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Abend-Ausgabe

Wiesbadener Sagblatt

HA. AitzhkHitUAö

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1893

Dormerstag» den 20. Juli

Wo. 334.

England und die fiamefische Streitfrage.

(Von mif er cm eigenen Berichterstatter.) London, 18. Juli.

Die Darlegung der Sachlage in Siam, wie sie gestern im Oberhause von Lord Rosebery und im Unterhause von dem Unterstaatssekrctär Sir Edward Grey gegeben, hat hier auf allen Seiten Anklang gefunden und auf Seiten der konservativen Opposition wohl noch mehr als auf dem radi­kalen Flügel, Lord Roseberys eigener Partei. Sind doch Labonchöre und sein Anhang immer bange, England könne durch eine besonders feste Haltung am Ende gar in einen europäischen Krieg verwickelt werden. Lord Rosebery mußte allerdings zngeben, die Nachrichten ans Siam seien noch so dürftig und sich widersprechend, daß auch die Regierung noch kein klares Urtheil über die Sachlage gewonnen hütte^ Er führte dann weiter mtS, daß eben mehr als nur eine Frage dieganze Verwickelunzherbeigeführt hätte,dieerst alle einzeln zu erwägen seien, ehe sich ein Bild von dem wahren Sach­verhalt bilden lasse. Zunächst seien die Entschädigungen in Betracht zu ziehen, welche die französische Regierung für die Verluste verlange, welche französische Kaufleute und Reisende infolge der Handlung siamesischer Beamten erfahren hätten. Die siamesische Regierung mache Schwierigkeiten, diese An­sprüche gelten zu lassen, während die französische Regierung unbedingt auf Erfüllung derselben bestehe, ehe auch nur von etwas Anderem die Rede sein könne. Dann komme die so verwickelte Frage des Grenzstreites im Mckvng- Thale in Erwägung und drittens die Gefangennahme eines französischen Offiziers in Siam und die Ermordung eines andern Offiziers mitsamml seiner annamitischen Schützt: uppe. Der vierte Punkt sei das gewaltsame Vordringen der fran­zösischen Kanonenboote auf dem Menamflusse, wozu die Franzosen auf Grund eines früheren Vertrages sich für vollkommen berechtigt erachten, während die Siamesen eine solche Deutung des Vertrages nicht anerkennen wollen und dem Vordringen der Boote bekanntlich ja auch einen Wider­stand entgegensetzten, wobei auf beiden Seiten mehrere Todesfälle vorgekommcn sind. Fünftens kämen — und dies gehe die britische Regierung direkt an — Leben und Besitz- lhnm britischer Uuterlhanen in Bangkok in Frage. Das Marine-Ministerium hat versichert, daß genügend englische Fahrzeuge vor Bangkok liegen nnd daß, wen» noch mehr nothwendig werden sollten, solche alsbald zur Stelle sein könnten. Was Lord Rosebery als letzten Punkt hervorhob und die britische Regierung auch wieder direkt angehe — wie es ja auch der Schwerpunkt der ganzen Streitfrage ist —, das ist die Frage, ob die Unabhängigkeit Siams bedroht sei, und hier konnte der Minister nur eine ausweichende Antwort geben, daß die britische Regierung sich in Bezug auf diesen Punkt ihrer Verantwortlichkeit gar wohl bcwußl sei und keine Gelegenheit vorübergehen lassen werde, eine befriedigende Lösung dieser Frage zu erleichtern.

