Abend-Ausgabe.
41. Jahrgang.
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Ko. 62.
Montag, den 6. Februar
1893.
Eine zweite Sozialisten-Debatte
Der Reichstag hat am Samstag wieder die ganze Sitzung _ auf die Fortführung der Auscinaudersetzmig mit der Sozial- | deinokratie verwendet, abermals aber, ohne damit zu Ende zu 1 kommen. Abg. Richter, wie am Tage vorher Herr Bachem, zog > unter lebhaficiu Beifall die logischen Folgerungen der sozialdemo- I statische» Thcvi.ceu, wie er es in anderer Weise in den „Zukuusts- k inlbetn" getha» hat. In ironischen wie ernsteil Wendungen zeigte ° er, daß das sozialdemokratische Zukuustsideal einfach deshalb nicht zu verwirklichen sei, weil es der ganzen menschlichen Natur wider- : «reche. Wei! dies handgreiflich sei, deshalb verhülle jetzt die Sozialdemokratie geflissentlich dies Bild. Redner nagelte aber den f Abg. Bebel auf Ausfvrüche ans feinen früheren Schriften in einer Weise fest, welche das Hans in anhaltende Heiterkeit versetzte. Richter sagte tt. A.: Wenn wir auch dem Staatssekretär, um iefien Gehaltsposiliou es sich hier handelt, die doppelte Summe bewilligen wollten, so würde er doch nicht in der Lage fein, den -- Notbstaud zn beseitigen, weil praktische Vorschläge bisher ebenso wenig hier von Ihrer Seite gemacht woiden sind, wie im Abge- - ordnetenhause von agrarischer Seite. Nur in zwei praktischen f Fragen stimme ich mit Herrn Bebel überein. Die erste ist die der ■ Winterkleider für die Eisenbahubeamten, auf die ich noch im Ab- geordiieteiihause bei Berathuug des Eisenbahnetats näher einzugehen gedenke; die andere ist die Verkürzung der Lohnperiode von 1 Wochen auf 14 Tage Ich bin der Meinung, daß sich die Lohnzahlung fo kurz wie möglich an die Arbeitszeit auschließen müsse, weil sonst der Arbeiter zu dem Borgshstein greifen muß, unb das ist der Krebsschaden, au dem der Arbeiterstand leidet. Herr Bebel spricht bann von der planlosen Ueberprodnkliou ber Privatunternehmer und bezeichnet diese als die Ursache der- Nothftanbsverhält- i nific. Das ist in keiner Weise begründet. Der Nothstand ist viel- i mehr auf die aufeinanderfolgenden ungünstigen Ernten zurüekzu- t führen, die uns dazu geführt haben, zur Bestreitung unserer Be- b bürfuiffe unsere Iulaudsproduktcfals Zahlung an das Ausland zu l geben und uns selbst dafür, wenn nicht im Konsum, aber doch in den fogenanuien Snjulortifcln, in eutbehrlichen Dingen, einzuschr-imkeu. Tas ist die Ursache, weshalb jetzt einige Industriezweige Roth leiden. - Ich kann ferner in den Schaustellungen der Arbeiter-Verfmmn- " tagen kein richtiges Bild des Nothstmldes anerkennen. Wer tritt fett a!s Redner auf? Es sind in öfter Linie unsere Kollegen hier aber in der Stadtverordnetenversammlung. Selbst die gefaßten Beschlüsse sind nach sozialdemokratischen Rezepten unttSUiffaffnuflcn formulirt. Unter diesen Arbeitslosen befindet sich zweifellos eine | große Anzahl von Saisonarbeitern, die zu dieser Zeit unter allen > Umständen keine Arbeit hätten, uamenilici) die große Anzahl sozial- : oemokratischer Maurer. Gemauert wird aber auch im