Abend-Ausgabe
Wiesbadener Tagblaü.
39. Jahrgang.
Erscheint in zwei Ausgabe». — Bezugs-Preis: In Wiesbaden und den Landorten mit Zweig» Expeditionen 1 Mk. 50 Pfg., durch die Post 1 Mk. 60 Pfg. für das Vierteljahr.
Verlag: Langgasse 27.
Avonnentett.
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N". 245.
(Reiibrud der Originalce>rreft>o»denzen nur unter deutlicher Quellenangabe gdlattet.) Wiesbaden, 9. October.
-o- Der Gemeinderath nimmt Kenntuiß von einem umfangreichen Beschluss« der dritten Strafkanimer hier, welcher in einer Accise-Desraudationssache ergangen ist. Das Acciseamt hat ein desrandirtes Stück Wild confiscirt und verkauft. Der Erlös floß in die Stadtkasse. Der Defraudant hat gegen die Confiscation Einspruch erhoben und gerichtliche Verhandlung beantragt. Der Einspruch wurde verworfen, der Defrandaut verurtheilt und die Confiscation ausgesprochen. Die Gerichtskafle machte daraufhin geltend, der Erlös muffe dem Fiskus zugeführt werden. Die Stadtkasse hat zwar den Erlös .herausbezahlt, aber gegen diese Auflage Beschwerde erhoben. Die Strafkammer hat nun sehr weitlänfig moüvirt, daß die Auffassung der Stadt irrig sei, wenn auch Strafgelder für Accisc-Defraudationen im Allgemeinen in die Stadtkasse flössen, so Runen doch, wenn der Staat an die Stelle der Stadt trete diese Gelder dem Staate zu. — Der Antrag des Herrn vr. B o d e w i g auf Rückzahlung von 400 Mk., welche s. Z. von dessen Vater für die Mozartstratze sicher gestellt worden sind, wird abgelehut. — Mit der Verpachtung einer Feldwegfläche an Herrn Alves erklärt sich das Collegium einverstanden. — Als Collectauten für den Central-Waisenfoud werden die Herren F. Birnbaum und Ang. Thorn bestellt.
— Prrsorral-Uachrichte». In Nom starb am 4. October der Buchhändler Herr Moriz Walther, ein geborener Wiesbadener, nach langem schweren Leiden. Derselbe war Mitbesitzer der E. Loescher'schen Hofbnchhandlung daselbst und stand in hoher Achtung bei Allen, die ihn kannten. — Dem Steuerrath Meerholz hier, bisher zu Flensburg, ist der Königliche Kroneu-Orden dritter Klasse verliehen worden.
-o- Dur Stadtverordnete,iwahl. Von der dritten Ab- theilung hatten bis gestern Abend 6 Uhr nicht, wie in dem heutigen Morgenblatt berichtet, 1369, sondern nur 1261 Wähler abgestimmt. Die Betheiligung am heutigen dritten und letzten Tage ist hinter der gestrigen wieder zurückgeblieben. Während gestern Vormittag, bis 1 Uhr Mittags, 408 Wähler erschienen waren, betrug die Zahl der heute Erschienenen nur 324. Davon stimmten 242 für die Candidaten der freisinnigen und 77 für diejenigen der national- liberal-conservativen Partei, die übrigen Stimmen sind zersplittert. Bis heute Mittag 1 Uhr haben insgesammt von 5107 Wahlberechtigten nur 1591 abgestimmt und zwar etwa 1115 für die freisinnigen und 429 für die nationalliberal-conservativen Candidaten. Die übrigen 47 Stimmen sind zersplittert.
— Kurhaus. Morgen Samstag findet Gounod-Abcnd der Kur-Capelle statt. Ein besonderes Entree wird nicht erhoben. Tas erste Sonntags-Symphonie-Coneert der Kur-Capelle in bet nunmehr beginnenden Winter-Saison ist bereits auf übermorgen Nachmittag anberaumt.
