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Abend-Ausgabe.
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39. Jahrgang.
Erscheint in zwei Ausgabe». — Bezugs-PreiS: Wiesbaden und den Landorteu unt Zwcig- tzrpebitioncn 1 Mk. 50 Pfg., durch die Post 1 Mk. 60 Pfg. für das Vierteljahr.
Verlag: Langgasse 27.
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N-. 351.
Locales.
(Nachdruck der Lriginalcorrftpondcnzen nur unter deutli ter Quellenangabe geltattet.) Wiesbaden, 13. Octobcr.
= perfonal-Natlirichtc». General-Lieutenant v. Nickifch- Roscnegk aus Ulm ist hier angekommen und int „Hotel Adler" ab- gesticgen. In demselben Gasthof find angekommen die Herren Geh. Ober-Fiuanzrath Grandke, Geh. Obcr-Rcgicrungsrath Zager, Geh. Regiernngsrath Lindig, Geh. Bankrath Zastrow, säminllich aus Berlin.
-o- Die Ztadtuerordueten-Wahl der zweiten Abtheilung begann gestern Vormittag um 9 Uhr unter dem Vorsitze des Herrn Oberbürgermeisters Dr. v. Jbell. Da die Wahl dieser Abtheilnng für die Majorität der einen oder anderen in den Wahlkampf ein- getrctenen Parteien in der Stadtverordneten-Vcrsammlnng entscheidend ist, so erregte dieselbe begreiflicher Weise das lebhafteste Interesse, welches anch dadurch zum Ausdruck kam, daß schon bei Beginn der Wahl die Wahlberechtigten in großer Zahl erschienen waren. Bis nm 1 Uhr Mittags hatten von 877 Wahlberechtigten 511 ihre Stimme abgegeben, und zwar 292 für den grünen (nationallibcral - konservativen) und 194 für den rothen (dentfchfrcifinnigen) Stimmzettel. Die übrigen Stimmen sind zersplittert. Am Wahllocal wurde noch ein dritter weißer Zettel der „Versöhnlichen" ausgcgcbeu, deren Candidatcn in der gestrigen Abendnnmmcr namhaft gemacht waren.
= Der Kan eines neuen polirrlgebändes war Gegenstand einer Confercnz, die hcnte zwischen Vertretern der bethciligten Ministerien au« Berlin (siche Personal-Nachrichten im Localen) und den Herren Oberlandesgerichts-Präsident Dr. Hagens ans Frankfurt a. M.,-Legierungs-Präsident von Tepper-Laski, Land- Äerichts-PtäsidiNt Hopman», Polizci-Dircctor Schütte, sowie mehreren Regiernngs-Baubcamten von hier, stattfand. Die Commission unterzog das Terrain der Gcrichtsgebände Marktstraße 2 und 4 einer eingehenden Besichtigung, nm Stellnng nehmen zu können zu einem Widerspruch des Herrn Polizei-Directors Schütte gegen den Plan, die vorgenannten Grundstücke zu dem zu errichtenden Polizeigebäude zu verwenden, da der Herr Polizei-Director den vorhandenen Raum nicht für ausreichend hält.
-o- Da» SS-jährige Kestehen -es 11. Frld-Artillcrie- Aegiments wird am 11. November d. I. tit desien jetziger Garnison Kassel festlich begangen. Da dieses Ncgiment bis zu Anfang der siebziger Jahre zum Thcil in unserer Stadt garm- sonirte und in demselben viele Wiesbadener dienten, so ist auch vor Knrzcm in dem „Wiesbadener Tagblatl" eine Einladung des Kasseler Fest-Conntös zu dieser Jubiläumsfeier veröffentlicht wordcn, welche mehreren hier wohnhaften ehemaligen Offizieren, Unteroffizieren und Mannschaften dieses Regiments Vcranlassnng gab, über die Betheilignng an dem Jubiläumz» berathen. Zu diesem Zwecke batten sich ans Einladung eines vorbereitenden Comitös gestern Abend eine größere Anzahl ehemaliger Angehörigen des 11. Artillerie- Negiments in dem Saale „Zn den drei Königen" versammelt, welche zum großen Thcil auch mit dem Regiment an dem glorreichen Feldzuge 1870/71 hervorragenden Antheil genommen haben. Die Versammlung wählte Herrn Rechtsanwalt Bojanowski zum Vorsitzenden und Herrn Landesdirecsions-Assistenten Noack zum Schriftführer und beschloß, für alle Diejenigen, welche dem genannten Regiment angchört haben und die verhindert find, an der Feier tut -Stabsquartier Kassel theilzunchmen, hier in Wiesbaden eine würdige Feier zu veranstalten. Einer Commission von 11 Herren wurde unbeschränkte Vollmacht ertheilt. Ort und Art dieser Feier zu bestimmen. Zur Deckung der Kosten der Vorbereitung der Feier wurden sofort Beiträge gezeichnet und daranf die Versammlung mit einem dreifachen Hoch auf Seine Majestät Kaiser Wilhelm II. geschloffen.
