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Abend-Ausgabe.

Mestmdemr Sagblatt

«. Jahrgang. Verlag: Lauggasse 27. Unzeigen-PreiSr

Verlag: Lauggasse 27.

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1893

Dienstag, den 7. Februar

Erscheint in zwei Ausgabe». — Bezugs-Preis: S« Pfennig monatlich für beide Ausgaben zusammen. — Der Bezug kann jederzeit be­gonnen werden.

Die einspaltige Petitzeile für locale Anzeige» 15 Pfg., für auswärtige Anzeige« 25 Pfg. — Rcclanien die Petitzeile für Wiesbaden 50 Pfg., für Auswärts 75 Pfg.

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Pa. 64

in wie viel Sprachen Richters sozialdemokratische Zukunftsbilder übertragen worden sind. Dem kann ich getrost mein Buch „Die Fran" entgegensetze», das bereits in elf Sprachen übersetzt worden ist und demnächst auch in russischer Sprache erscheinen wird, das mich bei den hervorragenden Franc» große Anerkeiinuug gefunden hat. Auch auf dem Gebiete der Franenthätigkeit vollzieht sich eine große Umwandlung. Haben wir nicht schon Eentralkoch-, Central- heiz-, Centralwaschanstalteii? Warum soll das nicht weiter ausge­dehnt werden? Wie kann man solche Sache» für Mätzchen halten? Alle, die am letzten Samstag bei Richters Rede so lachte», habe» sich selber ausgelacht. (Heiterkeit.) Wenn Richter vcrhciralhet wäre, würde er über manche Fragen ganz anders nrtheilen. Wenn er vier bis fünf Kinder hätte und seine Frau fragte, ob sie nicht lieber sich damit begnügen wolle, mir einen halben Tag die Kinder um sich zn haben, sic würde ihm sicher bejahend antworten. (Große Unruhe und Widerspruch.) Was sollen denn die Proletaricrfrauen sagen, die den ganzen Tag außer dem Hanse arbeiten müssen? Sie habe» ja auch jetzt schon gemein­same Erziehungsanstalten, freilich a la Ballhorn In die Kadetten- anftalten schicken ja die vornehmsten Familien ihre Kinder. Wie traurig sieht cs mit Ihnen ans, wenn Sic sich gar darüber wundern, daß künftig nach unserer Meinung die Arbeiter geräumige und ge­sunde Wohnungen haben sollen. Herr Richter schreibt von dem Kinde der Spar-Agnes, dem Strampel-Acnnchen (Heiterkeit), daß der sozialdemokratische Staat seinen Tod verschuldet habe, weil cs sich im Krankcnhause die Decke abstrauipelte und eine Erkältung bekam. Als ob das nicht heute auch passirt! lind nun seine Spnr-Agncs selbst. Lei den heutigen Huugerlöhnen, wodurch die Mädchen zur Prostitution getrieben werden, soll eine Näherin in der Lage gewesen sei», sich 2000 Mk zu sparen: Heute lebt die große Mehrheit der Arbeiter von der Hand in den Mund. Die Konkurrenz der Unternehmer »öthigt diese zu immer billigerer Produktion und daher zu billigen Löhnen. Man empfiehlt den Arbeitern das Sparen. Was würde aber entstehen, wenn 6 Millionen Arbeiter ihren Konsum beschränkten? Lassen Sie den Arbeiter aber sparen an Cigarren oder Bi^r, so wurden zahlreiche Cigarrenfabrikaiiteu, Cigarrcuhändler, Bierbrauereicn nud Gaslwirthe bankerott und brödlos. Sie sagen, wir verbreiteten Unzufriedenheit und hetzten auf. Ich will mich nicht auf mcimm Freund Dreesbach berufen, der dies bereits widerlegt hat, sondern ich führe mir die Vos fische Zeitung au, die die Unzufriedenheit als das Element bezeichnet, aus dem alles Große entstanden ist. Herr Stocker ist über unser Ver- langcn entrüstet, das allgeineiue Stimmrecht auf alle Männer von 20 Jahren an und auch auf die Frauen auszndehneu. Mit 20 Jahren wird der Mann Soldat, mit 20 Ja irren wird das Stimmrecht in der Schweiz, in Frankreich, in Nordamerika aus- geübt, warum beim nicht bei uns. Klagen Sie die Verhältnisse, die Ciilwickclnng an, aber nicht uns, die Frucht dieser Ent- ivickclungcn: wir sehen darin einen große» Fortschritt. Wir frene» uns nicht, daß der Liberalismus nichts mehr durchsetzen kann, wir werden seine Anträge stets unterstütze», wir be­dauern es, ändern können wir es aber nicht. So können wir der Zukunft ruhig cntgcgensehen. (Beifall bei den Sozialdemokraten.)