— Regiments - Irtbttiinm. Am 11. November hält das Artillerie-Regiment No. 11 aus Anlaß seines 25-jührigen Jubiläums einen Regiments-Appell im Hofe der König!. Kriegsschule zu Kassel ab und ladet alle Regiments- Kameraden dazu ein. Wie wir erfahren, hat sich auch hier ein (Sonnte gebildet, welches Schritte thut, um eine gemeinsame Fahrt nach Kassel mit Preisermäßigung zu bewerkstelligen. Da in unserer Stadt und Umgegend doch sehr Viele leben, welche dem Negimente angehörten, so wird es nicht schwer sein, 30 Kameraden zusammen zu bringen, um Fahrpreis-Ermäßigung zu erlangen. Die Liste zum Einzeichnen liegt in der Restauration „Loh eng rin", Taunusstraße 55, offen. Näheres wird noch im „Wiesbadener Tagblatt" veröffentlicht werden.
Freitag, den 9. Ortober
1891.
△ Das letzte Quartal vor dem Feste. Es ist wohl nicht überflüssig, allen Denen, die es mit der Zeitrechnung nicht sehr peinlich nehmen — und das wird den Mitgliedern des schönen Geschlechts gemeiniglich nachgesagt — schon jetzt eine Mahnung zuzurufen: Rüstet Euch für die Weihnachts-Campagne!" Kaum elf Wochen und die große Bcscheerungs-Polonaise beginnt. Etwas Selbstgearbeitetes soll und muß es meist sein, da darf bei Gefahr des Fertigwerdcns und vor Allem der — Gesundheit nicht Alles den letzten vier Wochen überlassen bleiben. Wer Letzteres thnt, der sitzt dann in peinigender Angst Nächte hindurch, verdirbt sich die Augen, Anderen den Humor und schließlich allen Theilen den reinen Genuß des Weihnachtsjubels. Schon jetzt, liebe Leserin, mache Deinen Feldzngs- plan, thcile Dir die Wochen ein für Deine Arbeit — und Dir wird mancher Abend zu einem Tänzchen oder sonstigen Feste der Geselligkeit übrig bleiben, den Du sonst der Arbeit widmen mußt. Du wirst jetzt leichtere und reichere Auswahl beim Kaufe finden, als dann, wenn Alles drängt, Du wirst sogar das große Geheimniß, das die Erzeugerin der Uebcrraschungcn zu sein pflegt, besser wahren können, als später, wo überall Geheimnisse gewittert und deßhalb erspäht werden. Das Alles sind Vortheile, die durchaus beachtenswerth erscheinen und um Derer willen wir diese Mahnung aussprechen. Zeitig an der Arbeit ist zeitige Vollendung mit weniger Mühe und besserem Gelingen.
* Junge Latternann's. „Lattemann spielen" ist, seit sich der bekannte Aeronaut dieses Naniens hier im „Abstürzen" mittelst Fallschirmes produzirt, ein beliebter Zeitvertreib unserer Jugend. Man kauft ober verfertigt sich kleine Fallschirme ans einem Papierblatt und einigen Bindfäden — beiläufig bemerkt, eine Kunst, die auch schon vor mehreren Jahrzehnten m der Kinderwelt geübt wurde — und läßt diese primitiven Apparate att8 den Fenstern zur Straße herabschweben. Der Scherz ist harmlos, so lange unsere jungen Phhsiker den Fallschirm mit nichts als einem leichten Holzoder Korkstücke belasten, welches die Stelle Latteniann's vertritt. Ernstlich aber mögen junge Wagehälse davor gewarnt fein, das Fallschirm-Experiment etwa gar an der eigenen Person erproben zu wollen. Ein solcher Fall, der freilich eine ungeheure Naivetät tu physikalischen Dingen voraussetzt, ist am Moiitag Nachmittag in Berlin auf der Langestraße vorgekommen und recht übel ab- aelanfen. Ein elfjähriger Jnnge wollte allen Ernstes einmal mit sich selber „Lattemann fbttlen" und sprang mit seinem aus einem — alten Regenschirm hergestellten Fallschirm ans dem Flnrfenster einer ersten Etage in den Hof hinab. Er brach das Bein und hat jetzt int Krankenhaufe reichliche Zeit, feinen unüberlegten Streich zu bereuen.