Dienstag» den 13. Oktober
1891.
+ Kaufmannsdeutsch und Kriefftii. In erfreulicher Weise läßt sich constatircn, daß der Stil, dessen sich die kaufmännischen und geschäftlichen Bnreaux ehedem beflissen, anfängt, sich von den alten, zum Thcil recht abgeschmackten Gewohnheiten zu entfernen. Vielleicht hat dazu der gediegene Vortrag des Rcgierungs- Präsidenten Rothe im Kasseler Bcamtcu-Verein über den „Kanzleistil", der im vorigen Jahre in Dutzenden von deutschen Blattern (auch int „Wiesbadener Tagblatt". D. Red.) ganz oder auszugsweise ab- gcdruckt war, sein Thcil dazu beigetrageu. Auf der einen Seite ist man seither in derartigen Briesen vielen Weitschweifigkeiten begegnet, während man aus der anderen Ausdrücke von allzu großer Kurze und deshalb von gewisser Zweideutigkeit zu lesen bekam. Eine einfältige Sitte war ober ist es auch, das persönliche Fürwort der eigenen Person (ich) nicht eher zu nennen, als bis das der angc- redeteu Person vorgekommen war. Darin könne» wir doch von den Engländern lernen, die gewiß auch Kaufleute und höfliche Leute sind, aber ihr liebes „I" überall voransctzen und sogar noch mit dem Großbnchstabcn. Aber dieser Tage sahen wir einen Bries, einen wirklichen, geschriebenen, copirten Kansmannsbrief, der mit dem Worte „Ich" ansiua. Recht io! Warnm erschwert man namentlich den eintretendcn Commis dnrch eine zierlich sein sollende, stilwidrige Wortstellung die Erlernung der Correspondcnz! Aus alle die kleinen Stilschnitzer und Verdrehung einziigchcn, wurde zu weit führen; nur aus zweierlei sei noch hingewiescn. Am Schlüsse liest man ost: Achtungsvollst oder Hochachtungsvollst— kann man voller als voll sein? In keiner Hinsicht, selbst nicht was Achtung oder Hochachtung betrifft. Anch das Ergebens! (statt Ergeben) sollten wir uns abgewöhnen. Das Andere ist, daß manche Lente beim Schreiben des Grußes an glcichstchende Personen ihres Bekanntenkreises keine Acht auf die Stufenleiter der Beiwörter haben und Mauchen dadurch manchmal uubcwnßt verletzen. Es gicbt, je nachdem, von nuten nach oben anfgezählt, beste, freundliche, herzliche, innige Grüße und Wünsche.
