Abend-Ausgabe
Witsbckemr Tikgblck
No. 271
1891
Samstag» den 24. Ortoder
ah, jetzt verstehen wir besser den
[jinctHgcInitgeit
Zauber, den solch' eine Pariser Karawanserei, in der' sich die Güter der ganzen Welt versammeln, um von hier'aus über die ganze Welt zerstreut zu werden, auf die gcsammte Frauenwelt, wcß' Standes und Herkunft, weß' Alters 'und Erziehung sie sein mag, auSübt: eine wahre Farben- Symphonie umfängt uns in diesem immensen Saale, Seide, nichts wie Seide, wohin das Auge sich richtet, in allen Farben, in allen Schattirnngen, hernicderwallcnd von den reichvergoldcten Brüstungen der Galerien, den Saal
die altgewohnten Gäste wieder versammeln, und die Mode bereits ihre Vorboten zu den Dejeuners und Diners, den Bällen und Soireen versendet. Die Mode! Herrscherin überall, ob am Rhein oder an der Spree, an der Donau oder Themse, doppelte Herrscherin aber hier am Seine- Strande, jeden Tag neue Launen und neue Capricen ersinnend und ihre sclavischen Anhängerinnen stets auf's Neue damit in ihren Bann zwingend.
Zwingend ohne Gnade und Barmherzigkeit — das erkennen wir auf den ersten Blick, wenn wir in einen der Riesen-Bazare treten, sei cs „Printemps", „Louvre" oder „Bon Marchs", zumal aber, wenn in diesen, wie vor wenigen Tagen, der „jour d’exposition des nouveautes d’automnc“ angekündigt ist. Lange vorher schon können wir kaum weiter in diesem Menschengewühl, größtcntheils femiuini generis, welches uns packetbeladen entgegen- drängt oder mit unS demselben Ziele znstrebt, hangend und verlangend, oft mit den Spargroschen eines vollen halben Jahres in der Tasche, um sie nur recht schnell auf dem Altar dieses Tempels der Mode niederzulcgen. Wie von einem ungeheueren Bienenschwarm umdrängt und umsummt erscheint er uns, dieser enorme fünfstöckige Tempel der modernsten und am glühendsten verehrten Göttin, in den wir jetzt mit einer patchoulidufteudcn Menschcnwoge
Verlag: Lailggasse 27.
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-o- Tagesordnung für die Sitzung der Stadtverordneten am Dienstag, den 27. October er., Nachmittags 4 Uhr: 1) Wahl der Lau-Commission. 2) Wahl der Commission zur Vor- berathung der Geschäfts-Ordnung und der weiter ersorderlich werdenden organisatorischen Arbeiten. 3) Antrag eines Stadtverordneten, betreffend die Wahl einer technischen Commission zur Prüfung der Theater-Baupläne. 4) Antrag ans Festsetzung der Gehalte des Bürgermeisters und des ersten Beigeordneten. 5) Antrag, die Stelle eines zweiten (akademisch gebildeten) Beigeordneten auszuschreiben und den Gehalt desselben festzusctzcn. 6) Anträge der provisorischen Bau-Commission, betreffend Baudispcnsgesuchc, sowie Straßengrunderwerb. 7) Antrag derselben Commission, betreffend die Festsetzung einer Baufluchtlinie für einen Theij der Kirchgasse. 8) Anträge des Gemcinderatbs, betreffend a. die Zurückziehung einer Klage auf richterliche Feststellung von Grund- erwerbs-Entfchädigung; b. die Bewilligung einer Beihilfe au den Gartenbau-Verein" zur Vertheiluug von Ausstcllungsprciscn; c. die Bewilligung eines Geldbetrages anläßlich einer Jubiläumsfeier; d. die Genehmigung von zwei freihändigen Verpachtungen; e. die Wahl von vier Mitgliedern der Armcn-Dcputation; f. Antrag, bei der Besoldung eines Lehrers von den Bestimmungen der Gehalts- Statute eine Abweichung eiutreteu zu lassen.
