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Äfcend-Ausgafoe*

iksbsdkm TagM

41. Jahrgang.

Verlag: Langgasse 27.

13,000 Avormenterr

50

Montag, den 30. Januar

1893

und 42 Ergänzungs-Cadres, während

258 Eskadrons

mit

438 Eskadrons, Deutschland 93 Regimenter mit 465 Eskadrons aufzuweisen hat. Eine wesentliche Ergänzung unserer nothleidcndeu Reiterei bedeuten allerdings die 6 österreichischen und 10 ungarischen Landwehr-Kavallcric- Negimenter, welche schon im Frieden starke Cadrcs besitzen und bei den Manövern der letzten Jahre beinahe in die gleiche Linie mit den Linicu-Kavalleric-Regimentern gestellt werden konnten. Sie bringen unS noch mindestens 64 treff­liche. Eskadrons zu. Umso fühlbarer ist aber die numerische Schwäche einer anderen österreichischen SBaffe von berühmter Tüchtigkeit und Solidität: der Artillerie. Der von einem (leider vor kurzer Zeit verschiedenen) genialen Artillerie- Offizier, Oberst Beckerhiun, einer artilleristischen Kapa­zität ersten Ranges, ausgearbeilete Reorganisations-Entwurf für unsere Feldartillcrie ist noch immer Entwurf und hat bei der ängstlichen Sparsamkeit unserer Finanz-Kapazitäten mit den Mitteln für die Armee derzeit wenig Aussicht auf Verwirklichung. Die einzige wichtige Maßregel, welche ge­troffen wurde, ist die Ergänzung der bestandenen 14 „Batterie-Divisionen auf verminderlern Fricdensstande" (2 Geschütze per Batterie) auf den normalen Friedens­stand (4 Geschütze per Batterie). Im Ganzen haben wir nur 14Corps-Ariilleric-Rcgimentcr mit 112 Battericen lind l

Erscheint in zwei Ausgaben. — Bezugs-PrriS: &o Pfennig monatlich für beide Ausgaben zusammen. — Der Bezug kann jederzeit be­gonnen werde».

gegen die Beschränkung, welche man ihrer Entfaltung in dem der Bevölkerungszahl und politischen Bedeutung der Monarchie entsprechenden Style anferlegt. Es ist ja wahr, daß die Steuerlast, welche gegenwärtig die Völker Oestek- reich-Uugarns tragen, schwer genug ist; ebenso wahr aber ist es, daß alle unsere Maßnahmen zur Erhöhung unserer Wehrkraft nur das Alleruothwendigste zur Stelle schaffen, aber eine volle Konkurrenz mit Deutschland, Frankreich lind Rußland nicht zu Wege bringen konnten. Die Millionen, welche alljährlich der Kriegsverwaltnng bewilligt worden sind, haben eben nur hingcreicht, unsere Armee vor einem Rückgänge zu bewahren: man mußte geradezu kunstvolle Auswege finden, um die klaffendstcn Lücken anszufüllcn, den Wettlauf mit den rivalisirenden Mächten wenigstens mit Ehren zu bestehen. Unser Kriegsbudget ist notorisch das kleinste aller Militärstaaten, wenn wir von dem italie­nischen abseheu, das ja relativ dem unsrigen auch sehr nahe kommt. Und doch überragt die Bcvölkcrungsziffer unserer Monarchie bei Weitem jene der französischen Repn- blik. Während Frankreich 18 Armcecorps besitzt, bleiben wir bei 15 stehen, und das 15. (bosnisch-herzegowinische) Corps entbehrt bei seiner Gebirgs-Ausrüstnng der Feld- Artillerie, welche es im Bedarfsfälle für andere operative Zwecke verwendbar machen könnte. Dabei muffen wir uns gegenwärtig halten, daß eines der 18 französische» Corps die enorme Stärke von 5 Infanterie - Divisionen und 2 Corps-Cavallerie-Brigaden besitzt und ein 19. Corps in Algier besteht. Während Frankreich 145 sogenannte sub- divisionäre Jrlfanterie-Reginienter von je 3 Bataillonen und 1 Bataillons-Cadre, dünn 18 sogenannte regionale Fuß- regimentcr (zur Besatzung fester Plätze) nebst Zmtven-, Turkos- nndFremden-Negiinelrtern, Jäger-Bataillonen u. s. w., im Ganzen 584 Bataillone Ltuien-Jufcmterie besitzt, haben wir im Frieden nur 102 Infanterie-Regimenter zu 4 Bataillonen und 1 Ersatz-Bataillons-Cadre, 42 Jäger- Bataillone, 12 bosnisch-herzegowinische Bataillone, zusammen also 472 Bataillone, d. h. um 112 Bataillone weniger, als das an Bevölkerung ärmere Frankreich, Roch unan­genehmer wird dieses Berhältniß, wenn wir an die 831 Linien- und 147 Reserve- und Festungs-Jnfauteric-Bataillone Rußlands denken. Und dabei ist auch der Präsenzstand der russischen und französischen Bataillone ein ungleich höherer: die französische Infanterie-Compagnie zählt auf FriedeuSfuß 4 Offiziere, 19 Unteroffiziere und 110 Mann, und in Oesterreich-Ungarn Hai es der Reichskriegsminister erst in den letzten Delegationen durchgesetzt, daß die Com- pagnieen der Infanterie-Regimenter auf den Stand der Jäger-Compagnieen, d. h. auf 96 Mann per Compagnie, gebracht werden können; auch diese minimale Standeszisfer aber ist zunächst nur schüchtern bei einzelnen Infanterie- Regimentern eingeführt worden. Wie weit diese Ziffer noch immer hinter der jetzigen dentschen Compagniestärke zurücksteht, wie weit sie aber erst hinter der beabsichtigten neuen Präsenzstärke der deutschen Compagnieen zurück­bleiben wird, das kann mau im deutschen Reiche am besten bemerken.