* Gin seit Jahren bewährtes Diphthrritis -Keil- verfahren. Herr Rudolph Simpson, Apotheker in Mohiuugen, Ostpreußen, schreibt: Im Jahre 1883 wurde ich von der Diph- theritis befallen und da der mich behandelnde Arzt mein Leben aufgab, so suchte ich mich selbst zu heilen. Daß ich nach 3 Tagen eine Leiche sein sollte, bat sich zum Gluck für mich nicht bewahrheitet, sondern ich befinde mich sehr wohl. Später erkrankten Tochter und Mnlter, auch sic leben und Nachwcheu sind weder bei mir, noch bei allen Andern, die ich heilte, eingctreten. Allen Ertvachsenen, die mich anfsuchten, gab ich folgende Medizin, die mit Znckerwasser eingenommen wurde: Salmiak, Kali-Salpeter, von jedem 8 Gramm, Wasser 200 Gramm, wässerige Rhabarber-Tinktur 20 Gramm, Siißholz-Extract (Ext. 8-icci liquirit.) 15 Gramm. Anfangs stündlich, bei eintrctcnder Bcssernng zwei- und dreistündlich einen Eßlöffel voll. Tritt Stuhlgang ein, so gebe man zwciflüublich einen Eßlöffel und später dreistündlich. Sollte aber dieser ans- blciben, so muß dnrch vorhin acnanutc Rhabatber-Tinktur, von welcher man dann noch stündlich einen Eßlöffel bis zur Wirkung giebt, nachacholfen werden. Der Auswurf, ebenso die Ausscheidung airs der Nase, werden reger und in 16—20 Stunden tritt Gcnesiing ein. Da die Medizin Durst erzeugt, gebe man Fruchtsäfte mit Wasser, Kirsch-, Hiinbcersaft und dergleichen. Für die Kinder bis zu 10 Jahren gebe man von der Mixtur nur 7» Eßlöffel in denselben Intervallen, jüngeren je nach Alter einen Thcclöffcl bis kleinen Kindcrlösfcl. Vorher gurgle man mit folgender Lösung: Chlorsaures Kali, gepulverter Borax, Tannin, von jcdem 10 Gramm, Wasser 300 Gramm. Man gurgle stündlich mindestens zwei Mal und Kinder, die iricht gurgeln können, pinsle man ebenso oft mittelst eines Halspinscls nut Holzstiel den Mund aus und entferne den zufammengcballtcn Schleim mittelst Ans- spritzens oder Ausspüleus mit Wasser. Ist die Lösung für ausnahmsweise sensible Patienten zu stark, was bis jetzt nicht der Fall war, so muß sie mit Wasser verdünnt werden, ferner brunche man folgenden Umschlag: Arnica-Tinctnr 100 Gramm, Bleiessig 10 Gramm, gieße in ein Liter heißes Wasser, mische durch und tauche ein Handtuch ein, ringe cs aus und wickle es dem Patienten
um den Hals und befeuchte es kalt, so oft es trocken wird. Als Desinfectionsmittel nehme man rohe Carbolsäure auf nassen Sand gegossen, doch so, daß die Respirationsorgattc nicht belästigt werden. Räucherungen von trockenen Wachholderbecretr oder Wachholderstrauch, Ausspritzen der Zimmer mit starkem Essig haben sich Jahre lang bewährt. Das Gurgelwasser dient auch als Präservativ und kann mit Wasser (eben so viel) verdünnt von den Gefunden angewandt werde», täglich 3—4 Mal. Ich empfehle es brittgenb, basireitd auf Jahre lange praktische Erfahrung, Allen, bie mit derartigen Kranken in Berührung kommen. Der Genesene brauche das Gnrgelwasser noch recht lange nach, es können sonst Rückfälle eintrete», ebenso dcsinsicire man »och längere Zeit. Die zu verwendenden Stoffe erhält man in jeder Droguenhandlung oder Apotheke.
— Eine fatale Perurechslrmg ist heute Vormittag auf dem alten Friedhof dahier vorgekommcit. Um 3/«10 Uhr sollte die Beerdigitug eines dieser Tage verstorbenen Kellners vom Leichenhause aus stattfindeu. Die uächsteti Angehörigen hatten sich etwas verfpätct nnd konnten infolgedessen der Verschließung des Sarges nicht mehr bcitvohncu. Nur ein College des Verstorbenen war zugegen und dieser hielt die Leiche für diejenige seines Freundes. Auch die bethciligten Beamten waren der Meiitnng, den richtigen Tobten vor sich zu haben, und so geschah es ben»„ baß, als bie Angehörigen im Leichenhause ankamen, sie ben bereits verschlossenen Sarg vorsanben. Ter Lcichenzug setzte sich nach dem neuen Fried- Hofe in Bewegung und dort hielt Herr Pfarrer Z. die Äeerdigtutgs-Feierlichkeiteu ab. Inzwischen stellte sich heraus, baß eine Verwechslung zweier Leichen vorlag; der vermeintliche Kellner wer ein im Städtischen Krankeuhanse verstorbener Fremder und als Letzterer war der Erstere unter dem Beistände eines katholischen Pfarrers in bie Grube gesenkt worden. Diesem Geistlichen war es noch möglich, ben geschehenen Jrrthnm insofern aut zu machen, als er bem als Protestanten beerdigten Katholiken »och nachträglich ben Segen feiner Kirche spendete. Der aber als Katholik beerdigte protestantische Kellner schied vorläufig ohne den ihm znkommendcn priesterlichen Nachruf, da der bctr. Geistliche bereits weggesahren war, als man das qui pro quo et fuhr. Weit die Schuld daran trifft, wird sich wohl noch Herausstellen.