fozialdeuio- i kratischen Staate nicht, wenn es friert. Was würden Sic nun im : sozialdemokratischen Staate mit diesen Leuten ansangen? Das Einzige wäre, Sie betretirten, daß sie sich an Orte, wo Arbeitsgelegenheit ist, hegäben, unb die Arbeiter würben sieh doch bebauten, i oon ihrem jeweiligen Aufenthaltsorte sortzugeheii. Sie verkennen i dabei aber auch die Harmonie der Interessen, bie Sie neulich, als Herr vr. Buhl davon sprach, bespöttelten; dieseexistirt aber wirklich. Es flieht viele Arbeitgeber, die sich auch in der jetzigen ungünstigen Zeit ihren alten Stamm von Arbeitern erhalten wollen und ihnen darum über bie ungünstigen Verhältnisse hinweghelseu. Herr Bebel ; Mt erwidert, das träten sie in ihrem eigenen Interesse. Jawohl, i das ist eben die Harmoitie der Interessen. Der Arbeitgeber in : feinem Egoismus — wenn ich nun von seinem Egoisinus hier eiu- uial sprechen will — wird eben durch diese Harmonie der Interessen Wwnngen, im eigenen und im Interesse der Arbeiter zu handeln. Ker haben Sie selbst die Harmonie der Jiiteressen unter- s Wrieben. Wagen Siees, zu leugnen? (Sehr richtig!) Jui fozialbemo- kratischeir Staat braucht allerdings der Arbeitgeber in solchen Fällen «me Rücksicht zu nehme». Er kann einen alten Arbeiterstamm witschtcken, und weiin er ihn braucht, fonnnanbirt er ihn wieder 7 zurück. Die Arbeiter im sozialdemokratischen Staat sind genau das, 'ms Soldaten sind, bie mau heute zum Dienst kominaudirt unb i ^orflen von ber Beriirlaubnug zurückruft. Mir will sogar scheinen, dff sozialdcuiokratische Staat ist viel schlimmer als ber militärische. *->e eiferne Disziplin unb Zucht beim Militär ist noch eine humane unb milde Behandlung im Verhältniß zu der, bie Sie wollen. Sic ; wben bann and) von Aktionäre» gesprochen als einer ganz »u- : ;ffl"chbaren Menscheuklasse, die man am besten nach Kaiueruil | Wate. Vielleicht, Wenn mau ihnen vorher das Geld abgenoinmen f hat. (Heiterkeit.) Aber woher sind die Eisenbahnen und andere - A>ße lliiteniehmuiigeu entftanben, wenn die Ersparnisse der > Aktionäre nicht bie Mittel gegeben hätten? Sie sagen, man hätte ■ Anleihen von Staats wegen geuiacht. Das wäre nur möglich kUwesen, wenn Sie den Privaten den Zinsgewimr gegeben hätten, «b-r ben wollten Sie auch abschasfeu. So bleibt nur übrig, daß - uicui Dom Jahresbetrage so unb so viel für solche außerordentlichen | «usgaben borWegnimmt, die müßten dann burdj erhöhte Beträge au.Steuern Wieder aufgebracht werden. Die Verstaatlichung der ^uen baljnen spricht keineswegs zu Giiusteu Ihres sozial- deinokratischeii Staates. Ich glaube, der Finanzniinister Miguel tarbe etwas darum geben, wenn jetzt bei einem Defizit von ' Millionen für dieEisenbahneudieAktiengesellschafte» nochbeitänden. I 1-oirii brauchten dieses Defizit nicht die allgemeine» Staatsfinauzeii i W trage», fonbern es müßte durch bie Aktionäre, burdj bie Ver- i •Jpflcruug der Dividenden gedeckt werden. Auch die Klagen, welche ;; Sf Ihren Kreisen über die rücksichtslose Behaiidlung u. s. w. bei "tfa großen zeutralisirten Verwaltung laut werden, sprechen nicht tu Uhren