Seite 58. 20. Februar 1893.
Wiesbadener Tagblatt (Abend-Ausgabe). Verlag: Langgasse 27<
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daß der zum Wahlkommissar ernannte Landrath, also dhr höchststehende amtliche Person, der Repräsentant der ftaat-l lichen Autorität im Kreise, für den antisemitischen Kandidaten k- öffentlich Partei ergriffen habe. Dadurch sei eine amtlich, Wahlbeeinflussung ausgeübt, wie sie flagranter nicht gedacht werden könne. Diese Parteinahme sei zweifellos von groß« vielleicht ausschlaggebender Bedeutung gewesen, wenngleich sich der Einfluß naturgemäß ziffernmäßig nicht Nachweisen lasse. Daß eine Ungehörigkeit vorliege, sei von de« preußischen Minister des Innern anerkannt worden und durch eine Notiz im „Staatsanzeiger" zum Ausdruck gebracht. Demgegenüber wurde von der Mehrheit ausgeführt daß von einer amtlichen Wahlbeeinflussung keine Rede sein könne. Der Landrath und Wahlkommissar habe wie jedei Staatsbürger das Recht, für den Kandidaten seiner Partei zu agitiren. Der Aufruf charakterisire sich nur als eine private Kundgebung, da lediglich der Name des Landrathz v. Bornstedt neben anderen ohne Hinzufügung des amtlichen Charakters unterzeichnet sei. Die Rüge des Ministers sei für die Beurtheilung des Falles ganz ohne Bedeutung, ba sie nicht wegen der Unterzeichnung eines Aufrufs an sich erfolgt sei, sondern sich nur gegen die Unterzeichnung eines Aufrufs für einen Kandidaten richte, der in seinen Pamphleten Einrichtungen des Staates angegriffen habe. Der letzteren Meinung schloß sich die Kommission an und erklärte diesen Punkt mit 8 gegen 3 Stimmen für unerheb, lich. Einige andere Beschwerdepunkte, Verstöße gegen die Wahlordnung, amtliche Beeinflussung durch Amtsvorstehn, Ortsvorsteher, Polizeisergeanten, Einwirkung auf der Kanzel und im Schulhause u. dgl. wurden für unerheblich erachtet und die Wahl demgemäß ohne weitere Beweiserhebungen für gültig erklärt. Ein Pastor Preetz soll von der Kanzel herab die Wahl Ahlwardts empfohlen haben, mit der Bemerkung, er würde lieber noch einen Sozialdemokraten als einen Freisinnigen wählen.
zelnen Bundesstaaten und Landestheilen. Es wurde von verschiedenen Seiten betont, daß der Bund sich auf keine besondere Partei stützen wolle; nur Freisinnige und Sozialdemokraten wurden als grundsätzliche Gegner aller land- wirthschaftlichcn Interessen bekämpft. Währungs- und Judenfrage wurden leicht gestreift. Speziell die Rede des Herrn Rupprecht-Ransern enthielt mehrere Ausfälle gegen die städtischen Großkapitalisten und deutliche Anspielungen auf die Juden; mehrere Redner griffen auch die Fortschrittsleute und andere Liberale an, wodurch sie sich in Widerspruch setzten mit dem Programm, das von Herr v. Wangenheim am klarsten entwickelt wurde. Herr Rupprecht erfuhr auch das Mißgeschick, daß er Polen und Juden als die Feinde der Landwirthschaft bezeichnete, eine Erklärung, die er, infolge lebhaften Protestes in Bezug auf die Polen, zurückzog. Die schließlich vorgcschlagene Resolution besagt, die Grundlagen, auf welchen die Stärke des Vaterlandes beruhen, seien unversehrt zu erhalten. Die Landwirthe seien zu jedem Opfer für eine starke Militärmacht, die den Frieden erhalte, bereit. Die dauernde und sicherste Grundlage der Macht und Größe des Vaterlandes sei aber das Gedeihen der Landwirthschaft. Die Handelsverträge erschütterten diese Grundlage derart, daß die Existenzfähigkeit der Landwirthschaft gefährdet sei. Die drohende Gewährung weiterer Einfuhrvergünstigungen bilde eine unerträgliche Schädigung. Der Bund bittet den Reichstag, weiteren Zollherabsetzungen die Zustimmung zu versagen und auf die Förderung der landwirthschaftlichen Ausfuhr Bedacht zu nehmen. Nach Leerung des Saales folgte wegen des Andranges sofort eine zweite Versammlung, die entsprechend verlief. Beide Versammlungen beschlossen die Absendung eines Huldigungstelegramms an den Kaiser. Der Bund der Landwirthe soll seine Hauptstelle in Berlin haben; überall sollen Vertrauensmänner ernannt werden; eine Zeitung, die rein agrarische Jntereffen vertritt, soll, wenn das nöthige Geld vorhanden, gegründet werden. Als vorläufige Vorsitzende des Bundes der Landwirthe wurden ernannt: v. Plötz-Döllingen, Graf Mirbach, Rupprecht- Ransern, v. Frege, Seydcl-Chelchen, Dr. Rösicke-Görsdorf.