Diese letztere unbestimmte Aenßerung, die einen nöthigen- salls thatsächlichen Widerstand englischerseits nicht aus- schließt und daher möglicher Weise zu den schlimmsten [ Verwickelungen führen könnte, hat den Friedens-Apostel * Atherley-Joncs sofort veranlaßt, eine weitere Interpellation auf heute anzukündigen; aber cs ist kaum anzunehmen, daß er irgend welche bestimmtere Aussagen der Regierung zu F entlocken im Stande sein wird. Lord Rosebery hat im Großen und Ganzen unbedingt die Nation hinter sich, wenn er die Ansicht vertritt, daß die ersten vier der von : ihm hervorgehobeuen Punkte die britische Regierung direkt eigentlich nicht angehen, aber die in Siam ansässigen r brilischen Unterthanen natürlich geschützt nnd vor Allem [' auch die Unabhängigkeit Siams gewahrt werden müssen. Das h ist auch der Standpunkt, den fast sämmtliche Blätter ein- [ nehmen. So heben die „Times" hervor, daß sie sich nicht [ denken können, die Franzosen hätten ernstlich die Absicht, L die Selbständigkeit Siams zu gefährden, und beklagen dann I- die Beschimpfungen, welche England in diesem Augenblicke, I wie so oft, von Seiten der Franzosen erfährt, während I. doch England unausgesetzt die freundschaftlichste Haltung

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gegen Frankreich beobachte; halten es dann aber doch für angebracht, die Nachbarn auf der anderen Seite des Kanals daran zu mahnen: Frankreich habe, mit Ausnahme Rußlands — dessen Freundschaft platonisch sei — keinen Bundesgenossen in Europa, wohl aber einige Gegner. „Dieses Land," fährt das Blatt dann fort, „ist beständig darüber ansgewcscn — trotz mancherlei Verlockungen zum Gcgentheil — eine neutrale Haltung zu beobachten. Was können Franzosen von einer übergebührlichen Heraus­forderung schließlich erwarten, als uns geradezu in die Arme des Dreibundes zu jagen I" Ob das die guten Nach­barn wohl abschrccken wird! — Jedenfalls dürfen wir uns nicht verleiten lassen, zu glauben, es sei den „Times" mit solcher Drohung ernst. Immerhin aber dürfte eine solche Gelegenheit den Engländern einmal wieder Anlaß geben, zu erwägen, wie cs nnt den Frieden der Welt und um ihre eigenen Interessen bestellt sein würde, wenn nun wirklich ein Anschluß in der einen oder andern Form an jene Mächte zu Stande käme, die sich die Anfrechterhaltuitg des europäischen Friedens zur Aufgabe gestellt, wenn sie dann auch in diesem Augenblick der Unterstützung jener Mächte gewiß sein könnten, der Unterstützung von Ländern, die eigentlich nirgends den ihrigen widerstrebende Interessen vertreten, während England mit Frankreich fortivährend in Konflikt geräth. So stehen sie sich eben jetzt wieder nicht nur in Siam streitig gegenüber, sondern auch in Koilsianti- nopcl, wo gerade in diesem Augenblick französische Diplomatie den jungen Chediveu dazu anfencrt, bunt) eine doch immer nur formelle Unterwerfung dem Sultan gegenüber die Bot- mäßigkeit der Engländer in Egypten mehr abzuschüttcln, das seit Jahren ein Gegenstand des Streites zwischen Eng­land imb Frankreich gewesen und auf diele Jahre hin gewiß noch bleiben wird. Und haben nicht die jüngsten Vorgänge an der Käste von Ncufnudland den aktrn Fischereistreit dort gerade «ich in diesem cAngenblick wieder in den Vorder­grund gedrängt, einen Streit, den England so gern bei- gclcgt sähe, z. B. durch Zahlung einer Abfindungs­summe, welche die alten und doch eigentlich auch veraltcteu Rechte, die die Franzosen dort besitzen, bei Weitem aufwicgcn würde, den die Franzosen aber offenbar doch nur aufrecht halten, um mit ihren alten verbrieften Rechten, so werthlos sie ihnen selbst auch sein mögen, auf die Engländer nach anderer Richtung hin Druck anSüben zu können. So zeigt Frankreich seine freundschastlichen Gesinnungen gegen seine englischen Nachbarn, so kommen die beiden Mächte immer wieder znm Streit. Aber trotz alledem hält es Eng­land mit seinen Interessen am verträglichsten, in der enro- päischen Politik und zumal den Verbindungen europäischer Mächte gegenüber sich neutral zu verhalten. Nun, die Eng­länder müssen ja selbst am besten wissen, was ihre Interessen erheischen; aber, wie gesagt, der gegenwärtige Angen- blick gießt ihnen in dieser Beziehung immerhin viel zu denken.