Gunsten. Sie ist gewissermaßen ein Vorstudium für denfozial- ^wokratifcheu Staat, der noch viel rücksichtsloser verfahren niüßte, das Privatgesellschaften, thnu können. Privatgesellschaften z. B. neunten nicht willkürlich) bestimmen, auf ber Strecke nach Hamburg gerben so unb so viele Schnellzüge eingeftefit ober nicht. Sie jjgjBten stets auf bie Konkurrenz Rücksicht nehmen. Nun sagen | ferner: Alles, was Wir zur Beseitigung des Nothstaudcs be- r uhl'-eßeu tonnen, würden doch nur elende Vordeugungsmittcl sein, \ ?‘‘r auf dem Boden der fozialdeiiiokratischen Gefellfchaftsorduunfl t Mc sich eine Heilung erreichen Wie würden Sie sich das denken? h wr Bebel antwortete uns darauf: Zerbrechen Sic sich doch nicht Miere Köpfe über unfern künftigen Staat. Nun, dann zerbrechen i e’e sich doch nicht nufere Köpfe über unfern jetzigen goat. (Sehr richtig!) Wollen Sie denn allein in Ihrem Mkuiistsstaat leben? Es handelt sich doch hier nicht bloß Seine Organisation innerhalb Ihrer Partei, deshalb wollen wir 3Fie Kopse auch dabei zerbrechen. Tenn wenn wir nicht dabei
sein würden, so zerbrächen Sie vielleicht noch mehr als bloß unsere Köpfe. (Heiterkeit.) Sie vertrauen auf die große Anzahl Ihrer Wähler im Lande. Die anderthalb Millionen Wähler sind aber keineswegs alle Anhänger Ihres Zukuuftsstaates. Sie gebe» ja das and) selbst zu. Sie verstehen es mit großeiuGeschick, Unzufriedenheit aller Art an sich zu ziehen, fid) al« Vertreter der Unzufriedenheit anszusühren. Darum haben Sie and) einen sehr gemischten Anhang. (Heiterkeit.) Neulich sind ja selbst noch dieAgrarier dazu gekouiiueu (Heiterkeit), denen Sie ja nicht bloß ihre Hypolhekenschnlden nehmen wollen, sondern uod) ihren Grundbesitz dazu. Aber in dem Maße, wie Sie Ihren sozialdeiuokratischen Znknustsstaat verivirklichen, schwenken diese 2)iaffen von Ihnen ab, denn sie denken nicht daran, das Privateigenthum, ihr Erbrecht u. f. >v. auffleben zu Wollen, Wie Sie cs nach Ihren Lehren für richtig halten. Und weil Sie das wissen, darum hüten Sie fid) auch, den Kern Ihrer Aiisichteii zu enthüllen, darum sind Sie gezwungen, den Stern Ihres Strebens im Dunkeln zu halten. (Sehr richtig! Abg. Bebel: Sehr falsch!) Herr Bebel leugnet das Streben nach einem Zukuustsstaat unb ergeht sich dabei in Wortklaubircicn. (Unruhe bei den Sozialdemokraten.) Wir vcrstcheil unter Gesellschast bie freie, selbständige Regelung aller Angelegenheiten, während der Staat dabei den Zwang zu Hülse nimmt. (Erneute große Unruhe bei den Sozial- deiuokrateu.) Sehen Sie, in. H., sobald man den Zukunstsftaat berührt, entsteht eine solche Unruhe unter den Sozialdemokraten, daß eine geordnete Diskussion gar nicht mehr möglich ist. Sie schciiikn eine solche absichtlich verhindern zu wollen. (Sehr richtig!) Sie verstehen cs recht gefdjicft, sich um den Zukuustsstaat herumjiircbcii, Ihre Verlegenheit zu verbergen und einer klaren und runden Antwort ansznwcichen. Sie machen die Menge der Zuhörer gewissermaßen betrunken. (Sehr richtig!) Da War mir die Bemerkung des Abg. Bebel über den Mauseruiigsprozeß interessant. (Heiterkeit.) Ja, früher