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Ko. 186. Freitag, den 21. April 1893.

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noch immer Wolken eines unerklärlichen Verhängnisses schweben, das sich bald in natürlichen, bald in politischen Katastrophen Luft macht und große» moralischen und materiellen Schaden anrichtet. Er möchte jene Wolken bannen oder zerstreuen; da ihm aber die Hände gebunden sind, da er nicht frei gebieten kann, sondern immer nur der Erwählte seines Volkes ist, so vermag er nichts zu thun, um jene Katastrophen abzuwenden, die, wie in den letzten Monaten geschehen, Italien um Jahre und abermals Jghre zurnckwerfcn. Dieser große moralische Schmerz aber, den König Humbert durch solche Ereignisse empfindet, mehr em­pfindet als jeder Andere, weil er der erste, beste, gläubigste Patriot seiner Heimath ist, er drückt ihn seit dem Attentat

Zur silbernen Hochxeitsfeier in Rom

am 22. April.

A. R. Rom, 19. April.

Ein charakteristisches Gcschichtchen machte in diesen Tagen die Runde bei den beiden Hofgesellschaften, der schwarzen und der weißen, das heißt der des Vatikans und der des Quirinals, und wurde mit Vorliebevon derersteren weiter kolportirt. Eine Prinzessin und Erbin der Krone einer großen Nation weilte zwei Tage im strengsten In­kognito in Nom und machte dem Königspaar, allerdings auch, da die Prinzessin nicht katholischen Glaubens ist, dem Papste ihre Aufwartung, wie das in solchen Fällen stets geschieht. Nach der Abreise dieser hohen Frau erzählte man sich, sie wäre außerordentlich befriedigt über den Besuch bei Leo XIII., höchst unbefriedigt aber über den Besuch am Hofe des Königspaarcs von Italien gewesen, weil der letztere nicht exÜusiv, sondern demokratisch sei; weil ein Jeder zu ihm Zutritt habe.

Dieser Ausspruch trifft in der That den Nagel auf den Kopf. Ja, König Humbert und- die Königin Margarete find wirklich demokratischer Neigungen voll. Wenn jene Prinzessin aber geglaubt hat, mit diesen Worten einen herben Tadel auszusprechen, so theilt sie wenig die Meinung des italienischen Volkes über diesen Demokratismus seines Herrscherpaares. Es muß allerdings bestätigt und znge- standen werden, daß das Beispiel, welches König Humbert und Königin Margarete geben, ein in Europa einzig dastehendes und daß es in anderen Ländern selbst beim besten Willen der Regierenden nicht ausführbar ist. Gerade deshalb vielleicht ist es aller Welt sympathisch, sympathischer noch durch die äußere Erscheinung dieses Fürstenpaares, das heute auf eine fünfundzwanzigjährige glückliche Ehe zurückblicken kann. Und da ist es denn ange­brachter, bei solch freudiger Veranlassung nicht von den Gründen zu sprechen, die dem italienischen Königspaar demo­kratische Neigungen geradezu aufdrängcn würden, selbst wenn sie ihnen nicht mit Leib und Seele zugethan wären, Gründen, die vielleicht unter dem gefährlichen Titel ä la Bonghi „Rechte und Pflichten eines Fürsten in einem freien Staate" zu besprechen wären, sondern von diesem unvergleichlichen Königspaar selbst, seinem Auftreten in der Oeffentlichkeit, seinem häuslichen Leben.

König Humbert war nicht immer der ernste, fast allzu­starr blickende Mann. Er war als junger Prinz Feuer und Bewegung; doch auch immer schon der Mann von Herz und Gemüth, der sich mit einer erstaunlichen, über seine Jahre weit hinausgehenden Gründlichkeit auf seine Herrscherpflichteu vorbereitete. Die Geschichte und der Biograph wissen von ihm nur wenige intimere Züge zu be­richten, und diese laufen alle auf dasselbe hinaus: Humbert war ein schneidiger Soldat, rote es der Tag von Villafrauca bewiesen hat, er lernte viel und that Gutes. Zum über­ernsten Mann aber haben ihn erst der Tod Viktor Emanuels, das Attentat des Passauante nach seiner Thronbesteigung, die großen Unglücksfälle, die sein Volk heimsuchlen, gemacht. Seit den Tagen der Cholera-Epidemie in Neapel, seit den Tagen des Erdbebens von Casamicciola spricht man in Italien vom „cuore del Re“, vom Herzen des Königs, und dieses Herz erweist sich noch Jahr aus Jahr ein als der schönste, lauterste Edelstein in den vielen Vorzügen dieses Monarchen.

