Abend-Ausgabe.
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Wiksbckemr TmM.
41. Jahrgang.
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Mo. 160.
Donnerstag) den 6. April
1893.
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Die Strandungen
Hord-Ostsee Fahrt
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8218 Schiffsnnsiille.
Eine fnuin faßbare Summe von Gefahr, Roth und Tod, und cnormeu Wcrthverlusteu spricht sich in der vorstehenden Ueberschrist aus. Aber leider ist die Zahl nur zu richtig. Diese große Summe von Strandungen hat sich zum Theil im Verlaufe von nur 28, zum anderen Theil in nur 15 Jahren in jenen Meercsgcbicteu zwischen Nord- und Ostsee ereignet, deren Befahrung nach Herstellung des Nord-Ostsce-Kanals dereinst voll dem überwiegenden Theilc der Handelsschiffahrt zwischen 9iorb= und Ostsee vermieden werden kann. In dieser Thatsache spricht sich die hohe volk§- wirthschastliche und auch humane Bedeutung jenes vom Deutschen Reiche gegenwärtig tu Bau genommenen großen Seekanals aus, denn zahllose Menschenleben, die in jenen Meeresgebielcii bisher verlöre» gingen, werden in Zukunft erhalten bleiben können.
Ein äußerst anschauliches Bild der gefährlichen Schiffahrtsverhäitnisse zwischen Nord- und Ostsee gewährt unsere hier beistehende Karte der „Strandungen in der Rord-Ostsee-Fahrt". Dieselbe ist nach einem größeren Kartenbildc in dem soeben bei Lipsilis nnd Tischer in Kiel erschienenen Werke „Der Nord-Ostsee- Kanal" von C. Beseke unter Weglassung einiger besonderer graphischer Darstellungen entworfen und in Hohem Grade nicht nur für die schiffahrttreibenden Kreise, sondern auch für das ganze gebildete Publikum in Deutschland nnd Die an der sehr umfangreichen Nord-Ostsee- Fahrt beteiligten AnSlandstaateu von besonderem Sntereffe. Zn der bildlichen Darstellung seien folgende näheren Ausführungen gegeben.
Alljährlich verkehrt zwischen der Ostsee und der Nordsee, sowie weiter mit den überseeischen Ländern eine so große Zahl von Schiffen, daß sich hierdurch die Passage allein durch den den Hauptverkehr vermittelndeit S u n d auf mehr als 30,000 Schiffe mit rund 16Millionen Register- Tonnen stellte. Dies ist ein ganz aicherordent- lich großes Verkehrsqnantiim, größer, als man in weiteren Kreisen verinuthet haben dürfte; denn die Berechnungen ans dem Jahre 1881, welche der Negierungsvorlage über den Bau eines Nord-Ostsee-Kciucils zn Grunde lagen, konnten nur einen Verkehr von etwas über 11 Millionen Tonnen feftstellen. Inzwischen hat aber das ans der obigen Zahl ersichtliche starke Wachsthnm ftattgesunden.
Daß bei einem so umfangreichen Güteraustausch zwischen beiden Meeren die Gefahren, welche der Schiffahrt ans dem bisher unvermeidlichen Umwege um Stagen drohen, eine «roße Rolle spielen, liegt auf der Hand. Schon frühzeitig hatte man dies sowie die übrigen wirthschaftlichen Vortheile eines quer durch Holstein herzustellendeu SeekaualS, der die Fahrt um Slagen zu vermeiden ermöglichte, erkannt. Bereits vor 700 Jahren drückte sich ein schleswig-holsteinischer Fürst, der Herzog Adoph von Schleswig-Holstein-Gottorp, in einer cn den deutschen Kaiser gerichteten Eingabe folgendermaßen ans:
„Da es sonst an deine ist, daß alle wahren, die von Westen nach Osten lind von Osten nach Westen geschiffet werden, es sei auf Rußlandt, Liffandt, Polen, Preußen, Pommern, Mecklenburg 2C. bis anhero durch den Snndt ober Belbt geschiffet werden müssen, da deren Stedten an der Ost-Sehe liegen, und hinwiedernmb von der West-Sehe auf Hispauien, Frankreich, ----------------
England!, Jrlandt, Schotlandt, Jßlcmdt, Ntederburgundien, Frießlandt über dem Lande an der Weser und Elbe; welche Schifffahrt nm den Schagerhorn unter Norwegen gehet, und nicht allein ein gantz Weiler umbweg ist, dazu man auch der krumb- und umbfahrt halber mancherley wiudt haben und derenthalben offt eine lange geraume Zeitt mit großer verfaumbntß und Unkosten stille liegen und auf den Wind warten mutz, welches beim auch von wegen der Proviaudt, so auffzehret werd, auch der Befoldung des Schiffsvolks auf einen merklichen Unkosten anlauffet, Soudern auch große Gefahr der Sünde Klippen niib anderer Ungelegenbett halber auf sich traget.“
Inzwischen ist nun zwar schon vor reichlich 100 Jahren, int Jahre 1784, vermittels des Eiderflusses der S chle swig-H ol- fteinische Kanal hergestellt, ober dieser hat infolge der Kleinheit feiner Querschnitts-Dimensionen sowie wegen seiner Länge, seiner vielen Krümmungen und der großen Zahl seiner Schleusen, nicht weniger wie sechs, dem eigentlichen Seeverkehr zwilchen beiden Meeren nur in sehr geringem Umfange zu dienen vermocht. Nur IwO Schiffe jährlich benutzen ihn auf durchgehender Fahrt. Die Schaffung des Nord-Ostsee-Kanals erst konnte die Frage lösen; die große Zahl der zum Theil mit Verlust von Menschenleben verbundenen Strandungen in der Nord-Ostsee-Fahrt hatte sich nicht vermindert, sondern noch von Jahr zu Jahr gehoben. Hierüber giebt unser Karleubild eine äußerst anschauliche Darstellung.
