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K-. 172.
Donnerstag) den 13. April
1893.
Politische Tages-Rundschau.
— Die henie beginnende Fortsetzung der Berathung der Steuervorlagen im Abgeordnctcnhause soll mit Aufbietung aller Kräfte so gefördert werden, daß die Gesetzentwürfe auch in dritter Lesung noch vor Pfingsten erledigt werden können. Das Herrenhaus würde dann gleich nach Pfingsten an die Berathung dieser Vorlagen herantreten können. Wenn eine Krisis im Reiche um Mitte Mai eintritt, würde voraussichtlich eine längere Vertagung des Abgeordnetenhauses bis nach den neuen Rcichstagswahlcu statt- fiubcn und alsdann im Juni noch eine kurze Nachsessivn folgen.
— Gegenüber den immer von Neuem ausgestreuten Voraussagungen, ein Theil des Centrums werde schließlich in der Militärfrage doch „umfallen" und weit über die bisher innegehaltene Linie hinaus die Hand zur Verständigung bieten, verdienen die offenen Erklärungen klerikaler Redner und Zeitungen volle Beachtung, daß cs sich bei der Militärvorlage um eine Existenzfrage des Centrums handel! und ein wesentliches Hinausgehen über das bisherige Angebot die Sprengung der Partei bedeutet. So hat am vorigen Sonntag in einer großen Versauunlung in München ein klerikaler Redner, Chefredakteur Frick, in Fühlung mit der bayrischenParteileitung unter großem Beifall folgende Aeußerungen gethan: Wir können uns in Bayern das Centrum als eine Militärpartei, welche die exorbitanten Pläne des Militarismus, der die Kräfte der Nation lahmlcgt und die Letztere in ihren wirth- schaftlichen Interessen aufs Empfindlichste schädigt, nicht denken. Wir müßten uns, der mit elementarer Gewalt in Bayern herrschenden Volksstimmnng entsprechend, vom Centrum in Berlin lostrcnnen und auf der Landesversamm- lung in Regensburg uns als neue Partei für Bayern kon- stitnircu. (Lebhafter Beifall.) Meine Herren! Wenn ich das vor Ihnen ausspreche, so rede ich nicht etwas, das ich aus den Fingern gesogen; es wird so kommen, wie ich sage, wenn das Centrum helfen würde, die Militärvorlage durch- znbringen; aber dies „wenn" tritt nicht ein, das Centrum wird geschlossen die Militärvorlage ablehnen. (Lebhafter Beifall.)
— Die Bewegungbetr. der Verfassuugsrevisiou über das Allgemeine Stimmrecht, die Belgien seit längerer Zeit in Athem hält, ist in ein neues Stadium getreten. Dadurch, daß die Kammer die Anträge ablchnte, besonders aber, wie schon erwähnt, die famose Forderung Janson, daß jeder junge Mensch von 21 Jahren durch seine ver- ehrliche Stimme bereits über das Wohl und Wehe des Staates mit entscheiden dürfe (115 gegen 26 Stimmen), steht neuer Radau in dem entsetzlich durchwühlten Lande bevor. Manifestationen, Massen-Ausstände, Tumulte sind an der Tagesordnung, und mau darf gespannt daranf sein, ob die Regierung stark genug ist, dem gährenden Chaos und den aufgewühlten Volksleidenschaften Stand zu halten. Daß eine Verfassungs-Revision in Belgien in mancher Hinsicht nothwendig ist, das wird wohl ziemlich allgemein anerkannt, aber sehr häßlich sind die Blüthen, welche die Agitation in dieser Hinsicht zeitigt. — Der Regiernngs- antrag, wonach das Wahlrecht vom Wohnungswerth abhängig wird, wurde übrigens auch verworfen, und zwar mit 61 Stimmen gegen 51. Alle anderen Nebenauträge sind somit weggefallen.
Deutsches Reich.
* Sof- und Personal-Nachrichten. Die Kaiserin Friedrich reiste heute Mittag mit dem Schnellzug um 1 Uhr 35 Min. von Coblenz nach Schloß Kronberg.
* Kerlin, 13. April. In parlamentarischen Kreisen verlautet, eine erneute Ahlwardt-Debattc sei im Reichstag nicht zu erwarten, da es fcftstehe, daß Ahlwardt weitere Aktenstücke nicht besitze.— Der „Köln. Volksztg." wird aus Berlin gemeldet: Die Nachricht der „Münchener Alla. Ztg." (wir hatten von der unglaubwürdigen Mittheilung keine Notiz genommen), Freiherr v. Hncne habe während der Osterferien mit dem Reichskanzler einen Kompromiß vereinbart, welchen das Centruin nach Aufhebung des Fraktionszwangs genehmigen werde, beruht auf reiner Erfindung.
