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Abend-Ausgabe

lksbildmer TsgM

1893

Dienstag» den 8. August

Po. 366.

i

wie dies z. B. gegenwärtig mit der in der Mandschurei herrschenden Noth der Fall ist. Die Reichen des Landes scheinen sich nicht viel darum zu kümmern, den Unglücklichen, die in ihrer unmittelbaren Nähe deS Hungers sterben, die nöthige Hülfe znkonimen zu lassen — ausgenommen sie sind Beamte. Das Schlimmste aber ist, daß der Grund für die zahlreichen Todesfälle in einem von der Hungers- noth betroffenen Distrikte weniger in dem Mangel an Lebensmitteln, d. h. Cerealien, zu suchen ist, als in dem von Geld. Dies geht daraus hervor, daß die Regierung, wie dies im Jahre 1891 der Fall war, auS den betroffenen Gegenden nach wie vor Getreide, welches ihr als Abgabe zukam, aus denselben nach Peking cxportiren ließ. 3« einem so großen Reiche wie China, welches sehr verschiedene Klimata anfzuweisen hat, darf man wohl annehnien, daß jedes Zahr dieser oder jener Theil einen Mangel an nöthigem Regenfall haben wird oder viel mehr Regen, als er vielleicht gebraucht. Dieselben Ursachen aber, welche einen Distrikt ärmer machen, haben znnieist auch zur Folge, daß andere dadurch bereichert werden; falls die Ernte in manchen Provinzen Chinas schlecht ansfällt, so kann man wohl annehmen, daß sie in anderen besser als im Durch­schnitt sein wird. Es wäre demnach die richtige Methode, daß der Distrikt, welcher eine reiche Ernte hat, dem heim- gesuchten zu Hülfe kommt. Die Selbstsucht der Chinesen läßt dies aber nicht zu; anstatt sich mit einem Preise zu begnügen, der dem Verkäufer keinen Nachtheil bringen würde, treibt derselbe bei HnngerSnöthen dieselben so sehr in die Höhe, daß den Betroffenen der Ankauf zumeist ganz un­möglich wird. Daß Hunderttausende deshalb des Hungers sterben, rührt ihn nicht tat Geringsten.

Die Landesregierung ist natürlich für diesen Zustand der Dinge direkt verantwortlich, und doch strengt sie sich nicht an, um dem liebel abzuhelfen, obgleich sie wohl weiß, daß ihr große Menschenmassen, die plötzlich ohne eigene Schuld rninirt und zur Verzweiflung gebracht sind, keine erwünschten Unterthanen sein können. Selbsterhaltung ist das erste Natur­gesetz, und nichts ist natürlicher, als daß Diejenigen, welche Nahrung im Ueberflnß haben, sie mit Denen theilen sollten, die Mangel daran leiden. Und doch thut die Regierung nur wenig, um einem solchen Zustand abzuhelfen; sie erläßt zu­meist die Steuern, und das ist in Wirklichkeit auch Alles, was das Volk erwartet. Wir Europäer, die wir an das Wort der Revolutionäre: „Brod, Brod oder Blut" gewöhnt sind, können es nur schwer begreifen, wie die heimathloseu, verztveifelten Horden, die dem Hungertode nahestchen und die von Ort zu Ort auf der Suche nach Brod wandern, sich nicht auf die Regierungsbeamteu stürzen und von ihnen Hülfe verlangen. Es ist wahr, Letztere dürften nicht im Stande sein, ihren Forderungen nachzukomnten, doch würden sie sich gezwungen sehen, etwas für sie zu thun, da sie sonst befürchten müßten, von ihren Posten abgesetzt zu werden. Die Antwort auf die Frage, warum nun diese Flüchtlinge, obgleich dem Hungertode nahe, nicht in offene Rebellion aus- znbrechen wagen, ist wohl die, daß der Chinese von Natur eine duldsame Ausdauer besitzt. Das höchst traurige Schau­spiel spielt sich deshalb leider nur zu häufig in China ab, daß man Tanseude von Menschen ruhig des Hungers sterben sieht, obgleich die Mittel, sie am Leben zu erhalten, in aller» nächster Nähe zn finden sind. Doch ist das chinesische Volk an dieses seltsame Schauspiel gewöhnt, und mit dem Gleich- muth eines Stoikers fügt sich der Chinese — als Fatalist — in das Schicksal, welches er als unabivendbar betrachtet.