huldigten Sie den Lafsallcfcheu Ideen; heute haben Sie fid) von ihnen abge- Wanbt, Sie haben wesentliche Aeudencugeu in Ihrem Programm eintreten lassen. Nun, wer sich immer so mausert, ber soll nicht eine fo stolze Sprache führen. (Heiteikcit.) Man weiß ja gar nicht, wohin Sie sich uod) mausern werden. (Erneute Heiterkeit.) Die religiösen Propheten haben uicuiftte so viel Glauben von ihren Anhängern verlangt Wie Sie, denn jene verlangten nur Maubcn für das Zukünftige, das sie beftimnrt darstellten, Sie aber verlangen noch Glauben für ben ManseruiWprozeß. (Große Heiterkeit.) Zn' meiner Freude sind Sie in der Mauserung nickt rcBohitioiiärcr, fondern-sachlicher geworden. (Sehr richtig!) Sie haben sich all- mähttch zu einer radikalen Volkspartci entwickelt, die durchaus auf dein Boden der heutigen Gesellschastsorduung sieht. Selbst Ihre Führer unterscheiden fid) untereinander. Herr v. Vollnrar ist schon ganz anders gemausert als Sie,. Herr Bebel! (Große Heiterkeit.) Wie hätte ihm denn sonst Herr Singerden Vorwurf machen können, für ihn scheine der Kern der sozialdeniokraUschen Lehre jetzt nur noch bie Bedeutung einer alten Familienrelignie zu haben, bie man im Silberspiud ausbewahre, um fie bei festlichen Gelegenheiten vor- znsühren. (Heiterkeit.) Wir Alle bitten Sie nun, uns die Reliquien zn zeigen. Sie aber verhüllen fie immer fester und wollen uns biefen Wunsch nicht gewähren. Ich komuie jetzt auf meine Broschüre. Solange das Sozialistengesetz bestand, konnte man Sie nicht gut angreifen, aber als das Gesetz aufgehoben wurde, hielt ich es für meine Aufgabe, Sie einmal zu einer klaren Darstellung Ihrer Ziele zu provociren. Sie haben nichts Rechtes darauf antworten können. Es ist zwar eine Schrift über ben Irrsinn des Abgeordneten Richter (Heiterkeit) erschienen, aber die ist ins Wasser gefallen. Id; wollte mir den Gebildeter» zeigen, daß Alles, was Sie sagen, nur Phrasen sind. Das habe ich erreicht. (Bebel: Das haben Sie garnicht erreicht!) Aber verehrtester Freund (große Heiterkeit), die Herren von der Rechten, sogar die Minister, 'loben meine Schriften gegen die Sozialdemokratie, nur meine ABE-Biicher gefallen ihnen nicht. (Heiterkeit.) Wenn sich wiitüd) Ihre Ideen für eine Besserung ber ge- fammteii wirthschaftliche» Entwickelung eigneten, fo Wäre keine Monarchie stark genug, um ihr Durchdringen zn hindern. Ich habe Sie nicht anzngreifeu vcrsiicht vorn politischen oder religiöseu Standpunkte, sondern id) habe iiachzuweisc» versucht, daß das, Was Sie erstreben, ber Natur des Menschen widerspricht, mit einem Wort, daß es wiberfinuig ist. Meine Schrift verdankt ihre große Verbreitung hanptsächttch Ihrer Unfähigkeit, sie zu tuiberlegen. Man erklärte mich für irrsinnig, damit war id) widerlegt. (Heiterkeit.) Das Allerverderblichste ist die Art, wie Sie bie Arbeiter gegen bie heutige Gesellschaftsordnung anznekcln versuchen. Sie sagen. Sie erstreben Verstaatlichiiiig des Kapitals im weitesten Sinne. Herr Bebel hat auch ausgesührt. Wie er sich das Dunkel denkt. Gewiß, id) verehre ben Abg. Bebel als den logischen Kopf in feiner Partei, aber wenn ihm ber logische Faden ausgeht, fo phontasirt er von ungeheuren Schätzen, die Jedem in Zukunft zur Verfügung stehen werden. (Bebel: Davon habe ich fein Wort gejagt!) Nun irgend Wofür muß man doch diese Schätze bekonimen. (Bebel: Wir haben ja kein Gelb!) Freilich haben Sie keine Münzen mit dem Kopf des Kaisers; aber Lohn muß es doch geben; nnd der Lohn besteht in der Anweisung ans gewisse Konsi>niartikeI.