Abend-Ausgabe
Witsba-kmr Sagblatt.
39. Jahrgang. Verlast: Laimnaffe 27. Sluzeigen-Prelsr
Erscheint in zwei Ausgaben. — BczugS-PreiS: ________ Die einspaltige Petitzeile für locale Anzeige»
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Ks. 279.
Doimerstag, den 29. Gr-ober
1891.
Noch einige Bemerkungen fum Knchdrnckrr -Ausstand.
lieber die Ursache und Bedeutung der Buchdruckcr- Ausstauds-Bewcgung, die so urplötzlich über das flanke Reich fast hercingcbrochen ist, haben wir unfern Lesern bereits in lincni ausführlichen Leitartikel Bericht gegeben und wir haben ans darin ehrlich bestrebt, dies nicht von einem einseitigen, sondern vom allgemeinen Standpunkte aus zu thuu. Für jene Verblendeten, welche in frevlem Leichtsinn ihre Existenz und die ihrer Familien ohne Nöth auf's Spiel setzen, haben wir nicht geschrieben, denn das wissen wir wohl, daß man zwar einem denkenden und gebildeten Menschen mit Erfolg m's Gewissen reden kann, nicht aber einer von traurigen Maulhelden fanatisirten Halbbildung; gegen die geistige Arroganz einer solchen kämpfen Götter selbst vergebens, und niemals wird sie in ihrer grassen Selbstüberhebung einen Fehler bei sich selbst suchen, und wenn sie auch darin erstickt.
Das dürfen wir mit Genugthuung behaupten: Die Shmpathieen der gesammten Bevölkerung ist, und insonderheit hier in Wiesbaden, auf Seite der Angegriffenen, lieber« falleuen. Selbst die Arbeiterschaft anderer Branchen, alle jene Leute, die sich mit kargem Lohn behelfen müssen, sagen sich erbittert: „Verderben diese „Genossen" nicht die allgemeine Sache der Arbeiter, wenn sie bei solchen Löhnen einen General-Strike wagen." Wir für unseren Theil erklären es hier nochmals feierlich: wir gönnen und wünschen jedem wackeren Arbeiter einen guten und, wenn es die Verhältnisse gestatten, sogar einen goldenen Lohn für das fleißige Werk seiner Hände, wir verdenken es ihm auch nicht, wenn er, falls es einmtil sein muß und nicht anders geht, zum zweischneidigen Schwerte des Ausstandes greift, aber ebenso strenge müssen wir Diejenigen vcrurtheilen, die ohne zwingende Ursache das plumpe und rohe Kampfmittel der Masse in's Gefecht führen, um ungerechtfertigte Forderungen ohne moralisches Recht durchzusetzeu. Das sind nicht mehr achtcnswerthe Gegner im Jnteresscnkampf zwischen Arbeit und Capitalmacht, das sind vielmehr Gegner, jenen stumpfnasigen, säbelbeinigen Horden gleich, die einst wie ein gieriger Heuschreckenschwarm in Deutschland einbrachen. Niemals konnten solche auf die Dauer siegen, denn die Geschichte beweist es, daß Intelligenz und Recht schließlich noch immer die Oberhand in jedem Kampfe behielten. Und wie damals der deutsche Geist Herr blieb und die wüste asiatische Heerden- und Hordengemeinschaft zernichtete, so muß auch in diesem unblutigen, aber ernsten Kampfe der wahrhaft germanische Geist, die Intelligenz und Festigkeit des Charakters über das sclavisch und undeutsch geartete Heerdenpriuzip verblendeter und begehrlicher Umstürzler siegen. Möchten alle Diejenigen, welche sich bewußt sind, den Arbeitern gegenüber ihre Pflicht gethan zu
haben, in diesem Kampfe solchen kräftigen, deutschen Geist offenbaren. Denn ist es nicht schade, wenn auch eine Anzahl von Unstandhaften int Verein mit Ausbeutern und Schmutz-Concurrenten dem Strike-Terrorismus zum Opfer fallen. —