Was kann aber schließlich die Regiernng, so lange als die Verkehrsmittel des Landes — ungeachtet des aus­gedehnten Kanalnetzcs — so langsam und kostspielig sind, dafür thun, um dem Unheile, welches eine Hungersnoth hervorruft, zu steuern? 3m Augenblick, in dem wir schreiben, herrscht in der Mandschurei eine Hungersnoth. Der Kaiser hat angeordnet, daß 800,000 Pieul Reis in die der Unterstützung bedürftigen Gegenden entsandt werden, doch treten der Ausführung dieses Befehls sehr große Hiiidernisse in den Weg, weil die Transportmittel unzureichend sind. Könnte man die Cerealien ohne Verzug der hungerleidenden Bevölkerung zuführen, so würde manches Leben gerettet werden. Es wird hohe Zeit, daß der Kaiser und sein Volk zur Einsicht kommen, daß Gebete, die er und seine Man­darine zum Himmel um Regen und dergleichen senden, nicht den gewünschten Erfolg haben, und daß man auf andere Mittel fttmtn muß, um ähnlichen Vorkommnissen vorzubeugen. Das wirksamste Heilmittel würde unzweifel­haft die Einführung von Eisenbahnen im ausgedehnten Maßstabe sein, mittels deren die Lebensmittel ohne Verzug ihrem Bestimmungsorte zugeführt werden könnten. Es ist daher erfreulich, zu finden, daß der Kaiser von China den großenWerth des eisernen Dampfrosses anzuerkennen scheint. Als man ihm nämlich unlängst einen Bericht über die in Schanst herrschende Hungersnoth abstattete und ihm zu ver­stehen gab, daß der Transport der Cerealien der schlechten

Wiederkehrende Hungersnoth in China.

: Die schmerzlichste Geißel, unter der die Bewohner Chinas zu dulden haben, ist die periodisch wiederkehrende Hungersnoth, von der zumeist die Provinzen des Reiches be­troffen werden, mit denen die Ausländer am besten bekannt sind. Mag auch der Hoangho den vielsagenden Beinamen .Chinas Sorge" tragen, und mag auch das Unheil, welches dieses mächtige Gewässer in der Vergangenheit angerichtet Hut, außerordentlich groß gewesen sein, so ist doch jede ans Dürren folgende Hungersnoth ein bedentend beklagens- imtheres Unglück zu nennen. Fast kein 3ahr vergeht, ohne daß nicht diese oder jene Provinz, mitunter auch mehrere auf einmal, von dieser Geißel gezüchtigt werden, deren Schlügen dann eilte Bevölkerung erliegt, die häufig nach Hunderttausenden, falls nicht gar nach Millionen gezählt roirb. Die Feder sträubt sich, das tiefe Elend zu beschreiben, welches die von dem Unglück heimgefuchten Bewohner trifft. Frauen und Kinder werden von ihren Gatten und Vätern auf den öffentlichen Markt gebracht und wie das Vieh an den Meistbietenden verkauft, ja, die Mutter schätzt sich glücklich, falls es ihr freisteht, in ihr Elternhaus zurück- zukehreu oder das Leben ihrer Kinder möglicher Weise da­durch zu retten, daß der Gatte sich damit begnügt, sie zu verlassen, in der Hoffnung, fein eigenes Leben vor dem Hnngertode zn bewahren.

Die Geschichte Chinas während der letzten Jahrhunderte zeigt mehr als zur Genüge, wie schrecklich die Bevölkerung tuitev den Folgen von anhaltenden Dürren zu leiden gehabt hat. Nehmen wir z. B. den Bezirk, in dem Shanghai ge­legen ist, so finden wir, daß derselbe seit den letzten 500 Jahren nicht weniger als sechsttnddreißigmal von Hungersnoth Betroffen wurde. Nord-China scheint von diesem nationalen Unglück häufiger heimgesucht zu werden als der Süden des Reiches. So wurde durch die Hnugers- noth in den Jahren 1810 und 1811 die Bevölkerung um die fast unglaubliche Zahl von 21 Millionen vermindert. Cs waren zumeist die westlichen Provinzen Schansi, Scheust, Kansu, ferner Honan und Tschili, die am meisten zu leiden hatten. Die Bevölkerung Chinas