o-Schwurgericht. Von dem Geschworenendicnste in der bevorstehenden Sitzungsperiode sind die Herren Rentner Joseph Schulte in Niederwalluf, Rentner W. Secnrius in Wiesbaden, Kammerherr Gras Kurt von Seckendorfs in Wiesbaden, Gutsbesitzer Adam Herber in Winkel, Gutsbesitzer Fr. von Lade in Geisenheim, Wiesenbauer H. Ch. Schütz in Westerfeld, Chemiker Dr. L. Roser iu Wiesbaden und Rentner H. Berna in Mittclheim entbunden und an deren Stelle folgende Herren neu ausgeloost worden: Gastwirth Karl Kriegerin Königstein, Dircctor B. Martin iu Cronberg, Major a. D. W. Schenck in Wiesbaden, Hof - Schornsteinfegcrmeister A. Meier in Wiesbaden, General-Agent L. Schuster in Wiesbaden, Badhausbesitzer W. Neuendorff in Wiesbaden, Kaufmann Ang. Prcsber in LangenschWalbach und Privatmann Georg Pfaff in Wiesbaden.
-o- $itv Feier des SS-jährige» Bestehens -es Fiiftlier-Regiments von Geesdorff (Heff.) Uo. 80 werden die ehemaligen Unteroffiziere dieses Regiments, welche in größerer Zahl hier wohnen, ein Festessen veranstalten. Dieselben werden auf Einladung der Fcstcommisfion auch au der eigentlichen Regiments-Feier theiluchmen und sich zu diefem Zwecke zunächst am Haupt-Festtage, Freitag, beit 30. Oktober, Vormittags in der Restauration PothS Wwe. versammeln und sich zu dem um 10 Uhr beginnenden Feldgottcsdienst und darauffolgenden Regiments-Appell begeben. Das Festessen, zu welchem sich ca. 70 Personen gemeldet haben, wird, Nachmittags 2 Uhr beginnend, in der Restauration „Wallher's Hoff', Geisbcrgstraße 3, stattfindcu. Die Vereinigung der ehemaligen Unteroffiziere wird Abends die Festvorstellnng im Kgl. Theater und die sich an dieselbe anschließende kameradschaftliche Vereinigung aller Regiments-Angehörigen ohne Unterschied der Charge in der „Kaiser-Halle" besuchen. In her Festvorstellung im Theater gelangt „Walleustein's Lager" zur Aufführung und außerdem werden von activen Unteroffizieren und Mannschaften des Regiments lebende Bilder dargestellt werden. Seine Majestät der Kaiser hat dem Regiment für diese Vorstellung mehrere Hundert Freiplätze bewilligt. Bei dem Commers in der „Kaiscr-Halle" werden Ansprachen, Gesänge und Vorträge der Regiments-Musik mit einander abwechseln. — Von höheren Offizieren, welche früher dem 80. Regiment angehörten, werden voraussichtlich folgeudc an der Jubiläumsfeier Theil nehmen: General-Lieutenant von Below (feiner Zeit Commandeur des 3. Bataillons), General-Lieutenant von Seeheck (s. Z. Hauptmann beim 3. Bataillon), General-Major von Callas (f. Z. Commandeur des hiesigen 1. Bataillons), General-Major von Saß-Jaworsky (f. Z. Regiments-Commandeur), General- Major z. D. von Thompson (s. Z. Regiments-Commandcnr). Von höheren Offizieren werden anßerdem ikoch die Herren Brigade- Commandeur General-Major Naglo von Frankfurt a. M.,
hügeligen Plätze des Montmartre oder hier mitten hinein in dieses Reich des Cylinders und der Rosette der Ehrenlegion, in das der knisternden Seidenschleppe oder der glitzernden Edelsteine. Hinauf und hinunter, in sechs, acht, zehn Gliedern, promcniren sic hier unter allmählig sich entlaubenden Bäumen der stolzen, zum Triumphbogen führenden Avenue, diese Angehörigen der Pariser ganzen und--halben
Welt, diese Herren in tadellos schwarzen Nöcken, coquett mit dem Veilchenbouqnct spielend, und diese Damen iu den funkclnd-neucn Herbsttoiletten, in der einen Hand den Sonnenschirm drehend und mit der anderen lässig das Kleid emporraffend, damit man auch ja die Zierlichkeit des. Füßchens und die Tadellosigkeit der Chaussure bewundern kann. Und andere Gestalten mischen sich dazwischen, lang- beröckte Abbes und sporcnklirreude Offiziere, Elsässerinnen mit gewaltigen schwarzen Hauben und bnntaufgeputzte Nou-Nou's, die in Seide gehüllten Bebes sorgsam auf dem Arm, beurlaubte Turkos, Ben Fez verwegen auf das Hinterhaupt geschoben und Engländerinnen mit den unglaublichsten Lackhütchen auf den blonden Haaren, — und in jeder Sccunde verändert sich dies Bild, farbig, abwechsclniigsvoll, unterhaltend in seinem kaleidoscopartigcu Ganzen wie iu jedem seiner einzelnen Theiichcu.
