Abend-Ausgabe«
Jahrgang
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273.
Montag, den 26. Oetodee
1891.
Znm Kuchdrucker-Ausstand.
Wenngleich cs früher schon bei den verschiedensten Culiur-Völkern Lohnbewegungen und damit verbundene Arbeitseinstellungen gegeben hat, auch beispielsweise aus dem deutschen Mittelalter kaiserliche Reichsgesetze gegen solche Zustände vorliegen, so sind Ausstände im großartigsten Maßstabe doch eigentlich erst eine Errungenschaft unseres Jahrhunderts, und zwar ist cs das industriereiche England, welches als Urheimath dieser Einrichtung anznsehen ist. Von dort stammt anch die Bezeichnung: „Strike" (das heißt Schlag oder Streich) für ein derartiges Vorgehen der Arbeiterschaft. Im Jahre 1810, zur Zeit der Contincntal- sperre, war es, als ungefähr 30,000 Spinner in der Gegend von Manchester die Arbeit niederlegtcn und brodlos wurden, bis sie nach 4 Monaten des schrecklichsten Darbens ihre Thäiigkeit zu geringerem Lohne wieder aufnehmen mußten. Damals war dieser Strike noch eine ungesetzmäßige Handlung und erst 14 Jahre später wurde den englischen Arbeitern das ihnen von Natur ans gegebene Recht, Bernfs- Gemeinschaften zu bilden, gesetzlich zugestanden und verbürgt. Seither sind die Ausstände mehr oder weniger immer an der Tagesordnung gewesen nnd kein civilisirtes Land war ganz davon befreit.
So sehr man nun auch die Berechtigung des Arbeiters anerkennen mag, zur Verbesserung seiner Lage Verbindungen einzngehen und zwar besonders dann, wenn diese Lage eine ungünstige, mit der günstigeren Geschäftslage des betreffenden Gewerbes in keinem Verhältniß stehende ist,so schrmuß man doch einsehen, daß die Einrichtung des Strike- Mittels im wirthschaftlichen Jnteressenkampf ein bedenkliches ist. Nicht nur die Industrie und das Natioual-Vermögen, sondern auch die Ausständigen selbst hat es in zahllosen Fällen empfindlich geschädigt; damit nicht genug, hat es vielfach anarchistische Zustände geschaffen und hat zu Blutvergießen, Brand und Zerstörung geführt.
„Nichis Heiliges ist mehr, cs lösen Sich alle Bande frommer Scheu, Das Gute räumt den Platz dem Bösen Und alle Laster werden frei."
Die breite Masse des Publikums hat von Anfang an Veranlassung gehabt, jeglichem Ausstande mit gespanntem Interesse zu folgen, cinestheils aus"-rein menschlicher An- theilnahme, anderentheils, weil in jedem Falle der eigene Geldbeutel eine Rolle dabei spielt, denn unter allen Üm- ständen ist es schließlich das Publikum, welches bei einer gewaltsam erpreßten Lohnerhöhung die Kosten bezahlt.
Mitgefühl wird jenen Arbeitern niemals voreuthaltcn, die, um ihren offenbaren Hungerlohn aufzubessern, zu jenem zweischneidigen Schwerte des Massenausstands greifen, und als vor drei Jahren die Kohlenarbciter allenthalben in den Strike eintraten, als man von ihrer schweren unterirdischen Arbeit und ihrem angeblich kargen Lohn vernahm, da war wohl jeder Unbefangene der Sache jener Leute zugethan und wünschte von Herzen, daß sie ihre berechtigten For-
Gm Krief Friedrich Schiller'-.
Die literarische Beilage des „Staatsanzeigcrs für Württemberg" veröffentlicht folgenden bisher ungedruckten Brief Friedrich Schiller's aus dessen Sturm- und Drangperiode. Das Original befindet sich hi Händen des Hospital- Pflegers Fuchslocher in Nürtingen und lautet:
E. d. 6. Novemb. 1787. „Theuerste Schwester.
Gestern Abend erhalte ich Deinen lieben Brief und eile. Dich aus Deinen und unserer besten Eltern Besorgnissen über mein Schicksal zu reißen.
