Äbend«Ausgabe.
Wiesbadener (Matt
41. Jahrgang.
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Arbeiter-Sparvereine und „Kegknssen".
Die Arbeiter-Sparvereine in Sachsen, welche Dr. W. Bode in dem kürzlich erschienenen drillen Hcste des Jahrgangs 1892 des „Böhmerlschen Arbeitersreundes", bespricht, sind keine eigentlichen Sparkassen, sondern Vereinigungen von Arbeitern, die sich zur Einzahlung voilWocheubciträgen ! verpflichten, die Velräge durch einen Verwalter ansammcln und durch Zins vermehren lassen und daun das Angc- sammelte in der Regel um Weihnachten unter sich nach Verhältnis; vertheilen. Man hat solche Vereine mit oder ohne schöne Namen. In der Regel werden die Beiträge durch Boten abgeholt, imb die Verwaltung geschieht, von Vergiitniig au Boten oder Kassirer abgesehen, unentgeltlich. Der Zweck der Vereine ist hauptsächlich, einen Betrag anzusamme!», den man zu Weihnachten oder für eine größere Anschaffung zu verwenden vermag, doch haben manche Vereine auch etwas genieinsaincs Vergnügen auf ihrem Programm.
Wer sich für solche Vereinigungen intereffirt, möge die eingehende Arbeit Bodes im „Arbeitersrcund" nachlesen-; wir möchten aber hier auf die Vorläufer dieser Vereine im südlichen Thüringer Wald im Sonneberger Industriegebiet und speziell in der Stadt Sonneberg Hinweisen.
In Sonneberg bestehen solche Vereine, die schon 70 Jahre und darüber im gleichen Hause ihr Vereinslokal haben, mithin also noch älter fein müssen, als die Vereine in Sachsen, die sich bis etwa 1840 zurück verfolgen lassen. Man nennt sie in Sonncbcrg und Umgebung — wir neunen speziell den alten Jndustrieort an der alten Nürnberg- Leipziger Handelsstraße, Judenbach — „Legkaffett". Ihr Sitz ist stets ein Wirthshaus, und so bestehen zur Seit in Sonneberg etwa 70 Wirthschafteu mit etiva i ebensoviel „Legkassen". An einem bestimmten Tage in : jeder Woche zahlen die Mitglieder einen von ihnen I selbst bestimmten Wochenbeitrag ein; die Betrüge werden „ an gesammelt und verzinslich angelegt. Die Veriheilung er- - folgt bei der Mehrzahl der Vereine alljährlich in der Zeit h- zwischen Oktober und Weihnachten, so daß für Wiuter- bedürfnisse oder Weihnachtszwccke die Mittel jeweils im herein angesammelt sind. Einzelne Legkassen haben allerdings mehrjährige (bis zu 4 Jahre») Perioden unb können die Mitglieder dann mit ihren Antheilcn schon Erheblicheres als ettva Anschaffung von Kleidern oder Weihnachtsgeschenken ausführen. Die Mitglieder vereinigen sich nun bei der Austheilung und ist damit gewöhnlich ein kleines Abendessen in der Wirthschast verbunden, in welcher die Kasse ihren Sitz hat, d. h. wo die Zahlungen entgegen- genommen werbe».
Es giebt Legkaffen, bie bis 80 Mitglieber haben; aber auch solche mit ganz kleiner Mitglieberzahl. Eine persöu- =- liche Theilnahme an der Jahres-Versammlung ist nicht erforderlich; auch wird bas Abendessen keineswegs aus der Dereiiskasse bestritten. Nur zwei Legkassen in Sonneberg haben feste Namen und bestehen diese Beiden, die übrigens ; Korporationsrechte besitzen, seit 1830 und 1825; es sind r dies die Schuffnersche Sparkasse und der Döbersche Spar- °crci». Bei diesen besteht satznngsmäßig der Beitrag pro Woche in 1 Mk. für jedes Mitglied. Es kann ein Mitglied E jedoch beliebig viel Anthcile nehmen. In diesen Kassen WMtd auch mit Strenge aus pünktliche Einhaltung der l. Verpflichtung gesehen und Rückstände ober Unpünktlichkeit x bestraft. Die Döbersche Kaffe theilt das Angesanmtelte I alle vier Jahre, die Schuffnersche alljährlich. Die | letzten Vertheilnngen ergaben bei der Döbersche« im Jahre £ ca. 19,000 Mk., bei der Schuffnersche« bei vierjähriger Saminelperiode 56,227 Mk. In anderen, nicht mit Kor- 8 ^rationsrcchten ansgestalteten Kaffen stiegen zum Theil bie UJahresansammluiigett bis 15,000 Mk. Die Venvaliung wird bst fämmtlichenKaffen bisaufeineunentgeltlich besorgt. Die ^Mitgliedschaft bei einer ober etlichen Legkasseu erhöht die UEreditwürdigkeit der Personen nicht unerheblich, unb bas Wewnßtsein, im Herbst einen größeren Betrag auf einmal der Lcgkasse zu empfangen, verscheucht manche Sorge. . Daß Geschäftsstockungcn zutveilen Unregelmüßigkeiten in ber Einzahlung veranlassen, ist begreiflich, doch wird ehren- 7 halber, soweit irgend möglich, auf Pünktlichkeit gesehen.