Unsere Reiterei, welche bekanntermaßen das beste Pferde- und Reiter-Material Enropas besitzt, und ihre außerordentliche Tüchtigkeit nicht bloß bei dem letzten Wien- Berliner Distanzritt, sondern auch auf jedem Schlacht- und Manöverfelde bewiesen hat, ist vor zwei Jahren nm ein — ganzes Dragoner - Regiment vermehrt worden und zählt heute doch nur 42 Regimenter zu 61/« Escadrons und 1 Ersatz-Cadre, zusammen also

Frankreich 83 reguläre Kavallerie - Regimenter

14 Ersatz-Cadres, 42 Batterie-Divisionen (Divisions- Artillerie), 1 Tiroler Gebirgs - Batterie - Division und 6 Battericen, 8 reitenden Batterie-Divisionen, 10 (in Bosnien stationirte) Gebirgs-Batterieen, welche aber ebenso wie die reitendeir Divistoueil den Corps-Artillerie-Regimentern aggregirt sind. 912 Geschütze in 298 Feld-Batterieen besitzt im Frieden unsere gesummte Feldartillerie, während Ruß­land 397 Feld-, 92 Reserve- und 48 Ersatz-Batterieen, Frankreich 484jBatterieen zu 6 bespannten Geschützen im Frieden unterhält.

Unsere Kriegsverwaltung hält die Augen offen, ja den­selben Erwägungen, welche die deutsche Heeresleitung zur Einbringung der gegenwärtigen Militärvorlage veranlaßt haben, hat jüngst der österreichisch-ungarische Kriegs­minister in unseren Delegationen Ausdruck gegeben. Ver­tiefung der militärischen Ausbildung, Erhöhung der Schlag­fertigkeit durch Erhöhung des Friedensstandes bei eventueller, aber bescheidener Verminderung der Präsenzzeit ist ein Grundsatz, dessen Richtigkeit man auch hierzulande erkennt; dabei würde man sich zn einer Vermehrung der Friedens- Formationen entschließen müssen, um Raum für die ver­mehrte Mannschaft zu schaffen. Man denkt, wie wir zn wissen glauben, an die Errichtung eines zweiten Ersatz- Bataillons-Cadres bei jedem Infanterie-Regiment der Linie, so daß diese Regimenter int Kriegsfälle zu Kolossal-Körpcrn von 6 Bataillonen werden und die gesammte Linien- Infanterie um 102 Bataillone verstärkt würde. Man denkt ferner an eine entsprechende Vermehrung der Kavallerie- Regimenter und an die Ausgestaltung der 42 Batterie- Divisionen zu Divisions-Artillerie-Regimenteru, was eine Vermehrung der gesammten Feld-Artillerie um 42 Battericen (im Felde um 336 Kanonen) bedeuten würde. Die Um­gestaltung der technischen Truppen zu einer einheitlichen Waffe ist bereits im Zuge, auch der Train hat nach den letzten Dclegationsbcschlüssen eine Vermehrung erfahren.

