Abend-Ausgabe.
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SS. Jahrgang.
Erscheint in zwei Ausgaben. — Bezugs-Preis: In Wiesbaden und den Landorte» mit Zweig- Expeditionen 1 Mk. 50 Pfg., durch die Post 1 Mk. 60 Pfg. für das Vierteljahr.
Verlag: Langgasse 27.
AZMOO Avormentrn.
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Die einspaltige Petitzeile für locale Anzeigen 15 Pfg., für auswärtige Anzeige» 25 Pfg. — Neclamc» die Pctitzeile für Wiesbaden 50 Pfg., für Auswärts 75 Pfg.
1891
Samstag, den 28. Uovemdrr
331.
Der Kaiser nnd Fürst Kismarck.
In der „Schief. Ztg." wurde dieser Tage in einer längeren Ausführung über den Fürsten Bismarck der Gedanke ausgesprochen, es sei unwahrscheinlich und kaum dcnk- f: har, daß der Kaiser den Fürsten Bismarck jemals zurückbe- nifen werde, ja dies sei nicht einmal wünschenswcrth, weil darin ein Armuthszeugniß für das jetzige Geschlecht liegen würde, sowie ein Beweis dafür, daß außer dem einen Manne kein Anderer im Staitde sei, die Geschicke des Vaterlandes zu lenken. Eines aber könne und dürfe man wünschen: die Wiederherstellung eines vertrauensvollen Verhältnisses zwischen dem Kaiser und dem Fürsten Bismarck. Die Münchener „Allg. Ztg." nimmt diesen Gedanken ans, indem sie sich wie folgt äußert: „Es ist der Wunsch wohl aller Patrioten in Deutschland, daß die in Millionen Herzen lebende, voll der „Schics. Ztg." so unumwunden ausgesprochene Hoffnung sich, und zwar bald, erfüllen möge. Wer mit erlebt hat, daß Herr Windthorst, der bis an sein Ende der überzeugte Gegner der durch die Ereignisse von 1866 und 1870 geschaffenen Ordnung in Deutschland geblieben ist, bei seinem Tode fast mit den Ehren eines Nationalhcldcn umgeben worden, der wird sich schwer mit dem Gcdaitken aussöhnen, daß unser Kaiser die Hand, welche das Reich aufgerichtct und in zwanzig Jahren so wetterfest ansgebaut hat, nicht wieder ergreifen sollte. Jedenfalls würde Derjenige, welcher dem Kaiser einen Rath im Sinne der Aussöhnung ertheilte und die geeignete Form sm die Ausführung fände, sich ein großes und dankens- werlhcs Verdienst um Deutschland erwerben. Für den Feld- ; marschall Moltke wurde bei feinem Abschiede aus dem activen " Dienste die Form gefunden, ihn dennoch demselben zu erhalten, sowie sein Verbleiben in Berlin nnd in Fühlung mit den wichtigsten Angelegenheiten seines Ressorts und des Landes zu ermöglichen. Bei dem Fürsten Bismarck ist dieser Versus nicht gemacht worden. Der erste Beamte des Reiches mußte binnen zwölf Tagen seine Wohnung aufgeben nnd damit war für ihn die Möglichkeit des Verbleibens in Berlin ausgeschlossen. Man sagt uns nun: eine Aussöhnung widerstreite der Würde der Krone. Wir — und wohl die Mehrzahl der Deutschen — sind der gegenthciligen Ansicht. Ein Zug zur Größe kann nie der Würde einer Krone zuwider- laufen, am allerwenigsten der Krone der Hohenzollern, die ohne den Fürsten Bismarck doch schwerlich auf der Höhe stehen würde, auf welcher sie heute noch steht. Was Kaiser Wilhelm I. so oft in rührender Weise ausgesprochen: seinen und seines Hauses unauslöschlichen Dank, wird der Enkel um politischer Meinungsverschiedenheiten willen nicht verleugnen. Man hat uns glaubhaft versichert, der Kaiser habe dem Fürsten BiSmarck zu seinem letzten Geburtslage einen Glückwunsch senden wollen, dieser Act, dcr von dcr ganzen Nation hoch ausgenommen worden wäre, sei jedoch auf einen Rath unterblieben, welchem Sc. Majestät folgen zu müssen geglaubt habe. — Ein solcher Rathschlag wäre auf das
Tiefste zu bedauern, weil er sich im Widerspruch zu dem I Denken und Empfinden dcr Nation und somit zu dem In- | teresse der Krone befände. Wir glauben im Gegentheil, daß es die Aufgabe der höchsten verantwortlichen Nathgeber der Krone sein sollte, dem Kaiser einen solchen Schritt auf jede Weise zu erleichtern und dem Enkel Kaiser Wilhelms I. damit den Glanz einer wahrhaften Popularität zu verleihen."
