Abend-Ausgabe
39. Jahrgang.
Erscheint in zwei Ausgaben. — Bezugs-Preis: In Wiesbaden und den Landortcn mit Zweig» Expeditionen 1 Mk. 50 Pfg., durch die Post 1 Mk. 60 Pfg. für das Vierteljahr.
Verlag: Langgasse 27.
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U-. 261
Montag, den 19. Ortober
Kocales.
INachdnui dcr Originalcorrelpondenzen nur unter d«ntl!1erOuellinnngabe gettattet.) Wiesbaden, 19. October.
--- Aochreit. Am 28. October findet auf dem gräflich Erbach- schen Schlosse zu Roth an der Roth, Württeniberg, die Trauung der Comtesse Caroline zu Sayn-Wittgenstein-Bcrle- burg, ältesten Tochter Seiner Erlaucht des Grafen Friedrich zu Sayn-Wittgeustein-Berleburg und weiland Ihrer Erlaucht der Gräfin Therese zu Sayn-Wittgenstcin-Berlcbnrg, geb. Frcün von Zeßner-Spitzenberg, mit Seiner Durchlaucht dem Prinzen Max zu Hohenlohe-Langenburg statt.
-o- Personal - Nachrichten. Mit dem 1. October er. ist Herr Secondc-Lieutenant Gold mann vom 1. Nass. Infanterie- Regiment No. 87 als Adjutant zu dem hiesigen Bezirks-Conimando commandirt worden. Der seitherige Adjutant, Herr Premier- Lieutenant Koch von demselben Regiment, ist mit dem 1. -tovembcr er. von diesem Commando, nach zweijähriger Dauer, entbunden worden. — Einer Mittheiluug der „Agenzia Stefani" zufolge wird der russische Minister des Auswärtigen, Herr v. Giers, sich von Pallanza aus zur Kur hierher Begebe».
-o- Schwurgericht. Als zweiter Fall gelangt am Dienstag, den 10. November er., Vormittags 10 Uhr beginnend, die Anklage gegen 1) den Wagnergesellen Karl Phil. Hch. Palni, 2) den Schreiner Karl Phil. Gottfr. Sommer und 3) den Knecht Ernst Adam Ehr. Sommer, alle von Kehlbach, wegen gemeinschaftlicher schwerer Körperverletzung mit töot- licheni Erfolg zur Verhandlung. Als Vertheidiger werden die Herren Rechtsanwälte Kullnmnn, Dr. Loeb und Dr. Romeiß fungiren.
= Todtenfrst. Wir machen wegen Feststellung von Festlichkeiten schon jetzt darauf aufmerksam, daß ani 22. November das evangelische Tobtenfest gefeiert wird, an welchem Tage weder Vergnügungen noch öffentliche Concert-Aufführungen stattfinden dürfen.
Unsere Erntralbahnhof-Fragr ist, wie wir vernehmen, in ein weiteres Stadium getreten und der glücklichen Lösung ein gut Stück näher gerückt.
7= AitssteUtmg von Mitterblttmerr. Die Vorarbeiten zu der vom 14.—16. November vom hiesigen „Gartenbau-Verein" in der Kaiser-Halle veranstalteten Ausstellung von Winterblumen machen gute Fortschritte. Die Betheiligung Seitens der Gärtner scheint eine sehr rege zu werden, denn bis jetzt sind schon über 70 Anmeldungen erfolgt. Nach Allem zu urtheilen, wird auf dieser Ausstellung hervorragend Schönes geleistet werden, was nm so mehr Anerkennung verdient, als in dieser blumenarmen Zeit durch derartige Veranstaltungen den Gärtnern große Opfer auferlegt werden. Wir wünschen der Ausstellung ein gutes Gelingen und den Gärtnern für ihre Bemühungen den erwünschten Erfolg.
+ Behufs Veranlagung der Einkommensteuer für 1893/93 hat die Kgl. Regierung gemäß der Bestimmung zum Art. 3 die Ausführungs-Anweisung zum Einkommensteuer-Gesetz vom 24. Juni l. I. die Aufnahme des Personenstandes auf Donnerstag, den 12. November l. I., festgesetzt und dementsprechend die Vorsitzenden sämmtlicher Veranlagungs-Commissionen angewiesen, dafür Sorge zu tragen, daß diese Aufnahme an dem ge- nanntcil Tage vorgenommen und wenn möglich beendet wird.