(Bebel: Ganz ialsche Auffassung!) Vicepräsident Dr. Äaumbach: Herr Bebel, ich bitte bariim, de» Redner nicht zu unterbrechen. — Richter (sortfahrend): Schwierigkeiten bereitet Ihnen die Kinderzahl in ben Familien. Um diese Ungleichheit zu beseitigen, soll die Verpflegung vorn Staate übernommen werden. Wenn Sie bie Häuslichkeit auf das Nothwcubigste beschränken, bann kommen Sie zu einer Zerstörung ber Familie, welche die Katastrophe im sozialdemokratischen Staat nach sich) ziehen muß. (Lebhafte Zustiiiimnug.) Wolle» Sie planmäßig Produktion üben,, so muffen Sie and; für einen planmäßige» Konsum sorgen. Freiherr v. Stumm meinte, Ihr Ziikunftsstaat 'müsse zn Zuständen führen, die im Zuchthaus endigten. Das ist auch meine Ansicht. Im. Zuchthaus herrscht planmäßige Produktion nnd auch planmäßiger Konsum. (Heiterkeit.) Aber wer weiß, ob bie Leute im Zukuustsstaat es so gut Haden werden wir bie im Zuchthause, beim bie Zuchthäusler sind angewiesen auf die Leute außerhalb des Zuchthauses; Wenn fie auf sich selbst angewiesen wären, würben sie wohl oft Hunger leiden. (Zustimmung.) Die Sozialdemokraten wollen uns in barbarische Zustände hineinführen, die zur Zeit des Jagb- uud Nomadenlebens bestanden haben und bie ben Anforderungen der heutigen Zeit nickt mehr entspreche». Sie vernichten jedes eigene Streben. Solche Menschen, wie bie, bereu Sie bebürfeu, haben niemals ejiftirt unb können nicht existiren. Wenn Sie ben Himmel auf Erben schaffen wollen, so müssen Sie vor Allem dafür sorgen, daß dieser Himmel nicht übervölkert Wirb, daß Ihre eignen Kinder Ihnen nicht ben Platz int Himmel streitig machen. (Bebel: Sie haben ja gar keine Kinder!) Hören Sie doch diese Kleinlichkeiten,
meine Herren. (Lebhafte Zustimmung.) Das ist ja mir ein Zeichen der Verlegenheit, unb das braucht der Führer der Soziakdeniokraten, der ciustmals den Ziikunftsstaat leiten soll. (Lehhafie Zustimmung.) Das sind die Führer, die in dem Augenblicke, wo fie ernst Rede stehen sollen, fid) so kleinlich benehmen. (Stürmischer Beifall auf allen Seiten des Hauses.) Her Bebel meint in seinem Werke „Die Frau", die Uebervölkcrnng fei nicht zu befürchten, im Norden lasse sich ganz angenehm wohnen. Sie haben vielleicht and) einen Platz, wo Herr Bacheiu seinen Wirkt,ngskreis ansschlageit soll. (Große Heiterkeit.) Unb wenn der Ueberschuß der Bevölkerung sich im Norden von Sibirien nicht unterbringcu läßt, so ist Herr Bebel auch nicht verlegen. Er sagt: Wir haben ja die Wüste Sahara, die wir in fruchtbares Land verwandeln können! (Bebel: In ber neuen Auslage nicht!) Ja, Herr Bebel, in ber neuen Auslage haben Sie sich mit ber Wüste Sahara gemausert. (Stürmische