. Der König von Italien macht nicht nur den Eindruck 'iue§ verängsteten, stets auf der Hut vor etwas Schreck­lichem lebenden Menschen, er ist in der That auch ein viel geängstigter Mann. Und doch hat er schwerlich etwas Achn- "ches zu besorgen, wie zum Beispiel der Kaiser Alexander ®Dn Rußland, der nicht mehr weiß, in welchem Bette er vor brn Nachstellungen der Nihilisten sicher ist. König Humbert lönme wie Graf Eberhard von Württemberg einem jeden Rtner Unterthanen sein Haupt getrost in den Schooß legen.

bangt auch nicht für sich, für seine Gemahlin, für seinen ^ofjn. Er bangt für sein Volk, für dessen Wohlergehen, r* es heben, es fördern und festigen und auf dic- Rlbe Stufe hebe», auf der die deutsche und die österreichische Ration stehen. Er sieht, daß über dem Haupte seines Volkes

Passanantcs nicht mehr nieder. Je häufiger das Schicksal seinem Laude Wunden schlägt, desto schöner und edler offen­bart sich der Sinn, der Charakter, das Herz dieses Königs. „Kommet her, die ihr mühselig und beladen seid, ich will euch trösten!" Das ist der christliche, erhabene Wahl- sprnch, den sich König Hunibcrt erkoren hat, und den in geradezu märchenhafter Weise wahr zu machen, er sich fort­gesetzt bemüht.

Und dieser selbe König Humbert, welcher der Welt ein so erhabenes Beispiel der Barmherzigkeit gicbt, bildet in der Art, wohl zu thun, den geraden Gegensatz zu seiner schönen, herzigen Frau. Königin Margarete ist vielleicht noch wohlthütiger als der König. Schon als Prinzessin hatte sie den Ruf, die barmherzigste fürstliche Fran Italiens zu sein. Als Kronprinz Humbert sie sich im Jahre 1868 zur Frau wählte, sang man ihr schon dieses Lob: „Doch schöner nach sind die Strahlen göttliche» Müleids, welche ans Deinen Augen sprühen." Auch bei ihr entspringt die Lust an der Unterstützung der Nothleidenden aus einem wirklichen Bedürsmß. Sie ist aber Fran, daher leichter ge­rührt, leichter empfindlich, leichtem zugänglich.- Da war es denn nicht ganz schlecht von der Vorsehung so eingerichtet worden, daß ihr in König Hnmberi ein guter Recheumeister zur Seite gegeben worden ist. Dieser übernahm mit den Lasten der Krone von seinem Vater auch die Lasten von dessen großen, unglaublich großen Schulden, und der Sohn hat nicht eher geruht, bis das Andenken des Vaters des Vaterlandes, des unsterblichen Einigers Italiens, von diesem Makel gereinigt worden war.

Das königliche Paar hat sich in den ersten Jahren sehr, sehr einschränken müssen, und cs muß es auch heute noch, es wird es immer müssen, wenn es fortfahren will, woran teilt Zweifel, die Wohlthätigkeit iit einem so außerordent­lichen Umfange auszuübeu. Deshalb führt König Humbert selbst das Kontobuch des Haushalts, und wenn die Königin Margarete ab und zu des Guten zu viel gethan hat, so kommt es wohl auch vor, daß es einen strengen Verweis vorn Herrn Gemahl und König absetzt. So anßerordentlich und vielseitig gebildet die Königin auch ist, die wirkliche Lebenserfahrung, die Erkenniniß des Guten und Schlechten in dem Menschen, geht ihr völlig ab. Durchaus harmlos, ein verzogenes, zum Glück aber niemals eigensinniges Kind geht sie durch das Leben. Sie liebt ihren Gemahl, ihren Sohn außerordentlich, sie wäre im Stande, für Beide das Leben zu lassen. hastet ihr ein auserlesener Geschmack an für alles Schöne, dieser Geschmack aber kostet auch viel Geld, und Königin Margarete gicbt gern aus, ohne zu rechnen und zu überlegen. Sic weiß, daß sie noch immer schön ist; sie hat es noch immer nicht nöthig, zu den Künsten zu greifen, mit denen andere Frauen die verloren gegangene Jugend zttrückzuzaubem versuchen. Aber sie schmückt sich gern und so auserlesen und oft als möglich. Das kostet wiederum Geld und viel Geld. Daher verschlingt der eigene Verbrauch der königlichen Frau, ihre Lust am Verschenken und die Wunden der Armuth zu heilen, Unsuntmeu. Das Kapitel der „bilancio“ allein ist es, das am ehelichen Horizont im Leben des italienischen Königspaares ab und zu einige schwarze Wölkchen aufstetgcn läßt.

