Abend-Ausgabe.
Wiesbil-emr TsgM.
41. Jahrgang.
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P-. 148.
Dienstag» den 28. Marx
1893.
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Die Zage der Bergarbeiter in den Krm-t- Kohlenbezirken Derrtschlauds.
Der jüngste Kohlenstreik, der die öffentliche Meinung monatelang sehr lebhaft beschäftigte und darum gewiß noch in Aller Erinnerung ist, hat dem Verlage von „Schorers Familienblatt" Veranlassung gegeben, einen seiner Redakteure nach den Haupt-Kohlenbezirkcn zu entsenden, um an Ort und Stelle Studien über die wirthschaftliche Lage der Bergarbeiter und die Ursachen des Streiks zu machen. Das Resultat dieser Studien ist in drei soeben veröffentlichten Artikeln niedergelegt, die manchen interessanten Einblick in die bergbaulichen Verhältnisse gestatten und darum auch für unfern Leserkreis von Interesse sein dürften.
Besonders interessant ist, was der Verfasser, Herr Adolph Schulze, über das Leben der Bergarbeiter im Saarrcvier und besonders über den Einfluß der Frauen auf die Streikbewegung schreibt. Leider ist das Bild, welches er in dieser Beziehung entwirft, ein wenig günstiges, nick die Schuld daran liegt, wie er mit Bedauern konstatirt, zum grüßten Theil an den Bergleuten selbst. „Den Frauen scheint," so ' beißt es ht dem ArtikA, „der Sinn für eine behagliche, anheimelnde Häuslichkeit gänzlich zu fehlen. Die aus dem im Saargebiet reichlich vorhandenen rothen Sandstein auf- geführtcn Bergmannshnuser machen, von außen gesehen, durchweg einen sehr freundlichen soliden Eindruck, dem das Innere selten entspricht. Die einzelnen Wohnungen bestehen gewöhnlich aus zwei nicht allzu großen Zimmern,! die gleichzeitig als Küche, Wohn- und Schlafranm dienen. Die Miethspreise stellen sich in dcnKolonieen und kleineren Dörfern auf durchschnittlich sechs Mark, in den größeren Orten auf neun Mark pro Monat. Leider herrscht sowohl im Saar-, wie im Ruhrgebiet die unglaublich' unpraktische Mode, daß die Wohnungen weder Oefen noch Kochmaschinen enthalten; jeder Miether muß sich dieselben vielmehr selbst anschaffen. Der Billigkeit halber findet sich daher in de» Bergmannswohnungen oft nur ein kleiner, elender Kanonenofen, der dann zugleich als Kochmaschinc dient. Schon aus diesem Umstande wird man schließen können, daß die Lust- und Temperaturverhältnisse in solchen Räumen nicht besonders günstige sind. Das Mobiliar ist meist das denkbar ärmlichste; aber vor allen Dingen fehlt den Frauen jener Sinn für Zierlichkeit und Behaglichkeit, mit dem z. B. die Berlinerin selbst den traurigsten, elendesten Räumen noch ein freundliches, wohnliches Aussehen zu verleihen weiß. Fast nirgends sieht man an der Saar eine Blume am Fenster, ganz vereinzelt fand ich einige Bilder au den Wänden — bezeichnender Weise vorwiegend in katholischen i Familien —, und selten nur habe ich einen sauberen Fuß- : baden gesehen; die meisten der Letzteren sahen aus, als ob sie überhaupt noch nie mit Wasser in Berührung gekommen : wären.
Unter solchen Umständen wird mau sich nicht wundern : dürfen, wenn das WirthShauslcben in vcrhängnißvollcr Blüthe steht. Die Schuld daran trifft in erster Linie die Frauen und umso mehr, als dieselben außer ihren häuslichen Arbeiten nichts zu thun haben. Der Mann geht früh nm 5 Uhr zur Arbeit und kehrt Nachniittags gegen 3 oder 4 Uhr heim. Während dieser Zeit hätte die Fran gewiß Muße genug, ihrem Hauswesen einen einigermaßen frcuud- dchcn Anstrich zu geben, und daß die Frauen an der Saar . das nicht thun, ist der Beweis für die beklagcuswerthe i Thatsache, daß sie in haushaltlicher Beziehung ihre Pflicht nicht erfüllen und dadurch zum großen Theile Schuld sind ' »n den traurigen wirthschaftlichen Zuständen, über die sie i stch in den Versammlungen auf dem Bildstock lieber nicht । laut hätten beklagen sollen.