Heiterkeit.) Herr Bebel hat in seinem Buche ausgcsi'chrt, daß ber Kinberreichthiun im sozialistischen Staate nicht so groß fein Würbe, unb hat bas damit beweisen wollen, daß and) Löwen und Elephanten z.B. weit weniger Junge haben als Hasen, Katzen und Mäuse. Daraus folgert Herr Bebel, daß, wenn also durch ben sozialistischen Staat die Menschheit veredelt würbe, fie fid) ähnlich verhalten werbe wie Löwen, Elephanten und Kanteele (Heiterkeit), unb das würbe eine zn große Vermehrung ber Bevölkerung verhindern. (Erneute Heiterkeit.) Er empfiehlt die Regillirunfl der Volksverrnehrnng nach den Eruäliruugsverhältnissen der Mcuscheu. Er will alfo nicht bloß die Lebensvcrhältiiisse der Menschen von ObrigkeitS wegen regeln, sondern and) von Staats wegen bie Fortpflanzung. Er schließt fein Bud) mit beut Satze: „Sccialismus ist die mit klarem Bewußtsein und voller Erkennluiß ans allen Gebieten meilschlicher Thätiflkeit augelvanbte Wisscnschast." Id) erlaube mir diese Worte nmzugestalten in: „Socialismns ist das unklare Bewußtsein und die unrichtige Erkenntniß der Natur und des Wesens der Meuschen und eine »hierauf begründete Irreleitung der Arbeiter."
Gewiß, unsere Gesellschastsorbimng ist nichts weniger als vollkommen, aber Herr Bebel erkennt in seinem Buche selbst an, daß ein Fortschritt möglich ist. Warmn sollte ein Fortschritt der ge- fellschastlichen Entwicklung auf unfern Grundlagen ausgeschlossen fein? Die Geschichte lehrt uns, daß von allen sozialen Gesellschaften die bkstehenbe besser daran ist, als irgend eine andere vorher. Allerdings ist, um die gesellschaftlichen Verhältnisse zn uerbeffern, nichts verkehrter, als allein auf den Staat zu verweise». Die Vervollkommunng und Verbesserung der Gesellschaft muß beim Menschen selbst «»fangen. Das ist auch etwas, was ich den Sozialdemokraten voiwerse. Alles vom Staat zu erwarten unb auf die eigne Vervollkommnung nicht zu vertraue». Ihr Zukuustsstaat würde nur möglich fein mit Menschen von fortgeschrittener Kultur und Bildung. Diesen Fortschritt haben Sie bisher durch Ihre Politik crhe'blid) gefährdet. Abg. Richter schloß mit beit herbsten Vorwürfe», daß bie sozialdemokratische Partei durch ihre Agitation das deutsche Bürgerthum hiudere, ben Ansprüchen ber Arbeiter, so wie cs wituschenswerth wäre, gerecht zn werbe». — Abg. Frohme (Soz.) glaubte, bie durch diese schlagende Siebe höchst mißlich gewordene Lage der sozialdemokratischeii Fraktion baburdr bessern zu können, daß er die ganze Debatte als ein 'Faschingsspiel kennzeichnete. Im llcbrigen wiederholte er die gestrigen Aus- sührungen Bebels über bie Entwicklungstheorie. — Abg. Stöcker zog das Facit der mehrtäfligen Sozialistcudcbatte, indeni er u. A. sagte: Eine politische Partei ist die iostaldeniokrattiche Partei nicht. Eine Partei, bie bald unmögliche Produktionsgenossenschaften, bald einen phantastischen sozialdemokratischen Staat als Ziel hiustellt, mag philosophische Köpfe enthalten, aber eine politische Partei ist sie nicht. Immer Wieder verbreiten Sie Ihre Lehren, obgleich Sie sie selbst als Lüge und Unsinn anerkannt habe». Sie