Doch wer sollte sonst dieser schönen, anmuthigen, herzigen Fran wohl verzeihen, wenn nicht zuerst der bencidenswerthe Gemahl selbst? Der Süden bringt manche Freiheiten hervor, erlaubt tnanche Lockerungen im ernsten Gefüge des Ehe- lebcus und verzeiht Manches, was der Norden als verwerf­lich ahndet. Doch auch das Ehelebcn König Humberts und der Königin Margarete weist keinerlei schwarze Punkte auf. Die Verleumdung hat sich auch an die Königin herangewagt, aber cs ist nie eine unverschämtere Lüge in die Welt gesetzt worden. König Humbert soll noch bis vor Jahren gewisse Beziehungen zu Damen des Adels unterhalten haben. Selbst wenn dieses wahr ist, so hat diese Gunstbezeugung, die der Königin gewiß kein Geheimniß geblieben, eine Störung des ehelichen Friedens nicht herbeizuführen vermocht. Der Quirinal kann zwar nicht die große Menge der fürstlichen Hochzeitsgäste fassen, die in diesen Tagen nach Rom zur Huldigung eilen werden. So viel Räume wären aber noch vorhanden, damit der König und die Königin eigene Schlaf­

gemächer haben. Mangel an Raum ist es also nicht, wenn das Königspaar nach Art solider Bürgersleute dasselbe Schlafgemach mit einander theilt. Es würde auch, wie früher, noch gemeinsam ausfahrcn, aber der König will nicht aus Rücksicht für seine Gemahlin und aus Besorgniß vor der Möglichkeit eines Bubenstreichs diese uunöthig einer, viel­leicht nur eingebildeten Gefahr aussetzeu. Jedenfalls also herrscht eine schöne Eintracht zwischen dem König und der Königin von Italien, und diese musterhafte, einträchtige Schlichtheit in bet Häuslichkeit war von jeher mit ein Grund, daß Kaiser Friedrich sowohl wie fein Sohu sich so außerordentlich zu Humbert und Margarete hingezogen fühlten und fühlen.

König Humbert führt sein Haushaltungsbuch, wie ge­sagt, selbst; er ist aber auch ein guter Oekonom. Er füllt die freie Zeit, die ihm die Staatsgeschäfte lassen, mit der persönlichen Bcaussichtigung seines Hauswesens aus. Ganz besondere Sorgfalt und Pflege widmet er seinem Marstalle, den er Tag für Tag persönlich besucht. Daß er des Morgens der Blumen und Blumentöpfe mit eigener Hand wartet, wird nach dem Gehörten weiter kein Wunder nehmen. Die Königin hat ihren musikalischen Zirkel; sie besucht fast jedes öffentliche Konzert, jede Vorlesung von Bedeutung, die Privatbälle beim Adel und der Diplomatie. Sie tanzt und plaudert gern und ungezwungen. König Humbert tanzt nicht, zkcht aber viele Persönlichkeiten in den Kreis seiner Unterhaltung. Er ist von Allein unter­richtet und viel wohlwollender, als der Ernst seines Wesens, der ihn auch in der oberflächlichsten Unterhaltung nicht verläßt, ahnen läßt. Es steckt wirklich viel Demokratisches in ihm, aber sein Demokratismus verliert nicht die monar­chische Würde aus den Augen, und ich möchte Keinem ratheu, sie zu beleidigen.

