Abend-Ausgabe-
iksbaökmr Sagblatt
1893
Freitag, den 25. August
N-. 396
gchenren Summen, welche für die Erbauung des Nordostseekanals, für die Befestigung Helgolands u. s. w. ausgegeben sind, wird sich keine Partei finden, die bereit wäre, auf etwaige Wünsche der Regierung nach der Schaffung einer großen Angriffsflotte einzugehen. Reichen die Kräfte Deutschlands auch aus, sein Heer so stark zu machen, als es zn seiner Sicherheit itnb zur Aufrechterhaltung seiner Stellung uothwcndig ist, so kann es sich doch nicht dazu den Luxus einer starken Angriffsflotte gestatten. Dieser Erwägung wird sich keine Negierung entziehen können, vom Reichstag würde sicherlich jede Neigung zur Bildung einer Flotte ersten Ranges für Deutschland im Keime erstickt werden. Der jetzige Reichstag ist patriotisch genug gewesen, der Negierung die Heeresverstürkung zu bewilligen und auch zum Trageir der damit verbundenen Opfer sich bereit zu erklären, wenn sie auf die tragfähigeu Schultern gelegt werden; jede Partei würde einen argen Stoß erhalten, wenn sie auf Marinefordernngen sich einließe, die über das nuumgängliche Bedürfniß hinausgingen. Die Regierung wird deshalb gut thun, wenn sie im nächsten Mariucetat nicht mehr die Praxis befolgen wollte, sich Raten für Schiffsbauten auf Jahre hinaus bewilligen zu lassen.
Wirth sch aMche Krisen.
(Von unserem eigenen Korrcspondeuten.-
PoiMsche Tages-Rundschau.
— Der Reichssteuerreform bringt man vielfach das übliche Mißtrauen entgegen, weil allerdings eine Steuererhöhung damit verbunden sein muß; es ist dabei aber nicht außer Acht zu lassen, daß der größere Thcil für die Deckung der Kosten der Militär-Vorlage und nur der Rest für die Sicherung der Etats des Reiches und der Einzclstaalenbestimmt sind. Wie die Dinge heute im Reichstag liegen, kann die Regierung unter keinen Umständen daran denken, eine größere unerwartete Forderung damit zu verbinden; es bedurfte wohl kaum eines bereits erfolgten offiziösen Dementis, daß der Negierung die Absicht fernliegt, im Zusammenhang mit der Steuerreform im Reiche mit bedeutenden Marineforderungen an die gesetzgebenden Faktoren heranzntretcn. Bei jeder Etatsberathung im Reichstag erneuert sich bei allen Parteien der Wunsch, die Forderungen für die Marine meinem Zeitpunkte, wo das Heerwesen neue große Anforderungen stelle, zu beschränken auf das unerläßlichste Maß. Auch in der letzten Session des vorigen Reichstags ist danach verfahren worden; das Plenum des Hauses schloß sich durchweg den Vorschlägen der Budget- Kommission an, welche allein bei den Schiffsbauten die ersten Raten für ein Panzerschiff, zwei Panzerfahrzeuge, eine Krcnzerkorvette, einen Kreuzer und einen Aviso zu streichen beantragte. Keine Partei würde wohl heute die Verantwortung dafür übernehmen wollen, daß die Lasten, welche Deutschland durch die Verstärkung seines Heerwesens zu tragen hat, noch durch ungeheure Marineforderungen vermehrt werden. Der Reichstag trat im vorigen Winter dem Beschlüsse seiner Kommission bei, weil nirgends das Verlangen herrscht, neben dem Militäretat auch noch den Marineetat bis auf ein kaum erträgliches Maß anschwellen zu lassen. Wenn nun in einige» Blättern in den letzten Tagen davon die Rede gewesen ist, daß die Regierung beabsichtige, eine starke Angriffsflotte zu bauen, so war diese Mittheilungvon vornhereinsehrdnrchsichtig; sie wurde aufgebracht von einer Seite, welche der geplanten Steuerreform von Beginn an mißtrauisch und feindlich gegenüber gestanden hat. Die Verbreitung der Mittheilung verfolgte lediglich den Zweck, gegen die Reform, welche man nicht billigen zu können glaubt, Stimmung zu machen. Der Reichstag wird sich höchstens damit einverstanden erklären, daß der Flottrn- gründungsplan von 1888 verwirklicht wird; nach den un-
Es wäre geradezu frevelhaft, wenn diese mittleren Bürgerschichten dnrch eine ungerechte Steuervertheilung noch mehr belastet und hierdurch die Unzufriedenheit bei ihnen weiter genährt würde; das aber träte unbedingt ein, wenn die Tabaksfabrikatsteuer in der Weise, wie es Regicrungsbätter verkündet, ihre Verwirklichung fände, d. h. wenn die Cigarrensorten gleichmäßig besteuert würden, so daß also das Hundert für fünf Mark denselben Steuerertrag liefern sollte wie das Hundert für dreißig und vierzig Mark. Das Gleiche trifft bei der geplanten Weinsteuer zn; gegen eine höhere Besteuerung der Luxuswcine werden selbst die, die sie trinken, kaum etwas cinzuwendeu haben, die geringeren Weinsorten aber, aus denen die kleineren Weinbauern ihr Einkommen ziehen, die soll man steuerfrei lassen. Warum geht man um den Branntwein, der leicht jährlich mit dreißig Millionen Mark „bluten" könnte, so scheu herum? Man beklagt die nm sich greifende Irreligiosität und Roheit, man sucht dem „Branntweittteufel" mit schönen,salbungsvollen Ermahnungen, mitKirchenbanten und projektirten Trunkenheits-Paragraphen fei» Feld abzugraben — und die eigentliche Quelle verschont man aus bekannter politischer Rücksichtnahme! Wir hoffen, daß hier der Reichstag noch ein ernstes Wörtchen mitsprechen wird.
