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Abend-Ausgabe

iksbil-em T«gM

1893

Dienstag, den 24. Januar

Gestaltung ist doch von so außerordentlicher Wichtigkeit, über die zu diescin Behuf zu treffenden Maßnahmen ist man sich noch so wenig einig, daß dieselbe sich doch ganz gewiß nicht im Handumdrehen wird vollziehen lassen. Jedenfalls werden die Lords über die Home Rule-Frage noch einen Anprall des Unterhauses recht wohl anshalten können, wenn derselbe auch mit der ganzen Gladstoneschen Majorität von — achtunddreißig Stimmen sollte ins Werk gesetzt werden. Das Oberhaus würde eine Home Rnle-Bill unbedingt znrückwciseu, und ein abermaliger Appell an die Wühler würde die nächste Folge sein. Wie aber die Neu­wahlen, die spätestens im Laufe des nächsten Somniers stattfinden dürften, sich dann gestalten werden, das vermag doch heute — selbst Mr. Gladstone noch nicht abznsehen.

Wer aber würde, wenn der „grandiose Greis" heute von der Leitung der Partei zurückträte, die nächste Anwart­schaft auf seinen Posten haben? Es scheint, Gladstone selbst habe dafür in erster Reihe Sir William Harcourt, den gegenwärtigen Schatzkanzler, in Aussicht genommen, einen Mann, der ebenso ausgezeichnet ist durch sein gründ­liches Wissen, wie er schlagfertig ist in der Debatte, der auch als Schriftsteller unter dem Pseudonym „Historicns" recht Tüchtiges geleistet, der aber doch nicht für ernst und zuverlässig genug gilt und dem andererseits Eigenschaften ab­gehen, die für den ersten Führer einer großen Partei unerläßlich sind. John Morley, „der ehrliche John", ist als Schriftsteller noch hervorragender als Harcourt, hat sich auf dem wichtigen Posten als Staatssekretär für Irland auch in dein vorigen Kabinet Gladstone bereits bewährt und dieses Amt auch jetzt wieder übernommen. Er hat sich auch stets als einer der enthusiastischen Vorkämpfer für Home Rule bewiesen, aber als Parteiführer, als Premier- Minister können wir uns denselben kaum denken. So bleibt denn nur noch der viel jüngere Lord Rosebery übrig, der allerdings in letzterer Zeit rasch und sicheren Schritts in den Vordergrund getreten ist. Er genießt das Vertrauen der Königin wie wenig andere Staatsmänner dieses Landes, wie ganz gewiß keiner auf der liberalen Seite, und auch die konservative Partei achtet ihn höher als irgend einen seiner Gesinnungsgenossen, was ihn aller­dings dem radikalen Flügel seiner Partei nicht eben werther macht. Ja, dieser würde sich ans die Dancr unter Rosebery als Premier kaum wohl fühlen und vcrmnthlich eine neue Spaltung, im liberalen Lager herbeiführen. Doch das tbliebe i immerhin abznwarteir. Im gegenwärtigen Augenblick geuießt LoÄ> Rosebery unter allen Anhängern- Gladstones jedenfalls Las nreiste Ansehen, und er hat als Minister der Bustvärtigeir Arrgelegeicheiten — freilich- auch-keineswegs stnit Zustimmung aller Mitglieder seiner Partei — Mittel und Wege eingeschlageii, die stets neue Beweise seines ebenso umsichtigen wie entschlossenen Vorgehens liefern in einer Richtung die von derjenigen seines konservativen Amts­vorgängers wenig abweicht. Das hat er in seiner Haltung in Bezug auf Uganda bewiesen und in den letzten Tagen noch in feinem Auftreten gegen den Sultan von Marocco, ganz insbesondere aber in seiner Handlungsweise dem eigenmächtigen Verfahren des jungen Khediven gegenüber, wodurch eine Krisis, die für England leicht hätte höchst verfänglich werden können, zu Ende gebracht, ehe sie recht zum Ausbruch gekommen tvar. Da aber Roseberys Haltung auch dem Dreibund gegenüber eine ebenso günstige ist, wie die englische Politik unter Salisbury jahrelang es gewesen, so haben wir allen Grund, die Lausbahn dieses Staatsmanns mit besonderem Interesse zu verfolgen und un§ seines täglich wachsenden Einflusses zu freuen.