welche nach dem offiziellen Ceusns in 1809 rund 352 Millionen betrug, fiel infolge dessen im Jahre 1812 auf 333 Millionen. Erst im Jahre 1821 erreichte die Ein- wohuerzahl Chinas wieder eine Höhe von 350 Millionen. Tie nächste große Hungersnoth war die der Jahre 1846 bis 1849, der etwa 15 Millionen Menschenleben zum Opfer fielen. Dreißig Jahre verflossen, und die schreckliche Hnngers- itotlj der Jahre 1878/79 brach in Nord-China aus; mehr als 12: Millionen erlagen derselben. Die große Hungersnoth bes Jahres 1889 ist noch frisch im Gedächtnis; unserer Leser; wie viele Millionen ihr zum Opfer fielen, wird wohl nie bekannt werden. Die Jahre 1891, 1892 und das lausende Jahr haben ebenfalls gezeigt, wie verheerend diese Geißel auf die Bewohner wirkt. Es waren die Provinzen Tschili, Schensi und Schansi, welche zumeist darunter zu leiden hatten, und gegenwärtig ist es die Mandschurei, von aus die kläglichsten Berichte über das dort herrschende Mend in die Oeffentlichkeit dringen.

L Der Grund, warum Süd-Chiua von Dürren wettiger zu : leiben hat, als der Norden des Reiches, scheint darin zu liegen, daß es sich jedes Jahr von Frühling bis zum Herbst schwerer Regen erfreut, die durch die Winde von der an­grenzenden See herbeigeführt werden. Süd-China ist außer­dem gebirgig. Obgleich nun der Norden des Reiches nicht k chne Gebirgszüge ist, so hat er doch ungeheure Ebenen auf- | ftweisen und liegt in dem Areal, welches von den astatischen Wommer-Cyklonen, die ihren Ursprung in Indien haben, r°ttührt wird. Die Gegenden leiden ferner, weil sie theil- B«ife weit von der See liegen, wodurch der Regenfall sehr un- r ficher wird. Nord-China ist überdies während der Wintermonate Wtgemein trocken, weil erstlich wenig Schnee dort fällt — J$ie vorherrschenden Winde sind von Norden und Nordwesten, k^nd zweitens, weil Inner-Asien keine Seen hat, von welchen I bie Nord- und Nordwestwinde Wasserdämpfe mit sich führen | Junten. Die Hitze Indiens und der Mangel an Seen in I *ta tartarischen Ebenen sind demnach die Hauptursachen | die Dürren in Nord-China und eine darauf folgende V Hungersnoth.

Wenden wir uns zunächst der Frage zu, was für Mittel 161e Landesregierung und das Volk im Allgemeinen in An- I ®tabung bringt, wenn gewisse Gegenden des Reiches von L?uer Hungersnoth heimgesucht werden, so kann man nicht ■MHpten, daß sie dem Umfange der dringenden Noth ent- I »rechm. Die Regierung zögert allerdings nicht lange damit, I.» öffentlichen Kornspeicher zu offnen, doch find die Ver­kehrswege ausnahmslos so schlecht, daß es viele Wochen, |?«in nicht Monate, in Anspruch nimmt, ehe das Getreide F* den von der Hungersnoth berührten Gegenden anlangt.

Verkehrsmittel halber langeZcit in Anspruch nehmen werde, soll er die Bemerkung gemacht haben: „Wie schön wäre es, falls wir jetzt eine Eisenbahn von Peking nach Schansi hätten! Wir könnten daun in ein paar Tagen den Noth- leidenden Hülfe zn Theil werden lassen." („Ostas. Lloyd.")

Politische Toges - Pimdschmr.