— Abg. Richter (fr'cis.) bittet, denjenigen Rednern, welche sich noch mit dieser Debatte beschäftigen wollen, das Wort zu geben, damit nicht eine falsche Anffassung im Laude über das Ergebnis; der Ver­handlungen entstehe. — Abg. Bötticher (uat.-lib.) fand durch die Debatte den Bclveis dafür erbracht, daß die Sozialdemokraten selbst nicht an ihre Aussagen glauben. —Abg. v. Koscielski lobte die Widerstandskrast der polnischen Bevölkerung gegen die Sozial­demokratie. — Abg. Bachem fertigte entschieden die Ausführungen Bebels ab, geißelte nochmals deren Zweideutigkeit und nagelte fest, daß, wenn die Sozialdemokratie ehrlich die Evolution abwarte, sie aufhöre, eine revolutionäre Partei zu fein. Redner will aber scharf anfpassen, ob sic nicht wieder zum revolutionären Programm zurück- kchre. Er beleuchtete schließlich den Kampf der Sozialdemokratie gegen das Christenthum und kündigte den entschlossensten Wider­stand an. Der Sieg der Sozialdemokratie über das Christenthum könne nur über unsere Leichen fuhren. (Lebhafter Beifall.) — Abg. Richter (freis.)t Abgeordneter Bebel meinte, ich hätte mir die Suppe eiiigcbrockt und müßte sic nun auch ausesscn. Ich habe Ihnen mit voller Ruhe zugehört und empfehle Ihnen, mit derselben Ruhe auch meine Erwiderung anznhören, um so mehr, als es nach Ansicht des Präsidenten nicht zulässig ist, aus die Provokationen der Nachbarschost sogleich ä» antworten. Die Suppe des Abge­ordneten Bebel ist diesmal dünnflüssiger gclvesen, als wir es sonst an seine» Reden gewöhnt ffiib,. ich habe aber doch hier und da einen Brocke» darin gefmiden, auf den es sich verlohnt, näher ein- zugeheii. Je schwächer der Inhalt, um so stärker ist immer das Seldstbewutztsei» des Redners., Die wiederholte Berufung auf die wachsenden Wählermasseu draußen ist nicht nothivendig, wenn die Sache an sich stark ist. Wenn der Arbeiter nur Herr» Bebels Buch über „Die Frau" liest, meine Broschüren aber nicht, so spricht das wirklich nicht für die Intelligenz der sozialdemokratischen Arbeiter: „eines Mannes Rede ist keines Mannes Rede, man soll sie billig hören alle beede!" Mau wagt es nicht, meine Schrift den Arbeiter» in die Hände zu geben, aus Furcht, sie köiinten von der Partei abgedrängt werden. Alle Ihre Wippchen, mit denen Sie meine ernsthaft angelegten Broschüren ins Lächerliche zu ziehen suchen, waren mir daraus berechnet, zu verhindern, daß diese Broschüren gelesen werden. Sie spreche» von meinen schlechten und guten Witzen; ihre Witze waren alle von einer nnd derselben Dualität. Die Späße, mit denen Sie mich zu unterbrechen suchten, verdiene» nicht das Prädikat gut. Es ist freilich schwer, den Ernst der Rede zu beobachten, tuen» man auf die Phantasiegernälde in dem Buche des Herrn Bebel zu sprechen kommt. Herr Bebel hat zwei Stunden gesprochen, aber über das Thema der Uebervölkerung hat er geschwiegen, weil er fein Mittel weiß, den Himmel auf Erde» vor Uebervölkerung zu schützen. Herr- Bebel will die Aktionäre abschieben und ihnen so viel Geld geben, wie sie wollen. Leugnen Sie, daß der sozialdemokratische Staat darauf hinzielt, sämmtliche Aktien für werthlos zu erklären? Da­rauf tragen Sie keine Antwort zu geben, weil Sie wissen, daß es unter den kleine» Leisten sehr viele giebt, die aus ihre» Ersparnissen solche Aktien besitze». Sic scherzen über meine Spar-Agnes, aber der Hauptsache gehen Sie aus dem Weg«. Die Guthaben aus Arbeiterkreisen bet den Sparkassen berechnen sich nach Milliarden. (Ruf des Abg. Singer: Sie brauchen sie nicht mehr!) Sie wollen also Denjenigen, der auf Genüsse verzichtet und gespart hat, gleich behandeln mit Tein, der aus der Hand Alles aufdraucht, vielfach zu Putzsucht und Müßiggang? In Hagen betragen die Sparein­lagen sechs Millionen. Bier Millionen gehören den Arbeitern.

