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Abend-Ausgabe.

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41. Jahrgang.

Verlag: Langgasse 27.

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Witthschaftlicher Krieg mit Rußland.

(23oii unserem eigenen Korrespondenten.)

□ Kerli», 1. August.

Der Sommer dieses Jahres wird in den politischen roniken unserer Staatsmänner noch lange mit gesperrter Echrift verzeichnet stehen; während sonst die Minister im tot verweilten, während in den Kanzleien behaglichste e herrschte und der sogenannte „offiziöse Draht" stens zu den Geburtstags-Depeschen einiger gekrönter ter benutzt wurde, herrscht diesmal die eifrigste Thätig- it auf allen politischen Linien und tritt der Bnndesrath, cn Mitglieder in den früheren Jahren um diese Zeit allen Richtungen hin zerstreut waren, zu immer neuen d wichtigen Sitzungen zusammen. Rach der Militär- Borlage, nach dem Konflikt Frankreichs und Siams steht jetzt plötzlich der zwischen Rußland und Deutschland aus- gebrochene Wirtschaftskrieg im Mittelpunkt des öffentlichen Interesses, ein Krieg, umso uuverwutheter gekommen, als an im Hinblick auf die langausgesponnenen Verhandlungen r beiden Länder, einen beide Theile beftiedigenden Haudels- ag zu Stande zu bringen, auf alles Andere eher ge- ; war, als auf einen jähen Bruch der wirthschLftlichen Ziehungen dieser beiden mächtigen Nachbarn.

Dieser Bruch, der nicht von deutscher Seite ausgegangen etwa provocirt worden ist, wird bei uns, den einzelnen leiströniungen mit ihren wirthschaftlichen Sonder- eressen angemessen, eine sehr verschiedenartige Aufnahme en: hier dürfte man ihn mit einem, wenn auch vorläufig «och verhaltenen Jubel, dort mit sichtlicher Niedergeschlagen­heit und trüben prophetischen Ausblicken in die wirthschaft- Zukunft Deutschlands begrüßen.

Zu Beidem, zur Freude wie zur Verzagtheit, bietet sich bei ruhigem Ueberlegen unseres Erachtens keine Veranlassung

Waldeck, wo auf 10,000 Strafmündige nur 40—44 Ver* urtheilte kommen.

— Ein wahrhaft drakonisches Duellgesetz hat die Kommission des belgischen Senates mit erdrückender Mehrheit angenommen. Die vom Senator Baron de Coninsk beantragte Vorlage, deren Annahme auch in der Kammer für sicher gilt, geht gegen die Duellanten selbst und die übrigen an einem Zweikampfe Betheiligten mit einer bis jetzt noch nicht dagewesenen Strenge vor. Sie spricht im Falle eines Duells mit tödtlichem Ausgauge für den überlebenden Duellanten die Todesstrafe wegen beabsichtigten Mordes aus, auch wenn bewiesen ist, daß der Duellant gar nicht zielte. Die Zeugen eines solchen Zweikampfes werden mit zehn- bis zwanzigjähriger Haft bedacht, so daß es den Duellanten in Zukunft recht schwer werden dürfte, Zeugen und Aerzte — Letztere sind den Zeugen gleichgestellt — zu finden. Ein besonderer Abschnitt des Gesetzes behandelt die Offiziersduelle und zwar in einer Weise, welche die Oppo­sition des gesammten belgischen Offizierkorps tzervorruft. Bekanntlich tritt manchmal der Fall ein, daß der Regiments­kommandeur ein Duell zwischen zwei Offizieren direkt anordnet, was natürlich nur in einem besonders schweren Falle vov kommt. Das neue Duellgesetz verfügt nun die Entlassung des Regimentskommandeurs, welcher ein Duell zwischen zwei Offizieren angeordnet hat, ohne Pensionsanspruch und ohne Grad. Uebcrdies bleibt er für die Folgen des Duells dem Strafgerichte verantwortlich. Die dem Offizierkorps an­gehörigen Duellanten werden gleichfalls strafweise entlassen und überdies strafgerichtlich abgeurtheilt.

— Die Russificiruugsbestrebungen in Polen zeitigen Un­glaubliches. So wurde jetzt das sehr selbstverständliche Er­suchen des Archäologeukongresses in Wilna um Erlaubniß, daß alte polnische Dokumente auf dem Kongreß in polnischer Originalsprache verlesen werden dürften, vom General­gouverneur abschlägig beschiedcn. Ob die Russen sich ein­bilden, durch derartige Vergewaltigungen die Polen russischer zu machen?

