Abend-Ausgabe
itstÄkmr TsgblÄ
1891
Freitag, den 27. Uovemder
N-- 329
z.
bringe!
<
nicht im Stande ist, mit dem Ertrage seiner Arbeit Haus zu halten, ihni das bescheidene Heim freundlich und behaglich zu gestalten und, wenn er hungrig und ermüdet von angestrengter Tagesarbeit heimkehrt, eine schmackhafte Mahlzeit vorzusetzen? Gewiß nicht. Die natürliche Folge der mangelnden häuslichen Behaglichkeit, der Ordnung und Körperpflege wird sein, daß der Man» mürrisch und unzufrieden wird, daß ihn sein Loos ein hartes, ungerechtes dünkt, er sich allgemach von Hause ab- und in der Kneipe zugewöhut und dort im Verkehr mit liederlichen Genossen sittlichen Halt und klares llrtheil verliert. Haus und Familie aber verfallen naturgemäß dem materiellen und moralischen Ruin, den sie in gewohnter Art nicht selber, sondern den sozialen Verhältnissen und den ungerechten Einrichtungen des staatlichen Gemeinwescils zuschreibcn.
Dieser flüchtige Hinweis genügt, um klar zu veranschaulichen, wie dringend geboten eine rationelle hanswirthschaft- liche Unterweisung der Alüdchcn der unteren Stände ist. Man wird einwendcn, daß gerade diese Mädchen gewöhnlich nach Ablänf der Schuljahre in ein dienendes Verhältnis; treten und dort volle Gelegenheit haben, alle hauSwirth- schaftlichen Arbeiten zu erlernen und zu üben. Gewiß, sie lernen hierbei alles für den Haushalt Erf^dcrliche und auch wohl kochen dazu. Nur daß die Haushältführnng jeder Herrschaft, die einen oder gar mehrere Dienstboten hält, eine wesentlich andere als die einer Arbeiter- oder kleiner Bürgerfamilie ist, und gerade die Mädchen, welche längere Zeit gedient und an größere Verhältnisse eines Haushalts gewöhnt sind, sich um so schwerer in die engen Grenzen der späteren eigenen Wirthschaft zu finden wissen. Mit Wenigem haushalten — das müssen die Mädchen der unteren Schichten, die künftigen Arbeiterfrauen vor Allem lernen und gerade dazu haben sie bei der Herrschaft selten Gelegenheit.
Das haben mit weisem Sinn eine Anzahl von Pädagogen und Volkserziehern längst erkannt und Abhilfe auf diesem Gebiete zu schaffen versucht, bei welchem Bestreben ihnen edle Wohlthäter mit Rath und That zur Hand gingen. So entstanden die Mädchenhorte und Haushal- tnngsschulcn, die indeß, so segensreich sie auch wirkten, doch noch nicht das völlig Rechte in oben auSgcführtcm Sinne trafen, da eine hauswirthschaftliche Ausbildung in diesen Anstalten erst nach vollendeter Schulzeit erworben werden kann, die Eltern auch immerhin noch über Mittel verfügen müssen, um ihren Töchtern eine derartige Ausbildung zu ermöglichen. Nun trifft letzteres aber nur in seltenen Fällen zu, und gewöhnlich sind die Eitern nicht einmal in der Lage, nach Ablauf der Schulzeit noch em weiteres Jahr auf den Miterwerb der Kinder zu warten und ihnen während dieser Zeit Kost, Wohnung und Kleidung zu gewähren. Da war es denn eine glückliche Idee, Kinderhaushaltungsschulen oder Kurse zu errichten, in denen Mädchen bereits vom achten Jahre an in wirthschaftlichen Arbeiten, sowie Nähen, Flicken, Kochen u. s. w. unterrichtet werden. Diese Kurse sind entweder in die Nachmiitags- also schulfreien Stunden verlegt, oder aber es werden
wöchentlich einige der Schulstunden selber für diesen Zweck verwendet, so daß Eltern, welche ihre Töchter etwa Nachmittags im Haushalt brauchen oder sie selber beschäftigen, in keiner Weise unter einer Zeitentziehung leiden.
