Abend-Ausgabe
Wiesbadener Tagblatt.
41. Jahrgang.
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338.
Samstag, den 22. Juli
1893.
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Dur Lag, i« Oesterreich.
(Eigener Bericht f. d. „WieSb. Tagblatt".)
D Mi»n. 20. Juli.
Die Politik ist auf Ferien; es ist so weit gekommen, daß man sich in Oesterreich — wo es doch politisch sehr inter- effante Länder giebt — mit Siam beschäftigt. So viel Zeit für ernste, aber ferner liegende Angelegenheiten hatte man schon lange nicht, und man will anch das Idyll nicht allzu lange fortsctzen. Für Aufregung sorgen ja allezeit unsere radikalen Parteien. In Ungarn sind die zwei ge- lrennten Fraktionen der 1848er Unabhängigkeits-Partei an der Arbeit, um sich unter dem hohen Protektorate des ewiglebenden Greises von Turin, des Ex-Diktators Ludwig Kossuth, feierlich zu versöhnen, und Graf A ppou yi, der Chef der zwischen ihnen und den Liberalen liegenden sogenannten „nationalen" Partei, welche viel zu lange den Namen der „gemäßigten Opposition" führte, benutzt die Sommer-Ruhe d«M, in einer äußerst ungemäßigtenAede die Regierungspartei mederzudonnern. Glücklicher Weise fehlt es bei dieser politischen Sommer-Arbeit jenseits der Leitha nicht an unfreiwilliger Komik. Während die Fraktionen der Revolutionsmänner am Versöhnnngswerke sind, stehen sich ihre Führer Polonyi undEötvöo als Anwälte streitender Parteien im Gerichtssaale gegenüber und überschütten sich mit einem solchen Hagel von Injurien, daß es zu scharfen Duell-Forderungen kommt. Aber die Gegner verachten sich so gründlich, daß sie sich gegenseitig die Satisfaktions- sähigkcit absprechen, und die Sekundanten gerathen in die peinlichsten Verlegenheiten. Wenn so etwas anderswo vor- kommt, sind die wechselseitig der größten Niedertracht Beschuldigten politisch mausctodt; aber in Ungarn ist man politischen Paprika gewohnt, und ein schneidiger Parlaments- redner, der alles Schwarzgelbe und Deutsche zerhackt, kann sich die angenehnisten Excesse erlauben. „Vater Kossuth" blickt mit Rührung auf seine Anbeter herab, und schließlich versöhnt sich Alles zu gemeinsamem Kampfe.
Graf Apponyi unterscheidet sich heutzutage in seiner Politischen Farbe schon wenig von diesen radikalen Flügeln der Opposition. Sein Ehrgeiz ist unbezähmbar, und weil er ihn auf „gemäßigte" Weise nicht befriedigen kann, versucht er es mit dem in seiner ungarischen Heimath probaten Mittel des Terrorismus. Er wird ein wüthender Feind der Armee-Gemeinsamkeit, liebäugelt zärtlich mit den Kossuthianern und wird in kirchenpolitischer Hinsicht frommglünbig, um der Regierung aus Anlaß ihres Civilehe-Projekts desto wuchtigere Hiebe versetzen zu können. Er spricht von der „Wiener Hofpartei" wie ein richtiger 48er, und den „Nationalitäten", die so unvernünftig sind, sich nicht mit Haut und Haar magyarisiren zu lassen, erklärt er wie jene den Krieg. Solche Reden gefallen den ungarischen Chauvinisten; denn von anderen Nationalitäten als der eigenen wollen sie absolut nichts wissen. Die größten deutschen Artigkeiten vermögen z. B. die Idiosynkrasie der Ungarn gegen das deutsche Element in ihrem Lande nicht zu beseitigen. Die deutsche Armee- sprache ist ihnen ein Greuel, die deutsche Kunst ist ihnen ein Greuel, und um solche dunkle Punkte zu beseitigen, scheuen sie keine Operation. Das deutsche Theater in Budapest ist bekanntlich vor mehreren Jahren ein Raub der Flammen geworden. Wie liebenswürdig von diesen Flammen! Sie haben ein Werk verrichtet, das man nachträglich hätte per decrctum verrichten müssen. Von einer Wiederaufrichtung des deutschen Muscurenipels in der ungarischen Hauptstadt war, wie sehr man auch danach verlangen mochte, keine Rede mehr. Nun ist die deutsche Kunst in Budapest, dessen Bevölkerung in einer ganz gewaltigen Ziffer deutsch spricht, wenn auch nur zum kleineren Theile deutsch empfindet, auf die Tingeltangel-Bühne beschränkt, und auch diese traurigen Ruinen deutschen Künstlerthums sollten kürzlich völlig abgetragen werden. Mitleidige Menschen haben diese Katastrophe verhütet. Dafür ist den deutschen Kurgästen, welche das Bad Pischtyan in Oberungarn erhalten, das deutsche Theater gesperrt worden — das einzige Vergnügen, das sie in jenem noch zientlich primitiven Badeorte genossen. In
Oedenburg, Preßburg und Temesvar (fast ganz deutschen Städten) muß das Theater mehrere Monate der Saison unter schweren Opfern in magyarischer Sprache spielen, obwohl das Publikum durch seine Abwesenheit harmlos demonstrirt. Die chauvinistischen Stadtvüter wollen es, und die magyarisirte Jugend jubelt dazu.