Das rücksichtslose Verfahre» der Eiseubahuberwaltung gegen die Arbeiter liegt nicht an dem Bestreben, Ueberschüsse zu erzielen, sondern an der Central- und Monopolwirthsthaft, welche frei ist von Konkurrenz. Was will der sozialdemokratische Staat machen, wenn eine schlechte Ernte und infolge dessen eine allgemeine Nothlage und Arbeitslosigkeit eintritt? Ich habe gewartet, was Sie hierzu sagen würden. Sie haben aber auch hier wieder ganz geschwiegen. Dafür machte Herr Bebel wissen­schaftliche Änseiiiandersetzungcn im Allgemeinen und hat sich auf meinen Kollegen Bamberger auf meine Kosten berufen. Derselbe hat mich autorifirt, zu erklären, daß er alle meine An­schauungen theile. (Abg. Bebel: Dann bebaute ich ihn.) Vielleicht nimmt Herr Bamberger auch noch Gelegenheit, hier seine Ansichten niitzutheilcn. Wir haben verschiedene große Krise» in der letzten Zeit gehabt, aber loben Sie doch nicht die früheren Jahrhunderte mit ihren Hnngersnöthen. Da verhungerten die Menschen zu Tauseudcii und Hunderttansendeu, ohne daß irgend einer darnach trug, während heute diese Verhältnisse wenigstens in ihren schärfsten Änswüchsen gemildert sind. Das verdaitken sie dem Privatuiiter- nehmerthnm. Sie habe» uns weder gesagt, was Sie bei ähnlichen Krisen machen würden, noch daß bei Ihnen solche Krisen ausblciben müßte». Sie können nicht ausbleiben, weil sie eine planmäßige Produktion, aber eine Konsumtion nach Belieben wollen. Abg. Bebel spricht von einer guten Statistik. Dazu braucht mau gär nicht ihren Zukunftsstaat. Die große Ausgabe der Privatiiuter- nebmer war cs, die Konsilintion zu verbessern, indem sie bessere Gewohnheiten und neue Bedürfnisse Hervorrufen. Von allem Dem ist im sozialdemokratischen Staat nicht die Rede. Wer hat die oberste Staatsleitnng, um die Konsulntionsverhältnisse zu verbessern? Der Frage, ob der Lob» im sozialdemokratischen Staat ein gleicher sei» muß, weicht Abg. Bebel ebenfalls aus. Er gab uns dafür eine lange Erzählung über den Begriff des Lohnes in den ver­schiedenen Jahrhunderten und über die Uuwisscnschafilichkeit solcher Leute, wie ich bin. (Heiterkeit.) Wer wirklich von Wissenschaftlich- ‘ feit durchdrungen ist, spricht nicht immer davon. (Lebhafter Bei­fall.) Die merkt mau ihm an, an der Klarheit seiner Darstellnngeii nnd nit der Folgerichtigkeit seiner Schlußfolgerungen; aber wer nicht über die Oberfläche hinausgekommen ist, mit gutem Gedächt­nis; Vieles auswendig gelernt hat und mit Applomb vorträgt, hängt sich gern das Mäntelchen der Wissenschaft um; wie auch auf dem Jahrniarkte der heiumstolzirt, der die größte Pfuscharbeit vertreibt. (Abg. Bebel: lluglmiblid)!) Dann wollen wir uns über den Begriff Lohn verständigen. Bebel spricht in seiner „Frau" von einem Certisikctt, einem unbedeutenden Stückchen Gold oder Blech als Ausweis für geleistete Arbeit. Bekommt nun Jeder das gleiche Certisikat, oder bekommt der Eine mehr Gold und der Andere mehr Blech. (Große Heiterkeit.) Vielleicht mausern Sie das in einer neuen Auflage auch noch weg. Wenn, wie es in „Die Frau" geschildert wird, ein Jeder die gleiche Entschädigung für die ver­schiedensten Arbeiten enthält, so heißt das die Produktivität der Arbeit vernichten. (Sehr richtig!)Dadurch würde ein solchesMilliarden» desizit entstehen, daß es durch feine Einrichtung in Ihrem Staate ausgeglichen werde» könnte. Statt Staat wollen wir de» Begriff Zwangsaustall nennen. Glanben Sie, eine Zwangsanstalt ent­behren zu können? Sie sagen Ja. (Abg. Bebel: Nein!) Na, was machen Sie denn, wenn Sie nicht die uöthige Zahl von Arbeitern finden? (Abg. Bebel: Wer nicht arbeitet, braucht nicht zu essen. Heiterkeit.) Ta ist cs heraus! Niemand kann von einem Ander» zu essen bckouunen, als vom Staat. Es besteht also bei Ihnen der A rbeitszwang bei Strafe desVerhii ngerus. Das ist das Zuch ihans. Wie genau stinmit doch in diesem Punkte meine verspottete Broschüre mit Ihren Anschauungen überein. Da lesen Sie, wie die Arbeiter reooltircu und man ihnen die Speise- Häuser sperrt. So genau habe ich Sie erkannt. (Große Heiterkeit.) In Ihrem Staate wird man versuchen, sich in Machtstellungen und bequeme Arbeit hineinzndrängeii. Gerade weil dort Niemand mehr im Stande ist, ans ehrliche Weise cs weiter zu bringe», als Andere, um so mehr werden die Leidenschaften entfesselt werden. Juristen werden sie zehnhnndertmal mehr, als der heutige Staat gebrauchen, den» ein Staat, der die ganze Produktion und Konsnmtioii regelt, bedarf einer Fülle von Gesetze», nnd je mehr Gesetze, desto mehr Juristen, zumal, wenn sie die Gebührenfreiheit eiufiitjren. Schon heute bestehen Centralküchen, Centralreinigungs- und Erziehungs­anstalten, weil sie in gewissen Verhältnissen zweckmäßig sind. (Zwischenruf des Abg. Bebel.) Lasten Sie mich doch ruhig aus­reden, ich habe Sie ja auch augehört. Ist es nothivendig, nunmehr alles Dies zu generalisireii? (Sehr richtig! Abg. Bebel: Sehr schwach!) — Präsident v. Levetzow: Herr Bebel, Sie haben eben gehört, daß der Vorredner nicht unterbrochen sein will. Sie Siri Sie Unterbrechungen immer fort. — Abg. Richter (fort-