Daß meine völlige Trennung von Vaterland und Familie nunmehr entschieden ist, würde mir sehr schmerzhaft icyn, wenn ich sie nicht erwartet, und selbst befördert hätte, wenn ich sie nicht als die nothwendigste Führung des Himmels betrachten müßte, welcher mich in meinem Vaterland nicht glücklich machen wollte. Auch der Himmel ist cs, oem wir die Zukunft übergeben, von dem ihr und ich, gott- wb nur allein, abhängig sind. Ihm übergebe ich euch, meine Lheuren, er erhalte euch vest und stark, meine Schicksale zu erleben, und mein Glück mit der Zeit mit mir theilen zu können. Losgeriffen aus euren Armen, weis ich keine beffcre, keine sicherere Niederlage meines theuersten Schazes, als Gott, von seinen Händen will ich euch wicderemsangen, und — dis sei die lezte Träne, die hier fällt!
Dein Verlangen, mich zu Mannheim etablirt zu wissen, «nn nicht mehr erfüllt werden. So wenig es auch im «reis meines Glücks läge dort zu seyn, so gern wollt ich vic nähere Nachbarschaft mit den meinigen vorziehen, und «°rt Dienste zu erlangen suchen, wenn mich nicht eine Be- «untschafk mit meinen Mannheimischen Freunden für ihre Unterstützung zu stolz gemacht hätte. Ich schreibe Dir gegen-
derungen durchsetzen niöchten, wenn auch der für Jedermann nöthige Verbrauchsgegenstand, die schwarzen Diamanten, etwas theuercr werden sollte. Als dann aber im Verlauf von wenigen Jahren die Kohlen immer mehr int Preise stiegen (znm Theil allerdings infolge verwerflicher Spcculati-nsmanövcr der Börse sowohl, wie vieler Kohlenhändler), als die Bergarbeiter Forderung auf Forderung häuften und nicht genug bekommen konnten, als cs sich erwies, daß ans der ursprünglichen Sache der Roth eine Sache der Partei, der Umstnrzpartei, wurde, da verwandelte sich die Sympathie in Antipathie nnd der kohlengeschwärzte Bergmann ist in den Aitgen der Mitwelt, wenn auch vielfach mit Unrecht, fast zu einem unheimlichen Revolutionär geworden. In der Frage liegt nun heute überhaupt der springende Punkt bei der Beurtheilung einer Ausstands-Bewegung, nämlich: ist der Strike von der Noth dictirt oder ist er eine Parteisache? Leider Gottes ift, Letzteres weitaus am meisten der Fall und damit ist die ursprünglich berechtigte Einrichtung zu einet verderblichen Geisel für die gesammte menschliche Gesellschaft geworden. Ungebildete, mißleitete Massen werden sich, durch verblendete oder gewissenlose Führer verhetzt, der rohen Macht ihrer Kopfzahl bewußt, man hört gewissermaßen immer den „Schritt der Arbeiter- batailloue" und der vaterlandslose, unlogische Jrrgeist des Socialismus commandirt mit leeren Schlagworten diese zum Theil fest organisirtcn „Hcerdeu", die unüberlegt und fanatisch denen folgen, die das größte Maul haben. Darin liegt eben das für jeden wahren Menschenfreund so tief traurige der meisten dieser Erscheinungen, daß nicht ruhige lieber« leguug, sondern blindwüthende Verblendung plötzlich, auf ein gegebenes Wort irgend eines phrasenreichen Dictators, ganze Kreise ergreift nnd sie um eines gewöhnlich zweifelhaften Erfolges willen in Noth und Elend stürzt. So wird und muß es anch mit dem Zetzt so urplötzlich über ganz Deutschland hereingebrochenen Buchdrucker-Ansstand kommen.