Karates.
Nachdruck dir Originallorresxoudenzen mir unter beutlilet Quell,nangabe gellutteta Wiesbaden, 28. November.
— ®iii zweites Theater für Wiesbaden. Herr Commissionsrath Hasemann in Berlin hat gestern, wie uns telegraphisch mitgetheilt wird, die baupolizeiliche Genehmigung erhalten, nach den von Herrn Architecten Euler entworfenen Plänen die hiesige „Kaiserhalle" zu einem Theater um- zubanen. Wir haben schon früher unseren Standpunkt in dieser Frage entwickelt und begrüßen die Nachricht mit Freude, wie es wohl Jeder thun wird, der die Sache nicht von kleinlicher oder egoistischer Seite auffaßt, sondern ein zweites, elegantes Theater, das vorwiegend das leichtere Genre pflegt, als eine wichtige Stütze des Kurlebens auf- faßt, als einen bedeutungsvollen Factor in der großstädtischen Entwickelung unserer Stadt. DaL neue Theater, das ungefähr 600 äußerst bequeme Plätze enthalten wird, dürfte in seiner behaglichen und reichen Ausstattung, bei der rother Sammet und Vergoldung nicht gespart wird, ein reizendes Schmuckkästchen werden. Die Bühneneinrichtung wird den neuesten technischen Errungenschaften in dieser Richtung entsprechen nnd hi Hinsicht auf das künstlerische Ensemble kann man auf den bedeutenden Ruf des Herrn Hasemann als Theaterleiter bauen. Für heute sei nur noch erwähnt, daß das Theater in Hinsicht auf Fenersicherheit den weitgehendsten Anforderungen entspricht, weshalb auch die Genehmigung Seitens des städtischen Bauamtes so schnell erfolgen konnte.
P Sankt Andreas. Der 30. November ist der Tag des heiligen Andreas. Der letztere war bekanntlich der Bruder des Simon (Petrus) und einer der ersten Jünger Jesu. Nach der Legende hat er nach dem Tode des Meisters den nördlichen Völkern (im heutigen Rußland) das Evangelium verkündigt, ist dann in Macedonien und Epirus wirksam gewesen nnd zuletzt im Jahre 64 oder 62, oder 70 zu Patras in Morca auf Befehl des kaiserlichen Statthalters aus Kreuz geschlagen worden. DaL letztere bestand ans zwei schräge gekreuzten Balken und die Form hat seitdem ben Namen Andreaskreuz behalten. Die Russen verehren im Apostel Andreas ihren ersten Heiligen; zu seinen Ehren wurde vom Zar Peter dem Großen dcr erste Orden des russischen Reiches gestiftet. • Die Ordensfcier ist an jedem 12. Dezember neuen Stiles. Auch die Schotten ehren in Andreas ihren Landesheiligen (Saint Andrew) und haben einen nach ihm benannten Orden. Die Andrcasnacht, d. h. die Nacht vom 29. bis 30., gilt in vielen Gegenden Deutsch
lands als heilverkündend, besonders für die jungen nnver- heirathcten Leute. Träume in dieser Nacht zeigen der Jungfrau den Ersehnten und dem jungen Manne die Geliebte. Man gießt Blei ober läßt Lichtchen in Nußschalen auf dem Wasser schwimmen und prophezeit aus den Zeichen oder treibt sonst allerhand Hokuspokus. Auch die Gebete in der Andrcasnacht üben einen mächtigen Zauber aus. Somit theilt sich die letztere mit der Johannis- und der Sylvestcr- nacht in den Ruhm des Geheimnißvollen, Absonderlichen. Es stammt dieser Aberglaube noch aus der heidnischen Zeit, in ivelcher dem Lichtgotte Frö, „dem Herren", dem Beschützer und Schließer der Ehen in jenen drei Nächten Mysterien geweiht wurden. Später kam dann der heilige Andreas unschuldiger Weise zu der ihm erwiesenen Ehre. Wünschen wir Allen, die da hoffen und sich sehnen, Erfüllung ihrer Erwartungen, auch wenn der heilige Andreas sich nicht gerade günstig zeigen sollte.
