Abend-Ausgabe
Verlag: Langgasse 27
AI,GOO Avonrreuten
1893
Samstag, den 13. Mar
Ko. 222
Nun haben die Kinder ja wieder etwas
darbrachlen.
Politische Tages-Rundschau
zum Spielen. Hoffentlich erweist sich das Spielzeug nicht als gefährlich.
Hauptanssubrartikel bilden Zucker, Reis, Bananen, Wolle; die Einsubr liefert Jndustricartikel. Ruf den Inseln Hawaii, Maui und Oahu laufen Eisenbahnen (zusammen 90Kilometer); Telegraph und Telephon finden rasch wachsende Verbreitung.
Das Interesse der europäischen Mächte, speziell Deutschlands, würde erfordern, die königliche Regierung wieder zu restauriren und deren Unabhängigkeit durch internationale Abmachungen zu gm-(Ultimi und die monopolistische Ausbeutung durch Amerika zu verhindern.
In Limburg tagte am Donnerstag die Dclegirten-Versammlung der deutsch-freisinnigen Partei dcS Reichstagswahlkreiscs Limbnrg- Weilburg. Es wurde beschlossen, den bisherigen Vertreter Herrn Münch, der gegen die Militärvorlage und gegen den Antrag Huene gestimmt hat, wiederum aufziistcllen; derselbe erklärte sich zur Annahme der Kandidatur bereit.
41. Jahrgang.
Erscheint in zwei Ausgaben. — BczugS-Preis: 50 Pfennig monatlich für beide Ausgaben zusammen. — Der Bezug kann jederzeit begonnen werden.
— Es verlautet, daß in Berliner Börsenkreisen eine Kundgebung für die Militärvorlage beabsichtigt werde.' Mau erinnert sich bei dieser Nachricht on die Aufforderung einer israelitischen Wochenschrift, welche ihren Lesern empfahl, für die Militärvorlage zu stimmen, damit sie von ihren Gegnern nicht fortwährend als ein internationales oder antinationales Element angegriffen werde» könnten. Die „Köln. Ztg." erhält aus jüdischen Kreisen eine Zuschrift, welche sich äußert, jetzt, mit der Trennung der freisinnigen Partei, halte sie den Zeitpunkt ganz besonders für geeignet, daß den auf nationalem Boden stehenden Israeliten, und deren gäbe es tharsächlich sehr viele, allerorts von christlicher Seite in einer vertrauensvollen Weise die Möglichkeit zur Bethätigung ihrer nationalen Gesinnung erleichtert würde. Die Stimme beklagt sich dann lebhaft, daß an manchen
Deutsches Kelch.
* Hof- «nd Prrsonal-Uachrichte». Der Kaiser reist zur Beisetzung des verstorbeueu Fürsten von Schaumburg-Lippe nach Bückeburg. — Der „Kreuzztg." zufolge hat der Kaiser mit Rücksicht auf die innere politische Lage beschloffen, von der bisher geplanten Nordlands reise vorläufig A b st a n d zu nehmen.— Die Prinzessin Elisabeth von Schwarzburg-SouderS- hausen ist, wie schon gemeldet, in Dresden, wo sie an einer Lungenentzündung smwer erkrankt war, gestorben. Prinzessin Elisabeth (geboren 22. März 1829) war die ältere Schwester des regierenden Fürsten Karl (geboren 7. August 1830). Der Fürst und die Fürstin weilen zur Kur in Wildbad. — DieTaufe des jüngsten Sohnes des Prinzen und der Prinzessin Friedrich Leopold wird am 20. Mai im Stadischloß zu Potsdam stattfinden.