Wie die „Times", so treten anch alle übrigen hervor­ragenden Blätter Londons für ein festes Auftreten Englands in' Bezug auf die Aufrechterhaltung der Unabhängigkeit Siams ein, mit einer auffallenden Ausnahme, der „Daily News", die allerdings sonst wohl der Nichtnng der gegen­wärtigen Regiernngspartci am nächsten stehen, gewiß aber nicht in diesem Falle die Ansichten des Kabincts vertreten, es sei beim, daß der Minister des Auswärtigen sich in un­bedingtem Widerspruch mit anderen Kabinets-Mitgliedcrn befindet. Unmöglich wäre das nicht. Manchem derselben, wie Sir William'Harconrt, ist Rosebery stets zu sehr „Jingo" gewesen. Und hier konnten uns möglicher Weise noch ganz eigenartige Enthüllungen, wenn nicht gar der ganze Zerfall des ohnchin nicht allzu kräftigen gegenwärtigen Kabinets bevorstehcn, obschon eine solche Möglichkeit gewiß nicht nahe liegt. Das genannte Blatt schreibt heute: „Wenn beut König von Siam und seinen Ministern zu ver­stehen gegeben wird, daß sie ans den Beistand Groß- britanniens in einem Streite mit Frankreich rechnen könutcu, so würden sie vielleicht ermmhigt in einer Weise in ihrem Widerstande ansharren, wovon sie unter andern Umstünden nicht geträumt haben wurden. Dann muß eins von zwei gleich unerwünschten Dingen geschehen. Entweder der König wird getäuscht und tm Stich gelassen, nicht ohne Grund über unseren Trenbrnch klagend, oder wir werden uns in einen diplomatischen Streit verwickelt sehen, der zu einem europäischen Kriege führen könnte." Weiterhin heißt es dann: „Tngendsamc Entrüstung steht unscrem Lande schlecht an, wenn es sich barnni handelt, wilde oder halb eivilisirtc Völker zu annektiren ober sie ihrer Unabhängigkeit zu be- ranben. Wenn Cochinchina so lange britisch gewesen wäre, wie es französisch gewesen ist, so würben wir schon längst ein Protektorat über Siam errichtet haben" .... „Birma war die Antwort auf Tougkiug. Wenn nun Siam gegen Birma ansgespielt werben sollte, würden wir schwerlich in der Lage

sein, zu behaupten, daß der von Frankreich gethane Schritt ohne Präcebettzfall oder Beispiel sei." Wenn das keine Er- muthigung für Frankreich ist, so wird es sich eine solche aus seinen eigenen Boulevard-Blättern auch nicht in deut­licheren Ansbrücken schöpfen können. Einigermaßen be- fremdenb mag cs auch erscheinen, baß bas anbere liberale Organ, bie „Daily Chronicle", bie sich noch vor wenigen Tagen nicht entrüstet genug zeigen konnte über bas Vorgehen der Franzosen, heute über die Roseberysche Siebe sich ganz ausschweigt. Indessen, sollte auch bie „Chronicle" eine Um- lenkung für angebracht erachten, so stäuben beibe Blätter jedenfalls nicht im Einklang mit dcr öffentlichen Meinung in diesem Lande.

Ans der französischen Armee.

