßen zahlreich augesammelten Menge lebhaft begrüßt. Geladen waren die Spitzen der Landes- unb Be- zirksbehördeu, die Spitzen der Reichrländifchen Justizbehörden, die Präsidenten und Schriftführer des Laudesausfchuffes und desLand- wirthschaftsraths, iämmtliche Mitglieder des Bezirkstags Lothringens, die altdeutschen Großgrundbesitzer, die Handelskaininerpräsidenteii, verschiedene Großgrundbesitzer, die Bischöfe von Straßburg und Metz und die Präsidenten der Konsistorien, der Oberrabbiner, die Oberpostdirekloren, die Neichsbankvorsieher, die Bürgermeister von Straßburg und Metz und sämmtliche drei Beigeordnete, das Deuk- makoniite und der Erzgießer v. Miller aus München, im Ganzen 125 Personen. Um 63/« 11 bt kam der Kaiser von Urville an, überall mit lautem Hoch empfangen. Er schien über den lebhaften Empfang offenbar sehr erfreut zu fein und grüßte freundlichst nach > allen Seiten. Beim Festmahl drückte der Kaiser in feiner:
