Abend-Ausgabe
1893
Samstag, den 12. August
K-. 374.
sich allen einsichtigeren Beobachtern in beiden Reichen so stark aufdrängen, daß man hoffen darf, bei gutem Willen beiderseits über manche Schwierigkeiten Hinwegzukommen. Die Entstehung von politischen Mißhelligkeiten aus diesen Vorgängen hält man jedenfalls für ausgeschlossen.
— Aus Südwest-Deutschland wird geschrieben: Das Projekt einer Reichs-Weinsteuer hat in den weinerzeugenden Gegenden des Südens und Westens eine keineswegs beifällige Aufnahme gefunden. Alan erhebt den Einwand, daß diese Besteuerung eine unbillige Belastung einiger wenigen deutschen Landschaften zu allgemeinen ReicbSzweckcn sei und daß, entgegen den Zusicherungen der Regierung in der vorigen Reichstagssession, wieder ein Zweig der Land- wirthschaft die Kosten der Steuerreform zu tragen haben werde. Voraussichtlich würde die Weineinfuhr aus bcnt Auslande, namentlich aus Italien, wieder in verstärktem Maße wachsen und dem ohnehin schwer ringenden und wenig lohnenden deutschen Weinbau der Wettbewerb immer schwieriger gemacht werden. Die Wirkungen einer inländischen Wciustener durch Erhöhung der Weinzölle auszugleichcn, sind wir zudem durch die Handelsverträge verhindert. Auch die in Nord-Deutschland vielfach herrschende Anschauung, daß der Wein lediglich ein Getränk der wohlhabenden Leute sei, wird von jedem Kenner der weiubautreibenden Landschaften als unrichtig bezeichnet werden müssen. Der geringe Preis der Landweine gestattet es in diesen Gegenden auch kleinen Leuten, sich einen solchen Genuß zu verschaffen, und eine Vertheuerung des Weines würde darum nicht nur vom Standpunkte des betreffenden Gewerbes, sondern auch dem der Verbraucher, und zwar nicht dem der wohlhabenden Vermehrer besserer Produkte, unangenehm empfunden werden. Es wird schwer halten, dies Projekt durch den Reichstag zu bringen, wenn es nicht gelingt, die Interessen ber kleinen Weinbauer und auch des die geringen Erzeugnisse verzehrenden Publikums zu schonen. Mit einer Tabakfabrikatsteuer würden sich die Tabaksbaner vielleicht versöhnen, in andern Zweigen dieses wichtigen Gewerbes erheben sich freilich auch gegen dieses Projekt schwere Bedenken.
— Nach Hunderten von Millionen sind die Verluste zu berechne», die das deutsche Volks kapital aus den mehr oder minder verhüllten Zahlungseinstellungen Argentiniens, Portugals und Griechenlands erlitten hat, denn von deutschen Bankhäusern waren für nicht weniger als rund 1300 Millionen Mark Papiere dieser Staaten im Nennwerth übernommen und zum größten Theil auf den deutschen Geldmarkt gebracht worden, und essanken seither die unverhältnißmäßig hohen Emissionskurse durchschnittlich um mehr als 50 v. H.l In die Fußtapfen dieser überschuldeten und nicht mehr zahlungsfähigen Staaten wird nunmehr in absehbarer Zeit die Republik Mexiko treten, das wird verblümt selbst von jenen Börsenorganen zugestanden, die dem Berliner Bankhanse Bleichröder nahe stehen. Dieses Haus hat, so schreibt die „Tägl. Rundschau", im Jahre 1888 für 210 Millionen und im Jahre 1890 für 122 Millionen Mk. 6 v. H. mexikanische Staatspapiere übernommen und erstere zum Kurse von 78'/«, letztere gar zu dem unglaublich hohen Kurse von 93' « auf den deutschen Geldmarkt gebracht. Infolge der Nachrichten über die finanzielle Mißlage Mexikos und mit Rücksicht auf die voraussichtliche Ziusverkürzung — es handelt sich nicht mehr um das Ob, sondern nur noch um das Wie — sind die mexikanischen Staatspapiere auf 533/., also um 25 bezw. 40 v. H. gefallen, was einen Verlust von annähernd 90 Mill. Mk. für das deutsche Volkskapital bedeuten würde, falls das Emissionshaus alle seine mexikanischen Papiere in Deutschland an den Mann gebracht hat. In den Händen der berufsmäßigen Spekulation dürfte davon nicht viel vorhanden sein, da man in diesen Kreisen längst das Unvermeidliche erkannte, namentlich seit dem starken Rückgang des Silberpreises. Auffallend war die Tendenz zahlreicher deutscher Börsen- und politischen Zeitungen, ja selbst gelegentlich des offiziösen telegraphischen Büreaus, bis in die jüngste Zeit die Finanzlage Mexikos in stark optimistischem Lichte erscheinen zu lassen. Ja, vielleicht wäre — obwohl Abrechnungen über den mexikanischen Staatshaushalt niemals veröffentlicht worden sind — noch im Juni d. I. eine neue mexikanische Anleihe von 50 Mill. Mark auf den deutschen Markt gebracht worden, wenn nicht am 20. Juni d. I. die „Nordd. Allg. Ztg." an hervorragender Stelle in einer offiziösen Notiz das deutsche Kapital vor der Betheiligung an einer neuen mexikanischen Anleihe mit Hinweis auf das Zögern der englischen Finanzkreise mittelbar gewarnt hätte. In gewissen Börsenblättern wurde damals der Reichsregierung vorgeworfen, daß sie mit solchen Winken in offiziösen Blättern die Kurse drücke. In Wahrheit hat sie dadurch, wie sich jetzt herausstellt, das deutsche Volkskapital in dankenswerther Weise vor neuen Verlusten bewahrt.
— Die russisch-ungarische Annäherung, dies hi die Hundstage fallende, würdige Projekt hitzköpfiger Magyaren, scheint für die Zeit parlamentarischer Ruhe ein bischen Unterhaltungsstoff abgeben zu sollen. Hervorragende Mitglieder der ungarischen Unabhängigkeitspartei erklären zunächst, der vortreffliche Herr Rimler habe zu den Unterhandlungen mit Rußland behufs Herbeiführung einer russisch-ungarisch-französischen Allianz kein Mandat von der Partei gehabt. Gabriel Karolyi, welcher in Turin mit Kossuth gesprochen hat, erklärt, Kossuth habe gesagt, das sei eine verrückte Idee verrückter Welschen; doch erhellt aus Mittheiluugen der genannten Mitglieder der Partei, daß der Partei-Angehörige Pazmandy sich mit obiger Idee gern und viel beschäftige. Offenbar handelt es sich um eine private Koperation Pazmandys mit Rimler. Wie inzwischen der Pariser Berichterstatter der „Franks. Ztg." hört, will der „Eclair" morgen ein Interview mit dem Deputirten Pichvn, betreffend die vom „Pesti Naplo" veröffentlichten Meldungen über einen Entwurf der Grundzüge einer russisch-ungarischen Annäherung, veröffentlichen, der von Pichon, Jguatieff und dem ehemaligen österreichischen Hofsekretnr Rimler ausgearbeitet sein soll. Pichon sagt, er sei überzeugt, daß eine russisch-uugansche Annäherung ein wirksames Mittel zur Zerstörung der Tripelallianz sein würde, und er habe sich infolge dessen mit einflußreichen Petersburger Persönlichkeiten und Mitgliedern der ungarischen Unabhüngigkeitspartei in Beziehung gesetzt. Die vom „Pesti Naplo" angegebenen Grundzüge des Einvernehmens seien aber durchaus phantastisch. Die Besprechungen hätten nur bezweckt, die ungarische Animosität gegen Rußland zu beseitigen. De» Diplomaten werde es späterhin zufallen, praktische Konsequenzen daraus zu ziehen. — Da muß man denn ia Ruhe abwarten, welcher Bodensatz schließlich znrückbleibt. '
Volttische Tages Rundschau.
— Es wird bestätigt, daß spätestens am 1. Oktober, vielleicht auch noch elwas ftüher, die Verhandlungen über unsere Handelsbeziehungen zu Rußland lieber ausgenommen werden. Wir haben Grund zu der Annahme, daß man in Berliner Regierungskreisen jetzt einen künftigeren Erfolg der erneuten Verhandlungen erwartet, «uf beiden Seiten scheint die Ansicht sich geltend zu machen, °aß eine längere Fortdauer und weitere Verschärfung des Zollkriegs die Jntereffen beider Länder ernstlich schädigen Würden; namentlich sollen auch in den landwirthschaftlichen eisen Rußlands die Bedenken und Besorgniffe im Wachsen kiffen sein. Die Zustimmung des gegenwärtigen Relchs- o zu einem Handelsvertrag mit Rußland mit der unver- dlichen Ermäßigung der landwirthschaftlichen Zölle zu mgen, wird allerdings nicht leicht sein. Indessen, die jaltbarkeit und Gefahr des jetzigen Kampfzustandes muß
Der Termin handel mit Getreide.
, Zu den Auswüchsen der Börse gehört auch der Termin- Handel mit Getreide, und die Forderung der Landwirthe, daß gegen denselben eingeschritten werden muß, findet bei allen kinsichtigen Volkswirthschaftspolitikern vollste Unterstützung. Der Terminhandel mit Getreide an der Produktenbörse schädigt, wie übrigens hi.er schon mehrfach ausgeführt, den Produzenten wie den Konsumenten in gleicher Weise, weil durch ihn der Getreidcpreis rein willkürlich gemacht wird. Weder der Ernteausfall noch die Zölle sind von maßgebendem Einfluß auf den Preis der Brodfrucht, die Höhe desselben hängt davon ab, wie die Börsenspekulanten, welche als Terminhändler die Hauptrolle an der Produktenbörse spielen, zu ihrem Vortheil den Preis drücken oder treiben. Es handelt sich bei dem Terminhandel um Abschlüsse auf einen bestimmten Termin, aber die Verkäufe vollziehen sich nicht in Wirklichkeit, sondern sind nur „auf dem Papier", d. h. fingirt. Der Verkäufer hat ebenso wenig irgend welchen Getreidevorrath zur Verfügung, wie der Käufer im Ernste auf das gekaufte Quantum reflektirt. Beiden kommt cs nur darauf an, am Ausgange des Termins mit einer profitablen Preisdifferenz abzuschneideu, welche durch gewaltsame Beeinflussung der Preise herbeigeführt wird. Es ist also ähnlich so wie bei dem Differenzgeschäft in Effekten an der Fondsbörse. Da der Terminhandel stets einen beliebigen Umfang annehmcn kann, weil immer nur die Differenzbeträge, nicht aber die vollen Kaufsummen in Frage kommen, so erklärt sich sein großer Einfluß auf den Stand der Preise. An einem Tage kann die ganze Ernte Europas spielend verkauft werden, wobei auch nicht ein einziges Weizenkorn vom Verkäufer in die Hände des Käufers übergeht. Um ihre Manipulationen weniger durchsichtig erscheinen zu lassen, bedienen sich die Matadore der Getreidebörse sogenannter Strohmänner, so daß es schwer ist, die eigentlichen „Macher" zu erkennen.
Das Treiben der Terminhändler muß ganz entschieden verurtheilt werden, denn die Brodfrucht, das hauptsächlichste Volksnahrungsmittel, darf kein Spielball in den Händen der Börse sein. Am empfindlichsten wird durch den Termin- Handel der Landwirth geschädigt, welcher sich gefallen lassen muß, daß er für sein Getreide den Preis erhält, welchen ihm die Börse vorschreibt. Groß ist aber auch die Schädigung des Konsumenten, dem das tägliche Brod ganz erheblich vertheuert wird, was man Seitens der Börse den Zöllen und bent — Bäcker in bie Schuhe schieben möchte, llnb nicht nur Probuzent unb Konsument, auch ber reelle Getreidehaudel hat unter dem Terminhanbel zu leiben, beim beut solchen Händler wird durch seine Terminkollegen oft ein böser Strich durch bie Rechnung gemacht, und er ist nie sicher, daß ihm seine auf Wirklichkeit basirten, bestkombinirten and auLsichts- oollsten Transaktionen nicht in vierundzwanzig Stunden schmerzliche Verluste bringen. Der bekannte Volkswirth- schastspolitiker Dr. Ratzinger in München macht gegen den Terminhandel den Vorschlag, daß an der Börse ein staatliches Arrangementsbüreau eingesetzt wird, welches jeden Schlußschein im Produktenhandel abstempeln und die Steuer festsetzen soll. Dann werde sich ersehen lassen, wer nur Differenzspiele niache, und der müsse hinansgewiesen werden. Zum Verkaufe ihres Getreides sollten sich die Bauern, meint Herr Dr. Ratzinger weiter, in Associationen vereinigen und an das Militär und den Grossisten direkt verkaufen.
Sicher kann eine Unterdrückung des verwerflichen Terminhandels nur durch eine schärfere staatliche Beaufsichtigung der Produktenbörse erreicht werden, und es ist bringend zu wünschen, daß regierungsseitig dementsprechende Maßnahmen getroffen werden, damit die Börse wird, was sie fein soll: der Faktor zur Preisbildung nach dem wirklichen Verhältniß von Angebot und Nachfrage.
Verlag: Langgaffe 27.
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Deutsches Reich.