Der schwärmerische, überschwengliche, liebenswürdige Italiener bezeichnet die Königin Margarete als „stella“, den Stern, „fiore“, die Blume Italiens. Ein fleißiger Sammler, Tommaso Brondi, hat zur Feier der silbernen Hochzeit des italienischen Königspaares eine Anthologie herausgegcben, welche ausschließlich aus Gedichten, So­netten, Oden, Balladen, Romanzen, Cauzoucn auf die Königin Margarete besteht. Nicht weniger als 360 große, enggedruckte Seiten enthält _biefe Sammlung. Sie trägt bas Motto:

Tutti i fiori hanno il lor merto;

Ma sc scegliere m’6 dato Fra i bellissimi il piii grato, Scelgo il fior, ehe piacque a Umberto.

Es haben alle Blumen ihre Vorzüge, boch wenn cs mir erlaubt wäre, unter ben schönsten die lieblichste zu wählen, so würde ich die Blume wählen, welche Humbert gefiel.

Möge sie der Welt zur Freude noch lauge blühen, und an ihrer Seite der „re leale“, der rechtschaffene Königl

*

Das deutsche Kaiserpaar in Hom.

Die gestrige Ankunft des Kaisers und der Koiferin erfolgte bei herrlichstem Wetter. Lange vor Mittag war die Umgebung des Bahnhofs von dichten Meiischeninassen besetzt, in denStraßeu hatte der Verkehr aufgehört, an allen Fenstern befanden sich Schanlnstige, und auch die Dächer der Häuser, welche einen Ausblick auf die Straßen vom Bahnhof nach dem Quirinal boten? waren von einer dichten Menschenmenge besetzt. Die Garnison bildete vom Bahn­hof bis zum Quirinal Spalier. Die festlich geschmückten Straßen boten einen herrlichen Anblick. In der Via Nazionale ist eine Allee von SUinftbäumen errichtet, welche, mit Blumen und Laub­gewinden geschmückt, die Wappen und Banner der italienischen Städte trägen. Die Häuser prangen im reichsten Flaggenschmuck in ben italienischen und deutschen Farben. Die meisten Läden, die Börse und die Schulen find geschloffen. Besonders reich geschmückt ist der Bahnhof und seine unmittelbare Umgebung. Der kaiserliche Hofzug traf pünktlich um 12 Uhr 50 Minute» ein. Die stürmischen Jubel rufe der an ben Zugängen zum Bahnhof auf- gestellten Bevölkerung verkündeten alsbalb weithin bie Ankunft, ein Salut von 101 Kanonenschüssen erscholl, als bei Zug in den Bahnhof eingefahren war. Kaiser Wilhelm und Kaiserin Augusta Victoria standen an der Thür des kaiserlichen Salonwagens und grüßte» schon von fern den König Humbert und die Königin Margherita, die an der Spitze der gelammten königlichen Familie und eines glänzenden Gefolges sie erwarteten. Nachdem das Kaiserpaar den Salonwagen verlassen hatte, fand eine außerordentlich herzliche Begrüßung statt. Der Kaiser umarmte den König Humbert drei­mal, ebenso begrüßte die Kaiserin die Königin Margherita. Nach der sehr herzlichen Begrüßung der Mitglieder der königlichen Familie durch den Kaiser und Abschreiten der Ehrencompagnie erfolgte die gegenseitige Vorstellung des beiderseitigen Gefolges. Kaiser Wilhelm schüttelte dem Ministerpräsidenten Giolitti, dem Minister des Aeußern Brin sowie den übrigen anwesenden Mitgliedern des Kadinets herzlich bie Hände. König Humbert begrüßte besonders den Staatssekretär des Auswärtigen Amts Freiherrn Marschall v. Biberstein. Sodann verließ das Kaiserpaar mit dem Königs­paar und dem Gesolge den Bahnhof, nm sich nach dem Quirinal zu begeben. Auf dem Bahnhof wurde das Kaiserpaar auch von einer Abordnung der deutschen Kolonie erwartet, die durch eine Anzahl kleiner 'weißgekleideter Mädchen der Kaiserin einen pracht­vollen Blumenstrauß überreichen ließ; auch die Mitglieder der deutschen Botschaft fowie der bayrischen Gesandtschaft waren zum Empfange er­schienen. Der Kaisertrug dieUuisorm des erstenLeib-Hnsaren-NegimentS mit italienischen Orden, ebenso trug das Gefolge die italienischen Orden, während der König Humbert, die königlichen Prinzen und da« italienische Gefolge mit den deutschen Orden erschienen. Die Kaiserin