Eine in Deutschland unbekannte Spezialität unseres Heeres, um welche uns das Ausland gewöhnlich unter­schätzt, ist unsere Landwehr. Sie gehört beinahe schon zum stehenden Heere, da sie nicht erst im Mobilisirungsfalle formirt wird, sondern schon im Frieden in einem stetig fleischiger werdenden Gerippe vorhanden ist. Unsere Land­wehr nimmt nicht bloß die „ausgediente" Mannschaft der Reserve in sich auf; sie erhält direkte Rekruten aus der Bevölkerung, welche zum Theil einen einjährigen Präscnz- dienst absolviren; sic besitzt aktive Offiziere und zwar so viele, daß alle Compagnieen von Berufs-Offizieren kommandirt werden könne. Schon im Friedeit bestehen bei den cisleithanischen Landwehr-Bataillonen Jnstruktions- Abrheilungen, welche stets vermehrt werden; in der ungarischen Landwehr gicbt es sogar bei jedem Landwchr- Bataillon eine vollständige Friedens-Compagnie als Bataillons- *Gabie. Die Regimentsstäbe und Regiments- (in Ungarn Halbbrigadcn) Verbände existiren schon im Frieden, so daß die Mobilisiruug immer geringere Schwierigkeiten verur­sachen und die Landwehr mit in die erste Linie der „Armee im Felde" gestellt werden dürfte. Das Streben, den Unter­schied zwischen Linie und Landwehr immer mehr zu ver­wischen, die Prasenzzeit der Landwehr-Soldaten zu erweitern, gehört zu den Tendenzen unserer Kriegsverwaltung. An die Stelle der Landwehr tritt der Landsturm, aus dessen massenhaften Kontingenten die Abgänge bei Linie und Land­wehr bestritten und eigene Landsturm-Anszug-Bataillone er­richtet werden sollen. An militärischen Mannschafts-Material . fehlt es, wie man sieht, Oesterreich-Ungarn nicht; wir könnten bei Anspannung unserer Wehrkraft gewiß, mehr, als zwei Millionen Soldaten ins Feld stellen; der Kern dieser Armee ist vortrefflich, man arbeitet rastlos, ist ausgezeichnet bewaffnet, strebt rastlos nach Vervollkommnung, aber es fehlt an Formationen, an den entsprechenden Geld­mitteln, nn dem Verständnis; der maßgebenden und unmaß­geblichen Kreise für die Bedürfnisse der Armee. Man raisonnirt über Vieles und thut nichts, es zu bessern. An wiederholten Forderungen des Kriegsministers hat es nicht gefehlt, aber die Valutaregulirung und andere „innere" Arbeiten hinderten die Parlamente daran, sie zu erfüllen, und selbst die natürlichsten Bewilligungen erfolgen nicht ohne immer neue nationale Prätensioncii und Konzessionen. Es wäre hohe Zeit, daß man auch bei uns einmal einsehen würde, daß militärische Arbeiten nicht früh genug begonnen werden können. Wir denken an keine Militärvorlage von der Kolossalität der deutschen, aber wir werden endlich an ausgiebige Opfer für Armeczweckc denken müssen.

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Deutscher Reichstag.

Serli», 28. Januar.

Aus der Tagesordnung steht der Etat des Reichsaiuts des Jmiern. Dazu liegt ein Antrag der Freisinnigen vor, wonach auf, Mund des § 29 der Gewerbeordnung auch Frauen die Approbation . als Arzt crlhcilt wild. — Abg. Goldschmidt befürwortet eine ichuellcrc Herausgabe des Berichts über die Ergebnisse der Chicaaoee

Zur Kuge in Oesterreich.

(Von unserem eigenen Korrespondenten.)

□ Wie«, 25. Jan.