Dasselbe Schauspiel möchten in der diesseitigen Reichs- Hälfte die Czechen insceniren. Sie stürmen eben in diesen Tagen die zweisprachigen Straßen-Tafeln in Prag, um sie durch solche zu ersetzen, welche in der alleinseligmachenden czechisch-slavischen Sprache den Heimischen und —Fremden zu verkündigen haben, wo sie sich befinden. Sehr klug wird ein Fremder aus diesen Straßenbczeichnungen nicht werden, aber das macht nichts: sie werden ein neuer Schritt zur Slavisirung Prags sein. Solche chauvinistische Albernheiten entsprechen der kunstvoll gereizten Stimmung des czechischen Volkes, das jetzt gänzlich in den Händen der radikal-jung- czechischen Partei ist. Alterprobte Freunde und lhatkräftige Gönner dieses Volkes wie Graf Harray, der Begründer der ersten und einzigen czechischen Schule in Wien, nehmen mit wehmuthsvolleu Worten Abschied von der politischen Welt und beklagen die Irrwege, welche die von ihnen so geliebte nnd gehätschelte Nation wandelt. Die Erstarkung dieser Nationalität in einem Lande, dessen Städten der slavische Charakter erst in den letzten Jahrzehnten ausgeprägt worden ist, wäre unmöglich gewesen ohne das entschiedene Eintreten des Adels und des Klerus für die slavischen Bestrebungen. Mitglieder der deutschen Häuser Schwarzenberg, Nostiz, Schönborn, Harray u. A. wurden energische Verfechter des böhmischen Staatsrechts, der czechischen Aspirationen in Schule und Amt. Der «zechifche Priester war ritt entschiedener Parteigänger seines Volkes, während der driltsche Klerus zum Theil in einer gewissen Passivität verharrte, oder in politischer Hinsicht mit der feudal-nationalen Partei wählte und stimmte.
Nun will es die Ironie der Thatsachen, daß diese Wohl- thäter und Helfer der czechischen Nation von deren eigenen Vertretern beschimpft und verachtet, dem öffentlichen Volksgericht preisgegeben werden. Dem modernen jungczechischen Hussitismus sind die gemäßigten Elemente ein Hemmniß auf ihrer Bahn, Steine des Anstoßes, welche hinweggeräumt oder zersplittert werden müssen. Seit die Altczechen und namentlich ihre Gönner nnd Freunde im böhmischen Großgrundbesitz den Ansgleich mit den deutschen Landcsgenossen angestrebt und die bekannten Wiener Punklationen mit den Vertrauensmännern der Dentschen in Böhmen vereinbart haben, rasen die Jungczechen gegen diese „Verräther der Nation". Sie wollen von keinem Ausgleich wissen und erblicken in jedem Schritte zur Durchführung desselben — wie ihn die geplante Errichtung eines neuen Krcisgerichts zu Traut en au für die bisher den Kreisgerichtssprengeln Königgrätz nnd Gitschin zugetheiltcn deutschen Gerichtsbezirke Nordostböhmens bedeutet — eine tödtliche Verletzung des czechischen Volke?. Durch das bekannte Bombardement mit Streusand- und Tintenfässern im böhmischen Landtag haben sie die Verhandlung dieses „lex Trantenau" auf brutale Weise vereitelt, und mit einem Entrüstungssturui begrüßten diese Helden dann die auf Antrag Pleners erfolgte Ausschließung der jungczechischen Dclegirtcn aus allen Ausschüssen der Delegation. Sie handeln wie Barbaren nnd wollen als Gentlemen behandelt sein. Die Prager Stadtverttetung hat nun nichts Dringenderes zu thun, als darüber zu berathcn, wie man — Herrn v. Plener das Betreten des böhmischen Landesbodens verwehren könnte. Und solchen Wahnwitz machen czechische Politiker mit!