— Todesfälle. Heute Vormittag starb Herr Decanats-Ver- walter, Pfarrer a. D. Heinrich Christian Köhler. Der Verstorbene fnngirte ein ganzes Menschenalter hindurch als Seelsorger der evangelischen Gemeinde in unserer Stadt, wohin er als junger Geistlicher s. Zt. versetzt worden war. Dccan Köhler gekörte zur Diittelpartei nnd war als Kanzelredner recht beliebt. Bekannt ist, daß er bis zum Eintritt seiner Kränklichkeit stets als Prediger an den nassauischen Hof berufen wurde, wenn dieser in Königstein weilte. Der Großherzog und die Großherzogin gaben ihm zu wiederholten Malen Beweise ihrer ganz besouderen Hnld. Auch in hiesigen Bürgerkreisen erfreute sich Herr Dccan Köhler treuer Anhänglichkeit; die von ihm im Laufe der Jahre in die Gemeinschaft der evangelischen Kirche Eiugeführten zählen wohl nach mehr als vielen Hunderten. Herr Dccan Köhler war anl 17. October zu Singhofen bei Nassau geboren, wurde am 14. October 1849 ordinirt und alsbald Caplan in Wiesbaden. Am 1. Juli 1856 wurde ihm die dritte, am 1. Januar 1869 die zweite Pfarrei und im März 1885 die Verwaltung des Dccanats Wiesbaden übertragen, welche er bis zu seiner Emeritirung, am 1. October 1888, führte. Die Functionen eines Hofpredigers beim Herzolich Nassauischen, jetzt Großherzoglich Luxemburgischen Hofe übte der Verstorbene seit dem Ableben des Kirchenralbs Dietz aus, wie er auch seiner Zeit die Prinzessin Hilda von Nassau, jetzige Erbgroßherzogin von Baden, confirmirte nnd deren Trauung voruahm. Herr Dccan Köhler war Mitglied des Vorstandes des „Paulinen-Stifts", gehörte s. Z. auch dem Vorstand des Rettungshauses an und war Mitglied der Geistlichen- Wittwen- und Waiscn-Commission. — In verflossener Nacht ist Herr Gcneral-Lientenant z. D. Albert Carl Theodor von Zingler, geboren am 26. Februar 1836 in Coerlin in Pommern, dahier gestorben. — Ferner verschied heute (Vormittag) hier dcr Hanptlehrcr a. D. Christian Pfeiffer. Derselbe hat nicht im Wiesbadener Schuldienst gestanden, sondern war von Auswärts hierher verzogen.
— Straßenbahn - Projekt. Angenehm wird cs für die Einwohner von Wiesbaden und Sonnenberg sein, zu erfahren, daß die Wahrscheinlichkeit vorliegt, eine Verbindung dieser Plätze mit der Walkmühle zu erhalten. Geplant ist eine Bahn entweder mit Pferde- oder elektrischem Betrieb. Man versichert uns, daß sich bereits eine Gesellschaft aus den Bewohnern von Wiesbaden und Sonnenberg gebildet hat, welche es unternehmen will, die Bahn zu bauen, und dieserhalb bereits die nöthigen Schritte ge- khan hat.
— Wegen des Andreasmarbtro findet die nächste öffentliche Sitzung des Gemcinderathes am Mittwoch, den 2. Dezember (nicht am Donnerstag) statt.
Nachdruck verboten.
Cent Francs.
Original-Novellette von A. vom Rhein.
Pierre war bis vor Kurzem als Mechaniker in einer Stoßen Fabrik angcstellt und verdiente wöchentlich 25 Frcs. — gerade genug, um seine Familie schlecht und recht zu erhalten. Da kam eine Krisis. Der Niedergang der Industrie führte einen Wechsel in der Direction der Fabrik herbei; der neue Leiter vermochte indctz die Geschäfte auch nicht zu heben und so wurden die Löhne gekürzt und rin Drittel des Personals entlassen. Auch Pierre, obgleich ein tüchtiger Arbeiter, verlor seine Stellung, da sein nach Unabhängigkeit strebender Geist schon längst mit den Anschauungen seiner Vorgesetzten im Widerspruch stand. Seit Wochen suchte er ein Unterkommen — vergeblich! Sein einziger Sohn, George, ein Junge von 17 Jahren, war im &>ben des geizigen, habgierigen Gewürzkrämers Merlin chätig; Merlin behandelte ihn wie einen Sklaven und nutzte ihn wacker aus. Jetzt war George's kärglicher Gehalt das einzige Einkommen, von welchem drei Menschen leben sollten.