Zugegeben, daß einzelne Druckereien sich an der Ge- sammtheit der Buchdruckergehilfen, des Setzerstaudes, schwer versündigt haben, indem sie durch unverhältnißmäßige Anstellung von Lehrlingen billiger zu arbeiten suchten und die „Brauche überfüllten", oder aber ihr Personal in gesundheitsschädlichen Räumen unterbrachten und dabei schlechte Löhne zahlten. Aber statt daß man durch berechtigte, nur gegen derartige Anstalten gerichtete Local- Ausstände einem liebel abzuhelfen trachtete, geht es wie eine schwere Ansteckungskrankheit durch die ganze Gehilfenschaft, der Taumel ergreift sie und in unsinniger Wuth wirft sie dem gesammten Buchdruckergewerbe den Fehdehandschuh hin, keinerlei Unterschied machend zwischen dem für das Wohl seiner Arbeiter stets besorgten Arbeitgeber und dem Ausbeuter der Arbeiterschaft, keinen Unterschied zwischen der geordneten Arbeitsstätte, die Sieten ein gesichertes nnd verhältnißntäßig bequemes Brod bietet, und der unleistnngsfähigsten Winkeldruckcrci. Im ganzen Reich von Nord zu Süd ist dieser Krieg erklärt worden, recht-
wärtig auf meiner Reise nach Berlin, wo es mir in mehr als einem Fach nicht fehlschlagen kann, wo, nach dem einstimmigen ttrtheil aller Menschen, denen ich meine Umstände vorlegte, mein Glück aufgehoben seyn muß. Auch ist es möglich, daß, wenn mich bedeutende Connaissancen zu Berlin unterstüzen, ich nach Petersburg gehe. Erschrik nicht beste Schwester, daß soviel Meilen zwischen euch und mich werden zu liegen kommen. Ihr sollt jedes meiner Verhängnisse mit mir theilen; ich suche mein Glück eben so sehr für euch als für mich. Innerhalb einiger Jahre, soll, wenn Gott will, kein Schuh breit zwischen uns liegen. Biß dahin wache der Ewige über euch und mich.
Deine zweitnächste Sorgfalt wird ohne Zweifel mein Auskommen seyn. Zu Deinem nnd unserer zärtlichsten Eltern Trost kann ich Dir sagen, daß ich bis izt auch keine Kleinigkeit habe entbehren müßen, welche ich zu Stuttgardt gewohnt war. Auch in die Zukunft kann ich zuversichtlich sehen, weil mir meine Arbeiten gut bezahlt werden, und ich fleißig bin. Sobald ich in Berlin bin, kann ich in der ersten Woche auf festes Einkommen rechnen, weil ich vollgültig Empfehlungen an Nicolai habe, der dort gleichsam der Souverain der Littcratur ist, aber Leute von Kopf sorgfältig anzieht, mich schon im Voraus schäzt, und einen ungeheuren Einfluß hat, beinah im ganzen teutschen Reich der Gelehrsamkeit. Ich habe keinen andern Gedanken, als mein Glück nur allein durch die Medicin zu machen, und werde suchen innerhalb eines halben Jahrs Doctor zu seyn. Da ich durch Sachsen gehe, so habe ich gute adreesen au große Gelehrte, auch an Fürsten, wenn ich die letztern benuzen will. Für meine Schulden können meine Eltern stehen, denn ich hätte bereits schon die Hälfte davon abgetragen, wenn es nicht meine erste Pflicht wäre, zuerst mein Glück zu etablieren. Meinen Schuldnern verschlägt es nichis, ob sie 3 Monat früher oder später bezahlt werden, da die
und treulos, denn der allein gütige Tarif, nach dem auf Vereinbarung von Prinzipalen und Gehilfen der Lohn der Letzteren für ganz Deutschland genau geregelt ist, galt noch bis zum 1. Januar kommenden Jahres. Und mit welcher Rücksichtslosigkeit, mit welcher plnmpcn Sicges- gewißheit erfolgte diese Kriegserklärung. Im dictatorischen Tone stellten die Arbeiter ihren meist völlig überraschten Arbeitgebern das Ultimatum, wenn sie bis zum Samstag, den 24. October, 12 Uhr Mittags (meist waren kaum 24 Stunden Frist zur Ucbcrlegung und Erklärung gelassen) sich nicht bereit fänden, die Fordernngen der Gehilfenschaft zu erfüllen, so solle nach Ablauf der gesetzlichen Kündigungsfrist von 14 Tagen der Strike erfolgen. Da inzwischen an zahlreichen Orten diese Kündigung erfolgte, so ist es ersichtlich, daß die überfallenen Prinzipale den Befehl der Herren Gehilfen, sich zu erklären, überhaupt als eine ungerechtfertigte Anmaßung unbeachtet ließen, oder einstweilen zu wissen thaten, auf die gestellten Bedingungen (die der Taris-Ausschuß des Deutschen Buchdrucker-(Prin- zipal)-Vcreins in Leipzig auf eine Lohnerhöhung von — je nach dem Ort — 17 bis 27'/s pCt. berechnet) nicht eingehen zu können. Keinerlei Noth war es, welche die Mitglieder des Unterstützungs-Vereins der Deutschen Buchdrucker (Gehilfen) zu jenem unerhörten Vorgehen, denen sich auch die Nichtvcrbändler anschlossen, veranlaßte, denn die Verbandsgenossen beziehen meist einen so hohen Wochenlohn, wie kaum ein anderer Handmerksgehilfe. Ist doch der tarifmäßig festgesetzte geringste Wochenverdienst eines Verbandsgenossen hier 23,10 Mark. In allen besseren Druckereien aber'steigt für fleißige und tüchtige Leute der Lohn bis zu 36, ja an einzelnen Orten bis zu 40 und 45 Mark für die Woche. Mit einem gewissen Neide mag da mancher selbstständige Handwerker, der seine Lieferanten zu bezahlen Mühe hat und oft ein Jahr lang und mehr auf die Begleichung seiner Rechnung Seitens der Kundschaft warten muß, auf jene Buchdruckergehilfen schauen, die allwöchentlich nihig ihren reichlichen Verdienst einsteckcn.
