Abend-Ausgabe
ifsbdth'mr MiLitt.
39. Jahrgang.
Erscheint in zwei Ausgabe«. — Bezugs-Prei»: in Wiesbaden und den Landorten mit Zweig» xpeditionen 1 Mk. 50 Pfg., durch die Post 1 Mk. CO Pfg. für das Vierteljahr.
- N«. 301.
tornke.
/Nachdruck der Originalcorrripsudenzen nut unter deutli t er Quellenangabe gettattet.) Wiesbaden. 11. November.
e = Fünfte ordentliche KezieKsSynode. 6. Sitzung Dom 10. Nov. Als ersten Gegenstand verzeichnet die Tagcs- ordlliing folgenden Antrag der Syn. Prof. Zimmer-Herborn WK Genossen: Die Bezirks-Synode wolle beschließen: 1) den
Herrn Cultnsniinister zu bitten, den § 5 der Prüfungsordnung tom 7. Mai 1881 dahin abzuändern, daß von der Forderung einer lateinischen Klausurarbeit in der Prüfung pro licentia con- iionandi abgesehen wird, 2) das Königl. Cousistorium zu ersuchen, für die Verleihung von Stipendien an Theologie Studirende des Tous.-Bezirks außer den üblichen noch folgende Bedingungen zu Kellen: Theologie Stndirende, die eilt Consistorial-Stipendinm erhalten, haben nach einjährigein Genüsse desselben sich einem Teu- tamcn zu unterziehen, von dcffeu Bestehen der weitere Bezug des Stipendiums abhängt. Dieses Tentamcu wird von 2 Lehrern des tzcolog. Seminars als Prüfnags-Commissarien an einem von der Seminar-Direetion mit jedem Aspiranten zu vereinbarenden Termine abgehalten. Ein von der Prüfungs-Commission ausgestelltes Zeugnis; über den Ausfall der Prüftlug ist dem Geprüften einzuhändtgen und von diesem behufs Weiterbezuges des Stipendiums dem König!. Konsistorium vorzulegen. Bei ntcht genügendem Ausfälle des Ten- tamens kann die Prüfungs-Commission die einstweilige Weiterge- ’ Währung des Stipendiums für ein Semester beantragen. Die dauernde Weitergewährung ist dann aber von dem völlig genügenden Ausfälle der innerhalb eines Halden Jahres zu wiederholenden Prüfung abhängig." Dazu stellt Syn. Pfarrer Schröder- Hachenburg den Zusatzantrag: daß in Pos. 1 nach dem Worte „abgesehen" die Worte: „und daß in der Prüfung für das geistliche Amt die vorgeschriebene lateinische wissenschaftliche Arbeit durch eine deutsche ersetzt" — eingeschaltet werde. Der Zusatzantrag Schröder und nach diesem der Hauptantrag 1 Zimmer wurden nach kurzer Diseussion angenommen. Nachdem der Antrag 2 vom Antragsteller eingehend begründet ist, stellt Synodale Fischer den Zusätzantrag, Synode 'Holle den Herrn Minister der geistlichen Angelegenheiten ersuchen, 1 eine Aeudernug der Prüfungsordnung vom 7. Mai 1880 herbeizuführen, wodurch ein solches Tentamen von allen Theologie Stu- direnden, welche im Consistorial-Bezirk Wiesbaden augcstellt fein wollen, abzulegen ist., Der Antrag 2 Zimmer wird ebenfalls an- zenommen. Hierauf wird auch der Antrag Fischer angcitoimnen.
Ms folgen drei Berichte der Rechnungsprüfungs-Commission: 1) des Schi. Decan M encke über die Rechnungen de? ev. Centralkirchcnfonds für die Rechtinngsjahre 1888/89, 1889,90 und 1890/91. Tie Commission beantragt: a. die Synode erklärt, daß eine in der 1889/90r Rechnung bezeichnete Mehrausgabe von 214 Mk. für Beschaffung von Dächern in die Seminarbibliothek Herborn zwar nicht beanstandet werden soll, daß sie aber künftig solche Ueberschreitungen von begrenzt genehmigten Posten vermieden zu sehen ertoartcn muß, b. Synode wolle auch ihrerseits die Genehmigung ertheileu zur Budgetüberschreitung int Tit. IV, 5a, c. Synode wolle übrigens die Entlastung der Regierungs-Hauptkasse aussprechen. — Tie Drei Anträge werden angenommen. — Syn. Conreetor Bär-Homburg berichtet über die Nechnungen des Geistlichen Ceutral-Wittweu- und Waisenfonds für die Jahre 1888/89, 1889/90 und 1890/91. Die Commission beantragt: a. den Abschluß der Rechnnugen zu genehmigen und Entlastung zu ertheileu, b. Synode wolle beschließen, daß künftig die Ausgaben für die Courtage, Provision und Stempel nicht mehr als rentbar gemachtes Capital in der den Rechnungen beigefügten Fnudusbilauz zu verrechnen seien. — Syn. Gen.-Su- pennt. Ernst ersucht, den Antrag b. abzulehiien, da die jetzige Nechnungsführung nach dem Urtheile der Sachverständigen die richtige ist. Die Syn. Martin, Mencke und Bär treten für den Antrag b. ein. Beide Anträge der Commission werden angenommen. — Syn. Decan Cäsar berichtet über die Rechnungen der Synodalkasse für 1888/89, 1889,90 und 1890/91. Die Eoni- uiisfion erkennt an, daß die Rechnungen davon Zeugniß ablegen.