Anzeigen-Preis r
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Ha nd lungsweise für berechtigt und erklären denselben für ihren alleinigen Kandidaten." *
Die Zeitungen berichten von der letzten Tivolirede dcS Abg. Engen Richter; er habe gesagt, er, Richter, haben einen „Ruck nach links" gethan. — Abg. Richter sagte aber, wie die „Frcif. Ztg." mittheilt, wörtlich, daß die Wahlbewegung durch das Auftreten der freisinnigen VolkSpartci einen scharfen Ruck nach links erhalten habe, welcher zur Kräftigung der gesammtcn Opposition gereiche. Selbstverständlich stünde Abg. Richter in allen politischen Fragen heute genau auf demselben Standpunkt wie vor den letzten Entscheidungen. Auch der Wahlaufruf von Nichterund Paher bekundet dieses. *
Die „Freis. Ztg." theilt mit, daß mindestens 8/»o derjenigen Wahlkreise, in denen bisher freisinnige Organisationen bestanden, den Anschluß an die Richtersche „freisinnige Volkspartei" vollzogen oder in Aussicht genommen haben: in Süddeutschland, int Südwesten, in der Nheinpsalz, im Großherzogthum Hessen, Hessen-Nassau, Regierungsbezirk Cassel, in ganz Rheinland-Westfalen, Hannover, Wcstprcußcn, Posen, Oberschlesien, ganz Berlin, Brandenburg und Königreich Sachsen.
Nachdruck verboten.
Hawaii.
Der opercttcuhaste Staatsstreich in Belgrad und die brutale Gewaltthat amerikanischer Abenteurer in Honolulu kamen beide so plötzlich, daß sie eine wahre Wolke von Kommentaren in der Presse anfwirbelteu, um dann ebenso plötzlich vorläufig wieder von der Tagesordnung des öffentlichen Interesses zu verschwinden. Freilich unterliegt es keinem Zweifel, daß bcsde, sobald erst einigermaßen die Folgen klarer hervortrete», von Neuem und dann ernster zur Erörterung gestellt werden müssen. Für das vergewaltigte Juscl- königrcich Hawaii scheint jetzt der Augenblick zu kommen, wo sich die berechtigten Interessen Europas gegenüber dem durch nichts zu rechtfertigenden Staatsstreich Amerikas geltend zu machen beginnen. Es dürste daher nunmehr unseren Lesern willkommen fein, eine orientirende llebersichtskartc des hawaiischen Archipels zn erhalten, zumal voraussichtlich in nächster Zeit die Nachrichten über die Wciterentwickelnng der dortigen Verhältnisse sich rasch mehren werden. Einerseits beginnen die Eingeborenen des Inselreichs sich auf sich selbst zn besinnen und organisiren eine energische Opposition, anderseits scheinen die europäischen auf Hawaii interessirten Mächte, wie gesagt, denn doch endlich ebenfalls sich ihrer dortigen Interessen zu erinnern. Somit dürste unser heutiges Kärtchen, bas durch die in der linken unteren Ecke beigesiigte Skizze einiger im gleichen Maßstabe, wie die Inseln, gezeichneten mitteldeutschen Länder einen Größenvcrgleich mit bekannten einheimischen Gebieten ermöglicht, gerade jetzt am Platze feilt. Jin Nachstehenden mögen einige der wichtigsten geographifch-statistifchen Verhältnisse des Landes zusammeugestellt werden.
Das Königreich der Sandwich-Jnseln oder Hawaii-Nei, wie der einheimische Namen lautet, umfaßt außer mehreren unbedeutenden und zum Theil von der Hauptgruppe weit entfernte» Inseln acht wichtigere Inseln, bereit Namen und Größe nachfolgende kleine Tabelle enthält: Hawaii ll,356ajim.(Neg.-B.LÄieburgll,344) Oahu 1680 „ (Herrzogth. Gotha 1394)
Kanal 1418 „ (Prov. RWnhrssen 1375)
Mauai 1268 „ (Herzgth. Altenburg 1324)
Mokokai 491 „ (Fr. Stadt-Hamburg 4l4)
Lanai 301 „ (Fürst. Neuß ä. L. 316)
Nihauu.Kaula 289 „ (Fr. 299)
Kahulatii 143 „ (Stadtkreis Berlin 63)