Ja, hier in der Nähe des Concordien-Platzcs, den einst das Blut Ludwig- XVI. und Marie Antoinette's bespritzt, und der heute von dem frohsinnigsten und ranschendsten Trubel erfüllt ist, merken wir, daß für Paris die Saison begonnen hat, denn der echte und rechte Pariser kennt nur diese eine, ihn geht das sommerliche Paris, jenes der Fremden und Provinzler, nichts an, er bekümmert sich nur um das winterliche, um jenes, welches mit dem October beginnt, wenn die Theater ihre Pforten öffnen, wenn sich in den Salons, in deren Kaminen, weit mehr zur Decoration, schon die Birkcnscheite knistern,
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SS. Jahrgang.
Erscheint in zwei Ausgaben. — Bezugs-Preis: Zn Wiesbaden und den Landorteu nut Zweig- Erpeditioncn 1 Mk. 50 Pfg., durch die Post 1 Mk. 60 Pfg. für das Vierteljahr.
Karates.
(«-»druck der Liriginalcorrespondenzen nur unter dcutlir er Quellenangabe gestattet.) Wiesbaden, 24. October.
--- Lohnbewegung im eigenen Kaufe. Wie wir gestern schon mittheilten, steht auch die Buchdrnckergehilsenschaft Wiesbadens mitten in der durch ganz Deutschland gehenden Lohnbewegung und ist den hiesigen Bnchdruckereibesitzeru am Freitag Vormittag das Ultimatum gestellt worden, sich bis Samstag Mittag 12 Uhr zur Annahme der gestellten Bedingungen bereit zu erklären, anderenfalls Kündigung zu erwarten sei. Die bekannten Forderungen der Buchdruckergehilfeu ist die L. Schellenberg'sche Hof-Buchdrnckcrei, der Verlag des „Wiesbadener Tagblatt", zu bewilligen nicht geneigt. Erstens, weil sie dieselben in dem ganzen Umfange als durchaus unbillig betrachtet, und zweitens, weil sie ihren Angestellten, da sie an Coalitionen von Prinzipalen absolut nnbetheiligt ist und bleiben wird, zu einem complotmäßigen Vorgehen, wie das der Gehilfen, keinen Anlaß gegeben hat. Sie erklärte deshalb ihren in Betracht kommenden Arbeitnehmern, daß sie bereit sei, schon von heute ab int Hinblick auf die nngünftigeii Zeitverhältnisse den länger als fünf Jahre in ihrem Hause Angestellten — und das ist die große Mehrzahl — freiwillig und nach eigenem Ermessen eine Lohnerhöhung zu gewähren, und Diejenigen, welche im Vertrauen auf diese Zusage sich zufrieden geben wollen, möchten diese ihre Entschließung bis heute Mittag 12 Uhr kundgeben, die Uebrigen aber sich als gekündigt ansehen. Daraufhin zogen die nachverzeichneten Setzer und Drucker der L. Schellenberg'schen Hofhuchdruckerei es vor, ihre zum Theil seit 10 bis 20 Jahren innegehabte gesicherte Stellung, in welcher sie bei 10-stündiger Arbeitszeit und angenehmer Befchäftignng in musterhaft eingerichteten Arbeitsräumen das angefügte Wochengebalt — nach dem heutigen Stande — empfangen (jede Ueberarbett wird zu erhöhten Preisen besonders vergütet) einer Ungewißheit zu opfern und die Kündigung anzunehm (die unter dem Minimum [23 Mk. 10 Pf.) bleibenden Gehaltssätze erklären sich durch verkürzte Arbeitszeit infolge Versäummß oder Krankheit): Chr. Michel 24.50, Zirwes S.10, Schneider 29.66, Blantz 23.10, Firnkes 19.25, Mensor 90.93, Schänke 27, Stumpf 23.10, Ullmann 26, Felsberg 28 Bnffna 