Wie aus den aus allen Theilen des Reiches vorliegenden Berichten ersichtlich, ist die Erwartung der Sctzerschaft einstweilen getäuscht worden. Die Arbeitgeber haben sich, unbedeutende Ausnahmen abgerechnet, nicht tvchrlos der Masse gebeugt. So mußten beim die Gehilfen wohl oder übel, meist gewiß mit einem bänglichen Gefühl, den zweiten Schritt thun und zum Zweck eines gesetzmäßig in Scene zu setzenden Strikes die Arbeit aufkündigcn, um sie am 7. November niederlegen zn können. Dem gegenüber hat auch die Prinzipalschaft, theils in geschlossenem Verbände, thcils einzeln für sich, ihre Maßnahmen zum Kampf getroffen, denn sie erklärt, daß eS nach der heutigen Lage des Buchdruckergewerbes nicht möglich fei, jene Forderungen zu erfüllen. Gewiß giebt es manche Druckereien, zumal solche mit einem gut fnndirten Zeitnngs-Verlag, die ein „flottes Geschäft" machen, aber die weitaus größte Zahl leidet unter den schwierige» Zeitverhältnissen, die das Publikum zn Einschränkungen zwingt, sie leidet unter dem erbitterten Concurrenzkampf, nnd mancher Buch- druckerci-Besitzer muß froh fein, wenn sich das große Anlagc- Capital, welches ein ordentlicher Druckereibetrieb fordert, nur einigermaßen verzinst, von wirklichem, namhaftem Reingewinn, der das „auf die hohe Kante legen" gestattet, ist kaum zn reden. Sollten da die Gehilfen nicht zufrieden sein mit dem reichlichen oder wenigstens auskömmlichen Lohn, der, nochmals sei es gesagt, hier in Wiesbaden tarifmäßig selbst für beit- leistuugsunfähigsten Vereinsgesellen Mk. 23.10 beträgt, für geschickte und fleißige Accordarbeiter a£et bis 35 Mk. für die Woche steigt. Um nun aber, je nachdem, ihrer Begehrlichkeit oder ihren fozialdrmokratischcn Grundabsichten ein gefälliges Mäntelchen umznhüngen, behanpten sie, der Strike werde nur inscenirt, der Ncnnstnndentag nur begehrt, um ihren arbeitslosen College», deren Zahl sich, ihrer Angabe nach — auf 3000 belaufen soll, Beschäftigung zu geben. Ist denn etwa nur der Arbeitgeber verantwortlich zu machen für die Zahl der Beschäftignugsloscu in diesem Beruf? Mag sein, daß etliche Winkeldruckereien mehr Lehrlinge anuchmen, als das Verhältniß bedingt. Warnm aber wählt man sich kritiklos einen überfüllten Berns? Wird man beispielsweise, um ein Gegenstück ans den gelehrten Berufsarten herauszugreifen, nicht jeden klagenden, erwerbslosen Referendar fragen müssen: warum wurdeu Sie Jurist, da doch die Uebersüllung hinreichend bekannt ist? — 3000 (die Zahl ist unseres Erachtens sehr übertrieben), 3000 beschäftigungslose Bnchdrncker, das klingt freilich bitter, aber für das Wörtchen „beschäftigungslos" sind jene Beklagenswerthen auch znm Theil selbst verantwortlich zu machen. Wollten sie ihren Professiouistenstolz, der oft ein rechter Betlelstolz, aber keineswegs immer der Stolz
ehrlicher Arbeit ist, nur ablegen, so lange er nicht angebracht ist. Mit einem wahrhaft freien Mannessinnc verträgt er sich keinesfalls, denn unter der Devise „Arbeit schündet nicht" kommt auch heute noch Jeder zu seinem Stückchen Brod, selbst wenn er „keine vier Jahre gelernt" hat; speziell sind in manchen Gegenden ländliche Arbeiter sehr gesucht, und so giebt es noch viele Bernfsarten, wo man mehr auf eine willige Hand, als auf ein Lehrzcngniß sieht. Im „freien Amerika" satteln zahllose Handwerksgesellen und sonstige Leute unzählige Male nm, heute sind sie Kellner, morgen Kohlenträger ober L>tcmklopfcr, nnd dabei kommen sie endlich doch oft genug mit Ehren wieder in ihrem ursprünglichen Berufe zu Etwas. Bei uns aber stirbt in nenn Fällen von zehn ein stellenloser Profesfionist auf der Straße lieber vor Hunger, als daß er, wenn auch nur zeitweise, irgend eine andere Arbeit, als seine „gelernte", ergriffe. Von diesem Standpunkte aus betrachtet, kann man jene angeblichen Dreitausend wohl bedauern, aber wenn sie arbeits- nnd brodlos sind, so ist es