An den Versammlungen der Ausständigen im berg- i wäunischen Saale zu Bildstock haben Tausende von Frauen theilgenommeu. Und diese Hereinziehung des weiblichen Elementes in die Streikbewegung war vielleicht einer der ^rhängnißvollsten Fehler, den die Führer machen konnten. Die Frau, namentlich die ungebildete, wird ihrer ganzen Natur nach nie im Stande sein, derartige Fragen sachlich erörtern. Thatsächlich haben sie denn auch in der lciden- ichaftlichsten Weise für den Streik Partei genommen, und ^uzelne ließen sich dabei zu recht unklugen Herausforderungen
hinreißeu. So hatte eine derselben über die „Huugcrlöhne" geklagt, von denen man überhaupt nicht leben könne. Erst nachdem sie einen kleinen Butterhaudcl angefangen habe, sei cs ihr gelungen, ihre Familie durchzubringen. Daraufhin wurden im „Bergmannsfreund", dem Organ der Bcrgwerks- Dircktiou„ die in den letzten Monaten erzielten reinen Löhne ihres Mannes veröffentlicht, und es stellte sich heraus, daß derselbe int August 4.23, im September 4.56, int Oktober 4.76 und int November 5.73 Mk. pro Schicht verdient hatte. Selbst der größte Arbciterfreund ivird zugebe» müssen, daß eine Fran, die bei solchem Verdienst über Hungerlöhne klagt, eine schlechte Haushälterin sein muß. Und das ist eben der große Fehler der Bergmannsfrauen an der Saar. Gerade sie haben am allerwenigsten das Recht, in den Arbeiterversammluugeu mitzuredcn, beim ehe man rathen will, mnß man erst etwas leisten. Hätten sie sich liebevoller mit ihrem Haushalt beschäftigt, dann gäbe es sicherlich weniger Wirthshäuscr im Saargcbiet, und die Männer würden nicht so viel Geld ans dem Hause tragen, daß die Familie bei Löhnen wie die oben angegebenen hungert! muß.
Sehr zu bedauern ist cs ferner, daß den Saar-Bergleuten jeder Sinn für die Landwirthschaft zu fehlen scheint. Selbst auf den Heineren Kolouieen und abgelegenen Dörfern findet man — abgesehen von den Hausbesitzern, die jedoch auch nur ein kleines, zum Hause gehörendes Gärtchen beackern — selten eine Familie, die sich mit Land- und Gartenbau beschäftigt. Als Grund dafür1 wurde mir angegeben, daß sich diese Arbeit nicht lohne, weil der Dünger zu theuer und die Herbeischaffung desselben mit zu großen Schlvierigkciten verknüpft sei. Ich glaube aber, datz man diese Gründe kaum als ernstliche Hindernisse betrachten darf; vielmehr scheint mir hier eine feSr be- klagcnswerthe Trägheit und Indolenz vorzuliege». Der Boden der Saargcgeud ist, soviel ich durch Nachfrage ermitteln konnte, sehr fruchtbar und ertragreich; trotzdem soll der Morgen Land schon für eine jährliche Pacht von etwa 10 Alk. zu haben sein. Ich kann mir nicht gut denken, daß sich die Bearbeitung desselben bei einigermaßen liebevoller Bewirthschaftnng unter solchen Umständen nicht reutiren sollte.
Auf diese Weise kommt es denn auch, daß die Saar- Bergleute sich trotz der höheren Löhne nicht besser stehen wie ihre Kollegen an der Ruhr und in Oberschlesicn; denn hier sind die Lebensmittelpreise infolge der, wenn auch nur in bescheidenem Maße betriebenen Landwirthschaft durchweg nichtiger." (Schluß folgt.)
Uou der Dowesche» Crfindmig.