Allein, wer auch künftighin die Leitung der liberalen Partei in der Hand haben mag, ob sie noch lange einen Premier- Minister wird zu stellen haben, ist jedenfalls eine ganz andere Frage. Nach jahrelanger Agitation wird sie ja nun in den nächsten Wochen ihre Home Nnle- Bill eiitbringen. Aber wer könnte heute schott abseheu, ob dieselbe trotz der in den letzten Parlaments-Wahlen erfochtenen Siege der Gladstoneaner je wirklich Gesetz werden wird! lieber den Einzelheiten derselben ruht noch immer ein dichter Schleier. Wie Asquith, der Minister des Innern, noch gestern Abend in seiner Rede in Liverpool hcrvorhob, soll dieselbe jeden­falls „keine halben Maßregeln" enthalten. Sie soll Ir­land eine thatsächliche Selbstverwaltung gewähren und doch die höchste Entscheidung in allen wichtigsten Angelegenheiten in deit. Händen des britischen Parlaments belassen. Sind diese nur so allgemein hingestellten Punkte miteinander ver­einbar, so vereinbar, daß sie sowohl die Nimmersatten Extremen unter der irischen Partei auf der einen Seite als auch die gentäßigteren Anhänger Gladstones auf der anderen Seite wirklich befriedigen werden? Die liberale Mehrheit, die die Home Rule für Irland im Allgemeinen als ersten Punkt auf ihr Programm gesetzt, beträgt nur 38 Stimmen. Es brauchten also nur 20 Umsckweukungen auf dem einen oder andern Flügel der Gladstoneschen Partei eingutreten, um die ans so verschiedenartigen Elementen zusammen­gesetzte liberale Partei in die Minderheit und das Kabinet Gladstone zu Falle zu bringen. Doch angenommen, die Einzelheiten des Gesetzentwurfs wären derart, daß sie wirk­lich den Beifall aller Gruppen der Gladstoneaner fänden, daß die Bill wirklich im Unterhause angenommen würde, was dann? — Im Oberhause würde sie ja unter allen Um­ständen verworfen werden. „Um so schlimmer dann für das Oberhaus," antwortet Gladstone zwar auf diesett Einwurf mit Anspielung auf die geplante Reform dieser Kammer. Daß eine solche wünschenswert!) fein mag, ist längst schon auch auf konservativer Seite, und von Lord Salisbury selbst, im Allgemeinen zugestanden, allein eine derartige, die Grundfesten der Konstitution berührende Um-

Berlag: Langgasse 27.

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Zur Lage iu Englund.

(Von unserem eigenen Ko r re spott den ten.)

London, 21. Januar.

Die schönen Tage in Biarritz sind nun zu Ende. Der Grand Old Man ist aus der Winterfrische heimgekehrt, und Kabinets-Sitzungen sind nun das tägliche Loositngswort in angemessener Vorbereitung der Dinge, die nun bald kommen sollen. Aber wie sehr diese Sitzungen sich auch zuweilen in die Länge ziehen, wie sehr ihn auch sonstige Staatsgeschäste in Anspruch nehmen, „der grandiose Greis", der nur zehn Jahre jünger ist als unser stark auf die' Neige gehendes Jahrhundert selbst, findet doch immer noch Zeit, seinen Lieblings-Beschäftigungen nachzugehen. Traun ein staunens- werther Mann! Das müssen ihm auch seine Gegner cin- täumen. Sein alkm,faßendes Wißen und sein Interesse an Allem, was in der Welt vorgeht — und vorging und vorzugehetr iEerrich der MWchkeit liegt, —nöthigen i heute, eine zweifelhafte Stelle in Homer zu deuten, " morgen, ein biblisches Wunder zn Mthewigen, übermorgen — ach, er braucht kaum einen besonderen Tag für jedes solcher Werke —, eine archäologische Streitfrage zu ent­scheiden, den Professorett und Studenten von Oxford einen Vortrag über mittelalterliche Universitäten zu halten und hn nächsten Augenblick beit nettesten Roman zu fritifiren, dabei aber immer noch jeden Tag sein halbes Dutzend Postkarten au alle möglichen ihm bekannten wie unbekannten Korrespon­denten über alles Mögliche und verschiedenes Andere ans- zusenden. Er sei krank von seiner Reise heimgekehrt,

hieß es, und mit Telegraphen-Eile verbreitete sich das Gerücht davon im Lauf des Nachmittags über das ganze ^and und gewiß auch weit darüber hinaus, und die be­sonders gut Jilformirten hatten am Abend bereits in den Klubs ihre viel sagenden Mienen anfgesteckt. „Nein," hieß cs „tobt war er vor einer halben Stunbe noch nicht, aber d'.ese jammervolle Kälte--bei bem Alter--" und