Ucbcrhanpt dürfte sich der Reichstag seiner Macht in der nächsten Session wohl bewußt werden, zumal wenn die obigen Stcuerprojekte in der gefürchteten Fassung au ihn hcrantreten und wenn, wie gleichfalls versuchsweise ange- kündigt, auf Kosten des Publikums die Reichspost und die Staatsbahnen noch einige Millionen mehr jährlich einbriugen sollen. Es ist eine durchaus falsche Auffassung, wenn man annimmt, daß der Reichstag die Mittel zur Militärvorlage unbedingt bewilligen muß; er kann dies einfach ablehnen und die Regierung ersuchen, sich mit den Bdatrikularbeiträgen zu behelfen, und die Landtage der einzelnen Staaten können daum sehen, wie sie die erhöhten Steuern „auf ihre Weife" aufbringen, lind das kann sehr leicht eintreten, wenn man die „schwächeren Schnltcru" bedrückt; auf keinen Fall findet sich hierzu im Reichstag eine Mehrheit, und cs wäre zu wünschen, daß sich dies die Regierung schon vorher vergegenwärtigt und nicht erst durch das Einbringen weniger gut zn rcchtsertigenden Steuervorlagen viele Kreise, die dnrch ihr Gewerbe :c. auf eine Festigkeit der politischen wie wirth- schaftlicheu Lage augewiesctl sind, grundlos beunruhigt und schädigt 1 __________
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□ gci-liit, 23. August.
Nicht nur in politischer Beziehung dürfte der Sommer dieses Jahres für verschiedene Staaten von besonderer Bedeutung sein, sondern auch in wirthschaftlicher, wobei wir , von dem Zollkriege zwischen Deutschland und Rußland gänz- s lich absehen. Allem Anschein nach geht der wirthschaftliche ? Weltmarkt einer bcmcrkenswcrthcn Krisis entgegen; der plötzliche Silbcrsturz in Indien machte den Beginn und zog mehr oder minder fast sümmtliche civilisirte Staaten in ■ Mitleidenschaft, da der Werth des Silbers ganz bedeutend sank, und noch fühlbarer wird sich die Aushebung der Sherman-Bill übM Silbcranküufe Seitens des amerikanischen Senates gestalten, zumal bei den Staaten der lateinischen Münzkonvcution. Man rechnet den Schaden, den Frankreich, Griechenland, Belgien und Italien haben werden, nach vielen Hunderten von Millionen Mark, und bei den regen Handelsverbindungen sowohl wie bei dem Vorhandcu- sein vieler staatlicher und privater Werthpapiere jener Länder in deutschem Besitz wird der Rückschlag auch bei uns zu fühlen sein. Ganz direkt getroffen wird die Silberproduktion in unserer engeren Heimath, wie im Harz re., und der Staat, der im Besitz der hauptsächlichsten Silbcrgrubcn ist, dürfte einen recht fühlbaren Schaden erleiden; daß auch das an den meist von | Aktiengesellschaften verwalteten übrigen Gruben betheiligte
Privatkapital nicht ohne schwere Benachtheilignng davon- t kommen wird, liegt auf der Hand. Werden hier aber nur ganz vereinzelte Kreise betroffen, so dürfte ein viel empfindlicherer Schlag vielen Zweigen unserer Industrie und unseres Handels Seitens Amerikas bevorstehen, wo infolge jenes Silbcr- stnrzcs ein allgemeiner „Krach" befürchtet wird; viele amerikanische Banken haben schon jetzt ihre Zahlungen eingestellt, l zahllose Privaivermögen sind dadurch bereits verloren gegangen, und deren werden noch weit mehr in Verlust ge- - rathen, wenn, wie man leider mit größter Wahrscheinlichkeit^ ' annehmen muß, eine Reihe der ersten amerikanischen Eisenbahnlinien in Konkurs geräth. Bei den wichtigen wirth- " schriftlichen Wechselbeziehungen zwischen Amerika und Dculsch- ; land werden auch wir jene Krisis zu verspüren haben, und
bei allein Unglück ist es noch ein Glück, daß uns dank ° unserer Goldwährung nicht auch noch jene Münz-Kalamität g betrifft.
Ans Vorstehendem erficht man, daß es kaum einen ungünstigeren Zeitpunkt für die Regierung geben könnte als den gegenwärtigen, um neue und nicht geringe Steuern zu erlassen. Aber nachdem die Militärvorlage bewilligt, müssen j | die hundert und mehr Millionen Mark herbeigeschafft werden, es handelt sich nur noch nm das „wie" und „woher". Und hier kann mau im Interesse der inneren Ruhe und Zufriedenheit unseres Vaterlandes und seiner Bewohner nicht warm j genug wünschen, daß die einzelnen Regierungen in der Auswahl der Steuern wie ihrer Vertheilung auf die verschiedenen Bevölkerungsschichten eine glückliche Hand haben möchten.
- Der Schreiber dieses hat auf kürzlichen Reisen in Mittel- Deutschland und zwar in Gegenden, die als wohlhabend gelten, vielfache Berührung mit dem soliden kleinen Bürgcr- stande, der oft als das „Mark" des Volkes, das von sozial- demokratischen Bestrebungen noch nicht zersetzt ist, bezeichnet wird, gesucht und gefunden, und er hat manch' herbe und, was noch schlimmer ist, berechtigte Klagen zu hören bekommen. „Um die Bauern, nm die Arbeiter, um die großen Herren kümmert man sich stets im Reichstag, ob und wie w i r leben, ob unser Handwerk und Gewerbe gedeiht oder nicht, ist den Herren Gesetzgebern gleich, und doch müssen wir gerade den Haupttheil der Steuern tragen — man drängt uns ja mit aller Macht zur Sozialdemokratie*) hin!" so hieß es an vielen Stellen.
*) Oder, wie in Hessen, zum AiitisemitirmuS; verschiedene anti- semitische Reichstagsabqeordnete verdanken ihre überraschenden Wahl- crfolge nur der von ihnen ausgcgebenen Parole, daß sie Handwerk und Gewerbe kräftig schützen wollen. UebrigenS will ja nun die Regierung durch eine Organisation dcS Handwerks und die Regelung des Lehrlingswesens dieser Frage energisch näher treten; man be- i fürchtet nur vielfach, daß die Obsorge auss Nene mit einer starken Belastung durch Schreibereien u. f. w. für die Handwerker verquickt V fein wird.
Deutsches Deich.
* gof- und Urrsonal-Nachrichtkn. Der Kaiser reiste Mittlvocv Abend 9'/» Uhr von Friedrichroda ab; er wurde vom Herzog Alfred und vom Prinzen Wilhelm von Baden zum Bahnhöfe geleitet. Die Laudwehrvercine bildeten Spalier. Der Kaiser hielt vor der Abfahrt eine kurze Ansprache au die Vereine. Von dem überaus zahlreich herbeigeströmten Publikum wurde der Kaiser mit Hurrahruscu begrüßt. — Gestern früh traf der Kaiser in Schwerin ein und nahm im Schlosse Wohnung. — Sichern! Vernehmen nach fieht die Prinzessin von Schaumburg-Lippe, Tochter Kaiser Friedrichs, zn Neujahr einem frohen Ereignttz entgegen. Infolgedessen wird die Kaiserin-Mutter auf dcu ursprüiW- lich geplanten Winteraufenthalt in Italien vora-nssichtlich Verzicht«.