Als ein solider, geduldiger Mau« wollte ich Ihnen nicht früher einen österreichischen Situationsbcricht senden, ehe ich Ihnen keine neue Parlaments-Majorität zu melden wüßte. Aber die Geduld ist diesmal vor eine so schwere Probe gestellt, daß sie sich erschöpfen muß. Seit Neujahr finden sich die Vertreter unserer einzelnen regierungsfähigen parlamentarischen Parteien mit den bethciligten Ministern zn vertraulicheii Konfereuzcii über das vom Mtuistcr- präsidenten Graf Taasse entworfene Verföhnungsprogramm zusammen. Die Sitzungen kamen Anfangs recht zahlreich wieder, wurden aber allmählich spärlicher, und jetzt scheint es beinahe, als ob man nur noch ehrenhalber hie und da ein klein wenig bcisammeusäße ohne eine rechte, kräftige Aus- I ficht auf einen greifbaren Erfolg. Der beabsichtigte Bund Br gemäßigten Parteien für wichtigere parlamentarische tikscheidungen begegnet noch immer einer starken, schwer V besiegenden Abneigung der zu verbündenden Gruppen, neu ihre Differenz-Punkte gegenwärtiger sind als jene Punkte, in denen sie sich thatsächlich friedlich begegnen könnten. Liberalismus und Konservativismus, Dcutsch- thum und Polenthum müssen sich erst aneinander gewöhnen, und die mannigfachen slavischen und romanischen Anhängsel der großen Parteien sind ebenfalls nicht so leicht mit bett staatsmännischen Gesichtspunkten der Negierung und einzelner einsichtsvoller Staatsmänner ver­trant zu machen und zn versöhnett. Gin noch vor der gegenwärtigen langsamen Versöhnungs-Aktion eingclciteter diplomatischer Schristcnwechsel zwischen dem böhmischen konservativen Großgrundbesitz und dem Prager Haupte der deutsch - liberalen Partei, Dr. Schweykal , ist resultatlos beendet worden; die böhmisch-konservativen i Cavaliere können sich eben trotz sehr natürlicher Antipathicen ‘ und Divergenzen von den modernen Hussiten der jung- czechischcn Partei, welche derzeit die czcchische Nation be­herrscht und terrorisirt, nicht endgültig lossagen. Sie wollen die von Altezcchcir und Großgrundbefitzern den Dcutsch- böhmcn gegenüber eingegangenen bindenden Verpflichtungen Möglichst einschränkeir und von neuen Vereinbarungen abhängig wachen, welche rechtlich weder uothwendig noch angezeigt find. Eine feste Verpflichtung muß gehalten werden; von den Dcutschböhmen wird sic gehalten, von der Gegenpartei Muß man dasselbe verlangen und erwarten.

II ©o ungefähr stehen die Dinge in der inneren Politik, [ 3ch will Sie nicht mit Details langweilen, die man in der | Ferne schwer versteht, wer hätte auch jenseits der schwarz- , Selbe« Grenzpfähle so viel Geduld, sich in das unendlich s koMplizirte Getriebe unserer inneren Politik zu vertiefen, | welche selbst der zweite Mann in Oesterreich nicht begreift? ; $8ie schwierig die Stellung der Regierung inmitten all' i dieser ecntrifugalcn Strömungen ist, läßt sich ermessen. In ° einem Reiche, wo es so viel liebevolle Hingebung an natio­nale Sondcrbestrcbungen und so wenig patriotische Seelen- Mße, so wenig Vcrstündniß für die großen Interessen Oesterreichs gicbt, ist es schwer, Ministerpräsident-zu sein;

Man muß sich zum Paktiren, zum Koneedircn, zu stetem t und kleinlichem Diplomatisiren entschließen, wenn man einen k" ernsten, großen Zweck erreichen will.

x Dürfen wir unS aber wundern, wenn bei all' diese« Mehr als kleinliche« Standpunkten in der inneren Politik Oesterreichs bei den extrem-nationalen und separatistischen | Neigungen in Ungarn so wenig lebendiges Interesse für die gewaltigen Militarfragcn besteht, welche eben im deutschen Nachbarreiche zur Erörterung kommen? Und doch werden diese Fragen gewiß nicht ohne Rückwirkung auf beit mit Deutschland Erblindeten Militärstaat Oesterreich-Ungarn bleiben können. •Stu« matt Stimmen im deutschen Reichstag und in der putschen Preffe hört, welche der österreichisch-ungarische« Heeresverwaltung eine gewisse Bedächtigkeit und Schüchtern- htit in der Stärkung des Heerwesens, der Erweiterung eres Hcercs-Apparats vorwcrfeu, so wird der gute sterreichcr nicht schlankweg proteftiren können, wenn auch Adresse völlig verfehlt ist. Die österreichisch-ungarische aesleitung kämpft seit Jahren einen schweren Kampf