23.10, Scholze 34.88, Becker 24, Noll 24, H. Neumann 30.21, Giinster 28.24, Wittmann 24, Busch 24, Horz 34.93, Fritz 23.10, Kratz 31.80, Gros 30.10, Acker 23.10, Junior 23.65, Dornaus 23.10, Meyer 23.10, A. Michel 23.65, Herber 28.64, Bauer 27,14, Bellenberg 23.10, Urban 11.55, Himmler 23.10, Wendt 25, Ludwig 25 Mk. Tie Genannten stehen zum Theil im Alter von 22 bis 18 Jahren. Nach der obigen Darstellung ■ mögen unsere geehrten Leser sich nun selbst ein Urtheil bilden. Gleichzeitig machen wir darauf aufmerksam, daß ein Stamm von Gehilfen der L. Schellenberg'schen Hof- Buchdrnckerei treu bleiben wird, mit welchem sie unter Zuziehung neuer Arbeitskräfte die Drucklegung des „Wiesbadener Tagblatt" in unveränderter Weise auch nach dem 9. November ausführen kann. Unter keinen Uniständen aber — und das ist im Interesse der Disziplin bei einem Arbeiterstunde von nahezu hundert Personen sine unabweisbare Nothwendigkeit — wird einem der Obengenannten die Wiederherstellung bezw. der Wiedereintritt in seine leichtfertig aufgegebene Stellung bei der L. Schellenberg'schen Hof-Buchdruckerei gestattet werden.
General der Infanterie z. D. Scha chtmeyer, General-Lieutenant von Lindequist zu dem Feste erscheinen.
-o- Das 85-jährige Bestehen de» 11. Feld-Artillerie- Regimrnts wollen, wie schon früher mitgetljeilt, hier wohnhafte ehemalige Angehörige dieses Regiments, denen die Theilnahme an der Jubiläums-Feier in Kassel nicht möglich ist, hierseldst festlich begehen. Eine zur Vorbereitung dieser Feier gewählte Commission erstattete gestern Abend iu dem Römcrsaal einberuseue Versammlung Bericht. Der Vorschlag der Commission, am Abend des Jubiläumstages, 11.November, einen großen FestesmmerS zu veranstalten, sand allseitigen Beifall. Es soll nun zunächst durch Circulatiou einer Liste die Zahl der Festtheiluehmer festgestellt werden, um danach ein entsprechendes Local auszuwählen.
— Tronffean. Wie schon früher gemeldet, findet am 28. d. M. die Trauung der Comtesse Caroline zu Sayn-Wittgenstein-Berle- burg mit Sr. Durchlaucht dem Prinzen Mar zu Hohenlohe- Laiigenburg auf dem gräflichen Schlosse zu Roth au der Roth iu Württemberg statt. Ter Trousseau der künftigen Prinzessin, bestehend aus den verschiedenartigsten Costiimen vom einfachen Negligö bis zur prunkvollen Empfangs-Toilette, wurde in reizendster und geschmackvollster Ausführung von dem hiesigen Salon-Geschäft Maison Pellegrini, Friedrichstraße 5, angefertigt und giebt neuerdings Zeugniß davon, daß der Gewerbefleiß Wiesbadens auf der Höhe der Zeit steht und in Bezug auf Geschmack, Chic und solide Arbeit auch in dieser Brauche von keiner Großstadt überflügelt wird.
— Inr Lohnbewegung der Buchdrucker. Die „örtliche Tarif-Commiffion" thcilt uns mit, daß die Buchdrucker-Gehilfen Wiesbadens eine Erhöhung ihrer Löhne um 15 Procent beantragen, nicht eine solche von 25 Proeent. Wir bemerken dazu, daß unter Hinzurechnung aller durch die Bewilligung der Gehilfenforderung den Bnchdrnckereibesitzern entstehenden Mehrbelastungen sich die proponirte Erhöhung der Löhne noch über 25 Procent stellen würde.