Daß Pierre, bei seinem Suchen nach Arbeit, zahlreichen Leidensgefährten begegnete — auch solchen, welche durch schlechte Führung, Trunksucht und sonstige Laster ihren Posten verloren hatten — daß er mit diesen, nach erfolglosem Umherirren, in gemeinen Schnappsschenkcn Trost suchte und es hierbei an leidenschaftlichen Ausbrüchen und Tchimpfredcn aus alle Fabrikherren nicht fehlte, ist nur zu begreiflich. Die Aussichten wurden immer trüber, und je L. ^uhloser Pierre ward, desto tiefer versank er in Leichtsinn, der größte Thcil des Hausraihs der kleinen Familie war oerests verkauft oder verpfändet und Bäcker wie Metzger - weigerten sich, ferner zu borgen.
Auch heute wieder ohne Beschäftigung oder Aussicht aus solche, schlich Pierre in dumpfer Verzweiflung zur Kneipe. In die schmutzige Rue du chat noir einbiegend, winkte ihm die trübe brennende Laterne der gleichnamigen Schenke. In düstere Gedanken versunken, stieß er an einen Kehrichthaufen, so daß er beinahe zu Fall gekommen wäre. Aus seiner Lethargie anfgerüttelt, stößt er einen Fluch aus und wirft einen bösen Blick auf das Hinderniß. Da plötzlich haftete sein Auge wie gebannt auf einem Papier, welches der Wind vor ihm herwirbelt — am nächsten Schmutzhaufen bleibt es hängen — Pierre bückt sich! „Ah diable," entschlüpft es seinen Lippen — erschreckt umherspähcnd, reißt er das Papier an sich und schiebt mit mühsam unterdrückter Freude den Fund in die Tasche.
„Cent franes! Cent franes!“ murmelt er gierig vor sich hiu, die Zähne- fest aufeinander pressend, um seine Stimme zu dämpfen. Wie ein Blitz durchzuckt es ihn — eine infernalische Freude flammt in ihm auf — ha, dcr Zufall will sein Retter werden — will ihm gewähren, was böse Menschen ihm weigern! . . .
Und wer wird das Geld verloren haben? Irgend ein lcichtsimnger Prasser, ein Nichtsthuer, der Banknoten und Goldstücke ungezählt in der Tasche trägt — ein Verschwender, der für ein einziges Souper mit Champagner 100 Frcs. und mehr verausgabt! Bei diesem Gedanken gcräth Pierre in Wuth und die Banknote zusammenballend, eilt er der Schenke zu.--
Halt — die Schicksalsgenossen könnten seinen Fund gewahren und am Ende wäre es auch besser, bei Bäcker und Fleischer Abschlagszahlungen zu machen.--
Rasch entschlossen tritt er in die niedrige Backstube des Brodliefcranten: einigermaßen erstaunt suchte der Letztere seinen ganzen Vorrath an Kleingeld aus dcr Ladcnkasse,
um die Banknote zu wechseln und meint scherzend, Pierre habe wohl gewonnen.
„Nun, einmal muß man doch wieder zu etwas kommen," entgegnet Pierre und ist froh, als er den Laden im Rücken hat. Den nächsten Gläubiger kann er mit kleiner Münze beliebigen und somit ist er weiteren neugierigen Fragen überhoben.
In gehobener Stimmung betritt Pierre die Schenke — er stürzt hastig 3—4 Gläser Branntwein hinunter und thut sich durch laute, lärmende Scherze und doppelt kräftige Flüche und Verwünschungen hervor. In trunkenem Zustand tritt er lustig singend, als sei ihm ein Glücksstern aufgegangen, endlich de» Heimweg an — unterwegs kauft er einige Eßwaarcn und eine Flasche Wein für seine Familie, denn Pierre ist von Herzen gut, und nachdem sich die Seinen fast ans Hungern gewöhnt haben, will er sie mit einem Leckerbissen überraschen. Nun er der dringendsten Sorgen übcrhoben ist, faßt er auch wieder Vertrauen auf die Zukunft und einen Gassenhauer johlend, so weit seine heisere Kehle dies gestattet, poltert Pierre die schmale Treppe zu seiner Wohnung hinauf. Ein ungestümer Stoß öffnet die Thür der ärmlichen Küche — „he Louise — herbei — Feuer im Herd angefacht — heute gicbt's ein feines Diner," ruft er übcrmülhig, indem er feine Einkäufe auf die Bank wirft. „Na — hörst Du nichts?" fügt er verwundert hinzu und dann stolpert er über die Schwelle der Küchcnthür in die anstoßende Kammer.---
Hier kauert Louise auf einem Schemel — eine erbarmungswürdige Frauengestalt! L)as zarte Gesicht ist blaß und verhärmt — aus beit dunklen Augen spricht unsägliches Elend und heiße Thränen rieseln über ihre eingefallenen Wangen, während die umflorten Blicke auf dem Sohn haften, der zitternd und todtenbleich vor der Mutter auf den Knieen liegt.---