Donnerstag) den 3. Januar
1893.
Sind auch in vielen Legkassen ein Theil der Mitglieder auch i zugleich Stammgäste der betreffenden Wirthschast, so sind aber doch auch Frauen und Mädchen sowie überhaupt Nichtwirthshansbesucher bei den Kassen betheiligt.
Sparvereine mit mehrjähriger Dauer, die jedoch keineswegs in Jndnstriebezirken und Jndustriebevölkerungen ihre« Sitz und ihre Mitglieder suchen, giebt es in Thüringen vielfach, und auch sie haben ihren Segen gestiftet; aber diese Legkasseu mit Jahrestheilung eignen sich ganz besonders für Arbeiter unb Arbeiterinnen. Mm.
Politische Tages - Rundschau.
— Wem kämen Reichtagswahleu in nächster Zukunft;« gute? Die „Freis. Ztg." berechnet, daß wir bei einer Reichstagsaiiflösung über die Militärvorlage frühestens um Mitte März Neuwahlen haben könnten. Die Möglichkeit ist sehr naheliegend, und die Aussichten auf eine Krisis haben sich in den letzte» Wochen eher verstärkt als vermindert. Manche Blätter mahnen ihre Parteigenossen bereits unaufhörlich, sich rechtzeitig auf alle Wendungen vorzubereiten, die Wahlorganisation zn prüfen, die Kandidaten aufznstellen. In den leitenden Kreisen des Reichs scheint man sich noch immer in einer schädlichen unb unbegreiflichen Selbsttäuschung über den Erfolg der Neuwahlen unter dem Zeichen der vorliegenden Militärreform zu befinben, soust wäre Manches in der nettsten Entwicklung dieser Angelegenheit nicht verständlich. Wir fürchte«, daß sich diese Illusion schwer rächen wird. Im Volke hat die Militärreform, wi) sie nicht auf bett emschiebcnsteu Widerstand stieß, zum Mindesten, eine sehr kühle Aufnahme gesunden-; die Befriedigung? über die zweijährige Dienstzeit konnte gegenüber den ungeheuren neuen Lasten ne6f aufkommen. Daß diese Stimmung sich in weiterem Verlrmf noch zu einer-mächtigen Volksströmung zu Gunsten der vorgcsctflagenew Militür- rcform entwickeln werde, glaubt außerhalb der leitenden Stellen in der Reichsrcgicrung Nicmaitd. Die Wahlen werden unzweifelhaft bei großer Muthlosigkeit, vielleicht, wovor wir allerdings bringend warnen möchten, sogar gleichgültiger Zurückhaltung der besten Kräfte dcs Volkes stattfinben, auf die sonst bie Lösung aller nationalen und patriotischen Aufgaben in erster Reihe angewiesen ist. Wie das so gekomvien, wollen wir heute nicht untersuchen. Die Verstimmung, Unsicherheit, Verwirrung, wie sie dermalen die politischen Gefühle des Volkes beherrscht, verbunden mit so manchen Schwierigkeiten und Nöthen im wirthschaftlichen Leben, kann int Fall von Neuwahlen nur den extremsten Richtungen von links und rechts zu gute kommen. Unzweifelhaften Gewinn würden nur die Sozialdemokraten, die Antisemiten, die neuen Richtungen bei den Ultramou- taneu (Sigl) und den Konservativen haben.