* Kerls», 25. Aug. Die offiziöse „Nordd. Allg. Ztg." bringt einen Leitartikel über die beabsichtigten Stcuerprojekte; sie betont, die große Abneigung der Bevölkerung gegen das stärke re Hcranziehen des Tabaks zur Deckung der Bedürfnisse des Reichs sei völlig unbegründet, und verweist auf Frankreich, England und Oesterreich, welche Länder aus der hohen Besteuerung oder der hohen Verzollung des Tabaks große Einnahmen erzielten. Das Blatt hält den Tabak für das stencrsähigste Objekt. — Es verlautet, die Thorner Festunas Übung sei weniger wegen der Cholcragefahr, als wegen der auf 4 Millionen Mark veranschlagten Kosten ansgegebeu worden. Die nächstjährigen Kaisermanöver werden voraussichtlich iii Ostpreußen stattsindeu. — Entgegen den Meldungen veischiedener französischer Blätter versichert die hiesige russische Botschaft, ein! Abkommen Rußlands mit Frankreich, betreffend eine angebliche Operalionsbasis des zu formireuden Mittelmeergeschwaders, existire nicht. Alle diesbezüglichen Angaben feien erfunden.
* Der verstorbene Herzog von Gotha war mit unserem Kaiser auf das Junigste befreundet. Der Herzog kam freilich seltener in den letzten Jahren nach Berlin; das zunehmende Alter war hieran Schuld. Als 1888 Kaiser Wilhelm II. in Gegenwart fast der gesammten deutschen Fürsten den ersten Reichstag eröffnete, da fehlte natürlich Herzog Ernst nicht. Mit einer freudigen Begeisterung war er der Anregung gefolgt; mit jugendlichem Feuer sprach er hier feine Anschanugen ans, des Deutschen Reiches Herr- jichkeit und Glanz als das Endziel aller seiner Bestrebungen bezeichnend. Mit diesem Wunsche ist er in das Grab gesunken, ein echter und rechter deutscher Fürst. Wie es heißt, dürfte mit dem Kaiser auch die Kaiserin Friedrich beit Traucrseierlichkeiten in Coburg beiwohnen. In dem Telegramm Caprivis an den neuen Herzog Alfred heißt es: „Der Verewigte hat, durch.hohe geistige Gaben unterstützt, an der Entwicklung der deutschen Einheitsbestrebungen und des deutschen Reichs so lebhaft Antheil genommen, daß sein Andenken im Reich unvergeßlich sein wird." — Profeffor Kngel (Gotha) nahm eine TodteumaSke des Herzogs ab. Mittwoch Mittag erschien auch Gustav Freytag am Sarge des Herzogs.
* Ahlmardt hat in Berlin am Dienstag über die Ziele seines Antisemitismus gesprochen, als die er die Austreibung aller Judcu, auch der gelausten und der „Mischlinge", aus Deutsch- jand bezeichnete. Die christlich-soziale Partei geht ihm nicht weit genug, dagegen entpsahj er, mit dem antisemitischen Flügel der Deutsch-Sozialen Hand in Hand zn gehen, auch bereit konservativen Flügel (also Liebermann v. Souuenberg) rücksichtslos zn bekämpfen. Uebcrhaupt sei bie konservative Partei mehr tote jebe andere Partei von den Antisemiten zu bekämpfen, weil die Konservativen den Antisemilisntus nur zu selbstsüchtigen Zwecken bemitzen wollten. Die konservative Partei habe ihn bei den Wahlen auch am heftigsten bekämpft. Im Uebrigen sei es nolhwendig, daß letzt die verschiedenen antisemitischen Richtungen zusantmeugehen; so empfehle sich eilt Zusammengehen mit der Böckelschen Resormpartet. jedenfalls müsse die antisemitische Partei eine Volkspartei fein. Wenn die Partei in dieser Weise ffeißig agitirc, dann werde sie bei den nächsten Wahlen im Reichstag die Mehrheit erhalten. Der bevorstehende norddeutsche Antisemiten-Parteitag werde einen Ceuttal- punkt für diese Agitation schaffen.
» Schmuggel. Uebereinftintmenbe Meldungen von der preußisch-russischen Grenze bestätigen nicht allein die ungeheure Zunahme des Schmuggels infolge des Zollkrieges, sondern betonen auch, daß Seitens der sonst sehr streugeu und rücksichtslosen russischen Greiizwacheu nichts geschieht, nm beit Schmuggel russischer Maaren nach Deutschland zu verhindern Im Gegentheil, cS ae- winnt beinahe den Anschein, daß von dieser Seite Alles geschieht, tun diesen unrechtmäßigen Verkehr geradezu zu fördern. Eine Verstärkung des diesseitigen Grenzansseher-PersoiialS ist bereits im Gange und wird auf Grund der neuesten Wahrnehmungen wohl nach Möglichkeit beschleunigt werden. Stainer der Verhältnisse sind jedoch der Ansicht, daß es damit allein nicht gethan wäre, und daß sich bei einer längeren Dauer des Zollkrieges die diesseiftge
«». Jahrgang.
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