— In den letzten Tagen sind verschiedentlich Erörterungen durch die Presse gegangen über eine Neuregelung der Militär-Dienstpflicht der Volksschullehrer nach Annahme der Militär-Vorlage, welche die zweijährige Dienstzeit bei der Infanterie gesetzlich festlegt und die Uebungen der Ersatzreserve, mit welcher seit 1890 zugleich die Volksschullehrer ausgebildet und eingezogen wurden, be­seitigt. Es läßt sich der große Uebelstand nicht hinweg­leugnen, welcher für die Lehrer, bereit Ausbildung bei der jetzigen kurzen Dienstzeit von 10 Wochen immer eine höchst mangelhafte und notdürftige bleiben muß, daraus er­wächst, wenn sie bei Hebungen in der Reserve oder Land­wehr unter vollkommen militärisch ausgebildete Leute gesteckt werden. Ein Gefühl der Unsicherheit im Dienst, welches das Bewußtsein einer höchst dürftigen Ausbildung hervorruft, wird sie nie verlassen, Strapazen des Dienstes, andauernde Märsche bei glühendem Sonnenbrände (alles Auforderiingeu, die während der kurzen Ausbildungszeit nicht an sie gestellt werden konnten und für welche sie nicht geschult und vor­bereitet sind, weder theoretisch noch praktifch) werden diese Einberufenen nur mit Aufbietung der letzten Kräfte zu er­tragen fähig sein. Andrerseits liegt aber auch ein un­berechenbarer Nachtheil für die Armee darin, daß alle Intelligenz, welche in diesen Kreisen sich konzentrirt, für milftärische Zwecke ungenutzt bleiben muß. Und doch ist unter den Bol^schullehrern sowohl hinsichtlich der Bildung, als auch körperlichen Tüchtigkeit ohne Zweifel ein vorzügliches Material zu Unteroffizieren des Benrlaubtenstaiidcs u. s. w. vor­handen. Praktisch nutzbar kann dasselbe mir gemacht werden bei längerer Dienstzeit der Volksschullehrer. Nun wird in einer Zuschrift an die „Kölnische Zeitung" (Nr. 624 vom 4. August) aus Lehrerkreisen bic Berechtigung zum Dienste als Einjährig-Freiwillige für die Lehrer gefordert. Daß der Seminar-Abiturient die zur Erlangung des Berech­tigungsscheines für den einjährig-freiwilligen Militärdienst nothwendigen Kenntnisse besitzt, soll nicht geleugnet werden, und für Den, welcher daran noch zweifelt, wird der Hinweis des Artikels der „Kölnischen Zeitung" genügen, daß bereits häufig Seminar-Abiturienten die Prüfung für Einjährig- Freiwillige mit gutem Erfolge bestanden haben, während manchmal junge Leute mit dem Berechtigungsscheine die Anfttahiueprüfting für das Seminar weniger glücklich ab­legten. Ob man nun aber ohne Weiteres die Lehrer als Einjährig-Freiwillige einftelleii kann, hängt zu­nächst davon ab, ob die Mehrzahl derjenigen Kreise, ans denen die Majorität der Vollsschnllehrer hervorgeht, im Stande ist, die damit verbundene nicht unerhebliche Last zu tragen. Vielfach refrutirt sich das Volksschullehrer-Pcrsoual aus den Kreisen von Lehrern und niederen Beamten, welche mit schweren Opfern die Ausbildung ihrer Söhne ermöglichen und froh sind, wenn dieselben endlich zu Brode kommen. Ob das Militärjahr, welches solchen Eltern die Verpflichtung anferlegt, ihre Söhne zu kleiden und zu unterhalten und nach aller Ver- muthnng wohl ebenso große Opfer erfordert als die früheren Jahre der wissenschaftlichen Ansbildniig, nicht die siiianzielle Leistungsfähigkeit der Eltern übersteigt, dürfte doch mindestens zweifelhaft sein. In vielen Gegenden ist es Brauch, daß auch wohlhabendere Landwirthe ihre jüngeren Söhne dem Lehramts zuführen. Diese würden natürlich die Opfer bringen können, welche der einjährige Dienst verlangt. Wie groß aber die Zahl ist, welche aus diesen Schichten dem Lehrerstande zustrebt, darüber fehlen alle Ermittelungen, die doch für diese Frage von besondereni Interesse wären. Für die ans unbemittelten Kreisen hervor­gehenden Volksschullehrer wäre daun noch der Ausweg vorhanden, daß sie durch die Möglichkeit einer Zurückstellung vom Militärdienste bis zum vollendeten 25. Lebensjahre Gelegenheit erhielten, in den vorhergehenden Jahren ihrer Berufsthätigkeit, die doch durchschnittlich mit dem 21. Lebens­jahre oder noch etwas früher beginnt, sich so weit auf eigene Füße zu stellen, daß sie, mit einem kleinen Zuschüsse von Hause die Kosten des Dienstjahres bestreiten könnten. Es fragt sich aber, ob solche Ersparnisse bei den gegen­wärtigen Besoldungs-Verhältnissen überhaupt möglich sind ohne übermäßige Einschränkungen. Wenn nicht, so wäre für die finanzielleAufbesserung des Volksschnllehrer-Standes ein neuer Grund vorhanden. Ohne Zweifel würde die Ein­führung der Berechtigung zum einjährig-freiwilligen Dienste für die Volksfchullehrer, falls sich die vorliegenden Hinder­nisse nicht als unüberwindlich erweisen sollten, nur in jeder

Verlag: Langgasse 27.

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