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Abend-Ausgabe

VieMem THlait

41. Jahrgang.

Verlag: Langgasse 27.

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Montag, den 27. Marx

1893.

Betrachtungen ;nr mirthschastlichen Kage.

Das deutsche Volk nimmt, dank der hervorragenden ' geistigen Eigenschaften der germanischen Rasse, die bei ihm am meisten zum Ausdruck kommen, wohl die erste Stelle unter den Kulturvölkern ein. Deutscher Geist und deutsche Arbeit waren Träger der Kultur und sind es noch heute. Daß sich das Bewußtsein seiner hohen kultnrfördernden Mission im deutschen Volksthum nicht abgeschwächt hat; be­weist die kräftige Initiative, welche Deutschland in neuester Zeit zur Einleitung sozialer Reformen ergriffen hat, es ist der erste Staat, welcher der Lösung der sozialen Frage, der wichtigsten Frage der Gegenwart, praktisch näher tritt, und es geht damit auf diesem Gebiete allen anderen Staaten bahn­brechend voran.

Auch auf wirthschaftlichem Gebiete behauptet Deutsch­land eine dominirende Stellung. Unsere Industrie und unser Handel sind der modernen wirthschafllichen Entwicke­lung schnell gefolgt mid können daher mit dauerndem Er­folg in den Wettbewerb mit anderen Ländern treten. Wer noch nicht in alle Zweige der nationalen Erwerbsihätigkeit ist der moderne, mit der Zeit strebende Geist eingedrungrn; vielfach zeigt sich noch, daß der Deutsche sich von dem gerade ihm eigenen Hang am Alten, Hergebrachten nicht losmachcn kann und daß er ihn selbst dann nicht überwindet, wenn er sich kaum noch der Ueberzeugung verschließen kann, daß der Wechsel der Zeiten auch andere Verhältnisse und andere Bedingungen für das wirthschastliche Leben schafft. Der Mangel an Anpassungsfähigkeit, an geistiger Elasticität tritt am meisten hervor im Handwerk und in der Landwirthschaft. Diese beiden großen Berufsstände folgen in ihrem Gros der modernen wirthschaftlichen Entwickelung am schwer­fälligsten. Gewiß giebt es auch unter den Handwerkern und Landwirthen Viele, welche aus den Bahnen des falschen Conservativismus heraustreten, aber sie bilden nur die Minderheit. Die Mehrheit wurzelt noch in veralteten An­schauungen und kann noch nicht das volle Verständniß ge­winnen für die gewaltigen Umwälzungen auf dem ganzen wirthschafllichen Gebiete, wodurch ebenso wie durch die frei­heitliche Entwickelung des politischen und sozialen Lebens für alle Berufs- und Erwerbsstände die Nothwendigkeit gegeben ist, in her Form der Produktion?- und Betriebsweise und der Berufsorganisation dem Fortschritt sich anzupassen. Iw. f Handwerk träumt man der entschwundenen Herrlichkeit der Zunft nach, mit der man dasgoldene Zeitalter" des Hand­werks begraben wähnt, und agitirt nun schon Jahre lang für Einführung des Befähigungsnachweises und Beschränkung der Gewerbefreiheit. Schade um die kostbare Zeit, welche für die Agitation nutzlos verschwendet wird, denn im Ernste ist nicht daran zu denken, daß die mittelalterliche Zunft, ; toenn auch in verjüngter Gestalt, ihre Auferstehung feiert, und daß die wirthschastliche Bewegungsfreiheit des Einzelnen I eingeengt wird, indem man dem Individuum die Wahl ; eines Gewerbes oder den Uebergang von einem Gewerbe ! zum anderen erschwert. Dazu haben sich die Zeiten zu sehr j geändert; was für eine frühere Zeit gut war, paßt in die heutige nicht mehr. Die Hebung des Handwerkerstandes I läßt sich nur erreichen, wenn die Handwerker unablässig be- ! strebt sind, ihre Leistungsfähigkeit zu erhöhen, und wenn sie zum Schutze gegen die Konkurrenz der Großindustrie ge­nossenschaftliche Vereinigungen schließen. Vervollkommnung der Technik und gründlichere Bildung der Arbeiter müssen zur > Verbesserung der Erzeugnisse das Hauptziel der Handwerker sein, ohne das Streben danach bleibt das Handwerk im Wettbewerb auf gewerblichem Gebiete zurück. Erst kürzlich ist im Reichstag auf die Nothwendigkeit der besseren Schulung der Arbeiter in den gewerblichen Branchen hinge- viesen worden, da die Ausbildung der Arbeiter im Allge­meinen nicht den Anforderungen entspricht, welche der stete Fortschritt auf gewerblichem Gebiet an ihre Leistungsfähig» keil stellt. Aehnlich liegen die Dinge in der Landwirthschaft. Auch hier hängt man vielfach ängstlich an alten Gewohn­heiten, man scheut sich vor Neuerungen. Die Regeln für die Produktion und den ganzen Betrieb erben sich vom Vater auf den Sohn fort, Alles bleibt unverändert und unberührt von der Strömung der modernen Entwickelung. 3st cs da zu verwundern, daß sich die Lage der Landwirth-

