Abend-Ausgabe.
Verlag: Langgasse 27,
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41. Jahrgang.
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1893.
Samstag, den 21. Januar
Po. 36.
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Die Ausweisungen und die fremde Ureste in Uaris.
(Von unserem eigenen Berichterstatter.)
St. Varl», 18. Januar.
Die Vorgänge der letzten Tage lenken die Aufmerksamkeit auf die auswärtige Presse in Paris, aus deren Mitte soeben ein Ungar, ein Italiener und ein Journalist ausgewiesen wurden, den man wegen seines deutschen Namens v. Wedel für einen Deutschen halten könnte, der aber Werth darauf gelegt hat, hier für einen Mexikaner zu gelten.
Von den drei Ausgewiesenen flößt der Italiener Richard Alt (ein Pseudonym) das größte Interesse ein. Er war als Korrespondent des „Corriere di Napoli“ ein unternehmender Mann, war überall da, wo etwas los war, und hat, als Crispi noch am Ruder, eine umfassende Untee- suchung der Hafenbautcn in Biserta (Tunis) geführt, deren durch statistische Zahlen, Photographieen und Zeichnungen belegtes Ergebniß das war, daß Frankreich, entgegen den übernommenen internationalen Verpflichtungen, unter der Maske der Erweiterung des Handelshafens langsam, aber stetig grandiose Vorarbeiten für die Herstellung eines Italien bedrohenden Kriegshafens ersten Ranges trifft. Diese Thätigkeit hatte der französischen Regierung den allergrößten Verdruß bereitet, und sie wartete nur auf eine Gelegenheit, um sich Herrn Alts zu entledigen. Die Wiedergabe der in der französischen Presse verbreiteten Nachricht, Mohrenheim habe von der Panama- Gesellschaft eine Halbe Million erhalten, um seine Tochter auSzustatten und seine gen Himmel schreienden Schulden zu bezahlen, bot den erwünschten Vorwand.
Derselbe Vorwand diente dazu, Herrn v. Wedel auszuweisen. Man behanptet hier, in Regierungskreisen seit längerer Zeit dahinter gekommen zu fein, daß dieser Mitarbeiter der Münchener Allgemeinen, des Korrespondenten, des Lokal-Anzeigers und der Westdentschen Post gleichzeitig die Behörden des Reichslandes gegen Geld mit Nachrichten über Frankreich versorgte. Vielleicht waren diese Nachrichten ganz harmloser Natur, aber es genügt hier schon für einen Journalisten, mit heimischen Behörden in geschäftlichen Beziehungen zu stehen, um sich verdächtig zu machen. Die bewegte Vergangenheit, die Herr v. Wedel, eine riesige Lands- knechtsfigur, hinter sich hatte, erhöhte das Vertrauen hier zu ihm nicht. Preußischer Cavallerielieutenant, karlistischer Offizier, serbischer Offizier während des türkisch-serbischen Krieges, Kanzleibeamter im Auswärtigen Dienst, Börsenmann w Mexiko, Zeitungskorrespondent, das sind die hier allbekannten Etappen seiner Carriere. Auch bei ihm suchte «au schon lange nach einem Anlässe, ihm den Aufenthalt m Frankreich zu verbieten.
Der Ungar Szekely verdient das geringste Interesse unter den Ausgewiesenen. Er war ganz einfach ein inter- «nrler Verbreiter falscher Nachrichten.
Es wäre irrig, von her Thätigkeit dieser Herren einen Schluß auf das Thun und Treiben der übrigen Mitglieder bsr fremden Presse in Paris zu ziehen. Der Dienst für diejenigen Korrespondenten, die täglich und meist zweimal telegraphiren haben, die also großen Blättern angehören, V ein überaus ernster, verantwortungsreicher und mühe- «vller. Die Nachrichten liegen in den Zeitungen, deren ein Massenhafter Berichterstatter täglich ca. 30—40 durchforsten muß. Die Leiter der Blätter sind meist hervorragende Parteiführer, Deputirte und Senatoren, also sämmtlich die mit der Regierung enge Fühlung halten und ?lt ihren Absichten und Plänen vertraut sind. Es gilt bei brr Lektüre dieser Blätter, das üppig emporschießende Unkraut pr falschen Nachrichten mit geübtem Auge von dem Korn brr Wahrheit und des Verwerthbaren zu sondern, zwischen brn Zeilen zu lesen und geschickt zu kombiniren.