— Der Versuch der vaterlandslosen Sozialdemokratie, ttnfercm Vaterlande zum neuen Jahre ein Kuckucksei ins Nest zu legen und uns vor den Augen der Welt ein Seitenstück zum Panama-Skandal anfznhalsen, ist gründlich gescheitert. Zwar haben die Franzosen sogleich die Absichten dcs „Vorwärts" verstanden und ergehen sich in einem Theil ihrer saubere« Presse in großen Ausführungen über „Das bentsche Panama", „Die Fäulnis; des Reiches" unb bett „Stank in Deutschland", ober bas kamt uns wenig kümmern, da wir selber sehr genau erkannt haben, daß es sich bei bett angeblichen Enthüllungen nur um Fälschungen, und noch dazu um recht plumpe, handelt. Und selbst, wen« Alles lvahr wäre, was der „Vorwärts" in tendenziösester Absicht znsammenfabelte, so bestände doch zwischen der Panama-Sache und der WelfeufondS-Geschichte ein himmelweiter Unterschied: Er besteht einmal in der Herkunft der Gelder, andererseits in den Zwecken, zu denen sie verwendet wurden. Die Panama-Gelder waren dem französischen Volke von Franzosen gestohlen, der Wclfctt- fouds war das zu Recht mit Beschlag belegte Vermögen eines erbitterten Feindes des Deutschen Reiches, dessen Erträgnisse zur Abwehr der fortwährenden Wühlereien benutzt waren. Die ganze Enthüllung des „Vorwärts" hat das eilte Gute, daß sie Jedem, der sich als Deutscher fühlt und fein Vaterland liebt, aufs Neue zeigt, daß die Sozial-- dcmokraten kein Mittel scheuen, das Ansehen des Reiches z« untergraben und an feiner Zerstörung unablässig zu arbeiten.
— Dem Verttehmen »ach wird bie gegen bie Verwalter der Panama-Gesellschaft eingeleitete gerichtliche Untersuchung zwischen bem 10. unb 15. d. M. geschlossen werden. In einer den Blättern zugehe »den Mittheilung wird erklärt, die Regierttug sei entschlossen, am 10. Januar weder in Paris noch in der Provinz irgend eine Straßenknubgebnug zu dulden, scheint also Radatt zu befürchten. Inzwischen setzen die Blätter ihre Enthüllnugen luftig fort, und tagtäglich wird irgend ein Minister oder einAbgeordnetcr neuer Schandthateu gczieheit. Der „Tcmps" meldet, der Uuter-
suchmigsnchtcr Franqneville habe eine an Charles Lesseps gerichtete Depesche konsiszirt, welche für die Untersuchung von großer Wichtigkeit sei unb einen bedenklichen Zwischenfall herbeiführc« würde. Ein besonders netter Herr scheint der in Deutschland geborene Herz zu feilt, auf dessen Landsmannschaft wir nichts weniger als stolz zu fein brauchen. Uebrigeus ist er eine so internationale Erscheinung, daß wir ihn sehr bequem von unsere« Nockschößen abschülteln können. Herz soll dem Professor A. Jacobi, dem Präsidenten des „Medical Board, des Mount Sinai Hospital“, in Newyork s. Zt., als er eilte Assistentenstelle dort suchte, eidlich erklärt haben, in Paris promovirt, das Diplom jedoch verloren zu haben. Eine Erkundigung Jacobis mit Hülfe der amerikanischen Gesandtschaft in Paris ergab, daß die Pariser Fakultät Herz nicht kennt. Jacobi besitzt ein Dokument, welches beweist, daß die eidlich abgegebene Erklärung von Herz falsch ist; das Dokument ist vom 31. Mai 1873 batirt, und ich habe es gelesen, lieber diese» Schwindel, den einen von vielen, wundert sich natürlich kein Mensch.
Deutsches Reich»
* Scvliit, 5. Jan. Der „Natiomil-Zeitting" zufolge billigte der Kaiser die Fassung der Neujahrs-Ansprache, wie der „Reichs- Anzeiger" sie nachher veröffentlichte. Den Ausdruck, er würde den Widerstand gegen die Militär-Vorlage int Heere „zerschmettern", habe der Kaiser nicht gebraucht, aber feilte Mißbilligung des Widerstandes deutlich knndgegebeu. — Die Aussichten des Auswan d er u ug sgesetz-Eutwur fes sind derartig schlecht, daß cs fraglich erscheint, ob er überhaupt zur Kounuissions-Berathung gelangen wird, da er nach feiner Seite hin befriedigt. — Der „Aördd. Allg. Ztg." zufolge ist der Präsident der Republik Argentinien, Saeuz Peua, von Deutschland anerkannt worden. — In einer soeben erschienenen jüdischen Flugschrift „Selmtzjudcn oder Staatsbürger" (Berlin bei Schweizer unb Mohr) findet sich folgende Mahnung: „Wir müssen cs diesen Elementen aus 'unserer Milte zu fühle» geben, daß neben den ehrlosen Volks- versührern sie die größte Schuld au der Ausbreitung des Ant'i- semitistnus tragen. Wir inüssen das genußgierige Protzeuthum, die geschmacklose, aufdringliche Putzsucht unsere Verachtung empfinden lassen und den nngebildeteu Frechling, der, wo er sich zeigt, der Gesammtheit Schaden bringt, vou uns abschüttelu."
* iltbtr die Linanstnge in Preußen bringen die „Hamb. Rachr." solgende uuerqnickliche Notiz: „Dem Vernehmen nach wird das laufende Etatsjahr in Preußen mit einem noch größeren Fehlbeträge abschließen als der Etat von 91/92 (40 Millionen Mark), und der nächstjährige Etat wird mir unter Znhülfeuahme einer Anleihe vou nicht allzu niedrigem Letrage balanciren können."