— Dampsstraßrnvahn. Bisher wurden die Züge der Dampfstraßeubahn, welche nach dem Fahrplan nur an Sonn- nnb Festtagen abzulassen sind, wegen des guten Welters auch an den Wochentagen gefahren. Von Dienstag, den 20. d. M. ab, wird das nicht mehr der Fall sein, so daß also von diesem Tage ab
der Winter-Fahrplan ganz in Kraft treten wird. Es verkehrt nach demselben zwischen Biebrich und Wiesbaden in jeder Richtung alle Stunde ein Zug, während bislang Nachmittags alle halbe Stunde ein Zug ging.
= Im Telephon-Verkehr der hiesigen Gasthofe ist im Interesse einer erleichterten Benutzung der allgemeinen Fern- sprech-Einrichtuiig für Franvurt (Main) und Umgegend Seitens der Telcaraphcn-Vcrwaltun^cine einschneidende Anordnung geplant. Danach soll es gestattet sein, daß die in Gasthöfen untergebrachten Fernsprechstcllen gegen Entrichtung von Einzelgebühren anch sremden Personen zugänglich gemacht werden. Die Bedingungen, unter welchen die Gasthofbesitzer als Theilnehmer an der'Bezirks-Fern- sprech-Einrichtungen von dieser Einrichtung Gebrauch machen könnten, sind u. A. folgende: Eine jährliche, feststehende Vergütung für Benutzung der Sprechstelle wird von den Gasthofbesitzern nicht erhoben. Die Benutzung der Sprechstelle erfolgt vielmehr ausschließlich gegen Entrichtung von Einzelgebühren. Die Gebühr für das gewöhnliche einfache Gespräch bis zur Dauer von 3 Minuten beträgt: a. im Ortsverkehr 25 Pfg., b. im Bezirksverkehr 50 Pfg., c. im Fernverkehr 1 Mk. Die Gasthosbesitzer haben ans dem Betriebe der Fernsprechstelle eine jährliche Mindesteinnahme für die Dauer von 5 Jahren und zwar von der Höhe desjenigen Betrags in rechtsverbindlick)er Form zu gewährleisten, welcher nach den allgemeinen Bestimmungen zu entrichten fein wurde, wenn die Sprechstelle wie bisher gegen Zahlung einer festen Jahresvergütung von 250 Mk. überlassen wäre. Ueberftcigt der für die Benutzung des Fernwrechers zu entrichtende Gesammt-Betrag die Sinunie von 250 Mk. oder die sonst nach der Lage der Sprechstelle anderweit festzusetzende Jahresvergütnng, so fließt der Ueberschuß zur Post- kasse. Die Interessenten sind aufgefordert worden, in Erwägung zu nehmen, ob die neue Einrichtung ihren Interessen entspricht' und sich darüber schlüssig zu machen, ob sie von dieser Verkehrs- Erleichterung Gebrauch machen wollen. Wie wir hören, sollen die hierbei interesstrten Gasthosbesitzer von der geplanten Neuerung nicht sehr erbaut fein, da sie in derselben eine wesentliche Vertheuerung der Benutzung des Telephons erblicken zu müssen glauben.
-o- Militärisches. Zur Ausbildung in der Führung der Infanterie -Mnuitionswageu, sowie der Pserde-Kenutniß :c. sind soeben von den Regimentern No. 116 in Gießen, Füsilier-Regiment von Gersdorsf (Hess.) No. 80, hier, und No. 81 in Frankfurt a. M. je 6 Unteroffiziere und 6 Gefreite zu der hiesigen zweiten Ab- theilnng Nass. Feld-Artillerie-Regiments No. 27 commandirt. Das Commando, gewöhnlich „Protz - Commando" benannt, hat am 10. October begonnen und dauert bis zmn 1. November.
----- Mrvas für manche Echemännee. Eine Firma in Frankfurt a. M. klagte gegen einen dortigen Einwohner mehrere hundert Mark Toilcttcschuldcn ein, die dessen Frau bei ihr gemacht hatte. Der Beklagte erklärte, es ginge diese Forderung ihn gar nichts an, und wies durch Rechnungen und Zeugen nach, daß er seiner Frau Alles ge- gebeu habe, was nothweudig sei, damit sie ihrem Stande gemäß in der Welt erscheinen könne; mehr zu leisten sei er nicht verpflichtet. Der Gerichtshof pflichtet dem bet und wies die Klage, soweit sie gegen den Ehemann gerichtet war, ab.