zum Theil ihre eigene Schuld. Ihre Unterhaltung de» Prinzipalen oder dem Publikum aufhalsen zu wollen, ist ungerecht. Es ist gewiß, daß viele jener Leute der Kasse des Unterstütznugsvereins Deutscher Buchdrucker unangenehm werdcn, aber wie können sich die Vcreinlcr bet anderen Leuten beklagen, daß sie hohe Beiträge, oft bis zu 2 Mark in der Woche, zu jener Kasse zahlen müßten! Sie zahlen es doch nur zu ihrem eigenen vermeintlichen Besten und aus freiem Willen, gewiß nicht nur in der alleinigen menschenfreundlichen Absicht, stellenlosen Collegen angenehm zu sein. Der Unterstützungs-Verein hat eine Krankenkasse, eine Reisekasse zur Unterstützung auf der Wanderschaft befindlicher Gesellen, eine Kasse für Couditionslose, eine Wittwen- und Waisenkasse, eine Jnvalidenkasse und obendrein eine Kasse für Strikes, aus welch' letzterer vermnthlich auch die berufsmäßigen Hetzer, Ansstandsdirigentcn und Agitatoren bezahlt werden. Man sehe sich diese Leute nur einmal auf ihr- Privatleben an, nnd man wird staunen, welch' zweifelhafte Gesellen ba häufig genug zum Vorschein kommen. Fleiß, Ehre, Ordnung, Familiensinn, das sind Vielen von ihnen fremde Begriffe, und ihr Weizen blüht nur dort, wo es gilt, die „Genossen" zu verhetzen und Unheil zu stiften. Eine der dunkelsten Seiten menschlicher Ver- irrmigen aber ist es, daß solche zweifelhaften Existenzen es verstehen, selbst ordentliche Arbeiter ihrer Arbeitsstätte, ihrer Familie, kurz, ihren Pflichten untreu zu machen und sie mit ihrem Phrascnthnm und beut Hinweis auf die rettende Strikekasse in's Unglück zu stürzen. Run, so möge beim diese Strikekasse beweisen, ob sie das tragen kann, was jene sozialistischen Volksbeglücker des Setzerberufes in diesem Falle angezettelt haben. Wenn aber diese Kasse all das Unglück, die Roth, die Sorgen, die Zwistigkeiten gut machen und ausgleichen kann, die der frivole Ausstand im Gefolge haben wird, dann hat Schreiber dieses nichts Eiligeres zu thun, als — Sozialdemokrat zu werden.
Sch. v. B.
Nachdruck verboten.
Eine Mutter.
Ein Märchen von HlalaNe, Königin von Servieir.
(Schluß.)
Am anderen Morgen, kaum, daß die Sonne anf- gegangen war, trat die Jntrigue aus ihrer Höhle, in eine <tlte Fran verwandelt, die, gebeugt unter der Last der Jahre, mühsam an einem Stock bahinschlich.
Sie ging von Hans zu Haus und erzählte überall, daß sie gehört habe, man wolle bas Kind seiner Mutter entreißen und der Entführer fei ein naher Verwandter. Die Leute glaubten diese Nachricht und beeilten sich, die Mutter zu warne» und zur größeren Wachsamkeit anzu- spornen, beim ber Räuber ihres Kindes wohne unter einem Dache mit ihr.
1 Die Mutter erinnerte sich ihres Traumes und ihr Herz erstarrte zu Eis. „Wie," rief sic, „giebt es ein Menschliches Wesen, das fähig wäre, einer Mutter bas Kind zu entreißen? _ Nein, in meiner ganzen Familie ‘«tue ich Niemanb, schlecht genug, so Ungeheures zu besehen!"
Arme Mutter, sie wußte nicht, baß biefe Geschichte öttr erfunden war, um sie zum Verlaffen der Heimath zu bewegen, da es der Jntrigue leichter war, in der Fremde bas Kind zu nehmen.---In der That, sobald die
butter sich mit ihrem Sohne im Auslande befand, wurde tl' ihr entrissen. Einer geschossenen Löwin gleich, irrte sie verzweifelnd umher, rufend: „Mein Sohn, wo bist Du, btein Sohn?" Aber anstatt seiner lieblichen Stimme hörte de nur das Echo ihrer eigenen: „Mein Sohn, mein ^ohnl"
In ihrer Verzweiflung hob sie das Haupt zum Himmel, bemerkte aber nur den Teufel. „Ha, ha," schrie Satan, „jetzt bist Du sehr unglücklich, Du hast keinen Sohn mehr und Du wirst ihn nicht Wiedersehen."