Wie Umfassendes, weise Organisirtes auf diesem Gebiete geleistet wird, erhellt aus einer Schrift, welche wir Allen, die Herz und Interesse für Volkswohlfahrt und gemeinnützige Bestrebnilgen haben, tvarm empfehlen. Dieselbe nennt sich „Die hauswirthschaftliche Unterweisung armer Mädchen in Deutschlandmild im Ausland," hcrausgcgebeir von Fritz Kalle und Dr. Otto Kamp (Verlag von Bergmann, Wiesbaden). Aus ihr erfahrest wir, wie eine lhatkräftige Anregung und Unterstützung die hochselige Kaiserin Augusta auch dieser Humanitären Bestrebung zugewandt und wie ihre erlauchte Tochter, die Großherzogin von Baden, auch darin das Erbe der hohen Entschlafenen angetreten. Die HauGaltnngsschulen in Karlsruhe, unter Leitung des badischen Frauenvereins stehend, sind längst mustergiltig für derartige Anstalten geworden und Berlin hat sich auch in dieser Beziehung der Millioneilstadt würdig bewährt. Von hier aus verbreiteten sich diese segensreichen Einrichtungen über ganz Deutschland und nicht nur die großen, sondern mich die mittleren und kleinen Städte folgten dem gegebenen Beispiel. Auch in Oesterreich-Ungarn, der Schweiz, Belgien, Frankreich, England, Schweden, Dänemark und Amerika hat man die hohe Wichtigkeit dieses volkserziehlichen Prinzips erkannt und beendige Anstalten eingerichtet; wir können nur Deutschland sowohl als dem Ausland von Herzen wünschen, daß diese weise ansgestrente Saat gute Ernte
39. Jahrgang.
Erscheint in zwei Ausgaben. — Bezugs-Preis: In Wiesbaden nnd den Landorten mit Zweig- Erpeditioueii 1 Mk. 50 Psg., durch die Post 1 Mk. 60 Psg. für das Vierteljahr.
Als zehn Jahre später das amerikanische Medium Slade zum ersten Male in Leipzig war, erzählte er Professor Zöllner zufällig, ein Berliner Professor habe an ihm die ' Eigenschaft entdeckt, daß er die Magnetnadel ablenke und in heftige Schwingungen versetze. Zöllner, dem obige Experimente seines Freundes Fechner wohl bekannt war, begab sich sofort mit Slade nach seiner (Zöllners) Wohnung, ließ Fechner und Professor Wilhelm Weber herzurufcn und sagt über das damals angestellte Experiment in seinen „Wissenschaftlichen Abhandlungen" (Bd. II, S. 330): „Auch in meiner Wohnung lenkte sich sehr bald das Gespräch wieder auf den erwähnten magnetischen Einfluß, so daß die Frage meines Frentldes, ob ich nicht einen Kompaß zur Hand hätte, eben so ungezwungen als natürlich war. Indem ich dies bejahje, holte ich einen Himmelsglobus, an dessen Gestell sich unten ein Compaß befand, setzte ihn auf den Tisch, und Slade bewegte auf unseren Wunsch seine rechte Handfläche horizontal dicht über dem durch Glas fest verschlossenen Gehäuse der Magnetnadel. Letztere blieb unbeweglich, und ich schloß daraus, daß Slade keine Magnetnadel unter der Haut verborgen haben konnte. Als nun aber Slade abermals, unmittelbar darauf, den Versuch in der angegebenen Weise wiederholte, gerieth die Nadel in die heftigsten Schwingungen, wie dies nur mit der Hülfe eines starken Magneten hätte bewerkstelligt werden können. Diese Beobachtung war für mein Verhalten Herrn Slade gegenüber entscheiden!); ich hatte es mit einem Factum zu thun, welches die Fechncr'schen Beobachtungen bestätigte und daher einer weiteren Untersuchung werth war." -
Auch elektrische Leuchterscheimingen kommen bei Menschen vor. So erzählt Rechen berg von einem Manne, der. durch seinen Willen fein Haar so mit Elektrizität laden- konnte, daß es fast in Flammen zu stehen schien, wenn er- mit einem Kamm hindurchfnhr, und daß es Funken und
im Kreise hernmgeführt. Ich besah die Finger der Sensitiven in ihrem Verlauf und unter den Nägeln möglichst genau, ließ die Person den Arm bis über den Ellenbogen aufftreifen, um irgend Eisen ober Stiche, durch welche Nadeln unter die Haut geschoben sein könnten, zu entdecken, umsonst. Ich behielt mir jedoch vor, auf diese Versuche zurückzukommen."