Verlag: Langgasse 27,
13,000 Abonnenten.
Mittwoch, den 11. November
daß überall nach den von der Synode vorgeschriebeuen Grundsätzen verfahren worden ist, und beantragt: Die Synode bestätigt die durch den Synodal-Ausschnß vorgenounneneu Abschlüsse der Rech- nungeu und ertheilt dem Rechner Entlastung. — Der Antrag wird angenommen. — Namens der Budget-Connnission berichtet 1) Synodale Pfarrer Schröder über den Entwurf eines Kirchengesetzes, betreffend die Fürsorge für Wittwen und Waisen von Geistlichen im Consiftorial-Bezirke Wiesbaden. Nach dem Referat befmden sich zur Zeit auf dem Etat der Geistlichen Central-Wittwen- und Waisenkasse 51 Wittwen, 19 Halbwaisen und 7 Ganzwaisen. Die Commisfiou beantragt, zu dem Eistwurse die Zustimmung zu ertheilen. Ter Gesetzentwurf wird angenommen. — Namens der Budget-Commission berichtet Syn. Domäneurath Martin-Diez zu dem Budget des Centralkirchenfoiids und beantragt a) den Etat in Einnahme und Ausgabe auf 110,700 Mk. feftzusetzeu und b) für den Fall, daß die Aufsichtsbehörde das gestrichene Gehalt des General-Superintendenten anfetzen oder anszahlen sollte, int Verwaltungswege Klage zu erheben, lieber den letzteren Antrag referirt Syn. Amtsrichter de Niem und betont, daß es sich lediglich inn eine Rechtsfrage handle und von irgendwelchen persönlichen Spitzen nicht entfernt die Rede sein könne. Nachdem der Herr Ciiltusrninister es abgelehnt habe, das K. Consisiorinm zu ermächtigen, gegen den Fiskus mit einer Klage auf Ucbernahine der streitigen Gehaltsbe- züge vorzngehen, bleibe nur die von der Commission beantragte Betretung des Weges im Vertu a ltn ng» st rei Wer fahren übrig. Er empfehle den Antrag der Coniniission zur Annahme. Der Königl. Connuifsar Herr Consiftorial-Präsident de la Croix verlas eine schriftliche Erklärung. Danach „handelt es sich um Ausgaben des Centralkirchenfonds, die feit einem Lierteljahrhundert unbeanstandet ans diesem Fonds geleistet worden sind. Der Herr Generalsitper- intenbent hat ein bestallnugSmäßiges klagbares Recht auf Zahlung der Gelder, die gestrichen werden sollen, und wenn er das C onsi- ftotimu da rauf verklagte, würde der Prozeß durch Anerkenming des Anspruches sein schnelles Ende fiitDeu und die itöthigenfalls ein- tretenbe gerichtliche UrtheilSvollstreckung vor einem synodalen Bnd- getstriche kaum Halt macheii. Der Cornmissionsantrag ist mut freilich gar nicht gegen die Person des Berechtigten gerichtet, sondern zielt auf eine Aenderung in der Person des Schuldners: der Staat soll zahlen, nicht mehr der Centralsirchenfonds. Die Synode wolle den ComniissionSantrag ablehnen, aber an den Herrn Minister der geistlichen Angelegenheiten den Antrag stellen, er wolle das Conslstorium zur Anstellung der Klage gegen den Fiscus auf llcbernahme der streitigen Gelder mit Anweisung versehen. Syn. Pror. Zimmer stellt und vertheidigt einen Antrag, Synode wolle von jeder Verfolgung des Rechtsweges-' abfeben. Syn. Geh. Rcg.-Rath v. Reich eit an bedauert, daß der Herr Consiftorial-Präsident von seiner jetzigen Erklärung der Budget- Commission keine Miltheilnng gemacht habe. Redner wendet sich entschiedeit gegen den Antrag Zimmer, den er abznlehnni bittet. Hieraus wird ‘ der Antrag Zimmer mit 25 gegen 24 Stimmen abgelehnt, dagegen nahezu einstimmig der Eventualantrag Zimmer an- genotntueu.'ivelcher dahin geht: Die Synode beschließt: Unter vor- läufigee Belassung des Gehaltes des Generc.l-Superitttendenten in dem Etat des Ceutral-Kircheiifonds den Herrn Minister der geistlichen Angelegenheiten nochmals zit bitten, das Königl. Konsistorium zur Erhebung der Klage (auf Wiedererstattung der fraglichen Betröge) gegen den preußischen Staatssiseus anzuweisen. Sodann wird der Antrag a. der Commission angenommen. — In die Gesangbuch-Comtnisfion werdeit gewählt die Syn. Professor Dr. Zimmer, Prof. Dr. Maurer, Bogel, Ebertz, Schröder. — Nächste Sitzung: Mittwoch 10 Uhr.