— Die Findigkeit nnserer Reichspost hat sich wieder einmal eclatant gezeigt in folgendem Falle. An eine hier in der Schwalbacherstraße wohnende Dame war ans England ein Kreuzband eingetroffen, dessen Adresse nichts weiter enthält, als den Familiennamen und die Straße nebst der übrigens nicht richtigen Hausnummer. Der Ort — die Hauptsache demnach — fehlte gänzlich. Nichtbestoweniger gelangte die Sendung ohne jede Verspätung in die Hände der Adressatin und erfüllte sonach trotz sehr mangelhafter Ausrüstung ihren Zweck.
* Sind Artisten Künstler? Unter den stärksten Mämtern der Welt, den Königinnen der Lust, Schlanaenmenschen und Degeu- schluckern herrscht große Ansregnng. Es ist ein Attentat auf ihre Kiinstlerwnrbe unternommen worden! Zum Glück sind es aber diesmal nicht die bösen Zeitungsschreiber und Knnstästhetiker, welche sich derartig gegen die Specialitäten versündigt haben, sondern — die
Jnvaliditäts- und Alters-Versicherungs-Anftalt in Berlin. Man will die Artisten ebenso unter die Alters-Versicherung bringen, wie man es neuerdings mit dem Schaiispielerstande prodirt hat. Bis jetzt hatte die Behörde an der einzig und allein richtigen Ansicht festgehalten, daß die an den Varistöbühtien in rein künstlerischer Eigenschaft wirkenden Artisten wie Sänger, Akrobaten, Dresseure, Circns-Spezialitäten u. s. w. als selbstständige Gewerbetreibende zu betrachten seien, die dem Versichernilgszwange nicht unterliegen.
* Mittel gegen Schlangengift. Dem Professor Kaufmann an der Thietatznei-Schule von Moisons-Alfort wurde vo» der französischen Akademie der Medizin der Orfila-Preis für eine Abhandlung über das Schlangengift zuerkannt. Als zuverlässiges Mittel gegen den Biß giftiger Schlangen erwähnt Kaufmann in seiner Schrift die Chrom säure. Sie soll unmittelbar auf die Wunde angewandt werden, und zwar in einer Lösung von 1 : 100. Nach den Versicherungen von Sachverständigen, welche die Chromsäure gegen Schlangenbiß an Thieren erprobten, soll dieselbe alle bisher bekannten Mittel gegen die fragliche Vergiftung übertreffen.
— Pferdebahn. Nachdem die Abonnements-Vorstellungen int König!. Theater begonnen haben, fährt ein Wagen der Pferdebahn nach Schluß der Vorstellungen vom Theatergebäude bis zum Grubweg, im Bedürsnißfalle bis zur „Villa Sanitas".
P.-B. Der angebliche Postbeamte Schäfer, welcher bereits verschiedene Personen, bei denen er sich einmiethete, bestohlen hat, ist heute Morgen abermals aus feinem neuesten Logis am Schnl- berg unter Mitnahme einer Damenuhr verduftet. Die gestern Morgen gestohlene Standuhr hat er heute bei einem Uhrmacher itt Reparatur gegeben. Wahrscheinlich wollte er dieselbe dort verkaufen und wurde nur durch den Umstand, daß er bei dem Uhrmacher einen Landsmann als Lehrling traf, veranlaßt, die Uhr in Reparatur zu geben. Nach Angabe des Lehrlings ist der Verfolgte der Schneider Schäfer aus Herborn.
P.-B. Diebstähle. Von einem Neubau Ecke der Wörth- und Rofenstraße wurde die Bleibekleidting von 10 Dachfenstern gestohlen. — In der Nheinstraße wurde gestern eine Anzahl Schmuckfachen und Geld entwendet.
P.-B. Gefunden wurde au der Schule in der Bleichstraße ein Packet, enthaltend mehrere weiße Hemden, Taschentücher und Strüntpfe.