P.-B. Don Krämpfen befallen wurde gestern Mittag 12'/- Uhr eilt in der Rhetnstraße wohnender Herr. Er wurde von einem herbcigerufene» Arzt in seine Wohnung begleitet.
P.-B. Diebstähle. Gestern wurde» i» einem Barbiergeschäft in der obere» Webergaffe fünf Nasirmeffer entwendet. Der Thäter, welcher noch einen Complicen bei sich hatte, wurde Jmlb nach der That ermittelt nnd jammt diesem verhaftet. — Am Samstag Früh legte ein Arbeiter ein Packet in der Nähe des Füllbrnnncns am Kochbrunnenplatz nieder und begab sich daun an bett Brunnen um zu trinke». Als er sein Packet toieber ausiiehmen wollte, war eS verschtviiuden. Im Verbacht stehe» zwei bei» Arbeiterstaude angc- höiige junge Leute, wcsche ebeusalls am Fullbrimnen getrunken hatten. Tas Packet enthielt einen Auzng und ein Paar Stiesel.
P.-B. Derhaftrt wurde heute Morgen in der Philippsberg- straße ei» Mädchen, welches sich hier vcrfchicdener Diebstähle schuldig gemacht hat.
— Kleine Nolften. Vom 15. October bis 1. November bleibt die König!. Gcmäldc-Galerie und permanente Ausstellung des Nass. Knnstvercins geschloffen.
Dereina - Nachrichten.
(*) Den Neigen der gemeinnützigen öffentlichen Vorträge, welche allwiuterlich in unserer Stadt zahlreich gehalten werden, eröffnete am Montag Abend Herr Rentner Securins in dem „Verein für volksverstäudliche Gesundheitspflege". Die Mitglieder dieses Vereins sowohl, als die stets zahlreich erscheiiieuden Gäste sind H^rn Securins, dem Gründer des Vereins, zu großem Danke verpflichtet, namentlich deshalb, weil er in so selbstloser, uneigennütziger Weise seine Zeit und Kraft in bett Dienst beS Vereins unb in denjenigen
Nachdruck verboten.
Wiener Brief.
(Original-Aufsatz für das „Wiesbadener Tagblatt".)
gtlinr, 8. October.
Gestern noch auf hohen — Bergen, heute mitten im Leben und Treiben der Großstadt! Seitdem Ihr Wiener Chronist sich zuletzt hat vernehmen lassen, ist ganz Wien wieder nach Wien zurückgekehrt, der heimische, häusliche Herd versammelt die alten Getreuen um sich, am 15. September haben die Schulen begonnen, am 16. September die Vorstellungen im Burgtheater, und das sind die beiden Momente, durch welche sich bei uns alljährlich der definitive Beginn der Saison ankündigt. Eltern und Kinder ziehen heim; die letzteren der Pflicht gehorchend, die ersteren als ihre Führer und Schützer, und auch wer keine Nachkommenschaft defitzt und keine Rekruten zur Armee der Gelehrsamkeit liefert, sträubt sich nicht länger gegen den städtischen Lock- ttf, sobald unsere erste Bühne ihre Pforten geöffnet hat. Wenn Charlotte Wolter und Adolf Sonnenthal und die übrigen fchauspielerischen Lieblinge wieder da sind, dann darf man die Sommerfrischen gegen die Wiener Een und Pestaten eintauschen, ohne eines erschreckenden Mangels an Eleganz geziehen zu werden. . . Wir haben unsere ersten Schritte in die „Saison" hinein hinter uns, auch sogar die unvermeidliche Zeitungsnachricht ist absolvirt, ,3 die Hofschauspieler sich ihre Ferienbärte haben abnehmen .Men, eine Nachricht, welche als entscheidendes Signal für cu Wiederbeginn der eigentlichen Theaterzeit bezeichnet S™ darf. Gleich zu Beginn der letzteren wurde ein ^aitspiel angesagt, in den nächsten Tagen geht die erste avnät in Scene, kurzum, wir fühlen, daß man uns in's enr -1 geworfen hat und daß wir schwimmen müssen. Aber 8ax 1° leicht wird uns der Abschied von den sommerlichen
Ruheplätzen und Schlupfwinkeln nicht gemacht; in der näheren, so reizvollen Umgebung Wiens, wie in bett österreichischen Bergen pflegt gerade der Herbst die herrlichsten Tage zu bringen, nnd mit diesen vermögen selbst die fesselndsten Theaterabende schwer zu concurriren. Noch in der vorigen Woche sah ich auf dem Westbahnhofe, von wo ans man am leichtesten und schnellsten in unsere Bergwclt gelaugt, eine ganze Armeen von kunstgerecht ausgerüsteten Bergsteigern. Die Hochtouristik hat in Wien in den letzten Jahren in einer geradezu überraschenden Weise zngeuommcn; muß sie, in der Ausdehnung auf die große Masse der Reisenden, überhaupt als ein Kind der Neuzeit gelten, so ist sic spcciell in Wien über die erste Jugend noch nicht hinausgekommen, hat aber doch schon Besitz ergriffen von allen Schichten der Gesellschaft.