(*) Uortuag. In feinem dritten Vortrag behandelte Herr Prediger Voigt das Matthäus-Evangelium, beginnend mit einer Schilderung der Zeitverbältnifse vor der Abfafinttg desselben. Dem edlen 'Trajan folgte im Jahre 117 Hadrian, der Feldherr, Schriftsteller, Dichter, Baumeister in einer Person war. Sein religiöse. Standpunkt ist nach mehr als einer Seite characteristisch; alte und neue Religionen strebte er kennen zu lernen, ohne sich für das Eim ober Andere zu entscheiden. Er verspricht den Tempel der Juden
rtuzeigen-P reist
Die einspaltige Petitzeile für loeale Anzeigen 15 Pfg., für auswärtige Anzeigen 25 Pfg. — Reelamen die Petitzeile für Wiesbaden 50 Pfg., für Auswärts 75 Pfg.
1891.
aufznbauen, errichtet aber statt beffen Hanstempel und baut auf Golgatha der Venus ein Heiligthum. Durch diese Verhöhnung anfgereizt, greifen die Juden noch ein Mal allerwärts znm Ausstand, der namentlich nm's Jahr 132 unter „Simon dem Sterilem sohn" heftig tobt und mit der gänzlichen Vertvüftnng ihres Landes und ihrer Ausweisung ans Jerusalem endet. Von diesen weltgeschichtlichen Ereignisseit konnten natürlich die Christen nicht unberührt bleiben. Die Auseinandersetzung zwischen Judenthuui und Christenthinn wurde immer deutlicher und mit der äußeren Trennung hielt die innere gleichen Schritt. Da führt, wahrscheinlich um's Jahr 135, also etwa hundert Jahre nach dem Tode Jesu, ein neuer Schriftsteller ein Leben Jesu vor. Sein Buch trägt den Namen des Matthäus, doch steht fest, daß damit der Apostel dieses Namens nicht gemeint ist. Wenn Lukas die Arnuith auf Kosten des Reichthnms verherrlicht, so läßt das einen Schluß ziehen auf die soziale Stellung der Christen zu Beginn des zweiten Jahrhunderts. Diese Stellung hatte sich in den nächsten zwanzig Jahren bedeutend gehoben. Der Verfasser von mehr aristokratischer Gesiitnung läßt den Judenchristen den Vorrang; er scheint ein Essäer gewesen zu sein, einfach, streng,, sittlich, zurückgezogen. Er weift nach, daß Jesus dem Judeukönig, von David und Abraham abstammend, bei der Geburt die Huldigung der heidnischen Magier entgegen gebracht wurde. Er läßt ihn nach Aegypten komuien, wie einen zweiten Moses auf dem Berge predigen, wo er feine Auffassung des Gesetzes kund gibt. Er erweitert die Gebetrsonnel, die schon Lukas gegeben und weist namentlich auf die völlige Unschuld seines Helden bei seinem Ende hin. Redner glaubt, daß Matthäus neben freien Erzeugnissen die beiden schon besprochenen Evangelien und außerdem eine weitere verloren gegangene Quelle benutzt habe. Um dieselbe Zeit wie dieses Buch entstand sehr wahrscheinlich auch das von hellenistischem Geiste getragene Johannis-Evangelinm, das der näch'teVortrag behandeln wird.