Am 13. Juli wiederholte Professor Fechner seine Versuche und sagt über bereit Verlauf: „Sie gelangen so, daß mir, möchte ich sagen, ber Verstaub stehen blieb, ungeachtet ich alle möglichen Ursachen der Täuschung auszuschließen suchte. Bei ben vorigen Versuchen hatte die Sensitive vor ber Magnetnabel gesessen, so daß der Südpol nach ihr gekehrt war; diesmal ließ ich sie zur Seite ber Nabel setzen. Hätte bie Sensitive einen Magnet unter dem Kleide gehabt, ein Verdacht, der sich hegen ließ und dem umsomehr Rechnung zu tragen war, als er von sehr achtbarer Seite sehr ernsthaft erhoben wurde, so hätte dies ganz andere Bewegungsverhältnisse der Nadel bedingen müssen, als das vorigemal, überhaupt unmöglich die regelmäßigen Phänomene, die ich beobachtete, erzeugen köitnen, und auch ohne Darbietung des Fingers von selbst unregelmäßige Bewegungen an ber Nabel hervorbrirtgen müssen, was Alles nicht der Fall war. Ein solcher Verdacht ließ sich schon hiernach nicht festhalten."
Am folgenden Tag, dem 14. Juli, wiederholte Fechner seine Versuche in Gegenwart des Professors Erdmann und äußert sich hierüber: „14. Juli. Heute ftüh 11 Uhr zusammeil mit Professor Erdmann, den ich inzwischen zur Mitbetheiligung an den Versuchen zu bestimmen vermochte, die Versuche mit ber Magnetnadel wiederholt. Sie fielen in derselben Weise als neulich aus und frappirten Professor Erdmann wie mich. Eine Ursache der Täuschung ließ sich heute ebensowenig als früher entdecken."
Verlag: Langgasse 27.
Abonnenten
Nachdruck verboten.
Mr hausrvirthschaftttchr Unterweisung armer Mädchen.
Wie die Saat, so die Ernte! Wie sehr dies biblische Wort nicht nur auf religiösem, sondern auch auf politischem Gebiete gilt, wird von den leitenden Persönlichkeiten im Staate immer noch nicht genug beherzigt. In seiner vollen Bedeutung erfaßte es indeß Kaiser Wilhelm I., indem er als wirksames Mittel gegen die Irrlehren ber Sozialdemo- «ratie eine bagegen gerichtete rationelle Unterweisung des heranwachsenben Geschlechts in den Volksschulen erkannte und anordnete. Auch Kaiserin Augusta mit ihrem hohen Geiste hatte die Wurzel des staatsgefährlichen Uebels der Sozialdemokratie klar erkannt und durch ihre aufopfernden Humanitären Bestrebungen dagegen auzukämpfen versucht. Gemeinnützige Veranstaltungen uud edles Wohlthun, um der leiblichen Noth der unteren Schichten zu steuern und geistige Aufklärung, damit das Volk die Unhaltbarkeit und Jrrthümer dec sozialdemokratischen Lehre erfasse — das werden stets die wirksamsten Mittel zur Niederzwingung des schleichenden Giftes im Staatskörper sein.
Wie viel gerade auf letzterem Gebiete indeß, schon jetzt geschieht, davon hat das große Publikum kaum eine Ahnung- ES glaubt genug für die öffentliche Wohlfahrt gethan zu haben, wenn es pünktlich feilte Stenern zahlt und ab und zu ein Scherflcin für bie Armen spendet, vielleicht gar die Mitgliedschaft dieses oder jenes Wohlthätigkeitsvereins erworben hat. Nur Wenige betheiligen sich praktisch an der bolkserziehlichen Aufgabe und meinen, das sei Sache der berufsinüßigeu Lehrer und Erzieher. Und doch vermögen gerade hier weitesten Kreise thätig einzugreisen und imKleineu Segensreiches zu wirken, was bann wieder ber Allgemeinheit zu Gute kommt.
Wenn Kaiser Wilhelm es als Kerppnnkt bet Volks- £- etziehung in ben Schulen betrachtet, baß der männliche Theil der Heranwachsenden Bevölkerung über Rechte und Pflichten eines Staatsbürgers, über Ordnung und gedeihliches Zusammenwirken aller Kräfte im Staat, sowie, über soziale Möglichkeiten oder Unmöglichkeiten Klarheit gewinne, so darf andererseits im Unterrichtsplan des weiblichen Theils auch alles das nicht fehlen, was die Frauen des Volks für ihren künftigen Beruf praktisch erzieht. Hier aber ist vor Allem die hauswirthschaftliche Unterweisung- von Nöthen. Was nützt cs, wenn ein Arbeiter ordentlich und fleißig ist, wenn er auf Grund der in der Schule empfangenen Unterweisung geduldig das Loos trägt, das ihm das Schicksal zugewiesen, da er genau weiß, daß Gleichheit der Stände und gleichmäßige Vertheilung irdischer Glücksgüter etwas absolut Unmögliches, die zu Erreichendes ist. Wird sich solch' braver Arbeiter und über die sozialen Verhältnisse klar denkender Mann seine Zufriedenheit, seinen frischen Lebensmuth erhalten können, wenn er eine Frau zur Genossin hat, bie
Nachdruck verboten.