Herr Bebel hat am Sonnabend mit besonderer Genug- thuuug auf bie musterhaften Zustände in der französischen Armee hingewiescu, wie sie sich unter der Hand eines „Civil-Kriegsministers" (Freycinct) entwickelt hätten. Wie musterhaft sie in der Thal sind, zeigt ein Bericht der „Allg. Ztg." aus Paris zur Genüge. Die letzten Pariser Ereignisse, heißt cs da, haben auf die Zustände in der französischen Armee ein cigcuthümlichcs Licht fallen lassen. Mit dem Augenblick, da die Stiidentcnnnruhen in einen Aufruhr übergingen, versagte die Polizei. Die Hauptstadt hat nun eine Garnison von der Stärke eines Armcccorps, allein, obwohl mau es aus Gründen der Disziplin ver­mieden hat, biePariscrRegimeuter aus dem hauptstädtischen Ersatz zu ergänzen, und obgleich die Soldaten in Frank­reich, namentlich aber inParis, von der übrigenBevölkcriliig in einer anderwärts unbekannten Weise abgesperrt werden, erklärte. General Saussier, der Gonvernenr von Paris, dem Ministerpräsidenten, als dieser zur Aufrechterhaltung der Ordnung das Militär verwenden wollte, auf seine Regimenter sei kein Verlaß. Man mußte daher Truppen ans der Provinz heranziehen, aber auch bei diesen soll es nicht an Füllen der Gehorsamsverweigerung gefehlt haben, als cs sich barnni handelte, mit den Tumultuanten kurzen Prozeß zu machen. Nach bem „Jntrausigeant" hätte auf dem Boule­vard Saint-Germain ein Kavallerie-Offizier unter bem Jubel ber Volksmassen bem Befehl, anzugreifen, offenen Wider­stand entgegengesetzt, und ühnliche Fälle wurden von anderen Stellen in anderen Blättern gemeldet, und dabei hatte man bie nach Paris beerberten Regimenter noch besonders sorg- füliig ansgcwählt und darauf gesehen, daß sie zumeist Be­zirken mit vorwiegend ländlicher Bevölkerung augehörten. Die Mannschasteu rechtfertigten denn auch fast ausnahmslos die von der Negierung auf sie gesetzten Hoffnungen, in weit geringerem Grade thciten cs jedoch die Offiziere, nnd damit hat cs feine besondere Vewaudtniß. Als nämlich Herr de Frey- cinet politischer Civil-Kriegsminister wurde, war eine seiner ersten Bestrcbnngen, auch das Heer zu einer „Schule der Propa­ganda für die Republik" zu machen. Gegen dieses Bestreben läßt sich vom Freycinetschen Standpunkte aus gewiß nichts einwenden, die französische Armee aber ist dabei schlecht ge­fahren, Ans der Verschiedenartigkeit des Ersatzes, je nach­dem er aus vorwiegend monarchistisch ober republikanisch ge­sinnten Provinzen, vom Lande oder aus Städten kommt, ergießt sich, daß ein Theil ber französischen Regimenter repu­blikanisch, ein Theil monarchistisch, ein anderer _ Theil politisch gemischt ist. Ans der Provinz, aus der sich ite Mannschaften rekrutireu, retrutirte sich nun früher der Regel nach auch das Offizierscorps. Es ergab sich also, daß die „reaktionären" Regimenter auch von „reaktionären" Offi­zieren, die „republikanischen" Regimenter von „repu­blikanischen" Offiziere» befehligt wurde». Um int» diese vom dienstlichen Standpunkt eher glückliche als bedenkliche Zusammengehörigkeit des Offizierscorps und der Mann­schaften aufznheben, an der nur ein eingefleischter Partei- Politiker, der auch das Heer seine» politische» Zwecke» dienst­bar mache» wollte, Anstoß nehmen konnte, versetzte Frey- cinet planmäßig solche Offiziere, die in dem Verdacht standen, außerdienstlich reaktionären Anschauungen zu hul­digen, zu ausgesprochen republikanischen Regimentern und gab umgekehrt den des Monarchismus verdächtigen Truppen- thcilen republikanische Offiziere. Die Folge war, daß nun fast in der ganzen Armee das ftüher schon mitunter mangel­hafte Gefühl der Zusammengehörigkeit zwischen Untergebenen und Vorgesetzten völlig verloren ging, daß bie Einen in ben Anbereu politische Wibersacher sahen, baß überall statt bes Vertrauens Mißtrauen Platz griff. Für bie repu­blikanischen Regimenter sind ihre Offiziere „Aristos" (Aristo­kraten), für diemonarchistischgesinntendagegen „Republikaner", was, in einem gewiffen Tonfall ausgesprochen, selbst in der französischen Republik ein schweres Schimpfwort ist. Die Folgen der Freycinetschen Politik haben denn auch nicht auf sich warten lassen. Die Jiisubordinationsvergehen mehren sich von Jahr zu Jahr in bedenklicher Weise, und