— Es ist jetzt allgemeine Ueberzeugung in Reichstags- kreisen, daß die Berathungen der Militärkommission ohne jedes positive Ergcbniß verlausen werden. Höchstens erwartet man noch eine bestimmtere Feststellung einer über die heutige Prüsenzziffer etwas hinausgehenden Hceresverstärkung, die aber auch nur vorbehaltlich und bedingungsweise bis zu späteren endgültigen Entscheidungen erfolgen dürfte. Das wirklich entscheidende Wort wird sicherlich erst in der zweiten Sitzung im Plenum gesprochen werden, und diese kann vor Ostern nicht mehr stattfinden. Die Schuld, daß die Sache gar nicht von der Stelle rücken will, liegt vornehmlich an der Haltung des Centrums, welches nun einmal nicht zu bewegen ist, aus seiner Taktik herauszugehen. Im Allgemeinen erhält sich auch jetzt noch vielfach die Aijficht, daß es zu einer Verständigung kommen werde. Es wird von einer scherzhaften Wette eines sehr hohen Reichsbeamten mit einem Centrumsmitglied erzählt, wonach der Erstere bei einer Reichstagsanflösung verloren haben wollte. Er wird wohl die Kosten der Wette nicht zu tragen haben, aber das Wann? und Wie? einer Verständigung liegt dermalen noch ganz im Ungewissen.
— Der Bericht der Wahlprüfungskommission des Reichstags über die Wahl des Abgeo rdneten Ahlwardt (Frankfurt a. d. O.) ist jetzt ^erschienen. Der gegen die Gültigkeit der Wahl eingelegte Protest stützte sich hauptsächlich auf die Unterzeichnung eines vor der Stichwahl erlassenen Wahlaufrufs zu Gunsten Ahlwardts durch den Landraih des Kreises Friedeberg und Wahlkommissar v. Bornstedt. Darin erblickten die Einsender des Protestes eine amtliche Beeinflussung, obwohl die Unterschrift nur den Namen, nicht die Amtseigenschaft des Herrn v. Bornstedt enthielt. Von der Minorität wurde beantragt, diesen Punkt für erheblich zu erklären, v. Bornstedt sei Landrath des Kreises Friedeberg und war zugleich Wahlkommissar. Wenn auch nur fein Name, ohne Angabe seiner amtlichen Eigenschaft, unter dem Aufruf stehe, so wüßte doch Jedermann,
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Politische Tages Rundschau.