* gof- unb Personal - Nachrichten. Von einer Ab- daukunasabsicht des Prinzregenten von Lopern zu Gunsten seines ältesten Sohnes, des Prinzen Ludwig, nehmen die „Munch. Nenest. Nachr." nach einer Mitlheilung des „Nürnberger Anzeigers" Notiz, indem sie eine Aeußerung wiedergeben, die „ein sehr hochstehender Herr" zu seiner intimen Uingebnng geiüan hoben solle! „Ich werde nicht nach Wunsch offen und rückhaltlos von den Dingen unterrichtet, die Excellenzen suchen mir Alles zn beschönigen!" „Selbstverständlich." bemerken die „Münch. Nenest. Nachr." hierzu, „müssen wir die Verantwortung auch hierfür dem Nürnberger Blatte überlassen. Daß diese und ähnliche Gerüchte in München wirklich kursiren, können wir allerdings bestätigen."
* Kerlin, 11. August. Der „Hamb. Börsenhalle" tvird von Berlin telegraphisch gemeldet: „Finanzminister Dr. Miquel kaufte das znm Bleichröderfchen Nachlaß gehörige Grundstück, Wilhelni- straße 64, für 1,900,000 Mk.
* Uever bas Urobeschieffen, welches auf Helgoland dieser Tage während der jüngsten Anwesenheit des Kaisers am 8. d. M. abgehalteu wurde, entnehmen wir einem von der „Poft" veröffentlichten längeren Bericht folgendes Nähere: „Bei dem Panzerthurm Nr. 4 sollte das Probeschießen stattfinden, das schon seit einigen Tagen bie Phantasie der Helgoländer beschäftigt hatte. Der Gemeindevorstand hatte durch sein Publikationsorgan, den Ausrufer, allen Hausbesitzern das Ersuchen zurufen lassen, um diese Stunde die Fenster zu öffnen, damit der Luftdruck nicht die Scheiben zerdrücke. Dicht neben dem mit 47 Kilogramm Pulver geladenen Riesengeschütze, auf das sich alle Blicke richteten, stand der Kaiser; weiterhin als Leiter der Kapitäulieutenantv. Semmern, als Thurm- Kommandeur der Lieutenant zur See Schoppe und Seitens der Fortifikation der Premierlieuteuant Nicolai. Vom Kommandoruf hörte man in der Ferne nichts. Plötzlich erfolgte ein furchtbarer Knall, als berste die Insel in zwei Hälften: umheimlich zischend flog das Geschütz seine Bahn, schlug in das Wasser ein, fuhr wieder heraus und verschwand alsdann in der Fluth, während der Donner der Kanone hoch oben in den Wolken ein Echo fand. Vierzehn Kilometer, das sind etwa zwei deutsche Meilen, hat das Geschoß zurückgelegt! Zehn Minuten später erfolgte ein zweiter auf geringere Entfernung, der erwartete dritte blieb ganz aus. Diese Probeschüsse, die nicht, wie ber Helgolänber annahm, auf Scheiben gerichtet waren, hatten lebiglid) ben Zweck, bie Festigkeit des Thurmes gegenüber dem gewaltigen Luftdruck zu prüfen, und es fiel Alles zur Zufriedenheit Sr. Majestät aus. Auch die Sorgen, die man in der Thal wegen der Häuser unb Fenster gehabt hat, .erwiesen sich als unbegründet. Auch von ber Nordfpitze der Insel ut nichts abgebröckelt. Im Unterlaube hat man von beiben Schüssen gar nichts gehört. (?) . ,
* Rundschau tut Reiche. Meldungen aus Danz: a zuiolge, werden Pläne ausgearbeitet, dort großartige Anlagen für einen Freihafen zu schaffen, welcher allerdings große Summen tn Anspruch nehmen, dafür aber wesentlichen Einfluß auf bie Leitung des Handelsverkehrs ansüben werde. — Der vielgenannte Oberbürgermeister Hegel maier in Heilbronn wurde wegen Urknudenfälfchung zu drei Monaten Gesängniß verurtheilt. — Bei dem Kaiser- Manöver im Saarbezirk nimmt die Lustfchfffer-Abtheilung Berlin mit zwölf Ballons Thul.
Ausland.
* fttSM'witNachdem (wie schon gemelbtü ber Gemeinderach zu Prag trotz des Verbotes ber Statthalterei fort- fährt, Straßentafelii mit czechischeu Namen anzubringen, steht besten behördliche Auflösung bevor. „
* Italien. Die „Nordd. Allg. Ztg' meldet ans Rom: GS herrscht hier großes Erstaunen darüber, daß die „Hamb. Nachr. fortfafjten, bie Mittheilung von der Existenz eines rtalienilch-
«. Jahrgang.
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