= Ium Kesten des Reiche-Malseuhausts in Kahr findet am 16. November die Ziehung der großen Siloer- Lo tterie statt. Es sind nur noch wenige Lo;e zn haben; wer also beut Glücke die Hand bieten und zugleich ein Werk der Wohlthätigkeit üben will, bet versäume nicht, sich mit Loosen zu versehen; dieselben sind znm Preise von 1 Mark zu haben in der Buchhandlung von Jnratiy Heusel's Nachf. Langgasse 43.
-o- Feier von Luther » Geburtstag hatte auch in diesem Jahre wieder der hiesige Zweigveiein des „Evangelischen Bundes" in Gemeinschaft mit der „Luther-Stiftung" und dem „Gustav-Abolf-Bereiu" eine-Festverfammlmig veranstaltet. Dieselbe fand gestern Abend i» der „Kaiser-Halle" statt und war sehr gut besucht. Zur Eröffnung der Feier fang der „Evangelische Kirchen-- Gesangverein" das Lied: „Allein Gott in der Höh' sei Ehr", worauf Herr Direetor Welder t die Anwesenden begrüßte, auf die Bedeutung dcS Tages hinwies und zeigte, wie uöthig die Arbeit de« „Evangelischen Bundes", der Zusaminenschluß der Evangelischen sei, an bett Verunglimpfungen, welchen die Person Luther's ausgesetzt sei, besonders durch Majuuke, welcher beweisen wollte, daß Luther ein Selbstiitörder wäre. Herr Pfarrer Veesenmeyer führte in seiner Rede die großartigen reformatorifcheu Gedanken Luther's vor, wie sie in den wichtigen Schriften vom Jahre 1520 niedergelegt sind und betonte, daß dieses die Prinzipien der Reformation seien, um deren Durchführung heute noch gekämpft werden müßte. Herr Pfarrer Bickel empfahl sodaun ein Schriftchen; „Das Re- fotniationSbüchlein". Zum Schluffe gab Herr Pfarrer Lieber den Bericht über die diesjährige Hauptversammlung des „Evangelischen Bundes" in Cassel. Ohne auf den Verlauf des Festes im Einzelnen einzugehen, führte er die wichtigen Gedanken der dort ge- lsaltenen Vortrage vor, von denen er besonders den Vortrag des Professors Haupt und die Ansprache des Professors Bey schlag hervoryob. Mit der Mahnung des Letzteren, „mehr glauben an- einnuber und mehr Hoffnung auf die Zukunft" schloß er seine Ausführungen. Zwischen den einzelnen Vorträgen erfreute der Kirchen- Gesangvereit? die Jcstversamniliing durch Lredervorträge. Die Feier schloß mit dem gemeinsamen Gesänge des Reformationsliedes „Eine feste Burg ist unser Gott."
Die Kunst, das menschliche Keden zu verlänserm
(Original-Feuilleton des „Wiesbadener Tagblatts.")
„Unser Leben währet sicbcnzig Jahre, und wenn es hoch kommt, achtzig Jahre", ist nicht nur ein biblischer Ausspruch, der Erfahrung des Psalmisten entnommen, er entspricht auch durchaus den Ergebnissen, welche die neuere Wissenschaft festgestellt hat, wenn wir mit Lecis die mittlere Lebensdauer von der „normalen" Dauer des menschlichen Lebens unterscheiden. Damit ist das Ziel für die Bestrebungen gesteckt, das menschliche Leben zu verlängern, Bestrebungen, die sich, bereits im Alterthuin beginnend, zn einer eigenen Wissenschaft, der Makrobiotik, entwickelt haben, zu der von den hervorragendsten Geistern aller Zeiten Bausteine herbeigetragen sind, die aber nicht weniger für den Charlatanismus ein Tummelplatz bedauerlichster Ansschreitnugen gewesen ist. Wer entsinnt sich dabei nicht des llnwesens, das um die Neige des vorigen Jahrhunderts der berüchtigte Abenteurer Cagtiostro und sein Vorläufer St. Germain getrieben haben? Ernst gemeint und einer wohlbegründeten Lebenserfahrung entfprungen erscheint uns dagegen der im Munde eines Arztes freilich paradox klingende Ausspruch: „Wer seine Gesundheit liebt, der flieht die Medieis und Arzneien." So zu lesen bei Friedrich Hoffmann in dessen „Gründlicher Anweisung, wie ein Mensch vor dem frühzeitigen Tod und allerhand Arten Krankheiten durch ordentliche Lebensart sich verwahren könne" (Hatte 1715).