„Erbarmen! Erbarmen! Warum hast Du mir mein > Kind genommen? Wer wird es pflegen und liebkosen? Wer in seine Seele die Keime des Guten säen? Habe Mitleid, Geist des Nebels, gieb mir meinen Sohn wieder!"
Aber Satan brach in ein Hohnlachen aus, ob dem die Erde bebte, und verschwand.
„Ich muß meinen Sohn wieder haben!" rief die Mutter, und schnell wie der Blitz eilte sie davon, durchirrte Berge und Thäler, Länder und Meere — wie eine Schwalbe die Erde durchfliegend. Viele theilnehmende Seelen hörten die arme Mutter jammern: „ Mein Sohn! Wein Sohn!" Aber Keiner konnte ihr helfen. Wochen und Monate vergingen, der mürrische Herbst riß das letzte Blatt vom Blüthenkleid der Erde, der eisige Winter bedeckte sie mit einem Schnee- mantel und die arme Mutter wußte immer noch nicht, was aus ihrem Kinde geworden war, aber sie erlahmte nicht in ihrem Suchen. Wenn der rauhe Nordwinb daher stürmte, glaubte sie die Klagen der aus dem Paradiese gejagten Seelen und darunter die süße Stimme ihres Sohnes zu hören. „Mein Sohn, mein Sohu!" — - — Ans ihrer Irrfahrt durch der Erde Länder kam sie endlich in ein Thal, das dem glich, welches sie vordem bewohnt hatte, aber das Land hatte sich sehr verändert. Besonders fiel ihr ein hoher Felsen auf, so hoch, daß ihn kaum die leichtfüßige Gemse erklimmen konnte. Plötzlich bemerkte sie einen Reisenden, der desselben Weges wie sie gezogen kam. „Bruder," fragte sie, wer hat den Felsen auf diese Stelle gesetzt?"
„Das ist der Felsen der drei Teufel; sie haben ihn hierher gesetzt, um eine Mutter zu verhindern, zu ihrem
Kinde zu gelangen. Hinter diesem Felsen ist das Kind verborgen."
Alsobald wollte sie den Berg erklimmen, aber der Reisende hielt sie zurück.
„Halt ein, siehst Du nicht den Abgrund?"
„So werde ich den Felsen Umstürzen", rief die Mutier, „und Gott wird mir dazu die Kraft verleihen!"
Und sie versuchte mit ihre» Händen den Felsblock von der Stelle zu bewegen. Vergebens. Ihre Liebe war ungeheuer, doch ihre Kräfte glichen nicht denen der Teufel. Sie weinte, sie beschwor die Vorübergehenden, ihr zu helfen, aber der Eine hatte nicht Zeit, der Andere wollte nicht. Doch sie blieb unausgesetzt vor dem Felsen. Der Teufel und die Jntrigue strengten sich vergebens an, sie zn ent- ferucn. Sie wußte, daß ihr Sohn hinter dem Felsen weilte und verharrte davor Jahre lang in ungestilltem Sehnen. Als einzigen Trost sah sie zuweilen die Hoffnung mit den blauen Augen bei sich, die sie mit ihrem süßen Lächeln crmuthigte.
Der Saran und die Jntrigue freuten sich erst, als sie die Leiden dcr Mutter sahen, aber als sie gewahr Wurden, daß dieselbe nicht von der Stelle wich, befahlen sie den Teufelchen, den Felsen mit ihren glühenden Krallen festzuhalten. Zu spät, die Thränen der Mutter hatte» den Block unterspült, ihre Ausdauer feinen Bau erschüttert und die drei Tenfelchen vermochten ihn nicht zu befestigen.
Der Berg wankte mehr und mehr in seinem Gefüge und die Hoffnung mit den blauen Augen sprach zu der tapferen Mutter:
„Vorwärts! Vorwärts!"
„Mein Sohn, wo bist Du?"
„O Mutter! Mutter!"
Aber das war nicht mehr die Stimme eines kleinen Kindes, sondern die eines Jünglings. Die Mutter gab