* Hebrv die persönlichen Kosten des UolKspchul- ruesens in Preußen ist soeben eine amtliche Statistik erschienen, deren Zusammenstellungen wir Folgendes cnlnehmen. Im Jahre 1891 bezogen die 61,807 ordentlichen Lehrer ein Gesammteinkommen von 67,015,142 Mk., die 8287 Lehrerinnen 7,720,460 Mk., so daß das durchschniltliche Einkommen für einen Lehrer 1084, für eine Lehrerin 932 Mk. betrug. Auf dem Lande allein entfällt auf die Lehrer ein Durchschnittsgehalt von 940 Mk., auf die Lehrerinnen ein solches von 810 Mk.; in beit Stabten erhielten dieLehrerdurch- schniltlich 1370 Mk., die Lehrerinnen rund 1000 Mk. Von diesen GehallSbeträgen werden dnreh Schulgeld immer noch 1,378,983 Mk. aufgebracht; aus dem Schul-, Kirchen- nndStiftiiugs- Veniiögeu flössen ettva 6'/- Millionen Mark, ans den Kirchenkassen 2‘/s Millionen. Die Scknlsozietäten brachten 4,880,000 Ml. auf, die Gemeinden und Patronate 273’. Millionen unb der Staat 313/< Millionen. Persönliche und Dienstalters-Zulagen aus Staatsmitteln wurden an 5107 Lehrer und 702 Lehrerinnen in bett Städten 1,650,000 Mk. und an 21,834 Land-Lehrer und 1280 Lehrerinnen 6,780,000 Mk. gezahlt, so das; 34,000 Lehrer und 6300 Lehrerinnen vom Bezüge der staatlichen Dicnst- altersznlagen ausgeschlossen sind. Für nicht voll beschäftigte Hülfs- lehrerkräfte wiirden 627,000 Mk, für den Unterricht in weiblichen Handarbeiten 2,187,000 Mk. anfgcwendet. Am Tage der Erhebung der Statistik waren 5691 penstonirte Lehrer und "400 peusionirte Lehrerinnen vorhanden, von denen 4064 und 214 nach dem Gesetz vom 1. April 1886 pensionirt sind. Der Gesammtbetrag der Pen- fiotten belauft sich für die Lehrer ans 5,734,478 Mk., für die Lehrerinnen auf 324,707 Mk., was einem Durchschniltssatz von 1000 bezw. 600 Mk. entspricht. Don den Pensionsbeträgen bezahlen der Staat 3,512,457 Mk., die Gemeinden 2,146,000 und bei 1287 Pensionären die Dieustnachfolger rund 310,000 Mk.
* Neutrums - Anträge. Der im Reichstag eiugebrachte Antrag der Centrums-Partei zttrAbäuderitug dcrKonkurr-Lrdnnng will diese im Wesentlichen wie folgt ergänzen: Ein Verwandter oder Vcrschlvägerter des Gemeinjchuldners bis zum 4. Grade darf nicht zum Verwalter ernannt werden. Die Glänbiger-Versatnmluug hat einen Gläubiger-Ausschuß zu bestellen und zwar wenigstens bis zur Abhaltung des allgemeinen PrüsungStermins. Ein Zwangsvergleich ist auSgeschloffcn, wenn er den Gläubigern nicht wenigstens ein Viertel ihrer Forderungen sichert und wenn der Gemeinschüldner schon früher in Konkurs war oder seine Firma nicht wenigsteits zwei Jahre vor der Konkurs-Eröffnung ins Handelsregister eingetragen ist. Beides jedoch nur, wenn der Schuldner nichr darznthun vermag, daß er lediglich durch unverschuldetes Unglück in diese Lage gerathen ist. Eine Reihe von weiteren Ergänzungs-Paragraphen entziehen dem Kridar auch gewisse kaufmännische Ehrenrechte, das Recht, auf der Börse zn erscheinen, Handelsmakler zn werden ec. War der Kridar schon früher nicht ohne eigenes Verschulden in Konkurs gerathen, so soll er kein kaufmännisches Geschäft selbstständig betreiben oder durch Andere betreiben lassen dürfen. Die Wicdcrbesähiguitg soll erst erlheilt werden, wenn sämmtliche Forderungen der Gläubiger vollständig getilgt sind. Die Strafbe- ftimtmtugeti für den leichtsinnigen einfachen Konkurs und den betrügerischen sollen verschärft werden. Wer, zum Antrag auf Konkurs-Eröffnung verpflichtet, diesen unterläßt, soll mitGesängniß bis zn drei Moiiatcn oder einer Geldstrafe bis zu 5000 Mk. belegt