* Majrstiits-Krlridignng und deutsches Kecht. Zur Freisprechung des der Majestäts-Beleidigung angeklagten Berliner Schriftstellers Maximilian Harden äußern sich deutsch- 89lotter bisher noch fast gar nicht; dagegen begriißen einige österreichische Blätter, wie „N. Fr. Pr.", „Deutsche Ztg.", „N. W. Togbl." das Urtheil anss Wärmste. So schreibt die „N. Fr. Pr. ; „Man wird in monarchischen Staaten lange nach einem Nichte-
Uever die Leidensgeschichte Irlands, welch Letzteres der greise Gladstone jetzt mit einem eigenen Parlamente beglücken will, brachte Dr. Emil Daniels im dritten Hefte der diesjährigen Preußischen Jahrbücher eine interessante Arbeit, der Folgendes'entnommen sei:
Die eigentliche Leidensgeschichte Irlands ist gerade 200 Jahre alt und beginnt mit der Schlacht an der Boyne(1690), wo Mlhelm III. die um Jakob II. geschaarten irischen Aufständischen niederwarf. Der seit den Tagen Heinrichs VIII. dort ansässige angloirische Adel mar vernichtet, depossedirt, ausgewandert, und an seine Stelle trat eine neue Klasse adeliger Grundbesitzer, die dem Absentismus huldigte und ihre Güter durch Administratoren verwalten ließ. Diese Leute, in deren Händen außerdem mit dem Sheriff- und Friedensrichteramt mich die lokale Verwaltung lag, bildeten Me vierte Aristokratie, und zwar die denkbar schlimmste Aristokratie, einen herrschenden Stand glaubens- und stammesfremder Plebejer.
„Der irische Bauer war der rechtlose Sklave des Administrators, der die Weiber und Töchter des Geknechteten mißbrauchte und Dutzende von Bauernkarren, wenn sie auf der Landstraße seine Equipage aushielten, einfach in den Graben werfen liefe. Hageldicht sausten die Peitschenhiebe auf den Rücken Widersprechender nieder. Wollte der Bauer klagen, so fand er selten einen Friedensrichter, der nicht selber Administrator war, und unterstand sich der Friedensrichter, die Klage des Paria anzunehmen, so wurde der verrätberische Hemagog so lange von seinen Standesgenosseu gefordert, bis ihn endlich irgend eine Kugel traf. Run war der irische Landmaun freilich fett unvordenklichen Zeiten leibeigen gewesen, aber in der Zeit der anglo-irischen Lords und der Keltenhäuptlinge hatte zwischen Herr und Knecht ein patriarchalisches Verhälttnfe bestanden, das auf der einen Seite Züge von Aornehmheit lind Güte zeigte und auf der anderen Treue und Aufopferung hervorrief. Diese Lande des Gemüths waren durch die Rebellion und Revolution zerrissen worden, und es gab jetzt mut noch zitternde Sklaven nab grausame Vögte auf der Insel."
Natürlicher Weise blieb die Fürcht vor der Rückkehr der Iren, die in allen katholischen Armeen des Festlandes zahl- reich Kriegsdienste thaten, nicht ohne Rückwirkulig ans die ganze irische Politik Englands. Es entstand jenes bekannte System von gesetzlicher Unterdrückung. Sogar das Halten von Schulen wurde dem noch immer h^lbbarbarischen Volke verboten. Pachtungen konnten Katholiken höchstens für 31 Jahre übernehmen, und sie waren verpflichtet, den Pachtschilling vor Ablauf ihrer Pacht freiivillig zu erhöhen, wenn ihr Gewinn das Doppelte der Pacht überstieg. Ein Protestant, der Letzteres von einem katholischen Pächter nachweisen konnte, trat eo ipso in die schöne Pachtung des Katholiken ein.
Abscheulich, wie das Alles war, es war noch bei Weitem nicht das Schlimmste. Die irische Wollen- und Leinen- industrie hatte sich glänzend entwickelt. Aber je reicher die Nischen Gewerbetreibenden wurden, desto giftiger wurde auch der Neid der englischen Industrie, und bie, Fabrikanten Manchesters und anderer großer Städte bestürmten das Parlament mit Petitionen gegen Irland. Daraufhin richtete das Oberhaus eine Adresse an Wilhelm III., worin es u. A. heißt:
. „Des Königs treue Unterthemen in England befürchten, daß Ver weitere Auffchwnng der irischen Wollwaaren-Jndustrie den Mischen Gewerbefleiß schädigen würde. Der Handel Englands wurde abuehmen, Grund und Boden im Wertste sinken und die >kvolkernug sich vermindern. Wir ersuchen Eure Majestät, Ihren PWn Unterthanen anzeigen zu wolle», daß der Aiiffchwung der dortige» Wollwaaren-Jndustrie in England mit Eifersucht wahr- Nnommen worden wäre und hier immer mit Eifersucht betrachtet “erben würde, und daß diese Eifersucht, wenn sie nicht rechtzeitig desanftjgt werden würde, sehr strenge Gesetze Hervorrufen dürfte, Cic lene Industrie völlig verböten und unterdrückten."