reub): Das ist eben das Einzige, was dein Herrn übrig bleibt. (Große Heiterkeit.) Was bleibt denn Ihrem Staat von Häuslichkeit und Familienleben übrig? Wie schwer empfinden es die Arbeiter, die fern von der Fabrik wohnen, daß sie nicht zu Hanse essen können, und so Mancher behilft sich mit einem spärlichen Frühstück, um des Mittags nicht außer dem Hanse essen zu müsse». Die Fran bringt oft mit ihrem Kinde ihrem Manne den Topf mit Este», ohne die Zeit zu achten, die dabei verloren geht. Der Manu föunte ebenso in der Restauration essen. Aber es ist ein Stück Familienleben, ein Stück Häuslichkeit, das sich auf dem Arbeitsplatz abfpielt. Der Mann sitzt bei der Frau, und das Kind spielt um beit Mann herum, unb so vergißt er, daß er bloß Arbeiter ist. (Beifall.) Für diese Imponderabilien im Volksleben haben sie kein Verständniß. Die individuelle Pflege des Kindes in den ersten Jahre» des Lebens kamt nur im Elternhause geleitet werden. Ich habe nur die Frage in meiner Broschüre erörtern wollen: Was wird, wenn der Zukunftsstaat die Sparkassenbücher aiuuiflirt? Auf die Stieselwichsfragc würde ichgar nicht gekommcit sein, wenn in dem Buche „die Frau" dieSachc nicht erwähnt wäre; die Sticfelwichsmaschiite, die Herr Bebel erwähnt, ist im heutigen Staat erfunden worden, wozu brauchen wir also auf den Zukunsts- ftaat zu warten? (Stürmische Heiterkeit.) Das Maß der persön­lichen Dienstleistung vermindert sich fortgesetzt von selbst ganz erheblich. Sie wollen teilten Reichskanzler; ja, irgend eine Ober­leitung muß doch fein, von selbst regiert sich die Produktion doch nicht. Ministerien, Rcichsämter abwechselnd nach Turnus ohne Unterschied der Geschlechter wahrgenommen, halten Sie das heute noch für möglich? (Abg. Bebel: Ich halte Alles aufrecht!) Dann machen Sie es uns doch zunächst einmal in Ihrer eigenen Partei vor! (Stürmische Heitertest.) Immer find Herr Bebel, Herr Liebtnccht, Herr Singer an der Spitze, und noch weniger denken Sie daran, Ihre Damen an der obersten Leitung zu beteiligen.