Elektrische Mensche».
(Eigener Nussatz des „Wiesbadener Tagblatt".) (Schluß.)
Die Beobachtung, baß abnorm veranlagte Menschen bie Nadel des Compaß ablcnfen, wurde auch in Deutschland durch Baron Reichenbach und die Professoren Fechner, Erdmann, Zöllner und Wilhelm Weber bestätigt. Fechner erzählt in seinem Buch „Erinnerung an die letzten Tage der Odlehre und ihres Urhebers" (S. 26 ff.) aus- lührlich die Experimente, welche er mit der Sensitiven Reichenbachs, Frau Ruf, angestellt hatte, bie nach Leipzig gc- kommen waren, um Fechner zu überzeugen. Er sagt über e'nen am 4. Juli 1877 im Hotel zur „Stabt Dresben" <m- öestellten Versuch: „Ein Versuch, ben Reichenbach selbst vor- i,ra$te, währenb ich noch bei ihm im Hotel war, setzte mich w Erstaunen, und ich weiß noch nicht, was ich daraus machen W- Eine gewöhnliche Bonssole mit einer Nadel von einigen
Länge unter Glas wurde auf den Tisch gestellt; er Mi die Sensitive die Finger vor dem einen Pol (nicht über Glas, sondern vor dem Gehäuse) hin- und herbewegen, U°d die Magnetnadel gerieth dabei in ähnliche Schwingungen, wenn man ein Eisen- ober Magnetstäbchen vor demselben vcIc hin- unb her-bewegt. Diese Schwingungen waren nicht unerheblich, unb ber Versuch gelang bei jeder Wiederholung, Ab wenn sich Reichenbach habet in anderen Theilen des ounmers befand, auch bann, wenn ber Finger abwechselnd der Seite bem Pole zugeführt unb baoon entfernt wurde, ^ttllte ich selbst ben Versuch in gleicher Weise an, so blieb 7? Nadel unbeweglich. Reichenbach sagte, bie Erscheinung *** heute schwach; zu Zeiten habe die Sensitive die Nadel
Ssttzeigen-P reist
Die einspaltige Petitzeile für locale Anzeige» 15 Pfg., für auswärtige Aiizeigen 25 Psg. — Reklamen die Petitzeile für Wiesbaden 50 Pfg., für Auswärts 75 Pfg.
Lorales.
Nachdrucks kr L> rigitiaUorreipoubenjen u«r unter d-umrer C.ueUrnangaSe gelt Ittel.) Wiesbaden, 27. November.
-o- Ans der öffentlichen Zibnng des Gemeinderalst« ist noch Folgendes zu berichten: Zur Heizung der Gewerbeschule werden dem Local-Gewerbe-Verein 10 Raummeter Kuchen- Scheit- Und Prngelholz überwiesen. — Die Gesuche der Herren Dampfcaroussel-Besitzer 'Adolf Kutter, z.Z. in Bingen, und Ca- ronffel-Besitzer Hrch. Biel in Geisenheim um lleberlassung von Plätzen auf dein Andreasmarkt, werden abgelehnt, da nach dem Bericht des Herrn Accise-Jnspectors die zur Verfügung gestandenen 8 Plätze für Earonffels vergeben sind. Außerdem haben sich 20 Schaubudenbesitzer gemeldet. — Auf Vortrag des Herrn Bürgermeisters Hetz werden mehrere Verträge betreffend Abtretung von Stratzeugelände im Wellritzthal genehmigt. — In dem EnteignnngSversahreu gegen Herrn Peter Seiler betreffend Gelände in der Vietoriastraße ist der Preis der Ruthe auf 430 Mk. abgeschätzt worden. — Die Verpachtung eines Platzes und übrig gebliebenen Gebändes Hochstätte la, bei welcher Herr Franz Markts ff mit 800 Mk. Jahrespacht Höchstbietender blieb, wird genehmigt und ein Nachgebot abgelehnt. — Dem Verein „Deutscher Kellner-Bund" und dem Männer-Onartett „Hilaria" werden die für geschlossene Veranstaltungen erlegte Lustbarkeitssteuer zurückeistattet. — Der Etrag der vorig- jährigen N en j a h rs - A b l ö s u n g s k a rten war zur Beschaffung von Schuhen für arme Kinder bestimmt. Trotz Belehrung über diesen Zweck hatte die Ablöfung teilten besonderen Erfolg. Herr