. Die schamlose Aufrichtigkeit dieses Aktenstückes wird von kiner denselben Gegenstand betreffenden Adresse des Uuter- stausks fast noch übertroffen. Mit cynischer Offenheit er« ■wen Sr. Maj. getreue Gemeine, Englands Reichthum
Macht hängen davon ab, daß es das Monopol der Wollwaaren-Jndustrie behalte; sie sähen daher mit Eifersucht, wenn die Industrie sich anderswo entwickle, und wollten tle äußersten Anstrengungen machen, um ihre Ausbreitung 3" hindern.
Das irische Parlament legte unter dem Drucke, den es r®’1 England aus erfuhr, einen Prohibitivzoll auf die Aus- kuhr von Wollwaaren, und England seinerseits ergänzte ^'sc Maßregel, indem es auf die Einfuhr irischer Woll- ^aacen einen Prohibitivzoll legte. Und mit diesem Erfolge, 7* die irische Wollindustrie vernichtete, war man noch nicht Wh:eben. Es gab noch mehr zu rniniren, und das wehr- tj? Irland mußte noch mehr der „feigsten, rohesten, sünd- Mieste» Gewaltmaßregeln" über sich ergehen lassen.
Daniels erzählt darüber:
t. »Bei den Unterhandlungen, die den Maßregeln des irischen Par- -k^kuls gegen die nationale Wollwaaren-Jndustrie vorangegaugeit
l, hatten die Engländer versprochen, die irische Leinen-Industrie n zu wollen. Nachher verstanden die Engländer dieses Ber- n so, daß sie nur verpflichtet seien, den Leinen-Export Irlands i Ausland nicht zu behindern, aber vollständige Freiheit be-
Großbritannieu hohe Prohibitivzölle aufzulegen. Durch
diese sophistische Auslegung wurde die irische Leinen-Industrie des sicheren englischen Marktes beraubt, und von nun an bedeutete jede ungünstige Konjunktur des Weltmarktes für die irische Leinen- Industrie eine Haudelskrisis nnb trieb tausende fleifeiger protestantischer Arbeiter weiter westlich übers Meer. Als sich einige Aiiglo- tren unterstanden, auf der Insel Glashütten anzulegen, und als andere Unternehmer Papierfabriken eröffneten und wieder andere Werften errichteten oder die bescheidenen Miueralschätze der Insel anszubenteu anfingen, da verbot das britische Parlament kurzweg alle diese Industrien. Wie konnte da an der Stelle des zerstörten katholischen Adels ein protestantisches Biirgerthum entstehen, das den bisher fast mir die Viehzucht verstehenden Volksmassen Brod und Arbeit gab, sie ihrer Armuth und Roheit entriß und ihr Genillth für den Staat gewann, der sie in die Kulturwclt hiuein- gezogen hatte?"
Die Einführung des billigen Nahrnngsmittels der Kartoffel führte, fo paradox es auch klingen mag, eine weitere Verschlechterung der Verhältnisse der Iren herbei. Die ganze Entwickelung der neueren Geschichte Irlands basirt in letzter Linie auf der Einführung der harmlosen Knollenfrucht, und es ist daher nicht überflüssig, im Wortlaut wiederzugeben, was unser kundiger Führer darüber sagt:
„Da die Pflege der Kartoffel, ebenso wie die des Viehes, mir wenige Arbeitskräfte erfordert und die Einführung jenes billigen Nahrungsmittels wieder zur Vermehrung der Bevölkerung beitrug, fo wuchs die llebervölkeruug zu einer ungeheuren Kalamität heran. Die Pachtungen wurden in immer kleinere Parzellen zerschlage», um den unübersehbaren Schaareu des heirathssähige» Nachwuchses die Segrihibitng neuer Familie» zu ermöglichen. Es versteht sich von selbst, daß bei einer Nachfrage nach Land der Administrator aus dcm Gut bie denkbar höchsten Pachten heranszuschlage» vermochte; er nahm dem Bauer eben Alles ab, was der Arme im Schweiße seines Angesichts erwarb, mit Ausnahme von so viel Kartoffeln, wie erforderlich waren, nm beit Bauern und seine Familie vor dem Hungertode zu schützen. Das Volk lebte fast ausschließlich von Kattäffel» und Kartosfelschnavs, während, die Schweine und die Gestngelsorteu, die gleichfalls, mit Kartoffeln gemästet wurde», zur Bezahlung des PachtschilliucrS bienten. Wohnung t«d Kleidung oes Landmannes machte» unten der englische» Pailamentsherrschast nicht ben gcringfien ' Fortschritt t die