Ein Berichterstatter des Wiener „Fiemdenblattes" hat in Mannheim eine Unterredung mit dem Hauptmann Ziegler von der 10. Compagnie des dort gninisonirenden llO.Jnsauleric-Negiments gehabt, welcher mit den Feldwebeln Brunner und Raufe die Schieß- versnche zur Erprobung der Doweschen Erfindung im Käfcrthaler Walde augestellr hatte. Er schreibt darüber: „Hauptmann Ziegler bestätigt die bisherigen Miltheilungeu im Wesentlichen. Die über Weidenholz gespannte Dowesche Kompositionsmasse war zum Zwecke des Versuches mit Leinwand überzogen, und darüber war ein alter Uuisormrock gezogen worden, so daß man die Masse nicht sah. Aus 400, 300 und 20Ö Meter Entfernung abgeschossene Sieben-Milli- meter-Kugeln, die glatt durch sechs Millimeter dicke Eisenplatten gehen, blieben in der Masie steckeli. Diese scheint cementartig und mit Drahtgeflecht zusammenaehalten zu sein. Die Gegenwirkung der Masse auf die anfliegende Kugel denkt sich Hauptmann Ziegler rein mechanisch, nicht etwa chemisch. Es wurde bei den Versuchen beobachtet, daß vom Stahlmantel des Geschosses die Spitze abspringl und die flüssig gewordene Bleisullung herausfließt. Nach der Abkühlung stellt das Geschoß einen rissigen, unförmlichen Blei- klumpen dar, in welchem der obere Theil des Stahlniantels, seines Inhalts entleert, als zusaminengedrnckte kurze Röhre steckt. Mehrere solcher VersttchSgeschosse werden in hiesigen < Mannheimer) Ofsiziers- kreisen gezeigt. Major v. Kamecke, der früher bei der Spandauer Gewehr-Prüfnugs-Kommission diente, also als Fachmann von Rang gilt, erklärte dem Hauptmann Ziegler gegenüber, daß er eine Erfindung, wie die Dowesche, kaum für möglich gehaten habe. Ziegler ist überzeugt, daß die Erfindung eine große militärische Zukunft habe, nur müsse der maschinelle Fabrikbetrieb durchgeführt werden. Wo heute Kruppsche Panzerplatten schützen, werde matt später wahrscheinlich Dowesche Panzer verwenden. Besonders vortheilhaft durften sich dieselben im LelagerungSktiege zur Deckung der Artillerie erweisen. Die Kosten sollen verhältnismäßig gering sein. Die deutsche Militärverwaltung verhält sich der ganzen Sache gegenüber gleichwohl ziiwartend. Sie scheint geneigt, die Fabrikation für den Anfang Privaten zu überlassen, um bei etwaigem späteren Ankauf ganz sicher zu gehen. — Wie die „Mannheimer Volksztg." behauptet, bot Schnetdermeister Dowe seine Erfindung dem Reichskanzler Grafen Caprivi für 3 Millionen Ma rk an. Ter Reichskanzler verlangte Bedenkzeit. Die Redaktion des „Figaro" in Pari« wandte sich zweimal telegraphisch an Towe um nähere Auskunft über feine Erfindung, bis jetzt jedoch vergeblich. — Der glückliche Schneidermeister Dowe in Mannheim — so schreibt ein Leser der „Tägl. Rdsch." — wird seines Leben« nicht froh vor der Unmenge von Berichterstattern Telegraphcuboteu, Bevollmächtigten, Photographen, Fabrikanten' die ihn umlagern. Selbst ich als alter Kunde wurde nur unter den größten Schwierigkeiten eiugelasici,. Sobald aber der höfliche Schneider gemerkt hatte, daß ich zum Beglückwünschen kam, hellten sich seine blauen Aenglein auf, und fein biedere« rundes Gesicht, von einem rothblonden Schnurrbart geziert, lächelte so behaglich 1 vergnügt, als er von den mancherlei Folgen feiner Erfindung zu
sprechen ansing, daß ich ganz vergaß, es könnte von dem Manne vor mir unter Umstanden ein Stück Weltgeschichte abhängen. Er holte auch gleich ein Geschoß Modell 88 hervor (das einzige, was er noch hatte, die übrigen hatten Offiziere des hiesigen Regiments bekomnten, oder Reporter hatten sie nm verlockcndePreise erstanden) und zeigte mir das beinahe Unglaubliche: der Stahlblechmantel war zerborsten, und ans den Rissen war das Blei hervorgequollen. Von dem Stoffe selbst verrieth mir Herr Dowe 'natürlich nichts, und Muthmaßungen sind einstweilen ganz ausgeschlossen. Der Herstellungspreis eines Brnstschnrzes soll 10—12 Mk. betragen. Anfangs wurde, ja die ganze Sache für einen verfrühten Aprilscherz gehalten: „Ich hatte die Welt aus mich aufmerksam gemacht," sagte Herr Doive, „und jetzt machen sie mich verrückt. Sehen Sie nur hier!" und dabei zog er ein Packet henke eingegangener Schreiben und Depesche» aiis seiner Tasche, Telegramme, die um seine Photographie baten, Spottbriefe mit anzüglichen SonntagS- jägerwitzen, Ermahnungen von Patrioten, die Erfindung Deutschland zu erhalten, die Bitte einer Wittwe um Ueberseudimg einer kugelfesten Kleidung; die Abwechslung ist großartig. Ebenso wenig wie zu Hause, kann sich Herr Dowe draußen seines Lebens freuen. Wo er Hinkonimt, wird er angestaunt, umringt, man warnt ihn vor fremden Spionen, die sein „Tuch" stehle» wollen; seine besten Freunde werden ihm verdächtigt, als ob sie ihn bei günstiger Gelegenheit entführen wollten, und bei all der Bedrängniß war der Bedauernswerthe zehn Minute» lang liebenswürdig gegen mich! Das Auftanchen einer Konunissiou von Fabrikanten zwang mich zum Rückzüge. — Die Erfindung der kugelfesten Uniform in Mannheim bringt übrigens die folgende, für de» neuen Schntzpanzer hoffentlich nicht anwendbare Anekdote ins Gedächtniß: Ein Fremder wurde eines Morgens beim Herzog von Wellington vor- gelasse». Er legte dein großen Krieger eine kugelfeste Jacke vor und ersuchte ihn, dieselbe bei der Armee einzuführen. „Gut," sagte der Feldherr, „ziehen Sie die Jacke an!" Ter Fremde thak es. Der Herzog schellte: Ein Offizier erschien. „Sagen Sie dem Hauptnianii So-und-so, er solle zwei Soldaten mit geladenen Gewehren hierher senden." Als der Erfinder diese Worte hörte, verschwand er sofort.