Politische Tages-Rundschau.

— Die Kriminalstatistik des Deutschen Reiches für das Jahr 1891 zeigt leider wiederum eine Steigerung der Strafthaten gegenüber dem Vorjahr, und bedauerlicher Weise spielt das jugendliche Alter dabei wieder eine Haupt­rolle. Das Jahr 1891 ergiebt gegen die Zahl im Vor­jahr ein Mehr von im Ganzen 361 Strashandlungen. Die Zahl der an diesen Strafhandlungen beteiligten Personen hat um beinahe 10,000 zugenommen. Das Jahr 1890 hatte 381,450, das Jahr 1891 391,064 Verurtheilte. Die Zahl der v er urth eilt en Jugendlichen ist nm 1310 höher als im Vorjahr: das Jahr 1890 hatte 41,002, das Jahr 1891 42,312 jugendliche Verurtheilte. Der Ge- sanimtzuwachs auVerurtheilicn kommt zu neun Zehnteln auf Rechnung der Delikte gegen das Vermögen, be­sonders auf Diebstahl und Betrug, zu einem Zehntel auf Rechnung der Delikte gegen die Person, besonders Körper­verletzung. Auch die Zahl der Vorbcstraflen unter den Verurtheilten hat sich gegenüber dem Vorjahr nm 8000 vermehrt. Unter den einzelnen Gebictstheilen steht diesmal Bremen mit 214 Verurtheilten auf je 10,000 strafmündige Einwohner an der Spitze der Kriminalität, nirgends im Deutschen Reiche, auch in Berlin nicht, ist die Sicherheit des Eigenlhnms so gefährdet als im Bremer Gebiet. Auch in Unzuchtsdelikte» nimmt Bremen neben Baden die höchste Relativstelluiig im Reiche ein. Dann folgen Wcst- preußeu, die bayrische Rheinpfalz, Posen, Hamburg, Ost­preußen, Schwarzburg-Rudolstadt, Schlesien, Berlin u. s. w. Den niedrigsten Stand behaupten Schaumburg-Lippe und

somit gesehen, daß Deutschland als Getreide-Konsument nicht auf Rußlands Lieferungen aiigewieseu ist, sondern daß viele und reiche Produktions-Länder, die durch neue Verkehrs­wege immer weiter erschlossen werden, sich um die Bc- friebigung des deutschen Bedarfes drängen, und daß speziell der Bedarf an Roggen als Brodkoru sich den Ernte-Ver- hältnisscn anzupassen weiß, indem mangelnder Roggen nöthigeiifalls durch Weizen ersetzt werden kann." Auch ist nicht durch das Fernbleiben des russischen Getreides eine Steigerung der denischen Getreidepreise zu befürchte», da die letzteren von Weltmarkts-Preisen abhängig find und dies« durch das Ausfallen des russische» Exports nach Deutschland ftuun berührt werden. In dem obigen, sehr gewissenhaftem Bericht heißt es dann weiter: „Dafür, daß wir unsere Gctreide-Vertragszölle an Rußland gewähren, fällt also das dieses Entgegenkommen nnterstützende deutsche Konsumeiiten-Jnteresse weniger in die Wagschaale, und der Hauptuachdruck kann auf die Frage gelegt werden, welche Vortheile Rußland unserer iudustrielleil Ausfuhr als Entgelt für die Zulassung seines Getreides zu unserem Markte ge­währe» wird, lind damit wir auf Anerbietungen dieser Art eingehen können, wird Rußland sich zu sehr erheblichen Zoll- ermäßigungc» verstehen müsse». Denn fast alle deutschen Jndnstrieen stimmen in dem llrtheil überein, daß die russischen Zölle sehr weit über die Grenze, bei welcher ein Export noch möglich ist, hinausgehen, und daß geringfügige Herabsetzungen also nichts nutzen würden."

Sind diese Wünsche gegenwärtig auch hinfällig geworden, so spiegeln sie doch in werthvoller Weise die Ansichten be­stimmter deutscher Industriezweige wieder, denen an einem derartig erschiverteii und belasteten Export nicht gar so viel zu liegen scheint. Gerade unsere Eisen-Judustrieen haben ja auf der Weltausstellung in Chieago den größten Erfolg erzielt, vielleicht werden hierdurch werthvolle neue Verbin­dungen angeknüpft, welche die gestörte Ausfuhr nach Ruß­land leichter verschmerze» lassen. Allen Erwartungen nach wird Deutschland nicht der Theil sein, der die Kosten dieses Zollkrieges z» tragen hat!