— Die Versammlung derLandwirthe imTivoli- saal zu Berlin, der in politischen Kreisen mit gespanntestem Interesse entgegengesehen wurde, hat am Samstag stattgefunden. Es geht uns folgender Bericht z«: Die vom Bund der Landwirthe Samstag Nachmittag in die Tivvli- Braueret in Berlin einberufene und schon vorher an den hervorragendsten Stellen so viel erörterte Versammlung hatte eine unglaubliche Fluth von Menschen angelockt, wie Berlin wohl kaum bei einer ähnlichen Veranstaltung gesehen hat. Im Saal, der schon mehr als eine Stunde vor Beginn der Verhandlung polizeilich abgesperrt werden mußte, einem der größten Berlins, drängten sich 2500—3000 Leute, draußen vor den geöffneten Fenstern stand noch mindestens die doppelte Zahl, und andere Schaaren entfernten sich, als sie die Unmöglichkeit einsahen, in den Saal zu gelangen. Die ursprünglich gehegte Absicht, die Versammlung zum Theil ins Freie zu verlegen, war polizeilich nicht gestattet worden. Die Versammelten schienen in ihrer weit überwiegenden Mehrzahl dem mittleren Landwirthstand anzugehören und entstammten allen möglichen deutschen Landschaften. Abgeordneter v. Plötz, der Vorsitzende des Bundes, eröffnete die Versammlung. Als er den Fürsten Bismarck erwähnte, ertönte ein unbeschreiblicher Jubel, und es wurde die Absendung einer Depesche an den Altreichskanzler stürmisch verlangt. Die Redner waren u. A. die Herren: Rupprecht, v. Wangenheim, Graf Limbnrg-Stirum, v. Frege, Lutz- Baiern, endlich eine große Anzahl von Deputirten aus ein-
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Staatsministerium sei einverstanden mit einer Erhöhung derselben auf 6 pCt. Für die Berliner Kirchemwth werde in umfangreichster Weise aus dem staatlichen Dispositionsfonds gesorgt. — Abg. Stützet (Centrum) führt Beschwerde über die Nichtzulassung der Ordensniederlaffung in Essen a. d. Ruhr, wo sie wegen der Sozialdemokratie dringend geboten sei. — Abg. Neu bauer (Pole) beschwerte sich über die Bevorzugung der evangelischen Schulen vor den katholischen in Posen und Westprenhen und über ungenügende Berücksichtigung der Muttersprache beim Religionsunterricht. — Geh. Rath Kügler wies diese Beschwerde als unberechtigt zurück. — Abg. Rickert erwiderte in weitläufiger Weise auf die Behauptungen Stöckers und suchte die Bemängeluiigen des moralischen Gehalts der israelitischen ReligionSbiicher zurückzuweisen. An Prof. Strack, einem wirklichen Prediger der christlichen Liebe, sollte sich Herr Stöcker ein Beispiel nehmen. Aber Herrn Stöckers Ziel liege in einer anderen Richtung: Ter Jude wird verbrannt. Herr Dasbach hat auch die Moral der jüdischen Bevölkerung verdächtigt. War das nöthig? Könnte er sich nicht begnügen mit der Erklärung ber jüdischen Rabbiner? Wenn fast alle Rabbiner Deutschlands eine solche Erklärung abgeben, bann könnte doch wohl Herr Dasbach daran glauben und sollte nicht sich auf angeblich wissenschaftliche Behauptungen anderer Männer berufen. Wie viel Juden kennen beim überhaupt ben Talmud? Es kommt gar nicht darauf an, was im Schulchan Aruch steht, sondern was in ber Erklärung uub in Religionsbüchern steht, ist verbindlich für bie Juden. Der Brief der Redaktion des Vereins zur Abwehr des Antisemitismus ist sehr ungeschickt; ich gebe ihn vollkommen jeder Kritik preis. Ich kann also nur meine Bitte wiederholen an den Herrn Kultusminister (der Minister ist mit dem Abg. v. Oertzen- Bromderg in ein Gespräch vertieft und hört nicht aus den Redner) .... ich bitte den Herrn Knltnsminister .... (große Heiterkeit) ich wiederhole meine Bitte an den Herrn Minister .... (große Heiterkeit; der Minister wird darauf aufmerksam gemacht, daß Rickert sich an ihn wendet.) Ich bitte ben Minister, die Untersuchung über die jüdischen Religionsbücher zu beschleiinigeii, damit nicht Bchanptungeii, die aus den entlegensten Scharteken entnommen sind, noch länger in der Welt umherlaufen. — Minister Bosse wiederholt seine unlängst gemachte Zusage der Beschleunigung. — Abg. Schmelzer (nat.