. Die Karte zerfällt in zwei Thcile, einen nördlichen, das Gebiet Der dänischen Gewässer bis zur Küste von Schweden umsassendeii, Md einen südlichen, welcher das deutsche Küstengebiet in sich schließt. Mde lmd durch eine die Territorialgrenze bezeichnende «tnchUn,e m der Zeichnung voneinander getrennt. Für das nördliche Gebiet nun liegen amtliche Ermittelungen der dänischen ?W"ung über die daselbst in den 28 Jahren von 1858-1885 nattgehabten Strandungen vor, die von dem Ingenieur Hohlcnberg vor knuger Zett durcheine Karte zur Anschauung gebracht waren.
bn> ^üblichen Theil, die deutschen Gewässer, liegt amtliches 1 Rerchsstatitzik für den fünfzehnjährigen Zeitraum von
neun*. t\bor' na$ welchem die Eintragungen in untere Karte
Auf unserer Karte nun bemerkt man eine große Anzahl von schwarzen Punkten und Kreisen nm Saume der Küsten. Jedes dieser Zeichen bedeutet die Strandung eines Schiffes an der betreffenden Küste, und die ganz anßerorbentlicheVielzahl der Zeichen läßt auf den ersten Blick erkeimeii, wie gefahrdrohend die Schiffahrt in jenen Mecrcsthcilcu ist?) Innerhalb des nördlichen, dänischen Gebiets haben sich in dem obengenannten Zeitraum von 28 Jahren nicht weniger wie 6316 Strandniigeii vollzogen, im dcutichen Gebiet in dem kurzen Zeitraum von 15 Jahren 1899, zusammen also 8215 Schifssnnsälle, die zn bedeutenden Verlusten au Gut und Menschenleben geführt haben.
1874
Jahre vertheilen sich die Strandungen im
Auf die eil
*) Die schwarzen Punkte bezeichnen jene Strandungen, bei denen das betreffende Schiff total verloren ging, die kleinen Kreise verzeichnen die Strandungen, bei denen das Schiff nachher wieder flott wurde. Diese Zeichnungsart hat der Karte wegen ihres Aussehens de» Namen „Caviarkarte" eingetragen.
1882
1883
1884
1885
1886
1887
1875
1876
1877
1878
1879
1880
262
272
273
299
Tas Minimum der Strandungen hat also im Kriegsjahr 1870, das Maximum im Jahre 1872, in welchem ein verheerender mehrtägiger Sturm im November herrschte, ftattgesunden. — Auf das gesammte Küstengebiet Deutschlands entfielen in der bereits mehrfach erwähnieu fünfzehnjährigen Periode folgende Strandungen:
Jahr Slrandiingeil Jahr Strandungen 1873 160 1881
bäniirfien (Gebiet wie folnt:
3abr
Strandungen
Jahr
Strandungen
1858
165
1872
423
1859
177
1873
180
1860
222
1874
223
1861
261
1875
234
1862
211
1876
261
1863
279
1877
189
1864
157
1878
199
1865
203
1879
227
1866
245
1880
285
1867
310
1881
253
1868
193
1882
331
1869
194
1883
191
1870
154
1884
187
1871
201
.1885
165
Zieht man nur die Schiffsunfälle in jenen deutschen Küstengebieten in Betracht, welche auf der in unserer Karte dargestellten Strecke von Arkona bis zur Ems ftattfanbeu, so ergiebt sich ein Jahresdurchschnitt von 105—132 Unfällen, bei denen sich alljährlich zwischen 27 und 44 Totalverluste ereigneten und etwa 52 bis 114 Menschenleben zu Grunde gingen.