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Die häufig vertretene Ansicht, daß wir von den russischen Getreide-Lieferungen abhängig sind, ist falsch, denn selbst in schlimme» Erntejahren, wo uns der russische Markt durch Ausfuhrverbote gesperrt blieb, konnten wir laut amtlicher Bekundignng unseren Bedarf an Brodfrüchten auf dem übrigen Weltmärkte decken. Ferner haben auch wir uns, wie es Rußland mit verschiedenen deutschen Judustrieen ge- thau, Don der russischen Getreide-Einfuhr allmählich unab­hängig zu machen gesucht, beim nach bem soeben erschienenen, von den Aeltesten der Kaufmannschaft von Berlin herans- gegebenen „Bericht über Handel und Industrie im Jahre 1892" betrug die deutsche Gesammt-Einfuhr aus Ruß­land in Prozenten:

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Scwieseuen großen Reiche lebhaft zu bedauern, nicht nur national-ökonomischen, sondern auchvom rein politische» Stanbpunfte aus, denn die Spannung, die sowieso schon fische» beiden Ländern besteht, wird durch einen Zollkrieg Ehrlich nicht vermindert. Nun aber das Unvermeidliche geschehen, nicht durch unsere Schuld, wie wir nochmals Worheben, muß man der Thatsache auch gelassen zu be-

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Schnen wisse» und ohne optimistische wie pessimistischeUeber- toungen die voraussichtlichen Folge» erwäge», umso mehr, Ä dieser Zollkrieg geraume Zeit dauern wird. Den» jene Missager, die schon jetzt behaupte», daß Rußland, nachdem $ seinen Schaden besehe», bald zu Kreuze krieche» dürfte, £ werde» sich allem Anscheine nach als schlechte Propheten Steifen; Rußlands Vorgehen, zumal gegen Deutschland, W viel zu planmäßig, als daß man es hier etwa mit einer Bett» vorübergehenden Laune zu thun hätte; schon im ' ' ^teteffe seines Ansehens bei andere» Staaten könnte Ruß- W binnen absehbarer Frist nicht von selbst nachgeben, W wenn man nicht die Halsstarrigkeit und den größteu- iulein aus Neid hervorgegangenen Deutschenhaß des ungefügen zWschen Büren in Betracht ziehen will.

L,@iu Glück ist es noch, daß der von Rußland mit vollster ^Wberlegung gegen uns geführte Schlag uns nicht un- Bffiereitet trifft, sondern daß Rußland für eine allmähliche gesorgt hat, indem es in den letzten Jahr- g^nten viele Zölle auf deutsche Einfuhrartikel erhöhte und °^urch die betreffenden Judustrieeii zwang, sich allmählich |r”cre Absatzgebiete zu suchen. Infolgedessen hat sich die putsche Einfuhr nach Rußland hin von Jahr zu Jahr ver­ändert, derart sogar, daß die russische Ausfuhr nach Deutsch- Wd um das Dreifache höher ist als die deutsche Einfuhr. Wch offiziellem Material belief sich der Waaren-Anstausch beide» Länder im Jahre 1891: daß Rußland^nach

Mvtsehland für 578,701,000, Deutschland aber nach Ruß- nur für 145,336,000 Mark exportirte. Unter der russischen

^luhr nahmen Weizen, Roggen und Hafer sowie und ans Holz gefertigte Maaren die Hauptstelle ein, F“cr der deutschen Ausfuhr stehen in erster Linie Eisen W Edelmetalle sowie Brennstoffe (Coaks und Steinkohlen), ^'sie letzteren Jndnstrieen dürften eine Schädigung erleiden,

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Deutsches Reich.