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schast verschlechtert? Es wird nicht zu bestreiten sein, daß ein gut Thcil Selbstverschulden zu Grunde liegt, wenn es mit der Landwirthschaft zurückgeht, weil der landwirthschaftliche Berufsstand nicht geschlossen vorwärts strebt. Um die Lage der Landwirthschaft zu bessern, soll nun der Staat helfen, er soll helfen mit allen Mitteln der Gesetzgebung. Als ob er das könnte, ohne andere gleichberechtigte Interessen zu ge­fährden. Wenn die Getreidezölle noch mehr erhöht werden sollen, so werden sie, wie Reichskanzler Graf Caprivi im Reichstag ansführte, zu einer unerträglichen Last für die Konsumenten; soll den ländlichen Arbeitern, welche der nie­drigen Löhne wegen vom Lande nach der Stadt ziehen, der Wechsel des Wohnsitzes erschwert werden, so hieße das ihre Rechte als Staatsbürger beschneiden. Von der Hülfe des Staates allein wird die Landwirthschaft eine andauernde Besserung ihrer Lage nicht erwarten können, ans eigener Kraft muß der landwirthschaftliche Stand sich wieder empor­zubringen suchen, er selbst muß sich Helsen, indem er sich der Fortschrittsbewegmtg unseres wirthschafllichen Lebens an« schließt. Man werfe nur einen Blick auf Amerika, das Land des spekulativen Geistes, des wirthschaftlichen Fort­schritts. Von dem Wettkampf, welcher sich dort um die beste Nutzung und Verwerthitng der Landeserzeugnisse entwickelt, können wir lernen. Der amerikanische Farmer arbeitet ganz anders wie der deutsche Bauer. Auf dem jungfräulichen Prairieboden haben die Farmer früher Weizen gebaut und reiche Ernten eingebracht. Als sie merkten, daß der Boden an Ertragsfähigkeit abnahm, gingen sie zur Viehwirthschaft über und verlegten sich auf die Käsebereitung. Die Sache' ging gut, sie führten ihren Käse namentlich nad) England aus, und sie machten ein viel besseres Geschäft als zur Zeit des Weizmibanes. Außerdem hatte der Boden Zeit, sich cms- zmuheu. Jetzt, da andere ihnen die Käseberettung nad)« gemacht haben.und ihnen Konkurrenz machett, beabsichtigen sie zur Rübenkultlir itberzitgehen. Man steht also, der amerikanische Landwirth versteht sich in die Zeit zu schicken, er wechselt schnell und entschlossen mit seinem Betriebe, er denkt selbst darüber nach, wie er sein Land am besten ver- werthet; er weiß es spekulativ auszunutzen. Und zwar sorgt er nicht bloß für die Bebauung des Landes, sondern auch für den Vertrieb seiner Erzeugnisse. Zu diesem Zwecke thuu sich die Farmer genossenschaftlich zusammen, errichten Märkte und verhandeln gemeinschaftlich mit den Eisenbahnen über billige Tarife und betreiben bann die Ausfuhr int Großen. Kurz, sie sorgen für sich selbst als selbständige denkende Produzenten, als Geschäftsleute.

In allen Erwerbszweigen steht in Amerika die geschäft­liche Spekulation in voller Blnthe, und die wirthschastliche Bewegung hat dort völlig freien Spielraum. Niemand fällt es dort ein, ihr künstliche Hemmnisse entgegenzustellen, Niemand empfindet ihre Beschränkung als Bedürfniß. Im Vergleich mit Amerika ist bei uns der Umfang der geschäft­lichen Spekulation recht mäßig. Im wahren Sinne des Wortes speknliren bei uns nur die Großindustrie und der Großhandel.