«in bedauerndes Achselzucken sagte den Nest. Es tvar in der That ein Tag so kalt und rauh, wie ihn England selten erlebt. Aber am nächsten Morgen meldeten die Zeitungen uur: „Mr. Gladstone wohnte gestern Abend der Vorstellung '-N Garrick-Theater bei." Ja, der greife Premier besitzt unverwüstliche Gesundheit; und wie der chinesische Brauch, schon bei Lebzeiten eines Menschen seinen Sarg ^fertigen zu taffen, nach unseren Begriffen sich nicht gerade ksupsiehlt, so mag es unter gewöhnlichen Umständen uns edeusowenig angebracht erscheinen, über den dermaleinstigen ^DHfolger eines großen politischen Parteiführers Muth- ^aßungen anzustellen, solange dieser die Zügel noch so WM in den Händen hält, wie Gladstone es thnt. Allein, ? wr»u dieser Mann in seinem 84. Lebensjahre steht, wenn seit einem Bicrteljcihrhunbert von seinem Rücktritt . Wrochen, wenn er schon vor 17 Jahren thatsächlich Autal — wenn auch nur auf kurze Dauer — seine -^hr^lchaft niedergelegt und zwar aus keinem anderen dwilde, als weil er schon damals wähnte, die Last der . jWe zu drückend zu empfinden; wenn vollends aber der Einfluß eines Mannes ein so außerordentlicher Ü*, daß sein Rücktritt geradezu eine Epoche in der Ge- sjWdjte seines Vaterlandes zum Abschluß bringen würde, [(egt der Gedanke an feinen etwaigen Nach- nicht so gar fern. So darf es uns denn SB? nicht Wunder nehmen, wenn die Engländer sich in Augenblick vielfach mit der Nachfolgerschaft des voßen liberalen Parteiführers beschäftigen und zwar um e’n9ebenber, als cs eben nicht einen einzigen Politiker iSri 7 ^er ^deutend genug wäre, seinen Platz auch nur HiA-rma$en auszusüllen. Je sorgfältiger wir nach seinem [ ^folget spähen, um so klarer tritt uns die Thatsache ^Megen; die liberale Partei, wie sie gegenwärtig in Eng- gSy besteht, ist — Gladstone, oder wird doch wenigstens 4®* bon ihm zusammengehalten. Seine Anhänger sind hE?* °dcr weniger Nullen, die der vordersten Zahl einen Myrren Werth verleihen, ohne dieselbe aber an sich keine «qonbere Bedeutung haben.

Deutscher Reichstag.