Noth also ist cs nicht gewesen, welche die Gehilfenschaft im Allgemeinen zu jenem Schritte veranlaßte, nein, die ganze Sache läuft vielmehr auf einen höchst gewagten, um nicht zu sagen frechen Schachzng der Sozial- demokratie hinaus. Diese hat die bestorganisirtcn Arbeiter, hat die ob ihres altberühmten und hochbedeutsamen Gewerbes willen bei der Bcvölkcrnng in höherem Ansehen stehende Buchdruckergehilfen als blindes Werkzeug für ihre uniwälz- lerischen Zwecke mißbraucht. Weniger die Lohnerhöhung ist es, welche hier erzwungen werden soll, als vielmehr die neunstündige Arbeitszeit, der erste Schritt zu dem famosen achtstündigen „Normal-Arbeitstag". Als ein weiterer Factor zu diesen versteckteren Absichten kommt das Bestreben hinzu, die Neberfüllung iu dem Berufe zu beheben oder, besser gesagt, die durch die vielfache Arbeitslosigkeit bedingte Belastung der Vuchdrucker-llnterstützungskassc zu mildern. Statt daß nun die Berbandsgenossen zu diesem Zwecke von ihrem guten Lohne erhöhte Beisteuern zahlen, wollen sie ihre Ver-
Ziuse sortlaufen, mich aber kann das Geld, dc.^ ich ihnen izt schicken würde, an den Ort meines Glücks bringen. Das ist eine Billigkeit, die jedermann erkennen mus, und wofür wäre ich denn solang ein rechtschaffener Mann gewesen, wenn mir dieses Prädikat nicht einmal auf ein Vicrtel- oder Halbjahr Credit machte? Sage dieses den Leuten, so wird alles sich zufrieden geben.
Noch einmal meine inniggeliebte Schwester vertraue auf Gott, der auch der Gott Deines fernen Bruders ist, dem 300 Meilen eine Spanne breit sind, wenn er uns wieder zusammen gebracht haben will. Grüße unfern besten allertheuersten Vater, und unsere herzlich geliebte gute Mutter, meine liebe redliche Louise, und unser kleine gute Nanctte. Wenn mein Segen Kraft hat, so wird Gott mit euch seyn. Ein inneres starkes Gefühl spricht laut in meinem Herzen: ich sehe euch wieder — Vertraut Gott. Es wird kein Haar von uns allen allen auf die Erde fallen. Ich werde zu weich, Schwester und schließe. Wenn Du die Wolzogen sprichst, so mache ihr tausend Empfehlung. Auch der Visheim empfiehl mich. Ich kann nicht weiter schreiben. Du schreibst mir wie bisher über Mannheim. — Ewig Dein treuer zärtlicher Bruder. Fried. Schiller."
Ans Kunst und Geben.
"W. Conrert des Männer gefang-Urrrins „Eonrordia" zur Feier seines 35. Stiftungsfestes unter Mitwirkung der Königl. Opernsängerin Frl. Nelly Brod mann, sowie des Cellisten Herrn Ferdinand Brühl. Das sehr reichhaltige Programm brachte außer Chöre» von Marschner, Dregert, Fischer, Priem nnd Bruch als Eingangsnnmmer Zöllners sehr schwere Composition „Die Macht des Gesanges". Wenn wir and) im Allgemeinen von der Wiedergabe des Zöllner'schen Werkes den Eindruck Mitnahmen, als wenn der Verein für dasselbe in seinen einzelnen Stimmen nicht complctirt genug sei, — es fehlt hierzu noch an ersten Zenören, auch zeigten sich die Söffe nicht stark genug, — so können wir