Die Leistungsfähigkeit Amerikas auf dem gesummten wirthschaftlichen Gebiete ist so bedeutend, daß sie in Deutsch­land nicht genug gewürdigt werden kann. Die amerikanische Konkurrenz macht sich auf dem Weltmärkte für alle Länder, welche auf den Absatz im Auslande angewiesen sind, und auch für Deutschland immer mehr fühlbar, sogar schon in den gewerblichen Branchen, in denen die Amerikaner uns durch bessere Ausbildung der Arbeiter und durch verbesserte Kon­struktion der Maschinen zu überflügeln suchen. Wir haben alle Ursache, der amerikanischen Konkurrenz gegenüber, die noch bedrohlicher werden wird, auf der Hut zu sein. Es gilt, unsere wirthschastliche Position zu wahren, und das wird uns auf die Dauer nur möglich fein, wenn wir in allen Theilen unseres Wirthschaftslcbeus hinter der fort­schreitenden Entwicklung nicht zurückbleiben und wenn wir unsere wirthschaftlichen Kräfte noch weiter anspannen. Nicht nur als Land der klassischen Bildung und als gefestigter Muster-Staat hat Deutschland seine hervorragende Stellung unter den Staaten zu behaupten.

Sei Sismarck.

Am verflossenen Sonntag empfing Fürst Bismarck den Ab­geordneten Schoof, den Dr. Tiedcrich Hahn und Herrn P. Nickmers ans Bremerhaven. Es wird darüber berichtet: Das Gespräch kam zunächst auf denBund der Landwirthe", und Herr Schoof konnte dem Fürsten Bismarck die bestimmteste Versicherung geben, daß der Bund sich von den politischen Parteien unabhängig halten werde. Der Fürst billigte dies auf das Lebhafteste, betonte die Nothwendig­keit, wirthschastliche Parteien zu bilden, rind erklärte die Magcnfragc für bit wichtigste von allen. Erst wenn der Mensch satt sei, könne er sich mir der eigentlichen Parteipolitik bcsaffen. Die heutigen Parteien, die der Fürst geneigt war, gewissermaßen juristische Parteien zu nennen, grnppirten sich mehr nm einzelne Persönlich­keiten, die nur zu ost ihre eigenen Zwecke verfolgten, als um wirk­liche Gegensätze. Vielfach hinge die Parteinahme im politischen Leben geradezu davon ab, neben wem Jemand auf der

Schulbank gesessen habe. Mit seinem Schulnachbar ginge bann wohl nachher der Eine zu Beiinigseir und den Nationalliberalen, der Andere zu Manteuffel und den Konservativen. Der Fürst meinte, bei aller energischen Parteinahme in der Politik wüßten doch häufig die Anhänger der einzelnen Parteien die eigentlich trennenden Punkte nicht anzugeben. Ihm käme das so vor wie bei Leute», die jeden Sonntag in die Kirche gingen, und wenn man sic nachher fragte, was ist denn eigentlich der Unterschied zwischen den Orthodoxen,' der Mittclpartci u. s. to., so wüßten sie es meistens nicht bestimmt zu sagen, aber darum würde tapfer weiter gehaßt. Im weiteren Verlaufe des Gespräches kam die Rede auf die neuerdings so stark auftretende allgemeine Unzufriedenheit, die sich im 19. hannöverschen Wahlkreise, wie Herr Rickmcrs ansführte, vielfach in wclfischcs Gewand kleide, ohne daß die Leute wirklich überzeugte Welfen wären. Das ließe sich besonders in Geestemünde beobachten. Der Fürst äußerte, es würde zu büreaukratisch regiert, und bezog dies n. A. namentlich auch auf die neue Landgemeinde-Ordnung. Wir hätten zu viel Schreiberei und llmstäudlichkeiten, womit die Leute nicht zurecht kommen könnten, und das solle dann Selbstverwaltung fein. Er lese z. B. wohl die Verord­nungen der Landrätbe und müßte sie oft zweimal lesen, um ihren Sinn zu verstehen, was solle da erst ein Sauernoogt mit solchen Verordnungen anfangen! Aehnlich stände es auch mit der Aus­arbeitung der Gesetzesvorlagen, wobei es vorkomme, daß ein Ge­heimrath dieselbe Materie im Ministerium zu behandeln habe, die schon das Thema seiner Assessorarbeit gewesen wäre, ohne daß er sie jemals int praktischen Leben kennen gelernt hätte. Das Gespräch berührte noch die verschiedensten Themata, wie den Partikularismus und die Herausbildung der Landesherrschafteu in Deutschland, das parteipolitische Leben in England, die ausgesprochene Jnteressen- politik der Engländer in alter und neuer Zett u. a. in. und endigte damit, daß der Fürst, bevor zur Frühstückstafel aufgebrochen wurde, sich vor seinen Gästen entschuldigte, et habe das Mandat des 19. hannöverschen Wahlkreises (aus dem die drei Herren zu Hause sind), leider bis jetzt nicht ausiiben können. Er würde wohl Lust habe», in he Reichstag zu kommen, wenn er es so machen könnte, wie ter alte Moltke, der ruhig dagesessen und zugehört habe. Aber man würde ihn ja nicht zufrieden lassen. Die Einen würden ihn angreifen/4hn beschimpfen, was ihn immerhin nm wenigsten berühren würbe, die Anderen wieder würden ängstlich von ihm fortrücken, anS Furcht, sich zu kompromittiren. Zudem fehle ihm der Apparativer ihm früher Sirr Verfügung gestanden habe, und es fei für ihn Hei vorgerückten Jahren doch schwierig, Alles selbst zu lesen und alle Vorarbeiten für die Reden allein zu besorgen. Die Herren versicherten aber dem Fürsten, daß feilte Wahl in erster Linie ein VertrauenSvottim ge­wesen sei, und Dr. Hahn betonte noch besonders, daß die Wähler des Füisten ihm hätten die Gelegenheit geben wollen, in ernster Stunde im Reichstag sein Wort in die Wagschale zu werfen. Die Gespräche bei Tische trugen einen mehr familiären Charakter, wobei das plattdeutsche Idiom eine große Rolle spielte und der Fürst in heiterster Laune in pfälzischem Wein das Wohl seiner lieben Wähler an derWaterkant" atisbrachte.