Nur eilte der Inseln, und zwar jene, die dem Königreich den Namen gab, Hawaii, ist demnach von ettvas ansehnlicheretn Umfange, nämlich etwas größer als der Regierungsbezirk Lüneburg; die kleinste, Kahulaui, dagegeti nur etwas mehr als doppelt so groß wie der Stadtkreis Berlin. (Um ein anschauliches Bild der Größenverhältnisie zu geben, setzten wir in obiger Tabelle stets dar Areal einer deutschen Landschaft in Klamntern daneben.) Dar Gcsamnitareal des Königreichs beträgt 16,946 Quadratkilometer. (Das Großherzogthum Baden zählt 15,081 Ouadratkilonieter, der Regierungsbezirk Oberbayern 16,725.) Dagegen ist die Bevölkerung weit geringer, als in den genannten deutschen Vergletchsläudern; sie beträgt
»ach der Zählung des Jahres 1890 nur 89,990 Seele»; das ganze Königreich zählt also nur wenig mehr Bewohner als das Fürstenthuni Schwarzburg-Rudolstadt (85,863 Seelen). Diese schwache Bevölkerung entspricht nicht etwa natürlichen
geographischen Ursachen, denn die Inseln, obwohl zum großen Theile von Gebirgsland erfüllt, besitze» eine überaus
K Bodenfruchtbarkeit. Thatsächlich wird auch die zur Zeit der ckung der Inseln durch Cook (also vor einem Jahrhundert) vorhandene einheimische Bevölkerung auf 200,000 Köpfe geschätzt — ein Beweis, daß die Inseln eine weit zahlreichere Bevölkerung zu ernähren vermögen. Unter Berücksichtigung der fördernden Wirkung geordneter Staatsverhältniffe wird man nicht fehl gehen, wenn man annimmt, daß das Königreich mindestens für eine Million Einwanderer Raum bietet. Hierin liegt ei» wesentliches Moment bei der Beurtheilung des amerikanifchcii Gewaltstreichs für europäische Anschauung l
Die Zahl der eingeborenen Bevölkerung betrug im Jahre 1872 : 49,044 Seelen
, „ 1878 : 44,088 „
„ „ 1884 : 40,014 .
„ „ 1890 : 34,436 „
Wie die meisten anderen Südsecvölker ist also auch dieser hochbegabte Volksstamm seit seiner Berührung mit der enropäiscben Zivilisation raschem Aussterben verfallen. Umgekehrt wächst die europäische und die asiatische Einwanderung rapid.
Es betrugen
die Weißen: die Chinesen und Japaner: im Jahre 1872: 2539 1938,
„ „ 1878: 4561 5916,
„ „ 1884: 17,335 18,055,
„ „ 1890 : 21,119 27,661.
Die Zahl der Weißen hat sich also von 1872—1890 fast verzehnfacht, und noch schneller wuchs die Zahl der Mongolen. Dem «nwanderii der Letzteren wird Seitens der Regierung voranssicht- "ch bald ein Einhalt geboten werden müssen, da sie in Hawaii, tote in Amerika und Australien ein sehr unbeliebtes Element der Bevölkerung bilden. — Was speziell die Zahl der Deutschen anbe- “ifft, die drüben ansässig find, so betrug dieselbe
im Jahre 1872 : 224 Seelen, . . 1878: 272 „
„ „ 1881: 1600 „
„ „ 1890: 1034 „
Sie bildet also ein sehr erhebliches Kontingent, das noch wich- Uer erscheint, da die Deutschen als Kauflente, Plantagenbesitzer, industrielle eine tonanaebende Rolle im Königreiche spielen; auch Müßten die deutschen Oesterreicher und Schweizer, die in obigen ä’ffern nicht mit einbegriffen sind, eigentlich hier mitgezählt werden. Deutsche bekleiden auch im Staatsdienst des Landes mehrfach die höchsten Stellen: ein Oesterreicher war der Gemahl der jetzt gestürzten Königin. Deutschlands Einfuhr nach den Inseln betrug
Jahre 1891 nicht weniger als 384,000 Dollar.
Wahibemegnug.
Wie der „Köln. Ztg." aus Biedenkopf berichtet wird, soll dort gcßcn Herrn Hofprediger a. D. Stöcker als konservativer Kandidat Herr Regierungs-Präsident v. Tepper-Laski ausgestellt werden.
Der Beschluß der antisemitischen Vertrauensmäiiuer in Friedeberg (Neumark), dem Rektor Ahlwardt treu zu bleibe», hat folgenden Wortlaut: „Die aus dem Wahlkreise Friedeberg verfammelten Vertraucusmänner der deutsch-sozialen autifemitifchen Partei haben die Beweggründe des Rektors Ahlwardt ans Berlin zu seinen letzten Angriffen im Reichstag, das von ihm vorgelegte Bcwcismaterial in ’ben Hauptpunkten geprüft, halten feine
Ausland.