..Der persönliche Informationsdienst ist, insofern man zu der einen oder der anderen Botschaft Zutritt hat, »onz unbedeutend. Es liegt auf der Hand, daß die Minister rinem fremden Korrespondenten nicht anvertrauen, was sie wem durch ihre Abstimmungen sie unterstützenden Senator °ber Depmirten verschweigen. Hier und da schnappt man
in den Wandelgängen der Kammer von einem redseligen Dcputirtcn eine Nachricht um einige Stunden früher auf, als sie sich in den Zeitungen seiner Partei, oder in seinem eigenen
■ Blatte findet. Das ist Alles.
Bei der französischen Presse finben die Vertreter auswärtiger Journale geringes Entgegenkommen. Die deutschen Journalisten sind gemieden. Ebensowenig erleichtern die französischen Behörden den fremden Journalisten ihre Aufgabe. Nur wer sich urtheilslos ihnen verschreibt, der kann ans wohlwollende Behandlung rechnen. So gelang es den Korrespondenten zweier österreichischer Blätter, nicht bloß das einfache, heißbegehrte rothe Bündchen zu ergattern, sondern sogar die Stufe eines Officier de la le'gion d’honneur zu erklimmen. Es ist für die Vertheidignng der Interessen der Tripelallianz im höchste» Grade bedauerlich, daß gerade die österreichischen Korrespondenten so wenig Rückgrat haben. Seit einem Jahr unterhält wenigstens die „Neue freie Presse" hier einen tüchtigen und über- zengungstreueil Vertreter. Die Italiener stehen viel energischer ihren Mann, wenn wir von dem Korrespondenten eines sehr reichen, mit der Republik kokettirenden italienischen Blattes absehen. Die große Rolle spielen augenblicklich die Nüssen. Aus ihrer Milte hat sich die Kammer einen polnischen Inden, den Korrespondenten der „Novojo Wremja", heraus gesucht, der die Honneurs der sogenaimten Tribüne der fremden Presse macht. Mit der Unverschämtheit und dem Ueberumth des aus der Unterdrückung zur sozialen Höhe Euiporgeschnellten übt dieser Delegue de la qnesture de la Chambre den Vertretern der Pressen der eivilisirleii Welt gegenüber seine Prärogative, sie zu der Tribüne nach Gefallen zuzulassen oder nicht, ihnen ihren Beruf zu erleichtern, zu erschweren oder zuDerkümmerrl, er, dem sein Monarch nicht einmal in seiner Hauptstadt zu nächtigen gestattet. Die rnssischen Journalisten kriechen den französischen Behörden und Parlamentariern vollständig nach, und für die so geschniegelten französischen Kollegen ist jeder noch so schmutzig anssehcude und verbohrte Moskowiter der „confrere sympathique“. Was diese Korrespondenten aber auch in Lobhudelungen auf Frankreich leisten, ist geradezu maßlos. Es ist zu vennuthen, daß sie zum Theil hierfür bezahlt werden, beim sonst könnte man es nicht verstehen, wie sie anläßlich des Panama-Skandals in Lobsprüchen über Frankreich wegen dieser vor der ganzen Welt borgenommenen Reinigung schmutziger Wäsche ausbrechen könnten, sie müßten denn allen Sinn für Moral verloren »der ihn vielleicht nie besessen haben. Was wir hier so an russischem Export sehen, ist überhaupt recht nett. Der Botschafter angeblich mit französischem Selbe gekauft, die Presse gekauft, und ein fr a n- zösischcs Blatt hat vor einiger Zeit erzählt, daß, wenn ein russischer Großfürst ein französisches Theater besucht, auch die Claqueure und die Schreier nach her rnssischen Nationalhymne gekauft seien.