Das sind die Sommcrvergnügungen unserer extremen Parteien, und fern scheint die Abkühlung, welche den erregten und erhitzten Herren so dringend Roth thäte. Die deutschen und die czechischen Abgeordneten berufen. Wählerversammlungen ein, in denen Helles Schwcrtergeklirr und manches scharfe Wort gegen die Regierung zu hören sind. Die Jungczechen schlagen mit rücksichtslosem Grimm aus, die Deutschen ballen die Fäuste und klagen über die mangelnde Energie des Kabinets Taaffe gegenüber den excessiveu Gegnern der Deutschen, über den Mangel einer herzhaften Initiative zur wirklichen Befriedigung der gerechten nnd verbrieften deutschen Ansprüche. Die rasche Vertagung des böhmischen Landtags nach den von den Jungczechen inscenirten Skandal-Scencn war keine Strafe für diese; sie triumphirtcn im Gcgentheil, denn gerade die Schließung des Landtags hatte die Verhandlung der „lex Trantenau" verhindert. Man muß dieses Gesetz, nicht wegen der speziellen Angelegenheit selbst, sondern des Prinzips wegen, um jeden Preis, trotz der Wuth der Jung- czechen, durchführen; nur dann werden diese einsehen, daß cs der Regierung heiliger Ernst ist mit der Vollendung des Ausgleichs in Böhmen.
Politische Tages-Rimdschau.
— Die große Aufgabe der nächsten Reichstagssession wird die Lösung der Frage der Kostendeckung für die Militärrcform sein, und es würde sich begreifen, wenn die hie und da laut gewori^ne Ansicht, daß im Uebrigen die Gesetzgebung in der nächsten Zukunft ziemlich brach liegen werde, den in Regierungskreisen bestehenden Wünschen entspräche. Man wird aber darauf gefaßt sein müssen, daß umso ungestümer aus der Mitte des Reichstags die Anregung zu gesetzgeberischem Vorgehen erfolgen wird. Die Sturmfluth von Initiativanträgen, mit welcher die eben geschlossene Session überschwemmt worden ist, giebt einen Vorgeschmack davon. Unter den parlamentarischen Gesetzesvorschlägen wird sich auch wieder der am längsten bekannte, derjenige wegen Einführung des obligatorischen Befähigungsnachweises im Handwerk, befinden. Die Negierung hat denselben wiederholt zurückgewiesen und die Gründe, welche für diese ihre Stellungnahme bestimmend gewesen sind, haben inzwischen nichts von ihrer Beweiskraft eingebüßt. Sie liegen in erster Linie in der eigenartigen Gestaltung des modernen Gewerbewesens, welche eine strenge Abgrenzung der Gewerbe gegen einander, wie sie eine wirksame Dnrchführung des Befähigungsnachweises zur Voraussetzung hat, nicht ausführbar erscheinen läßt. Man kann sich überdies auf die in Oesterreich mit dem Befähigungsnachweise gemachten Erfahrnngcn berufen. Niemand wird behaupten wollen, daß in unfern: Nachbarreiche die Verhältnisse des Handwerks günstiger lägen als bei uns. Jndeß, wenn die allgemeine Einführung des obligatorischen Befähigungsnachweises zu verwerfen ist, so braucht damit nicht gesagt zu sein, daß die Maßregel nicht für bestimmt« Gewerbe, welche sich ihrer Natur nach besonders dazu eignen, zweckmäßig sein könnte. Betreffs der Bauhandwerje ist diese Forderung z. B. auch vielfach unterstützt worden. Soeben hat nun wieder der Innungs-Verband deutscher Baugewerksmeister auf seiner in Hannover abgehaltenen Jahresversammlung die Forderung mit Nachdruck erhüben. In einer von ihm beschlossenen Resolution wird verlangt, daß wichtige Bauten nur von geprüften Baumeistern ansgeführt werden dürfen, daß nur Derjenige sich Baumeister nennen darf, welcher eine Meisterprüfung bestanden hat, sowie daß Demjenigen, welcher seinen Verpflichtungen nicht nachkommt, die Meisterbefähigung entzogen wird. Wir wissen, daß die Regierung bisher auch gegen die Beschränkung des obligatorischen Befähigungsnachweises auf das Baugewerbe mancherlei rechtliche und praktische Bedenken gehabt hat. Angesichts der, hier mit in Frage kommenden großen öffentlichen Interessen aber wird man doch erwarten dürfen, daß die erwähnte Forderung des Innungs-Verbandes einer erneuten Prüfung unterzogen wird.