-lib.) erklärt, die vollständige Trennung der Kirche von der Schule sei unmöglich, obwohl sie zur Vermeidung des Zwiespaltes erwünscht sei. — Abg. Wackerbarth (koch.) warnt vor Vermehrung der Zahl der lüdischen Richter. In Bezug auf die Angriffe gegen die Juden sollte man doch nicht so empfindlich fein. Der „Börseu-Courier" sagt: Die Antisemiten gehören ins Narrenhaus, und cs wird weiter ausgeführt, baß bie Mörder des Knaben Hegemami unter denen hinter Stöcker und Genossen zu suchen seien. Die Herren sollten die antisemitischen Blätter lesen, damit sie endlich einmal erkennen, was das Volk bewegt. (Beifall rechts.) Ich glaube, daß Herr Rickert darauf ausgeht, .Nathan der Weise" zu fein. (Lachen links.) — Abg. Meyer-Berlin wandte sich gegen Juden- und Zesnitenhetze und stellte bie 3nftimmung ber greif innigen zu bem Antrag auf Aufhebung bes Jesuitengesetzes m Aussicht. Weiter würbe noch von Centrumsrednern beklagt, daß man ben Ordeusniederlassungen so viel Hiuberniffe in den Weg lege, die Aufhebung des Altkatholikeugesetzes gefordert und sodann die Berathung auf Montag vertagt.
Deutsches Reich.
* Kof- und Personal-Nachrichten. Der Kaiser und Prinz Heinrich find am Samstag zum Besuch des Großherzogs mit Sonderzug in Oldenburg angekommen. — Der Geh. Koimuerzicn- rath Gerson v. Bleichröder, Ches des Hauses S. Bleichrödei, ist gestern Nachmittag 1'/- Uhr gestorben.
* Rundschau im Reiche. Die Hamburg-Afrikanische Dampfschiffahrts-Gesellschaft richtet eine dritte Linie über das Kap der guten Hoffnung bis nach Port Natal als Endpunkt ein.
Ans Stadt mrd Kand.
Wiesbaden, 20. Februar.
-o- Ist der Charfrritag für alle Konfesstsnen ei« voller Feiertag? In der Abend-Ausgabe des „Tagblatt" vow letzten Tomierstag ist unter dieser Spitzmarke über eine Entscheidung des Kammergerichts in einer Strafsache berichtet, welche die Kur- hessische Sabbathordumig von 1801 re. betrifft. Demgegenüber dürfte cs von besonderem Interesse fein, eine Kannnergerichts-Ent- scheidimg kennen zu lernen, welche nicht nur ben Charfrcitag,
Zur Besprechung der Musik übergehend, gestehen wir aufrichtig, Angesichts der Reklamen, die darüber gemacht worden sind, einiger- : maßen enttäuscht zu sein. Der vielfache Vergleich mit MascagM fällt, diesem ersten Eindruck nach zu urtheilen, nicht günstig für ben Komponisten Leoncavallo aus. Mascagni ist ebenso wenig ur-1 sprüuglich wie Leoncavallo, versteht nur die Kunstmittcl, welche.! ihm Wagner und Verdi bieten, in selbständiger Weise zu verwerthen,; erscheint aber, soweit es die „Cavalleria rusticana“ an betrifft, dramatisch entschieden begabter zu sein als der Komponist des „Bajazzo". Er ist schlagender, treffender in seinen Ansbrucksmittelu, wenn auch zugegeben werden muß, daßLeoucavallo als der solidere, künstlerisch viel gcwiffenhafter arbeitende Musiker erscheint. Sehr dramatisch belebt und ansprechend komponirt sind die Chöre im „Bajazzo", die Jnstrumentirung enthält sehr viel feine, charakteristische Züge uni ist nicht so aufdringlich, wie die zur „Cavalleria rusticana“, doch scheinen dem Komponisten die Töne wahrer Leidenschaft nicht p Gebote zu stehen. Daß Leoncavallo in der Komödie .Colombine' Tanzrhythmen und triviale Melodieen verwendet, die keine Beziehung zum Text haben, ist entschieden Absicht, entspricht auch ä vollständig dem Charakter des Bajazzo-Theaters. Den Effekt- 1 welchen das Werk jedoch macht, hat es weniger der Musik, als der i originellen, hochdramatischen Dichtung zu verdanken, soweit wir i nach dem ersten Eindruck zu urtheilen vermögen. Wir behalten I uns vor, später noch einmal auf das Werk zurückznkonimen.