Politische Toges-Rundschau.

Beim Schluß der Reichstagssitzungen wurde auch wieder der Gedanke einer Vertagung der Ent­scheidung über die Militärvorlage bis in den Herbst vielfach erörtert. Es ist unter den gegenwärtigen Verhält­nissen bei allen diesen Zukunftsperspektiven schwer oder un­möglich zu entscheiden, ob sie irgend welchen ernsten Anhalt haben oder nur den Reflex des weitverbreiteten Wunsches darstellen, einen, wenigstens augenblicklichen Ausweg aus einer kritischen Lage zu finden, aus der gar Viele im deutschen Vaterlande einen solchen finden möchten, ohne die Möglichkeit zu erkennen. Durch eine Vertagung auf den Herbst würde freilich schwerlich viel gewonnen; wir ver­mögen nicht einzusehcn, wieso sich die Situation in einigen Monaten wesentlich verändert haben könnte. Vielfach wird zur Begründung des Wunsches einer Vertagung auf die nahe bevorstehenden Landtagswahlen in Bayern, Baden und Preußen hingewiesen, in deren Verlauf man nicht das auf­regende Moment einer Krisis im Reich' hineinwerfen möchte. Wir lassen dahingestellt, inwieweit dieser Gesichtspunkt Be­rechtigung hat. Was die preußischen Landtagswahlen anbe- trifft, so glauben wir nicht, daß auf dieselben die Hecres- frage einen bedeutenden Einfluß ansübcn wird. Der Ge­danke scheint uns ein Zeichen und Ausfluß der allgemeinen Verlegenheit, Rathlosigkeit und Besorgniß auch bei den­jenigen Faktoren zu sein, die eine Auflösung und große Krisis vermeiden möchten, ohne doch etwas zu bereit Be­seitigung thuu zu wollen. Den Weg zu einer dauernden Lösung der großen schwebenden Frage vermögen wir in solchen Anregungen nicht zu erblicken.

Man ist einigermaßen gespannt, ob in der nächsten Zeit noch Ersatzwahlen zum Reichstag ausgeschrieben werden, weil mau darin ein Anzeichen dafür zu erkennen meint, ob die Regierung an eine nahe bevorstehende Reichs- tagsauflösung glaubt. Hält sie eine solche schon in einigen Wochen für unvermeidlich, so wird sie schwerlich vorher noch Ersatzwahlen vornehmen lassen. Es ist u. A. der Dort­munder Wahlkreis durch die Ungültigkeitserklärung der Wahl des Hernt Dr. Möller erledigt. In einem so tief unter­wühlten Wahlkreise, wo die Reichstagswahlen allemal mit den leidenschaftlichsten Kämpfen und der bedenklichsten, die wirthschaftlichen und sozialen Verhältnisse erschütternden Aufregung verbunden, überdies stets Stichwahlen unver­meidlich sind, wäre es geradezu unverantwortlich, wenn jetzt