* und perfonal-Uachrichten. Die kaiserlichen Prinzen sind bei ihrem Sommer-Aufenthalt zu Wilhelmshöhe bei Cassel wiedernni durch Zudringlichkeit des Publikums belästigt worden, so daß der Oberbürgermeister von Cassel sich veranlaßt ge­sehen hat, eine Bckannlinachung zu erlassen, tu welcher er an das Pnblikinn das Ersuchen richtet, jede Belästigung der kaiserlichen Familie, insbesondere durch massenhaftes Ansanimeln au den dir Absperrung begrenzenden Wegen, durch zudringliches Besehen uub dergleichen, zu vermeiden und überall diejenige korrekte und taktvolle Zurückhaltung zu beobachten, welche von jedem Gebildeten erwartet werden darf. — Die Herzogin Marie v. Teck, Prinzessin von Großbritannien und Irland, Mutter der Piiuzessiu Aictoria-May, welche den Herzog von Uork geheirathet hat, wurde gestern Abend in Brüssel erwartet. Am Mittwoch wird die Prinzessin mit ihrem Gefolge nach Deutschland Weiterreisen.

* Krrlin, 2. August. Der „Post" zufolge Wird int Kultus­ministerium eine Denkschrift über den polnischen Sprach- und Religions-Unterricht aiisgenrbeitet; sie dürfte den späteren Be- rathungen des Gesannutministerinms zur Unterlage dienen. — Der „Natlib. Korr." zufolge, werden bei der bevorstehenden Konferenz der Finanzminister eine Anzahl ausgearbeiteter Steuerprojekte zur Besprechung gelangen. — Das „Dentfche Kolonialblatt" entnimmt einem Privatbriefe des Majors Wißmann, daß aus Rjidgi kommende Leute erzählen, Emin Pascha sei westlich vom Ryanza ans den Araber Said bin Abad getroffen, und der Araber habe, weil (Sntitt amVietorinsee angeblich drei Araber hinrichteu ließ, ihn mit der ganzen Karawane niedermachen lassen. — DieAeltesten der hiesigen Kanfmauitschast beschlossen, an den Reichskanzler die Bitte zu richten, daß die vor dein25. v. M. in Rußland zur Ein­fuhr nach Deutschland gekauften Waaren noch zn den alte» Zollsätzen über die deutsche Grenze gelassen werden.

* Statistisches. Rach amtlicher Zusammenstellung der Ge­schäfte bei den preußischen und waldeckischen Justizbehörden für die Jahre 1890—1892 stellten sich die Geschäfte der Amtsgerichte tote folgt dar: A. Civilsachen. I. Bürgerliche Rechtsstreitig- feitett. Von den anhängig gewordenen Sachen betrug die Zahl der Wahusachen 1890 1,238,218, 1891 1,409,476, 1892 1,488,620, der gewöhnlichen Prozesse 1890 743,298, 1891 822,600, 1892 910,401, der Urknndenprozesse 1890 92,729, 1891 115,(555, 1892 129,559, der Ausgebotsverfahren 1890 10,004, 1891 9700, 1892 9914, der Arreste und einstweiligen Verfügungen 1890 33,416, 1891 37,787, 1892 40,126, der Zwangsversteigerungen von Gegenständen des unbeweg­lichen Vermögens 1890 15,703, 1891 16,676, 1892 19,976, der Ztoangsverwaltuitgen 1890 2957, 1891 3384, 1892 4215. Die mündlichen Verhandlungen erreichten eine Zahl von 1,109,571 i» 1890, von 1,204,236 in 1891, 1,362,254 in 1892; darunter waren kontradiktorische Verhandlungen 1890 539,246, 1891 553,804, 1892 609,700. II. Konkursverfahren wurden eröffnet in 1890 2778, 1891 3544, 1892 3626. III. Von nichtstreitigen An­gel egenheiten wurden erledigt: Anhängige Vormuudschasten und Pflegschaften 1890 1,445,393, 1891 1,450,680, 1892 1,450,850, anhängige Auseinandersetzungen und Erbtheiluugen 1890 38,544, 1891 37,246, 1892 38,895, Emschreibungs-Versngunaen in Grnnd- buchsachen nach der Grnndbnch-Ordnuug vom 5. Mai 1872 1890 1,056,634, 1891 1,064,645, 1892 1,145,356, Handlungen der frei­willigen Gerichtsbarkeit (Beurkundungen und Bcstätigiingen) bei Grnndbnchstaben 1890 527,406, 189 i 535,215, 1892 567,520, in anderen Angelegenheiten 1890 180,694, 1891 179,05t, 1892 191,531. B. Strafsachen: Anhängige Privatklagesachen 1890 71,827, 1891 69,380, 1892 71,250, anhängige Anklagcsachen wegen Vergehen 1890 220,564, 1891 227,374 1892 242,552, anhängige Anklagesachen

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