Am bekanntesten unter den Schriften auf diesem Gebiete und heute noch viel gelesen ist Hnfeland's „Makrobiotik", die, obgleich fie in einigen Jahren ihre Säcular- feier begehen wird, sich immer noch in manchen Punkten
mit den heutigen Anschauungen deckt. Allerdings ist auch Hufcland nicht frei von Anschaumigen, die durch allerlei spezifische Mittel das Leben verlängern und das Alter jung machen wollen und die in der „Gerokomie" früherer Zeiten, d. h. der Wissenschaft, weiche die Lebensweise der Greise regelt, ihren Ausdruck gefunden haben. Selbst große Geister haben den Irrlehren, die sich in dieser Richtung bewegten, gehuldigt, und sogar Bacon von Verulam erörtert in seiner „Historia vitae et mortis —“ allerlei Maßnahmen, um ein langes Leben zu erzielen, welche nicht nur dem beabsichtigten Zwecke nicht förderlich, sondern für den menschlichen Körper als geradezu uachlheilig anznsehen sind. Bacon hält einen Ersatz der Körpersäfte für ein zur Ver- klngcTung des Lebens beitragendes Mittel. In diesem Sinne erachtet er unter gewissen Bedingungen Aderlässe, sowie durch strenge Diät, welche zur Abmagerung führt, erzeugte künstliche Erkrankung als zweckdienlich. Geradezu bedauerlich aber muß cs erscheinen, wenn in allerjüngster Zeit ein selbst im Grcisenalter stehender Naturforscher, der auf eine ruhmreiche Vergangenheit zurückblickt, an seiner Person unter dem Einfluß gewisser Substanzen die Wiederkehr der schwindenden geistigen und körperlichen Kräfte beobachtet haben wollte: ein beklagcnswerthes Beispiel eines bedeutenden Menschen, der sich selbst überlebt hat.
Das sind Auswüchse und Irrlehren, aber wenn man, wie dies Eingangs geschehen ist, das Ziel richtig steckt und von richtigen, unserer heutigen wissenschaftlichen Auffassung entsprechenden Gesichtspunkten die Mittel wägt, so giebt es eine „Kunst, das menschliche Leben zu verlängern". Moltke, der, wie aus seinen Mittheilungen hervorgeht, noch in feinem achtzigsten Lebensjahre ganz nach Erforderniß der Umstände, daher oftmals sehr lange arbeitete und sogar noch in seinem sechsundachtzigsten Lebensjahre Reiten als seine Erholung bezeichnete, antwortete
ans die Frage, ob er einer besonderen Lebensgewohnheit einen günstigen Einfluß aus sein Alter zuschreibe: „Der Mäßigkeit in allen Lebensgewohnheiten, bei jeder Witterung Bewegung im Freien. Kein Tag ganz im Hause," und die Lebensgewohnheiten seines greifen Kriegsherrn, Kaiser Wilhelm I., liefern einen nicht weniger schlagenden Beweis, daß Arbeit, Mäßigkeit, Abhärtung gegen die Schädlichkeiten der Umgebung zu den wesentlichsten Bedingungen gehören, die zur Langlebigkeit befähigen.
Wir haben im Vorstehenden einige der leitenden Gesichtspunkte aus einer kleinen Schrift entlehnt, die vor Kurzem im Verlage von I. F. Bergmann in Wiesbaden erschienen ist, und deren Titel sich mit der lieberfdjrift dieser Zeilen deckt. Der Verfasser ist der durch eine Reihe hygienisch-diätetischer Abhandlungen, die im besten Sinne populär geworden sind, bekannte Leiter der medizinischen Klinik in Göttingen, Geh. Medizinalrath Ebstein. Dieselbe enthält neben einer Fülle historischer Beiträge zu dem Gegenstände in zweiter Reihe diejenigen Lehren der Makrobiotik, die dem heutigen Stande unserer vorgeschritteneren Erkenntniß entsprechen Den Kernpunkt derselben haben wir angedeutet. Sich über die Einzelheiten zu unterrichten, möge dem Leser die Lectüre des Buches selbst dienen, dem wir eine recht weite Verbreitung nur dringend wüllschen können. In seiner reizvollen Ausstattung wird cs sich auf jedem Geschenktische vortheilhaft ausnehmen.
—cht.
Aus Kunst und Kebrn.
= Königliche Schauspiele. Dienstag. Ouvertüre von Johannes Wendel. —„Don Carlos", Jufaiit von Spanien" Trauerfpiel in 5 Akten von Friedrich v. Schiller. — Als wir zuletzt Veranlaffung nahmen, einige neue Besetzungen in dem Stücke zu