Ans die Jahreszeiten bezw. Monate vertheilt, zeigt sich, daß int Jahre zwei Strandungsmaxima und zwei Strandnngsmiuima vorhanden sind. Die Mäxima fallen auf die Monate April-März und November-Dezember, und zwar ist das Letztere das bei Weitem größere, und die Minima auf die Monate Februar und Juli.
Welche enormen wirthschastlichcu Wcrthe auf der Fahrt um Skagen verloren gehen, läßt sich aus den Strandungen an der deutschen Küste Arkoira- 61118, über welche allein uns amtliche Zahlen vorliegen, ermessen. Nach diesen hat nämlich der Versicherungswert!) von Schiff und Ladung bei den in 15 Jahren (1873—1887) erfolgten 1899 Strandungen auf dieser Strecke nicht weniger wie 25,599,438 Mk. betragen, was für die Gesammtheit der in unserer Karte zur Darstellung gebrachten Strandungen in den von der Rord-Ostsee-Fahrt berührten deutschen und dänischen Gewässern, also für die in der lieber« schrift bezeichneten 8215 Schiffsnnsälle, nicht weniger wie 110,700,000 Mk. cinsmacht. Diese Zahl spricht eine ganz außerordentlich deutliche Sprache, wenn man den Werth des vom Deutschen Reiche jetzt gebauten Nord-Ostsee- Kauals einer Schätzung in wirthschastlicher Hinsicht unterzieht.
Politische Tages-Pmrdschan.
— Sicherem Vernehmen nach wurde in der Konferenz des Kaisers mit dem Reichskanzler am Charfreitag der Fall Brandes bezw. die darüber aus Paris cingelaufenen Depeschen besprochen. Aus guter Quelle wird versichert, der Monarch habe die Angelegenheit anfangs ziemlich ernst aufgefaßt, nachträglich messe er jedoch auf Grund der stattgehabten Feststellnngen eine weitergehende Bedentnng derselben keineswegs mehr bei. Auf Grund der von der französischen Regierung abgegebenen Erklärungen darf die Angelegenheit als erledigt betrachtet werde».
— Die „Nationalztg." entnimmt aus der offiziösen Erwiderung der „Rordd. Allg. Ztg.", betreffend die Militärvorlage, die Bestätigung, dah die Regierung mit der steifen Hartnäckigkeit, welche sie in der Kommission entwickelte, in die zweite Plenarberathnng eintrelen wird und daß es zwecklos sei, sich weiter um eine Verständigung zu bemühen. Sollte die Regierung wirklich ihr letztes Wort gesprochen haben, so wird die Verantwortung für den zerrüttenden Wahlkampf, der sich an die ReichStags- auflösung anschließen wird, nicht die Parteien treffen, welche in ihrem Entgegenkommen so weit gegangen sind, als es die wirthschaftlichen Verhältnisse zulassen, um die populäre Forderung nach Einführung der zweijährigen Dienstzeit ihrerseits möglich zn machen.
• - Die Gründungen neuer Parteien sind ein Charakteristikum unserer Zeit, ein Beweis allgemeiner Gährnng und Unzufriedenheit und auch die deutlichste Kundgebung, daß man das bisherige Parteiweseu mehr oder weniger für veraltet und ungenügend hält. Schade nur, daß die neue» Gründungen zum Theil einen scharf ausgeprägten Jnteressen- standpunkt vertreten und somit schon unter die Kategorie jener Einrichtungen fallen, die das Wort zeitigten: Das Parteiwesen ist alter Plunder. Die beiden allerneuesten Parteien, die beide mehr oder weniger als Konkurrenzunternehmen gegen den Bund der Landwirthe anzufehen, sind die „Deutsche Wirthschaftspartei", von der vor Jahren schon einmal die Rede war, der es aber damals nicht gelang, aus den Spalten der Presse in ein thatenvolles Leben überzutreten; die zweite ist die „Deutsche Landpartei", als deren Gründer Herr Dr. Henncberg auftritt und die in deutsch-freisinniges Fahrwasser zu steuern scheint.
— Das neue französischeKabinet enthält meist tüchtige und erfahrene Leute, die sich auch durch reinliche Hände auszeichnen, und so wäre Frankreich wohl zu wünschen, daß es eine längere Dauer erreicht, als das nur vier Monate alt gewordene Ribotsche Ministerium. Immerhin hat das „Journal des Debats" Recht, wenn es die einfache Wahrheit ausspricht, man müsse erst Regierungsakte abwarten, ehe man urtheilen könne. Das Blatt meint: Das neue Kabinet bedeute einfach eine Station. Die konservativen Blätter erkennen den ehrenhaften Charakter des
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