Deutscher Reichstag.

O Berti», 6. Februar.

Der Antrag des Abgeordiicteit Singer (Soz.) auf Sistiruug ; des Strafverfahrens gegen den Abg. Münch (wild) wird ohne Dis- f kussion angenommen. — Es folgt die Forschung der am Samstag abgebrochenen Sozialisten-Debatte. Bebel (Soz.): Der Abg. : Lciischncr hat neulich erklärt, er verzichte auf eine weitere Erörte- - ning, da nach feiner Meinung die Sozialdemokratie durch die drei- F tägige Berathung derartig vernichtet fei, daß er nichts hinzuzufügen l habe. Wir haben wohl bewiese», daß wir nicht vernichtet sind, und i sind stets bereit, den Kampf aufzunehmcu. Wer nioralischer Sieger ist, darüber wird die deutsche Arbeiterschaft entscheiden, die für nnS allein in Betracht kommt. Die Redner der Gegenparteien haben uns nicht an der Hand von Beweisniatcrial widerlegt, sondern auf Grund der von ihnen selbst fouftruirten, uns untergelegteu Auf­fassung. Von Ihnen, den Vertretern der besitzenden Klassen, auzu- nehmen, daß man Sie von der Wahrheit überzeugen könne, wäre freilich eine Thorheit. (Lachen.) Ihr Denk- nenuegen reicht nicht hin, sich den Unterschied zwischen Staat | und Gesellschaft klar zu machen. (Lachen und große Unruhe.) Geben Sie sich doch die Mühe und lesen Sie meine Rede vorn letzten Freitag aufmerksain durch. Herr Stumm hat gesagt, unser Zukanstsstaat werde einem Zuchthaus gleichen. Wenn irgendwo ein Zuchthaus existirt, so ist es die heutige Gesellschaft. Eine Fo.brik- ordnnng, wie sie unter Herrn v. Stumm bestand — jetzt hat er sie ja ändern muffen —, gleicht einer Zuchthausordnung. Die be­sitzenden Klassen vertheidigc» immer nur ihre eigenen Interessen. Im Gegensatz dazu steht die Sozialdemokratie, die eine Kultur- bewegung ersten Ranges geworden ist. Weil sie aber Ihren Inter­essen widerspricht, so suchen Sie sie zu bekämpfen. Alles, was die Herren Bachcui und Richter vorgebracht haben, ist ja schon durch ihre Presse und ihre Reden bekaniit genug. Herr Stöcker warf uns vor, wir verführten die Massen. Aber wenn die Massen unwissend j waren, sind sie cs durch Ihre Schuld, weil Sie sie unwissend er- r halte». (Große Unruhe.) Sie können es eben nicht vertragen, daß h die Arbeiter gleichberechtigt mit den Besitzenden sind. Unsere Partei zählte 5 Abgeordnete, dann 12, 15, W und jetzt 36 gegen 360 Mft- g flliebcr der übrigen Parteien. Daß wir dieser Mehrheit gegenüber 1 nichts durchsetzen können, versteht sich von selbst, und doch haben die

3ß Sozialdemokraten eine größere moralische Gewalt, als die 360 Mammen. (Großes Gelächter.) Selbst Fürst v. Bismarck hat den t moralischen Einfluß unserer Partei in einer 'Siebe vom 26. Rovbr. i 1884 zugegeben, indem er sagte: „Die Sozialdemokratie ist doch immer ein mene tekel dafür, daß nicht Alles so ist, wie es sein, ; sollte, lind insofern ist die Opposinon ganz anßerordeutlich günstig. ! Wen» cs nicht eine Sozialdemokratie gäbe nnd sich nicht eine Menge vor ihr fürchtete, dann würde ein Fortschritt in sozialer Beziehung Übcihanpt nicht existiren, nnd daher ist die Sozialdemokratie ein ganz nützliches Element." Wenn Sie sagen, wir haben keine alten Arbeiter, so irren Sie sich. Wenn es auf die Zahl der Wähler ankoinnit, dann wären wir jetzt schon die stärkste Partei, und nächstes Mal tvcrdeu mir sicher die doppelte Anzahl von Wählern aufznweiseu haben. (Widerspruch.) Die fünf­jährige Legislaturperiode haben Sie ja nur aus Furcht vor uns cii'.gesührt. Herr Richter hat in einer mit guten und schlechten Witzen gespickten Rede über unsere Partei gesprochen, aber nur leine e völlige Unklarheit über unsere Ziele bewiesen. Herr Bachem, der sich

auch mit meinem Buche „Die Frau" beschäftigte, hat das Vorwort nicht gelesen. Die Sozialdemokratie hat ihr Programm immer ' weiter ausgebaut, nud selbst die Krenzzeitung hat gesagt: Tie