Politische Tages Rundschau.
— Die offiziöse „Norddeutsche Allgefttetue Zeitung" führt in einem „Militarismus" überschriebenen, be- merkeuswerthen Artikel ans, die Möglichkeit, erhebliche Abstriche an der Militärvorlage zn machen ohne Gefährdung des Zweckes der Letzteren, fei bisher nirgends nachgcwiesen. Es sei unlogisch, Abstriche zu fordern, ohne gleichzeitig zn beweisen, daß dadurch der Zweck der Vorlage nicht inFrage gestellt werde. Die Regierung müsse auf eine baldige Durchführung der Reform schon deshalb Werth legen, weil die geplanten Maßregeln fast durchweg schon unmittelbar nach ihrem Jnslebentretcn als wesentliche Erleichterungen der Mobilmachung oder Verbesserung unseres Kriegsstandes wirken würden. Es möge sein, daß man versuchen könnte, innerhalb des Rahmens der Dauer der Vorlage Perioden der Durchführung für die nächsten Jahre zu unterscheiden, wie sie ohnehin bei der Aufstellung des Etats zur Anschauung kommen würden. Dagegen müsse der Gedanke, eine Erledigung wesentlicher Theile der Vorlage der späteren Gesetzgebung vorznbehalten, zurückgewiesen werden. Dentsch» land bedürfe zur Lösung schwerer innerer Aufgaben des Friedens, welcher unzweifelhaft nur so lange gesichert sein werde, als bei den westlichen Nachbarn der Glaube nicht aufkommen könne, sie seien Deutschland militärisch gewachsen.
— Für den Eifer, mit welchem die Konservativen den Antisemitismus betreiben, sprechen zwei Anträge aus ihrer Mitte, die eine antisemitische Tendenz haben. Der eine ist bereits vom Herrenhanse angenommen und fordert von der Regierung, daß sie eine Prüfung der jüdischen Gcheimbücher veranlassen soll. Der andere Antrag ist im Reichstag eingebracht und hat eine Erschwerung der Einwanderung der polnischen und russischen Juden zum Ziel. Man kann nicht sagen, daß die Art, wie in einem Theile der Presse diese Anträge bekämpft werden, eine geschickte ist. Bei dem Herrcnhaus-Antrage handelt cs sich um die jüdischen Religionsbücher Talmud und Schulchau Aruch, die, wie von antisemitischer Seite behauptet wird, Vorschriften enthalten sollen, die mit den allgemeinen Sitten- und Moralgrundsätzen in schroffem Widerspruch stehen. Diese Behauptungen gehören zu dem Agitationsmaterial der Antisemiten, und es wäre daher wohl das Richtigste, wenn durch eine unanfechtbare Prüfung der Mischen Religionsbücher allen Angriffen der Boden entzogen würde. Auch in dieser Frage empfiehlt sich der vom Abg. Engen Richter speziell gegen Ahlwardt eingenommene Standpunkt, allen Verdächtigungen der antisemitischen Agitatoren sofort auf den Grund zu gehen. In der Bekämpfung des Antrags auf Erschwerung der Einwanderung polnischer und russischer Juden scheinen manche Blätter gleichfalls zu weit zu gehen. Die Befürchtung, daß dieser Antrag ein verdeckter Vorstoß gegen das deutsche Judenthum sein soll, ist wohl kaum gerechtfertigt. Der Antrag richtet sich gegen Elemente, nach denen'auch die deutschen Juden kein Verlangen haben, umso weniger, als gerade die einwandernden polnischen und russischen Juden es sind, welche der antisemitischen Propaganda immer wieder neue Nahrung geben. Aus diesem Grunde hat selbst die liberale „National-Zeitnng"