— Kleine Notizen. Wie der „Rh. K." meldet, wurden gestern Nachmittag kurz vor 4 Uhr von Dienstmäutiern im Rathhanse neben der Thüre des Wahlsaales und au verschiedenen Stellen des Treppenhauses Plakate mit der Inschrift: „Hauptguartier der Richtvetter- lichen int Gambrinns" angeschlagen. Auf Anordnung des Herrn Oberbürgermeisters wurden die Plakate, von denen einzelne bereits durch ein GemeinderathStnitglied abgerissen waren, von Stadtdiencrn entfernt. ___________
Vereins - Nachrichten.
* Der „Mittelrheinische Verband deutscher Zither-Vereine, welcher die Förderung und Verbreitung des Zithetspiels bezweckt, feierte am 10. August d. I. sein VerbandSsest in Heidelberg. Bet deut Fest-Coneerte kamen neben den Einzelvorträgen der beteiligten Vereine zwei Ensetnblestttcke zur Aufführung, wobei über 80 Spieler mitwirkten. Die Festfreude verwandelte sich in wahre Begeisterung, als unter anderen Glückwunsch-Depeschen ein Telegramm des Landes- fürften, Sr. König!. Hoheit des Herzogs von Baden, verlesen wurde, welches dem Wunsche Ausdruck gab, die Bestrebungen des Verbandes möchten bon.bett schönsten Erfolgen begleitet sein. In der Delegirteii-Versaininlung wurde einstimmig Wiesbaden als Festort für das nächstjährige Verbandsfest gewählt, worauf der „Wiesbadener Zither-Verein", welcher von den beiden hiesigen, das Zither- spiel pflegenden Vereinen dein Verbände angehört, sich zur lieber« nähme des Festes bereit erklärte und schon jetzt rüstig an der schwierigen Aufgabe, welche ihm dadurch zufallt, arbeitet. Die activen Mitglieder, deren Zahl heute 25 beträgt, üben wöchentlich dreimal in zwei Einzel- und einer Gesainmtprobe. Zu dem Verband
Nachdruck verboten.
Ans Sturm und Drang.
Zu Schubart's hundertjährigem Todestage (10. October 1791).
Von Philipp Stein.
„Ich sah und fühlte meine Verwesung; jeden welkenden Zug, jede alternde Linie um die Augen, jede wachsende Ermüdung, jeden dumpfer werdenden Ton, jede zunehmende Schlaffheit, jedes graue Haar im Richtkamme; fühlt' es tief in mir, wie sich die Seelenkräfte, gleich der Rose im sengenden Strahle, neigten, krümmten, einschrumpftcn. — Mein Witz, ein Schmetterling mit versengtem Flügel, traurig nn Staube zuckend; meine Phantasie eine Gruft voller Todtengebeine; mein Verstand, müde vom Forschen; meine Einbildungskraft gelähmt und beinah' jede Nerve der Seele abgespannt" — so berichtet Christian Friedrich Daniel Schubart von jenem Jahrzehnt, das er als Gefangener auf dem Hohenasperg zugebracht, wo er resignirt geistliche Lieder gedichtet, wo er in wildem Titanenmuth das aufwühlende Poem „Die Fürstengruft" hervorgezürnt, wo er so sehnsuchtsvolle Klagelieder an den Mond gerichtet und ein gebrochener Mann verzweifelnd gefleht hat:
„Gefangner Mann, ein armer Mann!
Durch's schwarze ©ifeuaitter Starr' ich den fernen Himmel an Und wein' und seufze bitter.
Was hab' ich, Brüder! Euch gethan? Kommt doch und seht mich Armen! Gefangner Manu! eilt armer Mann! Ach! habt mit mir Erbarmen!"
» . Warum Schubart zu zehnjähriger Kerkerhaft auf die P.e,ic .gekommen war? O ganz einfach — es war die Zeit, Cle einem Schiller die Räuberdichtnng „in tyrannos!“ ab-
raug. Schubart, damals in lllm, hatte in feiner „Deutschen Chronik" fälschlich den Tod der Kaiserin Maria Theresia gemeldet. Der Gesandte Oesterreichs in Ulm, General Ried, der persönlich einmal von Schubart beleidigt war, hielt nun den Augenblick der Rache für gekommen. Der Herzog von Württemberg lieh ihm hilfreiche Hand — hatte Schubart doch gegen des Herzogs Maitresse, gegen seinen Slkavenhaudcl geeifert und auf den Herzog das Epigramm gemacht: „Als Dionys von Syrakus aufhören mußt', Tyrann zu fein, da ward er ein Schulmeistcrlein." Alles Veranlassung genug, um in ein Menschenleben zerstörend cinzugreifen.