-o- Verhaftet wurde am Samstag der seit Kurzem hier wohnende Zimmermann Louis S. aus Lübeck, weil er im dringenden Verdachte steht, vor dem Schöffengericht in Frankfurt a. M. in einer Uutersuchungssache wegen Körperverletzung einen falschen Eid geleistet zu haben. Merkwürdiger Weise ist der damalige Angeklagte, der Arbeiter F., welcher sich ebenfalls hier aufgehalten hatte, alsbald nach der Festnahme seines Freundes von hier verschwunden, so daß der Verdacht nahe liegt, der Flüchtling könnte sich der Verleitung zu dem erwähnten Verbrechen schuldig gemacht haben. Der verhaftete S. wurde an die Saatsauwaitschaft in Frankfurt a. M. abgeliefert.
1891.
s Wochrnkulender. 18. October: 1663. Prinz Eugen „der edle Ritter" geb. 1774. Adolf Müllner, Dichter, geb. 1813. Haupttag der Völkerschlacht bei Leipzig. 1815. Emanuel (Seibel, Dichter, geb. 1817. Etienne Henri Mehul, Compouist zu Paris, gest. 1818. Gründung der Universität Bonn. 1831. Friedrich III., weil. Deutscher Kaiser, geb. 1861. Krönung des Königs Wilhelm I. in Königsberg. 1884. Herzog Wilhelm von Braunschweig in Sybillen ort gest. — 19. October: 1735. John Adams, zweiter Präsident der Ver. Staaten von Nordamerika, geb. 1745. Jonathan Swift, eugl. Satiriker, gest. 1813. Letzter Schlachttag bei Leipzig, Einzug der Alliirteu. 1826. Fr. Jos. Talma, der. franz. Schauspieler, gest. — 20. October: 1668. Sophie Charlotte, erste Königin von Preußen, geb. 1740. Kaiser Earl VI. von Oesterreich gest. 1784. Lord H. I. Palmerston, berühmter Staatsmann, geb. 1812. Sieg bei Solojk. 1827. Seeschlacht bei Navarin. 1859. Rob. Stephenson, Erbauer von Eisenbahnen, gest. 1879. v. Bülow, preuß. Staatsmiuister, gest. 1882. Prof. Wandel, der. Kupferstecher, in Berlin gest. — Ll.O'ctober: 1147. Niederlage Conrad's III. bei Jcmium. 1674. Sieg Derffliuger's bei Zobern. 1796. Moreau's Rückzug über den Rhein. 1813. Sieg Dork's bei Freiburg a. d. U. 1866. Friedensschluß zwischen Preußen und Sachsen. 1878. Erlaß des Sozialisteu-Gesetzes. 1885. Prinz Albrecht von Preußen zürn Regenten von Braunschweig erwählt.— 22. October: 1678. (Kapitulation von Stralsund. 1811. Franz Liszt, berühmter Pianist, geb. — 1818. F. H. Campe, Pädagoge und Jngeud- schriftsteller, gest. 1858. Augusta Victoria, deutsche Kaiserin, geb. 1850. I. Spohr, berühmter Geiger und Compouist, gest. 1881. Dr. Jul. Propst, Dramaturg in Dresden, gest. 1883. Capitäii Mayne Reid, Schriftsteller, gest. 1883. Albert Hendfchel, berühmter Maler, in Franklnrt a. M., gest.— 23. October: 1519. Karl V. zum römischen Kaiser gekrönt. 1801. I. G. Nanmann, berühmter Compouist, gest. 1803. A. G. Lortziug, beliebter Operncomponist. geb. 1806. Ädalb. Stifter, K. K. Hof- und Schulrath, Novellendichter, geb. 1870. Gefecht bei Grand-Pre zwischen Frauctirenrs und deutschen Vorposten von der 4. Armee. — 24. October: 1648. Westfälischer Friede. 1739. Amalie Anna, Herzogin von Sachsen-Weimar, Gönnerin Schiller'S und Goethe's, geb. 1795. Dritte Theilung Polens. 1806. Die ersten Franzosen rücken in Berlin ein. 1808. Prof. E. F. Richter zu Großschönau bei Zittau geb. 1870. Kapitulation von Schlettstadt. 1880. F. Deitmer, Hof- schaufpieler, in Dresden gest.