* Frankreich. Die „Nordd. Allg. Ztg." meldet aus Paris: Dem „Echo" zufolge habe General Davonft, welcher für den Fall der Mobilmachung die zwischen Epinal und Beifort zu kouzen- trirende Armee zu führen bestimmt ist, eine Inspektion der Vogesen- grenze begonnen.
* Rußland. Sem beiger Blcitterm-lduugeu zufolge wurde der Schlosfermeister Pirch, als er in Gefchäftsangelegeuheiten bet Radziwilow die russische Grenze überschritt, von rnsstschen Grenzwächtern angegriffen, mißhandelt und als Spion verhaftet. Die Blätter fordern energifch die Reklamation Seitens des auswärtigen Amtes. — Dem „Regiernngrboteu" zufolge sind vorn 27. April bis
Gegenden den Israeliten, welche sich tu dieser Weise be- thäligen wollten, die Ausnahme in die betreffenden Vereine erschwert oder geradezu unmöglich gemacht würde. Die „Kölnische Zeitung" bemerkt unter Anderem zu der Zuschrift, sie hätte ihr gern Raum vergönnt, vermisse aber in ihr nur jede Klarheit darüber, daß das wüste Treiben der radikalen Wortführer des Jndenthums in Parlament und Presse auch in gemäßigten Kreisen jene unsrenndliche Stimmung erzeugt, deren einseitige Bethätigung die Zuschrift beklagt und unter der mancher ehrenwcrthe jüdische Mann schwer leide. Nirgends würden die Anhänger der Militärvorlage in einer so gehässigen Weise beschimpft, als in der jüdischen Presse. Jeder Tag liefere dafür massenhafte Belege. Ob man glaube, daß derartige Ungezogenheiten in nationalen Kreisen keine Erbitterung erregten? Die anständigen Juden hätten die Pflicht, in ihrem eigenen Interesse ihren ganzen Einfluß aufznbieteit, um den radikalen jüdischen Hetzern das Handwerk zu legen. Diese Antwort des Weltblattes vom Rhein, das von den Antisemiten als philo-, von Philo- semiten als antisemitisch verrufen wird, ist nicht nniiiteressant für den Politiker, gleichviel, welcher Partei er augehöre.
— Die Franzosen sind mit allem Augenblicks-Eifer, den ihr gallisches Blut zu entwickeln fähig ist, dabei, einen neuen Boulanger auf den Schild zu erheben, einen Mann, der für die „Gloire" allerdings nichts weiter gethan hat, als mit geschulten Soldaten und vollendeten Mordivaffen einen kleinen Mohrenkönig in die Enge zu treiben. Das genügt natürlich den durch die Geschehnisse der letzten Zeit ganz toll gewordenen Leuten jenseits der Vogesen, jenen Biedermann als Heros zu feiern. Zwar veranlaßt der begeisterte Empfang des General D odds in Marseille bereits vereinzelte ruhigere Blätter, der Besorgniß Ausdruck zu geben, daß von gewisser Seite versucht werde, die Menge für eine neue Art von Boulangisinns zu gewinnen, aber was sind diese Stimmen einiger Prediger in der Wüste gegen das Geheul der fanatijirten Menge! Andere Blätter fordern die Bevölkerung auf, den Helden in Menge am Bahnhof in Paris zu erwarten. Der „Jour" theilt mit, die Redaktion des Blattes werde ihm einen Ehrenbogen Namens der Pariser Presse überreichen. Dodds ist nun gestern Abend glücklich
in Paris angekommen. Etwa 2000 Personen erwarteten ihn am Bahnhof, darunter viele Offiziere, denen der Minister gestattet hatte, Pa- radenniförm anzulegeii. Bei der Einfahrt des Zuges brach die auf dem Perron versammelte Menscheuuiasse in stürmische Hochrufe auf Dodds und die Armee ans. Der General wurde enthusiastisch begrüßt, selbst das Dach seines Waggons wurde erklettert. Als der General fein Coupe verließ, überreichte ihm eine Deputation der Patriotenliga zwei Kränze, deren einer die Initialen der Patriotenliga mit schwarzem Trauerflor trug. Paulin Mery, der Führer der Deputation, umarmte den General. Dodds begab sich im Wagen des Marineministeriums nach dem Hotel, gefolgt von zahlreichen anderen Wagen, deren Insassen ihm fortwährend Ovationen
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Aus Mittei-Oautschtand,