— Preisschießen. Bei dem diesjährigen Preisschießen des „Bürger-Schutzen-Corps", an welchem sich fast sämmtliche Mitglieder betheiliglen, errangen folgende Herren Preise: Ans Stand: Lotz, Petry, 'Groß, Hecker, Bon«, Eichhorn, Frick, Jung, Rossel, Markloff, May, Daniel, Steinebach, Horne, Reitz, Schäfer, Löhnert, Spieß, Nolker, Minor. Ans Feld: Petry, Groß, Bon«, Markloff, May, Eichhorn, Hecker, Schäfer, Frick, Geier, Rossel, Nölker, Jung, Lotz. Ans Wildschweine: Petry, Bono, Eichhorn, May, Lotz, Rossel, Frick, Schäfer. Ans Hasen: Eichhorn, Petry, May, Geier, Lotz, Nölker, Rossel, Bouv. Prämien erhielten: Auf Stand: Petry, Frick, Bonö, Markloff, Eichhorn. Auf Feld: Petry, Geier, May, Markloff, Groß. Aus Wildschweine: Petry, Bouä, Eichhorn, Lotz. Auf Hasen: Eichhorn, Petry, May, Geier.
= Für die Idioten-Anstalt zu Scheuern bei Aaffan wird iu diesen Wochen eine Haus-Collecte zn Wiesbaden durch den Colleetanten Herrn Stockenhofen, erhoben. Bei dem traurien Instand der Hunderte von Idioten in genannter Anstalt und bei der Unentbehrlichkeit einer Hauscollecte für den Unterhalt der meistens so unbemittelten Idioten darf wohl die herzliche Bitte an die geehrte Einwohnerschaft der Stadt Wiesbaden gerichtet werden, der Idioten mit milden Gaben gedenken zu wollen.
P.-B. Verschiedenes. Aus dem Platze an der Marktschule wurde ein blau eingestrichener Drückkarre» entwendet. — In der Emserstraße wurden von einer Leine zwei schwarze Frauenröcke gestohlen. — Am Walluserweg wurden zwei Röcke und ein Umhang entwendet, welche Gegenstände zum Lüsten ansge- hängt waren. — Gestern wurden der Polizei verschiedene Personen wegen Diebstahls und Arbeitsscheu vorgeführt und theil- weise in Hast genommen. — Bei einem Spazierritt, den gestern Nachmittag ein hiesiger Arzt über den Neroberg nach dem Dambachthal nnternahm, stürzte plötzlich dessen Pferd tobt zur Erde. Der Reiter hat bei dem Sturz seines Thieres glücklicher Weise eine Verletzung nicht erlitten. — Ein Schneiderlehrling von hier wurde gestern Abend gegen 8 Uhr in der Schwal- bacherstraße von Krämpfen befallen und fiel zur Erde. Derselbe wurde durch einen Schutzmann in feine Wohnung gebracht.
Nachdruck verboten.
Pariser Brief.
(Original-Correspondenz des „Wiesbadener Tagblatt".)
Paris, 22. October.
Mit seinem freundlichsten Lächeln, seiner graziösesten Miene nimmt der Herbst von uns Abschied und läßt noch einmal die Seinestadt in all' ihrem bestechenden Glanze, in all' ihrer bezaubernden Schönheit erscheinen. Stahlblau wölbt sich über uns der Himmelsdom und goldig funkeln die Sonnenstrahlen über das riesige Häusermeer, umweben den schlanken Mffelthurm mit einer blitzenden Aureole und werfen zitternde Reflexe auf die verschwiegenen Pfade des Bois, die breiten Alleen der Champs-Elysees, den statuengeschmückten Garten der Tuilerien, auf dessen kecke mythologische Gruppen Kastanien und Buchen ihre falben Blätter streuen und um dessen sänlengetragene Terrassen, einst die Sitzplätze des Königs von Rom und des kaiserlichen Prinzen, sich üppig das rothsärbende Weinlanb schlingt. Hier, zwischen den Tuilerien und dem Bois, finden wir jetzt in den Nachmittagsstunden das vornehme, das elegante Paris, jene Familien, die den Sommer in Arcachon und Biarritz, in Trouville und Dieppe zugebracht, die nun zurückgekchrt sind in ihre Hotels des Faubourg St. Germain und der sich um die Madeleine ziehenden ernsten, ruhigen Straßen, und die jetzt, in der Zeit zwischen dem Dejeuner und Diner, „ihr" Paris be- grüßen, zu Pferd, zu Wagen und zu Fuß. Auf und nieder wogen sie, diese Menschenwcllen, welch' Hin- und Hergrüßen, selch' frohes Plaudern untereinander, welch' Lachen und Scherzen, übcrmüthig, daseinsfreudig.
Hier in Paris ist warm pulsirendes Leben und hier ist doller Lebensgenuß, wohin wir die Schritte lenken, ob in die winkeligen Straßen des Quartier latin, ob auf die