-o- Die Herbst-Eontrol-Verfammlnugen werden für den Stadtkreis Wiesbaden wahrscheinlich am 24. und 25. Novcmbw er., etwas später als sonst, abgelialteit. Es haben hierzu die Reservisten der Jahresklassen 1884 bis 1891, die zur Disposition Beurlaubten, sowie die als untauglich zur Disposition der Ersatzbehürden ent? löffelten Mannschaften und diejenigen Laudwehrleute 1. Aufgebots zu erscheinen, welche in der Zeit vom 1. April bis 30. September 1879 zur Einstellung gelaugten. Die Gestellnngstermine werden nach deren Festsetzung mitgetljeilt werden.
* Wenig angenehme Aussichten eröffnet Dr. van Bebber, der Abtheilnngsvorstand der Hamburger Seewarte, in einem Aussatz in der Monatsschrift Himmel und Erde, der das Wetter in den letzten sieben Jahren behandelt. Au der Hand einer erschöpfenden Statistik weist er nach, daß wir uns in Nordeuropa jetzt in einer schon sieben Jahre andauernden Kälteperiode befinden, die ihr Ende leider noch nicht erreicht hat. Seit 1885 haben unter 79 Monaten nur 15 in ihrer mittleren Temperatur den normalen Durchschnitt übertroffen, in allen andern standen sie zum Theil sogar erheblich unter der normalen. Die Nordostwiude sind häufiger, die Südwestwinde seltener geloorben, besonders im Winter. Die Regenmenge ist im Sommer sehr reichlich, im Winter gering; die Zahl der Gewitter ist sehr groß.
P.-B. Diebstähle. Von dem Obststaude Ecke der Elisabeihen- und Röderitroße wurde am Mittwoch gegen Abend ein Korb von geschälten Weiden mit zwei Handgriffen entwendet. — Gestern wurde ein Mädchen aus Mainz verhaftet, weil es zwei anderen Mädchen, mit denen es Hierselbst zusammen wohnte, Geld gestohlen hat. —
Geschichten nns Hinterpommern.
„Ganz hinten im allerhintersten Hinterpommern," — wer von denen, welche diese Anfangsworte der letzten Novelle eines neu erschienenen Buches zu Gesichte bekommen, könnte wohl der Versuchung widerstehen, das Buch von rückwärts zu lesen, das heißt, sich zunächst die Erzählung mit jenem vielversprechenden Eingang zu Gemüthe zu führen. Sie findet sich in Hans Hoffmann's neuestem, soeben bei Gebrüder Paetel in Berlin erschienenen Buche „Geschichten aus Hinterpommern" und sie würden an sich schon für die Originalität des Verfaffers zeugen, wenn dies bisher nicht schon eine Anzahl vorzüglicher Werke gethan hätten. Ja, Originalität, echte unverfälschte Originalität, keinerlei Gesuchtheit, nichts gemachtes, das ist das Hauptcharakteristikum dieses ausgezeichneten Schriftstellers, cs ist auch das Merkmal jenes Helden, der in der erwähnten letzten Erzählung — sie heißt »Der Teufel vom Sande" — sich vom Prügelknaben zweier Edelmannstöchter auf seltsamen Wegen zum Pfarrer, zum souveränen Herrn eines Fischerdorfs und schließlich zum Gatten der einen jener norddeutschen Waldnymphen emporwindet. Aber das Originellste an der originellen Geschichte scheint uns doch der Umstand zu sein, daß diese ihre Möglichkeit nur auf einer breiten, nachmals vom Flugsand bedeckten Waldschneise begründet, die quer über eine mit Kiefern bestandene Nehrung geschlagen wurde. — Nicht weniger eigenartig ist die vorhergehende Geschichte, „Der Tribulir- soldat". Um eine schöne reiche Wittwe zur Herausgabe Arer vor den räuberischen Kriegern versteckten Schätze du zwingen, wird (nachdem 24 Tribulirsoldatcn der Absicht des Waflcnstein'schen Obersten entgegen, statt jrlbst zu tribuliren. von dem dämonischen Weibe in
der tollsten Weise tribulirt wurden) der unfläthigste Kerl des Regiments, Loscke Muckerwitz, ein wahrer Caliban und erprobter Tribulirsoldat, beordert, sein Heil zu versuchen. Ihm aber geht es nicht besser, als den anderen allen: bett Listen der schönen Wittwe vermag er nicht Stand zu halten. Auch er verliebt sich sterblich in sie und die hinterpommcrsche Circe macht aus dem fürchterlichen Schlagetodt den traurigsten Weiberknecht, ja, sie giebt gar Veranlassung, daß er schließlich wegen Fahnenflucht gehenkt werden soll. Als letzter Wunsch wird ihm gewährt, das kleine Töchterchen der unseligen Wittwe noch einmal zu Herzen, und als er es gegen alles Vermnthcn der verzweifelnden Mutter, nicht erwürgt, sondern sänftlich liebkost, da fällt Frau Käthe dem armen Sünder gerührt nm den Hals und sagt leise: „Leb' wohl, Hans, ich bin Dir doch gut!" Und ihre Augen lachten ihn durch die Thränen heimlich an. Da lief er mit einem Jauchzen selbst die Leiter hinauf, nahm die Schlinge um den Hals und that einen solchen Freudensprung in die Tiefe, daß er flugs das Genick brach und aller Sorgen ledig war. „Das war des Tribulirsoldaten Lose Muckerwitz klägliche Leidenschaft und seliges Ende."