In dem Verhältnisse des Menschen zum Naturgenusse liegt eines der wichtigsten Capitel der Culturgeschichte. Auf Oesterreich angcwendct, erwcißt sich diese Behauptung gewiß als besonders unbestreitbar. Im vormürzlichen Wien ging man Sommers „auf’S Land", nämlich etwa eine Stunde weit von der ständigen Wohnung, in eine sogenannte Villeggiatur, die heute innerhalb von „Groß-Wicn" liegt, mit umfangreichen Wohnhäusern bestanden ist, und deren Bewohner zur richtigen Stunde selbstverständlich aufs Land" gehen. Von Jahr zu Jahr zog der Kreis sich immer weiter, heute sucht der Städter in der Ferne, was er ehedem in der nächsten Nähe zu finden geglaubt und wohl auch wirklich gefunden hat. Die Ebene, deren Reize früher bewundert, ja sogar von Dichtern gefeiert und gepriesen wurden, hat alle Anziehungskraft verloren, die Idylle, die nicht nach aufwärts, nicht vorbei an Schroffen und Abgründen führt, ist abgethau, wir belächeln sie als altväterisch, zopfig und kleinlich. Die Menschen streben in die Höhe — nicht durchwegs geistig, künstlerisch und ethisch, aber doch wenigstens körperlich. Vor zwanzig Jahren war
in Wien ein Hochtourist noch eine Art Wunderthier. Heute hält man Jemanden, der nicht einige schwierige Berge „gemacht" hat, für einen Unmodernen. Der Beamte, der Buchhalter, Jeder, der die Woche hindurch au den Schreibtisch gebannt ist, trachtet, wenigstens den Sonntag für eine Bergtour zu verwenden. Samstag Abends wimmeln die Eisenbahnzüge von Leuten in der Lodenjoppe, in Knie- strümpfen, den Rucksack auf dem Rucken, den Alpenstock, das Steigeisen, und was der richtige Tourist sonst noch an Behelfen braucht, in der Hand. Und welche Strapatzen diese Rcisendett sich auferlegen! Bis 3 oder 4 Uhr Morgens Eisenbahnfahrt, dann ein mühsamer Aufstieg, und nach kurzer Rast Abstieg und Rückkehr bis zur Eisenbahn, denn Montag Morgens verlangt bie Prosa des Berufes wieder ihre Rechte. Das Alles nehmen die Bergeuthustasten gerne auf sich, keine Beschwerde ist ihnen zu groß, fein Preis zu hoch; es lebt viel wirklicher Enthusiasmus in ihnen, viel ehrliche Freude an der großen Natur, aber bei einem gewaltigen Bruchtheile der Hochtonristengemeinde spielt der Drang mit, einer Mode zu huldigen, dem Zuge der Zeit zu folge». Gar Mancher möchte lieber daheim sitzen in der bequemen Stube ober ohne Mühsal auf gebahnten Wegen sich ergehen — aber bie öffentliche Meinung feiert unb rühmt ben Hochtouristen, unb als Solcher will ber Ehrgeizige beßhalb figuriren. So groß ist bie Alles bezwingende Macht ber Mode, daß nicht einmal bie zahlreichen Unfälle, von beuen Bergsteiger betroffen werden, lähmend auf die Unternehmungslust der Hochtouristen wirken. So oft Jemand abstürzt und jämmerlich endet, geht ein Schauer durch das Publikum, und da und dort wird eine Standrede gegen das Bergsteigeuthum losgelassen, aber am nächsten Tage ist die Warnung längst vergessen, und frisch und fröhlich wandern die gestern noch Erschreckten den gefährlichsten Höhen zu. Wie gesagt, macht sich neben wirklicher Freude