Welchen Einfluß die russische Presse auf das öffentliche Leben in Frankreich zu gewinnen vermag, beweist folgende Nachricht, welche seit zwei Tagen durch die Pariser Blätter läuft: Herr Totischeff, der Mitarbeiter der Novojo Wremja, ein ehemaliger russischer Diplomat, erschien neulich vor der Enquete-Kommission, um ihr ein Verhör aufzudrängen, in welchem er sich gegen die, gegen ihn ernstlich gar nicht erhobene Anklage, Panama-Gelder erhalten zu haben, ver- theidigte. Qai s’excuse zc. Bei diesem Anlaß setzte er der Kommission den Floh ins Ohr, die englische, deutsche, italienische und österreichische Botschaft inlriguirte gegen die französisch-russische Freundschaft. Die Herren von der Kom- mifsion schüttelten bedenklich den Kopf, gelobten über die Enthüllungen tiefstes Geheimniß und weihten die Regierung in die finsteren Pläne des Vierbunds ein, ein energisches Vorgehen gegen die Verschwörer verlangend. Die Regierung hat sich bis jetzt gehütet, auf diesen Scherz einzugehen. Herr Totischeff aber ist vollständig schief gewickelt, wenn er glaubt, daß dem Drei- oder Vierbunde die russische Freundschaft Frankreichs Kopfschmerzen bereitet. Ganz im Gegentheil! Die Friedensliga der mitteleuropäischen Mächte sieht in der Weisheit des Frankreich am Bändel führenden Czaren die beste Garantie dafür, daß unser westlicher Nachbar keine Unüberlegtheiten begeht. Oder wünscht Herr Totischeff über das Haupt des Czaren hinweg einen Konflikt zu schaffen, ans welchem der von den Panslavisten und französischen Chauvinisten so heiß begehrte Krieg hervorgeht? In diesem Falle, glaube ich, unterschätzt er den Scharfblick der französischen Staatsmänner. Doch genug hiervon. Wir haben dieses Factum auch nur als charakteristisch für die Jntrignen der russischen Presse in Paris angeführt, um zu beweisen, daß die russischen Journalisten die Störer der allgemeinen Ordnung und Ruhe sind.
Bis auf den kleine» kugelrunden weltbekannten Vertreter der .Times", Oppert aus Blowitz, erfahren die Korre- fpondenten der englischen Blätter keine Anfeindungen. Blowitz freilich mutz manches Mal scharf herhalten. Um
nicht ausgewiesen werden zu können, hat er sich unter Thiers schon natnralisiren lassen. Liest er einmal den Franzosen gründlich den Text, so schäumt Alles gegen seine Vaterlandslosigkeit, man wirst ihm seine Perfidie und seine — Rosette der Ehrenlegion vor. Es scheint, daß Ferry, als er Minister war, ihm dieselbe verliehen, denn bei jeder Vlowitzkopfwäsche bekommt der „Tonkinese" auch etwas ab. Mit Frankreich durch den dünnen und auch durch den dicken Panama-Schmutz gehen die hiesigen Vertreter der Gladstoneschen „Daily News", Crowsord, Mutter und Sohn. Letzterer erhielt als Kind schon für fein französisches Artikel- Lallen die Ehrenlegion. Die übrigen Korrespondenten sind saubere, reinliche Herren, gute, etwas ängstliche Kameraden.
Fleißig und unermüdlich -sind die Spanier. In erster Linie stehen hier die Gebrüder Blasco und der unermüdliche Korrespondent des „Jmparcial", der auch der französischen Regierung gegenüber kein Blatt vor den Mund nimmt. Derselbe hält z. B. mit absoluter Gewißheit aufrecht, daß Mohrenheim Geld erhalten habe, ohne daß die Regierung bis jetzt für eine Ausweisung Hand an ihn gelegt hätte; der beste Beweis, daß es sich bei den letzten Ausweisungen nicht um diesen Punkt handelte. Die Haltung der spanischen Korrespoubcnteir gegenüber den sranzösischen Journalisten ist seit dem Bruch der Handelsbeziehnugen eine verhältnißmäßig reservirte geworden.