Deutsches Reich.
* Hof- und Personal - Nachrichten. Die Kaiserin wird in nächster Woche auf Wilhelmshöhe erwartet. — Es soll mehrfach vorgckonuncn feilt, das; die Prinzen bei ihrem Aufenthalt im Park zn Wilhelmshöhe Seitens des Publikums belästigt worden sind durch langes Stehenbleibcu, fortwährendes Zusehen rc. Bei den geringen Absperrnngen, die diesmal stattgefunden haben, könnte das doch umso eher vermiedcu werden, andernfalls durften die Absperrungen wieder auf den früheren Umfang ausgedehnt werden. — Im Anschluß an Mitthcilungen über die Persönlichkeit des Prinzen Max von Sächselt war ans Dresden geschrieben worden, Major v. Cer, der militärische Erzieher des Prinzen, sei ebenfalls vor einigen Jahren ins Kloster gegangen. Das „Leipziger Tageblatt" kann auf Grund eingezogencr Erkundigungen diese Nachricht bestätigen. Major v. Der ist kurze Zeit nach seinem Austritt aus der Armee in das Kloster Beuron als Mönch eingetreten. Das „Staatshandbuch für das Königreich Sachsen" zählt Freihcrrn v. Cer unter den Rittern des Verdienstordens auf und bezeichnet ihn dabei als „Major a. D. zu Beuron". Inzwischen ist Prinz Max in Eichstätt eiugetroffen. Er widmet sich, wie die ultramontane „Eichst. Volksztg" bestätigt, dem gcistliäxen Berufe und hort am dortigen Kleriker-Lyreum theologische Vorlesungen. — Dr. Ludwig Bamberger begeht heute iu seiner Sommerfrische zu Interlaken seinen 70. Geburtstag. Abgesehen von einem nicht allzu schweren Augenleiden erfreut sich der ehemalige Abgeordnete für Alzey tttitr guten Gesnildhcit.
* Berlin. 22 Juli. Nach der „Nordd. Allgem. Ztg." wurde das Rücktrittsgesuch des Neichsschatziekretärs Frhrn. v. Maltzahn mit der Weigerung der Heranzielwiig des Bieres zur Deckung der Militärkosten begründet. — lieber die bisher au, Grund der neuen Lehrpläne bei den MaturitätS- und sogeuaiiutell Abschlußprüfungen erzieltei, Resultate ist, wie die „N. A. Z." hört, an den Kaiser Bericht erstattet worden.
* Saatenklandsbkrlchte. Aus Preußen: Die Diirre, unter welcher die Saaten im Juni litten, wurde seitdem nur strichweise durch Gewitterregen unterbrochen, jedoch feiten in ausreichender Menge und zu spät, um die Sommersrüchte, den Klee und di« Wiesen noch aufzudessern. Es mehren sich die Klagen über Futtermangel, in einzelnen Gegenden sogar über Wassermangel. Der Saatenstand berechtigt zu folgenden Erwarkungen, wobei 1 — sehr gut, 2 — gut, 3 = mittel, 4 — gering, 5 = sehr gering bedeutet. Weizen, Wiiiter-2.9, Sonuuer- 3.4; Roggen, Winter- 2.7, Sonimer- 3.4; Sommergerste 3.3; Hafer 3.9; Erbsen 3.4; Kartoffeln 2.8; Klee, Luzerne- 4.4, Wiesen- 4.3. Im Allgemeinen ist dies em«