Sozialdemokratie hat das klarste Progranim von allen Parteien, i §err Richter hat mir einen Manscriiugsprozcß vorgcworfcu. Herr 1 Richter ist auf feinem alten Standpunkt stehen geblieben, während s wir vorwärts gestrebt sind. Er ist ein lebender Petresakt. (Große öeiierfeit.) Herr Richter hat uns wnnderbare natioiialökonomische ■ Anschauungen borgetrngen; er ist ja in diesen Dingen ein Unikum m seiner Partei. Der Fehler unserer Entwicklung ist der, daß der Reichthinn sich in immer weniger Händen ansammelt nud die große Masic darben muß. Sie sollten sich wundern, wie rasch die Krisen schwinden würden, wenn Sie die Arbeiter kaufkräftig machen wurden. Tann hat Herr Richter gesagt, in den Versammlnngen «er Arbeitslosen hätten Abgeordnete gesprochen. Das wissen mir Aue. Warum sollen wir den Leuten nicht auseinandersetzen, woher vje Krisen kommen? Daß aber Arbeitslose in diese» Versainmlungeii wcht aufgetreten seien, ist ein Jrrthnui. Sie haben im Gegenlhcil anschaulichstin Schilderungen von ihrer Lage entworfen.

Ds Herr Richter als unfern ZnkunftSstaat schildert, ist MW eigener ZnkunftSstaat. Er kann sich gar nicht ans L Men eigenen bürgerlichen Anschauungen herausfinde», f giebt sogar dem Zukunftsstaat einen Reichskanzler und laßt den i ?n der Stiefelwichsfrage zu Grunde gehe», als ob es nicht möglich

!•« sollte, eine StiefelwichS maschine zu erfinden. (Große Heiterkeit.) ra Amerika bestehen sie ja schon Henle. Aber was wäre den» dabei, wenn der Reichskanzler die Stiefel selbst wichste? Das habe - S Jahrzehnte laug gethan. Ich habe im Gefäugniß sogar de» 7 Fußboden scheuern müsse». Halte» Sie beim das Stiefelwichsen ■St eilt unehrliches Gewerbe? (Widerspruch rechts.) Ich komme zur UMge der Krise zurück. Ist mau nicht infolge der Krisen, die die M j-tzigc anarchistische Produktion verschuldet haben, schon zu enter js Regnlirung der Produktion übergegangen? Was wollen denn die f E"'ginge und Syndikate? Darin liegen bereits embryonisch die ersten

: ’mfätige einer Organisation, die die sozialistische Gesellschaft nur weiter Wwiszufjjhik,, braucht. Wenn alle Bergwerke, alle Minen, alle Be- m«siebe verstaatlicht werden, dann wird diese Uniwaudlung weteut- ■86 erleichtert werden. Sie schildern unsere Zukunft mit allerlei

Glauben Sie, daß unsere Anhänger sich das MMallen lassen würde»? (Unruhe und Zurufe.) Ick) werde aus Lmescu Zurufen nicht fing. Wenn Alles verstaatlicht ist, bann werben wen die intelligenten Kräfte sich bem sozialdemokratischen Staate W Verfügung stellen müssen. Was sollen sie sonst machen? Sie - •bauen auswandern. Tann werden sie bald ersetzt werden.

- Mruhe.) Ja, Sie haben keine Ahnung davon, was für ein von Fähigkeiten in den Arbeitern steckt, wie intelligent - Mcre Arbeiter sind. Tie Freiheit und Gleichheit, in der

?,r künftig leben werden, wird auch ein Maß von Zufriedcu- ? fft. erjeugeu, bas wir jetzt nicht kennen. Die bösen Leiden- xmyasrcu werde» bannt verschwiuben. Herr Richter tonn sich in

*inen Anschauungen auch vorn Lohnsysteni nicht trennen, obwohl k? doch bekannt sein müßte, daß man in früheren Zeiten ein

11 es Lohnsystem nicht gekannt hat. Es ist hervorgehobc» worden. '