Diese Elemente und die aus andern Staaten hier weilenden Journalisten haben verschiedcutlich wohlmeinende Persönlichkeiten durch die Begründung einer Berufsgenossenschast zu nähern versucht. Es bedurfte aber nur der Konstitnirung eines solchen Vereins mit Präsidenten, Bicepräsidenteit, Sekretären, Delegirteir, Generalsekretär, Sekretär und Schatzmeister, um sofort den Ehrgeiz bei den Herren Journalisten in Bewegung zu setzen. In der Folge allerhand Jutrigueu, um in die Vor- standsstcllen zu gelangen, und anstatt der Annäherung die Entfremdung. Der Umstand, daß auch eine Anzahl deutscher Korrespondenten diesem Syndikat angehörte, gab den französischen Hetzblättern Veranlassung, dasselbe als antifranzösisch zu verdächtigen. Sofort gründete sich ein neues Syndikat, welches den offiziellen Titel annahm: „Association de la presse etrangöre sympathique ä la France“. In keinem dieser Syndikate hatte man das Gefühl der Würde und der Verantwortung der fremden Presse in Paris. Ihn sich das Wohlwollen des Verthcilers der Kammerkarten zu verdienen, ernannte ihn das eine der Syndikate, obwohl er demselben gar nicht angehörte, zn seinem Präsidenten. Der übermüthige Herr lehnte höhnisch ab. So bildet die fremde Presse in Paris das Bild trauriger Zerfahrenheit. In der ständigen Sorge um das Wohlwollen der Franzosen halten nicht einmal die publizistischen Vertreter der Tripelallianz fest zusammen. Ja selbst unter den hier vertretenen deutschen Blättern giebt es ein großes rheinisches Blatt, welches Jedem seiner Korrespondenten die Instruktion- mit auf den Weg giebt, bei der Berichterstattung stets der guten Beziehungen mit Frankreich eingedenk zu fein, welche fein Leiter durch fein Votum gegen die Annektirung von Elsaß-Lothringen zu den Franzosen erworben hat.
Unter solchen Verhältnissen gilt jeder Korrespondent, der das Gefühl seiner Würde wahrt, der ohne Rücksicht die Wahrheit über Frankreich sagt, a priori hier für einen Feind Frankreichs. Wir ziehen aber dieses Schicksal dem der mit rothen Bändchen bombarbirten fremden Korrespondenten vor. Und vielleicht sind gerade wir, die fogenannten Feinde Frankreichs, berufen, dieses und Deutschland eines Tages einander zu nähern. Sagt doch ein altes chinesisches Sprüchwort: Ich kann mich mit dem Alaune versöhnen, der mir eine Beleidigung ins Gesicht sagt. Vielleicht wird er sogar eines Tages mein Freund. Der aber, der mich bei jeder Gelegenheit lobt, ist ein Dummkopf ober ein Lump.
Deutscher Reichstag.
© Krrli», 20. Januar.
Das Haus überweist den Bericht der Rcichsschuldenkominission für 1891 an die Rechnungskommüsiou. Alsdann wird in die Fortsetzung der Berathnng des Böisensteuergcsetzentwurfs eiuge- lretcn. — Abg. Graf Arnim (Reichsp.) hält die Börsensteuer für eine sehr brauchbare Steuer und bezeichnet die aus verschiedenen Handelsplätzen eingegangenen Petitionen gegen die Steuer als sehr kläglich, besonders die aus Frankfurt a. M. eingegaugeue. Die Behauptung, daß die Börsenfteuer nichts eindriuge, ist grundlos. Im Jahre 1885 hat die Börscnstener 5 Millionen, 1886 Th, 1887 7,3 und 1891 — ich überspringe die drei sogenannten großen Jahre — 11 Millionen ergeben. Ebenso falsch ist auch die Behauptung, daß die schlechten Folgen der Börsensteuer sich erst noch geltend machen würden. Diese Behauptung spricht nur für das böse Gewissen einer ganzen Anzahl großer Emissionshäuser, die sich in den großen Jahren tchwercr Sünden gegen den Natioualwohl- stand des Landes schuldig gemacht haben (Sehr richtig! rechts.), wodurch viele Millionen verloren gegangen sind. (Hört! rechts.) Nach diesen großen Jahren tritt natürlich eine Depression ein. Redner bestreitet, daß die EmissionSthätigkeit durch die Börsensteuer geschädigt werde. Die Regierung sei der haute finance gegenüber zu nachgiebig, sic müffe endlich zu einer Reform der Börse schreiten. —