Die Aufführnug war recht gut borbereitet und nahm für eine ; Premiere einen günstigen Verlauf. Fräulein (Siergl fang du Partie der Nedda musikalisch sicher und sehr wirkungsvoll. Für ihr Mienenspiel jedoch konnten wir uns nicht begeistern, dasselbe war besonders im ersten Akt noch zu leblos, auch haben wir vor» läufig noch nicht den Eindruck gewinnen können, als wenn Darstellungskraft völlig ausreichend wäre für die erschöpfende Wiedergabe dieser hochdramatifchen Partie. Die ©eenen zwischen (Sanio und Nedda, auch die ber Letzteren mit Touio im ersten Akt ließe» in dieser Hinsicht noch Manches zn wünschen übrig, was zu erfüllen späteren Darstellungen hoffentlich gelingen wird. Einen ausSHj
denn .... und für einig bie Deine, stößt (Sanio einen Wuthschrei aus, stürzt bem Silvio nach, biefer ist jedoch bereits verschwnnden. Sanio verlangt nun von Nedda den Namen ihres Buhlen zu wiffen, sie verweigert jedoch hartnäckig, ihn zn nennen. Wahnsinnig vor Eifersucht zieht er den Dolch, der ihm jedoch von dem herzugekommenen Beppo entriffen wird. Tonio und Beppo erinnern ihn, daß es hohe Zeit sei, sich jetzt zum Spiele borjubereiten. In einem von bitterer Selbstironie getränkten Gesänge beklagt Canio sein herbes Schicksal, jetzt mit einem todtwnuden Herzen den Bajazzo spielen zu muffen. Damit schließt der I. Akt. Am Anfänge des II. Aktes sammeln sich die Laudlcute, um ihre Plätze einzunchmen, die Komödie „Colombine" beginnt: Colombine (Nedda), Harlekin (Beppo), Tadco (Touio), Bajazzo (Canio). Im Wesentlichen gleicht die Handlung der Komödie derjenigen, welche bereits im I. Akte sich abgespielt hat. Bajazzo (Canio) erscheint schließlich, verlangt wieder, jedoch vergeblich, den Namen des Buhlen zu wiffen, wird aber allmählich in seinem Spiele so natur5 wahr, daß die Zuschauer ein Grausen packt. Nedda sucht endlich ihm zu entstiehen, will unter das Baiieru- publikum stürzen, erhält aber von Canio einen tiefen Stich in ben Rücken, woraus sie zusammenbricht. Sterbend ruft sie ihren Geliebten zu Hülse, derselbe macht sich von den ihn krampfhaft fest- haltenden Bauern los und stürzt Canio entgegen, wird jedoch von diesem durch einen tödtlicheii Stich ins Herz getroffen. Canio läßt die Mordwaffe fallen und steht wehrlos und gebrochen da. Tonio zur Menge sich wendend: Geht ruhig heim — das Spiel ist aus . . .! Die Handlung der Oper ist hochdramatisch, außerordentlich packend und ergreifend, auch find die Charaktere bereits im Texte sehr scharf und charakteristisch gezeichnet, lieber den Liebhaber der Nedda, den jungen Bauern Silvio, erfährt man allerdings so gut wie nichts, auch hätte, nm das Bild des sonst gnt- müthigen Canio einigermaßen zu mildern, die Undankbarkeit der Nedda etwas schärfer betont werden können, hat er sie doch von der Landstraße auf im tiefsten Elend zn sich genommen und ihr reine unendliche Liebe entgegengebracht.
Ausland.