0 Berlin, 23. Januar.

Ans der Tagesordnung fleht die zweite Berathung des Gesetz- eiNwiirss, betreffend die Einführung einer ciutjeitlidjcn Zeitbe­stimmung. Die Kommission beantragt, die Noilage unverändert auzunehiucu, und ichlägt eine Resolution vor, den Bundesregierungen und dem Reichstag eine Gesetzesvorlage zu unterbreiten, den Uelxlstnndcn abzuhelseu, welche dadurch entstehen, daß uiit dcr Eiu- sühruug der Einheitszeit im Osten nnd Westen des Reiches vielfach Verschiebungen gegenüber den ans Ortszeit berechneten Zeitbestim- ntungeu iu derRovclle zurGewerbe-Orduunavonl 1.Juli 1891 hcrvor- treten. — Abg. Brandenburg (Centr.) hält die Festsetzung einer , Einheitszeit für eine lleberhebung der Gesetzgebung über die Natur und lehnt die Vorlage ab. — Abg. Hceremauu (Centr.) spricht sich ebenfalls gegen die Vorlage aus. — Abg. Stumm (Reichsp.) er- wibert, die Resolution müsse vom Hause angenommen werden, sonst stimme er gegen die Vorlage. Aris dem Gesetz sei eine große Verwirrung zu befürchten. — Staatssekretär v. Boetticher hält die Befürchtung für unbegründet. In Württemberg, Baden und Elsaß - Lothringen fei' die Einheitszeit seit dem 1. April 1892 eingeführt, Mißstände seien nicht ciugehetcn. — Abg. Stumm weist daraufhin, daß gerade in Elsaß-Lothringen sich erheblich« Bedenken herausgestellt hätten. Der Gesetzentwurf wird gegen die ineisteu Centrurnsstiintnen angenommen Hierauf wird über die Resolution debattirt. — Abg. Hirsch (frei).) lehnt die Resolution ab, desgleichen Abg. Stadthagen (Sozialist). — Abg. Brandenburg spricht sich für die Resolution aus.— Abg. Stumm: Durch die Ansnahmebestimmnugeu bezüglich der Arbeiter und Schulen werde das Gesetz nicht durchlöchert. — Abg. H i tze (Centrnni) hält die Resolution für unbedenklich. — Abg. Hirs ch Greif.) hält sie für sehr bedenklich und bedauert, daß der'Staatssekretär die Annahme derselben auheiuigestellt habe. — Staatssekretär v. Bötticher: Mir wäre die Ablehnung der Re­solution lieber. — Die Resolution wird hierauf abgelehnt. Es folgt alsdann die erste Lesung der Berathung des Gesetzentwurfs, betr. die Ergänzung der Bestimmungen über den Wucher. — Abg. Giese (kons.): Richt nur der Geldwucher, auch der Sachenwnchcr soll strafbar sein. Der Bewucherte soll das Recht besitzen, die Anklage gegen den Wacherer anznstrengeu; er empfiehlt eine Vorschrift, wonach drei Monate nach Abschluß eines Kalenderjahres die Inhaber von Geld- und Kredit-Geschäften ihren Knuden einen Rechnungsauszug mitzutheilen haben, und beantragt, den Ent­wurf einer Kommission von 21 Mitgliedern zu überweise». — Abg. Horwitz (frei).) steht bem Gesetz sehr zweifelhaft gegenüber, weil ans bem Gebiete des feinfühligen wirthschastlichen Lebens unzulängliche gesetzgeberische Versuche die größte Gefahr in sich bergen. Die Vorschriften der Vorlage seien zu unbestimmt und könnten leicht Verwirrung in der Rechtsprechung herbeiführen. — Staatssekretär des Reichsjuftizaints Hanauer: die Vorlage führe nicht zu der Umgestaltung, sondern zn der Ergänzung des früheren Wuchergesetzes, am meisten hätten sich die Bundesregierungen für die Ergänzung ausgesprochen. — Abg. Buol (Centr.) erklärt, er stehe auf deni Boden der Vorlage. Die Ausdehnung auf den Sachen­wucher sei durchaus zu billigen; er empfiehlt die Verweisung der Vorlage an eine Kommission. Dienstag Fortsetzung der Berathung.

Die Vndgetkommission des Reichstags setzte die Ve- ratijung des Marine-Etats fort und beschloß nach dem Anträge des Referenten die Streichung von 535,000 Mk., außerdem Weitere 15,000 Mk., alles Forderungen für Indienststellung von Schiffen, und beschloß ferner, die Vorlegung der Submissionsergcbniffe für deutsche und englische Kohle zu verlangen. -- -

Politische Tages Rundschau.

— Die englisch-egyptische Angelegenheit scheint doch nicht, wie matt nach der schnellen Erfüllung der eng­lischen Forderungen anfänglich glauben konnte, kurzer Hand abgethan zu fein. „Die Sache sitzt tiefer", nnd nach den neuesten Nachrichten könnten ängstliche Gernüther schon in der Phantasie die grüne Fahne des Propheten sich entrollen sehen znrn Kampf gegen die Eindringlinge. Soll doch der Oberherr des Bicekönigs, der Sultan, den jungen Mann zu feiner „kraftvollen Haltung" gegenüber den Engländern beglückwünscht nnd ihm als Anerkennungs-Geschenk sechs Rassepferde gesandt haben. Nun, über die kraftvolle Hal­tung des jugendlichen Vicekönigs kann man sehr getheilier Meinung sein; wenn sich vorstehende Nachricht aber bestätigt, so ist dies ein sehr wichtiges Symptom, nnd das könnte sehr bald wieder zn jenen Ausschreitungen im Orient kommen, von denen auch die neuere Geschichte Vieles zu er­zählen weiß. Offiziös wird inzwischen mitgetheilt, die eng­lische Negierung beabsichtige, die Occupations-Armee in Egypten um ein Geringes zu verstärken. Der Nnmuth in Egypten wirb dadurch zweifellos nicht gedämpft, und je

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