Hütte» beftanbeu nach wie vor ans Holz oder Lchm und wurden nii»Rase» gedeckt; gewöhnlich schlug in au sie neeeröaJb ciiicsGrabeus auf, so daß der rmftrfjere Bau von zwei Settvn her sich äußerer Stützen erfreute; au dem grünen, lebendigen Dach sali man häufig die Schweine nagen. Sonst befanden sich diese nützlichen Hausthiere im Innern der Wohnung, die für Vieh und Menschen nur einen einzigen Raum auswies, und wärmten sich dort an ben Leibern des Herrn und der Herrin. Fenster halten die Hütten nicht, ebensowenig Schornsteine, sondern das Innere stand mit der Luit nur durch die Thür in Verbindung. Infolgedessen herrschte im Winter ein fo ungesunder Rauch in ben Hütten, daß zu allen Zeiten Blindheit eine Nationalkrankheit der grünen Insel gewesen ist. Glücklicher Weise war das Klima des Landes mild, aber es ging Arthnr g)omtg doch durch Mark und Bein, als er in einer jener Hütten einen Vater sagen hörte, es würbe der glücklichste Tag seine« Lebens sein, wen»' er einmal feinen Kinder» neue Kleider kaufen könnte, während inzwischen bie armen Kleinen, so gilt wie völlig nackt, mit entzündeten Augen im Rauche kauerten! Und diese fürchterlichen Zustände ver- tauienbfacfitcn sich noch an Gräßlichkeit in jedem der nicht seltenen Jahre, in dem bie Kartoffel, da? einzige Äolksnahriingsniittel der Insel, miferieth."
llnb noch immer ist die Leidensgeschichte der vou Eug- laud ausgesogeneu Insel nicht zu Ende; noch immer ist der Becher des Jammers nicht bis zum Rande gefüllt. Zwar die Wollindustrie Irlands paßte den Engländern nicht, um so mehr aber die billige Erzeugung des Rohmaterials. Es lohnte sich, Ackerland in Weideland für Schafe zu verwandeln, wie es sich später verlohnte, die elenden Kartoffelfelder in geminnreiche Weiden für Rindvieh zu verwandeln. Es entwickelte sich in englischen Händen eine blühende Ausfuhr von Wolle und Fleisch, aber zahlreiche Pächter wurden ausgetrieben.
Ist es zu verwundern, wenn die bis aufs Blut gequälten, gehetzten, verfolgten Iren sich in Geheimbünde zusammen thaten, um, da der Kampf gegen die Menschen unmöglich war, den Kampf gegen die Thiere zu führen, die ihneir nnd ihren Kindern die letzte kümmerliche Nahrung entrissen? Das Kapitel der agrarischen Morde, der Vieh- verstümmelungcn und anderer in Irland heimischen Verbrechen ist ein düsteres, scheußliches — aber liegt die Hauptschuld bei den Iren?
Zahllose Vagabunden machten die Landstraßen Irlands unsicher, Diebstähle nahmen überhand; nnd auch diesen Umstand wußte die englische Regierung den englischen Handels- intercssen dienstbar zu machen. Die wegen Diebstahls zum Tode Verurtheiltcn wurden zur Deportation nach Westindien begnadigt. Dort wurden sie an einen Pflanzer verkauft, um in den Zuckerplantagen zu arbeiten, von deren Produkt der englische Welthandel damals abhing. Auch Weiber wurden um eines geringfügigen, oft aus Hunger begangenen Diebstahls willen an die reichen und üppigen Pflanzer Jamaicas verkauft. Soweit diese Christensklaven nicht dem gelben Fieber erlagen, erhielten sie nach 12-jähriger Zwangsarbeit ihre Freiheit wieder, nnd mancher pries nun sein Glück, daß es ihn auf diesem, fteilich dornenvollen und abschüssigen Wege den verzweifelten Zuständen seines Vaterlandes entführt hatte. Denn die entlasfenen Sträflinge wurden für hohes Gehalt als Sklavenaufscher angestellt, ein Amt, zu dem sie sich wegen ihrer Roheit trefflich eigneten. Die Negersklaven Jamaicas aber, die Karyatiden
der englischen Handelsgröße des vorigen Jahrhunderts, erkannten, daß sie nicht die einzige geknechtete Völkerschaft im britischen Reiche waren, nnd sangen beim Schneiden des Zuckerrohrs und beim Pflücken der Kaffeebohne: „Wenn der Neger nicht Neger wäre, würde der Ire Neger sein".
Es ist schon so, wie Gladstone in seiner großen Home- rule-Rede sagte: „Das Verfahren Englands gegen Irland gereicht ihm zur unauslöschlichen Schande."