Prächtig ist auch die Geschichte von dem groben Pommern, den Herzog Bugslav dem Kaiser zur Ergötz- lichkeit senden soll. Aber der Herzog ärgerte sich als ein guter Landesvater heimlich, daß man in der Welt den Seinigen, „wenn es auch nur Unterthanen waren", einen so üblen Geruch nachwehen ließ und überlegte, von Wien heimreisend, wie er etwa Kaiserlicher Majestät, unbeschadet schuldiger Ehrfurcht, hierin eine Nase drehen und ihm so sportliche Wünsche vergehen lassen könne. Er sandte deshalb seinen gewandtesten, witzigsten Cavalier, der am Kaiserlichen Hofe den tollsten Unfug trieb und in der unfläthigsten Weise den Schranzen die gröbsten Wahrheiten sagte. Auch übertraf er sie. Kaiserlicher Majestät zum Ergötzen, an
Leibesübungen und trank sie zudem schmählich unter den Tisch. Doch nicht genug damit, wußte er auch für sich dem Kaiser den Grafentitel abzulocken und die Liebe einer natürlichen, überaus lieblichen Tochter Ihrer Majestät zu erwerben, welche Dame er nicht nur dem Kloster, sondern auch dem katholischen Glauben abspenstig machte, um sie zu heirathen, nachdem er schon vorher dem Kaiser listig die Geisel etwaiger Strafe aus der Hand gewunden. Daß sich schließlich der pommer'sche Tollpatsch als ausgezeichneter Cavalier entpuppte und der Kaiser seine Lehre von Herzog Bugslav vollgemünzt erhalten, das bildet den Schluß dieser nutzbaren Geschichte. Die erste des Buches: „Der falsche Bogislav" ist auch eigenartig erfunden und hübsch erzählt, steht aber unseres Erachtens, den andere doch etwas nach.
Was nun die künstlerische Ausführung dieser originellen Vorwürfe betrifft, so kann matt Hoffmann unbedenklich neben unsere ersten Meister der erzählenden Dichtung stellen. Er beherrscht die Form in vollendeter Weise und schwingt sich geistig gewissermaßen auf einen Wolkenthron, von dem er lächelnd auf die Geschöpfe seiner Phantasie herabschaut. Eine köstliche, humorvolle Ironie zeichnet seinen glänzenden Stil aus, eine Ironie, die ans einer starken, poetischen Objectivität entspringt. Diese aber entbehrt keineswegs des Gefühls, denn überall und mit starkem Ton hört man aus dieser Schilderung den Pulsschlag eines großen, liebevollen Dichlerhcrzens und empfindet auch, daß dieser Poet ein warmblütiger Patriot ist, der namentlich seine pommer'sche Heimath und ihre Bewohner, trotzdem er sich hin und wieder recht lustig darüber macht, mit ganzer Seele liebt. Nichts ist kleinlich an ihm. Trotz seiner scharfen Beobachtungsgabe, trotz seiner großen Nalurwahrheit, die sich vor Allem. auch in einer feinen, psychologischen Begründung, selbst bei der capriciösesten Charakterzeichnnng