* Oesterreich-Ungarn. Eine in Wien unter Verantwortlichkeit von Dr. Nathan Birnbaum erscheinende Zeitschrift fordert auf das Schärfste das Natioual-Judenthum und kennzeichnet jeder Auschmiegen der Inden an europäische Nationen als Lächerlichkeit und Selbstverrath. Die Zeitschrift nennt sich „Selbstemanci- pation, Organ der Indisch-Nationalen", und erscheint zweimal im Monat. Das Blatt dürfte in den Reihen der Israeliten vielfach offenen Widerspruch finden.
* Italien. Zur Jubelmesse des Papstes füllten gestern an 80,000 Menschen die Peterskirche; Über 20,000 drängten sich auf dem Platze, ohne Eintritt zu finden. Trotz des Andrangs ist Alles in bester Ordnung verlaufen. Bis zu den Kirchenthoren sorgte bie italienische Polizei und Militär für Ordnung; von bort die päpstlichen Dragoner und die Schweizer Palastgarde. Die Begrüßung des Papstes beim Eintritt war überwältigend großartig. — Der Papst schien sich wohl zu befinden, feine Stimme klang klar und kräftig durch die ganze Kirche, lieber 2000 Glückwunschtelegramme langten gestern an. Seit Dunkelwerden waren viele Häuser illnmiuirt; auf Anordnung des Papstes zum ersten Male seit 1870 auch die Fassade der Peterskirche mib die Kolonnaden. Bisher ist mit Ausnahme eines kleinen Auflaufs vor dem belgischen Kolleg, dessen Dekoration von Vielen als Provokation betrachtet wurde, Alles ruhig verlaufen.
Königliche Schm,spiele.
Ouvertüre zn: „Dir Fingalrhöhle" von Mendelssohn, Finale des 1. Aktes aus der unvollendeten Oper „Lorclcy", ebenfalls vonMendelsfoh», „Der Kajarro" („Pagliacc?'), Drama in 2 Akten mit einem Prolog, Musik und Dichtung von R. Leoncavallo, und schließlich „Taur-Mvrrtifsrmrnt", arrangirt von A. Balbo.
Das Finale aus „Loreley" bot Fräulein Baumgartner wieder Gelegenheit zu einer recht wirkungsvollen Wiedergabe derPartie der Eleonore, auch die Onveriüre „Fmgalshöhle" fand eine vortreffliche Ausführung.-Indem „Prolog", welcher der Oper „Der Bajazzo", ber Novität des Abends, vorausgeht, kündigt der Dichter der Zuhörerschaft an, baß nicht immer die „Thräneu der Bühne falsch stnb". „Nein! Heut' schöpft ber Dichter kühn ans bem wirklichen Leben schaurige Wahrheit." Er toü! dem Publikum ein Er- lebniß vorführen, das ihn einst tief erschüttert hat. Landleute in einem Dorfe Calabriens erwarten eine Gauklertruppe, bestehend au» dem Direktor derselben, Canio, seinem Weibe Nedda und ben Komödianten Tomio und Beppo. Sie versprechen sich von dem Spiel derselben viel Kurzweil. Es er- erscheint der von Beppo geführte Thespiskarren, auf demselben Nedda, hinter ihm als Bajazzo Canio. Tonio will der Nedda beim Herabsteigen vom Wagen in zudringlicher Weise Hülfe leisten, erfährt dafür von Canio eine Züchtigung. Die Eifersucht des Letzteren wird rege, er läßt sich jedoch von einigen Dorfbewohnern zu einem Glase guten Chianti einloben. Beppo schließt sich ihm an. Tonio naht sich der Nedda und macht ihr in frecher Weise den Hof, so daß ihr nichts Anderes übrig bleibt, als sich mit der Reitpeitsche zu wehren. Er schwört ihr Rache. Silvio, ein junger Bauer, mit bem Nedda heimlich im Einverständniß ist, erscheint und bittet und beschwört sie, ihm zu folgen, heute Nacht noch wolle er sie entfuhren. Sie widersteht, giebt jedoch endlich feinen flehenden Bitten nach. Tonio und Canio, Letzterer von Tonio aus Rache hierhergeführt, erscheinen nnbemerft. Silvio steigt über bie Mauer, bie ben Theater- flfaö vom Dorfe trennt. Bei den Worten Neddas: Diese Nacht