Am 22. Januar 1777 ward Schubart von der freien Reichsstadt Ulm nach Blaubeuren, auf württembergischeu Boden gelockt und auf den Asperg geführt. Der Herzog machte sich das Vergnügen, der Einkerkerung beizuwohuen. Die Gcfaugensetzung Schubart's ist eine unauslöschliche Schmach. In einem engen Mauerloch sollte der Mensch und der Christ Schubart kurirt werden. Und den Kerkermeistern gelingt die Kur, gelingt über Erwarten der heutigen Literarhistoriker, die am bequemen Schreibtisch ihre Mißbilligung darüber niederschreiben, daß Schubart im Kerker ein arger Mystiker geworden, daß er, der kühne Bekämpfte des Aberglaubens, hier an Träume und Ahnungen zu glauben beginnt, wie er in seiner Selbstbiographie erzählt. Aber das ist doch eben das Schmachvolle, daß man rechtlos einen Mann eingekerkert und ihn dann auch noch durch teuflische Mittel dazu gebracht hat, geistig sich untreu zu werden. Nachdem die Kur übrigens gelungen, ward Schubart etwas, besser behandelt: er durfte arbeiten, durfte seine Gedichte sammeln und herausgcbcn — der Ertrag der Gedichtsammlung freilich floß der Kasse des Herzogs zu, der zweitausend Gulden daran verdiente. Da erschien im März 1786 Schubart's Hymnus auf Friedrich den Großen —
eilten Sturm der Begeisterung entfachte dieses Gedicht in Berlin, wo an einem Tag 7000 Exemplare verkauft wurden, überall schwärmte mau für Schubart, Friedrich II. selbst verwandte sich für ihn, und so groß war die Liebenswürdigkeit des Württemberger Autokraten, daß cs jetzt nur noch ein Jahr dauerte, bis Schubart frei ward. So konnte er am 11. Blai 1787 schreiben: „Ich bin frei!.....
schreien möchi' ich vor Freude, mich wälzen unter freiem Himmel tm Frühlingsgrase, oder klettern mit der Gemse auf den höchsten Zackenftls, die gefalteten Hände in die Wolke stecken und dem großen Geber der Freiheit laut weinend danken."
. Ebenso willkürlich wie er eingekerkert worden, ebenso willkürlich wurde er nun frisch vom Kerker weg zum Director des Theaters und der Musik ernannt. Und jetzt klagen die Moralisten unter den Literarhistorikern wieder, daß Schubart nun nicht völlig philisterhaft gelebt hat, daß er das bischen Lebenslust, daß dem gebrochenen Mann noch geblieben war, austoben ließ, das er nach zehn herben, schweren Jahren der Vereinsamung neben dem glücklichen Leben in der Familie auch noch Geselligkeit suchte. Wer daran sich stößt, versteht Schnbarts Wesen und Eigenart nicht. Schubart war ein auf's Neue erschienener Spielmann des Mittelalters. Ein solcher Mann mußte die Kerkerhaft noch schwerer ertragen, als ein anderer, er mußte wieder aufjauchzeu in der neu gewonnenen Freiheit, wenn es auch möglich ist, daß eine zurückhaltendere Lebensweise ihn noch länger seiner Familie erhalten hätte.
Er starb zweiuudfünfzig Jahre alt, am 10. October 1791 — und nahm, wie sein Sohn Ludwig sagt, „seine schönsten Ideen mit in's Grab, weil ihn sein starker Hang zur Indolenz nie zur Ausführung schreiten ließ. Dieses im Munde seines Sohnes besonders harte Nrthcil darf man doch aber nur für die letzten Jahre gelten lassen, bis zu seiner Ein-