Haven anerkannt, daß das eherne Lohugesetz nicht möglich ist; und doch haben Sie es 50 Jahre lang immer wieder verkündigt. Das ist feilt Vergehen mehr, das ist ein Verbreche» an ber Wahrheit der deutschen Arbeiter. (Lebhafte Zustimmung.) Sie nennen Unzufriedenheit ben Faktor, ber vorwärts treibt, aber indem Sie immer fordern, werden Sie nie die Unzufriedenheit beseitige». Als Christus erschien, da sprach) er nicht vom Recht der Reidsen, nicht Boni Mißbrauch der Arbeiter, nicht von Nutzen und Jntereffeir. Er sprach von Pflicht, Opfer, Liebe, Glaube, und das war auch eiuNcvolutiouär. Aber er verhält sich zn Ihnen wie eilt Tempel zur Schnapsscheuke. Sie unterminireiibie edlem Kräfte des Mensche» durch) Ihre fortwährenden Agitationen. (Beifall.) Wir habe» Sie mitdieserDebatte vor die Frage gestellt: Was haben Sie denn? und die Antwort ist: , Sie haben nichts, wissen nichts, können nichts! (Lebhafter Beifall.) Wir Wollen den vierten Stand heben, aber bann müssen Sie nicht brutale Forderungen stelle», sondern sittliche Forderungen. Wenn Sie bei» vierten Stand bie Herrschaft geben Wollen, dann geben Sie ihm erst die höhere Kultur. Was geben Sie ihm? Sie geben ihm mit dem 20. Jahre bas Wahlrecht, baniit machen Sie selbst Ihr eigenes Palladium lächerlich, beim mit 20 Jahren ist ein Mann politisch) noch) so unreif, daß auch ein fünfjähriger Bürger mit Wählen könnte. Oekonomische Momente haben die Menschheit nicht entwickelt, das war bas Christeuthum, ober es waren politische, religiöse, soziale Momente. Ihre Grunbsätze sind eben falsch, unb Wenn Sie noch länger an den Grundsätzen von Marx festhalten, werden Sie nach ein paar Jahren noch mehr in der Tinte sitzen als jetzt. Das, was die Brust jedes. Mensch en höher schlagen läßt, habe» Sie nicht: das Vaterland. Sie verweigern dem Vaterlande die Mittel zur Veriheibigung; Sie gehen nach) Frankreich und legen Kränze uieber auf bie Gräber der Sozialisten. Ist das Vaterlandsliebe? (91 uf: Nein Menschenliebe!) Wen» Sie ferner die Religiosität bekämpfen, fo heißt das: Irreligiosität ist Parteifache. Die Sittlichkeit stellen Sie in den Winkel, was bleibt Ihnen noch. Sie sagen: Liebe! aber was steht in Ihren Schriften? Ich finde da ein kleines Gedicht, in dein es zum Schluß heißt: „Das ist das Ende vom Liede des Neichtlnnns und der Roth; an einem schöne» Morgen schlug bie Schwester ben Bruder tobt." Das Körnlein Wahrheit, bas Ihre Lehren enthalten, werden Wir auf nehmen; im klebrigen bekämpfen Wir Sie nnd werden Sie bekämpfen bis zur Vernichtmig Ihrer falschen, unsittliche», irreligiösen Ideen. (Lebhafter Beifall rechts.) Wen» von der sozialdeiuo- kratischen Partei die Möglichkeit einer Harmonie der Jutereffen bestritten wird, so verweisen wir demgegenüber auf die Arbeiter- Schutzgesetzgebuug. Aber Sie wollen iiatiirlid) von Harmonie nichts wisse», beim die Unzufriedenheit ist Ihnen Selbftziveck. Wir Wollen bie Unzufriedenheit, Wo fie begründet ist, beseitigen. Die Sozialdemokraten befämpfeu jedenfalls mehr bie Religion, als bie bestehende Gesellschaftsordnung. Diese Uebcrzeuguug ist mir durch
