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Wiesbadener Tagbiatt.

Do. 156

Aus Petersburg wird gemeldet: Die Gouvernemcntsstadt Jekaterinoslaw wurde durch einen vier Stunden anhaltenden Wolkenbruch über- fluthet. Das Wasser stand fünf Fuß hoch in den Straßen, 58 kleinere Häuser und vier Brücken wurden von den Fluthen fortgerisscu, zahlreiche Personen ertranken, fünf wurden vom Blitz erschlagen. Biele brodlose Familien lagern in den Straßen.

Der Gemeinderichter in der ungarischen Ortschaft Burszenpeter, Namens Tomanek, wurde verhaftet unter dem dringenden Verdachte, in Der Sylvesternacht von 1889 zu 1890 einen Ortsinsassen ermordet zu haben. Tomanek fungirte noch bis zu den letzten Tagen.

Ein furchtbarer Sturm zerstörte am Montag,in Baton Rouge <im Staate Louisiana) mehrere Häuser, darunter das Regierungsgebäude. Die einstürzenden Mauern des Strafgefängnisfes tödteten viele Gefangene. Bisher wurden 8 Todte und 28 Verwundete hervorgezogen.

* Zum Eisenbahn-Unglück bei Eggolsheim. Eine amtliche Mittheilung des Generaldirectors der baierischen Staatsbahnen sagt betreffs der Eggolsheimer Entgleisung: Die Ursache sei noch nicht genau constatirbar. Die Zusammenhänge mit der am 2. Juli vorge­nommenen Verschiebung des Stations-Hauptgeleises, den heftigen Regen­güssen, sowie der trotz der gegebenen Signale zum Langsamfährcn nicht gehörig gemäßigten Geschwindigkeit des Extrazuges wären noch nicht erkannt. Die Vorspannmaschine blieb auf dem Geleise; wahrscheinlich trat zuerst die zweite Maschine aus dem Geleise. Entgleist sind 2 Gepäckwagen und 13 Personenwagen, sie sind sämmtlich epheblich beschädigt. Todt ist Fran Dupont ans Berlin, verwunde! sind drei Männer, zehn Frauen und zwei Knaben, meist nicht gefährlich. Der Strcckenbetrieb ist seit Sonntag frei.

* Uebrr das Fenrumerk des Ktadt Amsterdam zu Ehren der demfchen Majestäten schreiben dieBell. N. Nachr." aus Amsterdam vom 2. d. M.: Daß ein so großes und seltenes Schauspiel, wie das imposante Feuerwerk an dem jenseitigen Ufer des S) überhaupt schon große Volks- masfen herbeilocken muß, wer würde daran zweifeln, und wie viel mehr mußte der heutige Abend Schaulustige herauzieheu, da dies Feuerwerk, zu Ehren der deutschen Majestäten abgebrannt wurde, zu welchem Zwecke mau cs eigens bei der Crystal Palace Firewsrk Manufactory C. F. Brock & Co. in London bestellte und mehr als 60,000 Gulden dafür ver­ausgabte. In der Front standen vier englische und drei holländische, selbstverständlich durch Gerüste markirte Kriegsschiffe, die für die Holländer siegreich gewesene Seeschlacht von Chatam darstellend; das dritte Schiff von links wurde in die Luft gesprengt, und sämmtliche markirten Schiffe waren durch Brillantfcner beleuchtet. Die Schiffe nahmen eine Front- llänge von 800 Fuß ein, während die ganze Frontlänge des Feuerwerkes 500 Fuß betrug. Nach einer gelungenen Ufer-Illumination erfolgte durch Kanoucnschläge ein Kaisersalut von 101 Schüssen, mit den: das großartige pyrotechnische Schauspiel seinen Anfang nahm. Während dieses Saluts stiegen zahllose Raketen empor, und nach demselben erschienen zunächst zehn herrliche drehende Sonnen, Salven und Bomben in verschiedenen Farben und Raketensalven mit Sternschnuppen. Hierauf folgten drei Niesenpalinen, von denen eine jede 40 Fuß Höhe hatte, nach ihnen mehrere große Raketen, eine Salve von Raketen mit Schmetterlingen nnd eine Salve Bomben mit geschmolzenem Silber. Daun wurden das niederländische und deutsche Wappen, 45 und 50 Fuß hoch in buntem Brillantfcuer abgebrannt, und es folgten 30 sechszöllige und 5 achtzöllige Bomben, sowie eine Bombensalve in Blau nnd Silber. Daran schlossen sich drei drehende Riesensonnen, die mittlere 30 Fuß im Durchmesser (nur die Holzbckleidung), die beiden Ecksonnen im Durchmesser von 16 Fuß. 40 Bomben mit Fröschen und eine Raketensalve mit schweben­den Sternen waren die nächsten Piecen. Einzelne Raketen, sowie zehn sechszöllige, fünf achtzöllige und fünf zehuzöllige Bomben leiteten darauf die Seeschlacht von Chatam ein. Eine donnernde Kanonade fand statt, bei welcher Schießbaumwoll-Raketen die Hauptrolle spielte». Ganze Naketengarben erhoben sich in die Luft, große einzelne Raketen stiegen da­zwischen empor, bis das eine englische Schiff gesprengt wurde und die Trümmer desselben sanken. Ganz neu erfundeneGlühwürmer", ein pyrotechnisches Kunststückchen, erfreuten das Auge; mehr aber noch die wundervollen 40 Bouquets von römischen Lichtern. Eine Neuheit waren die dann folgendenpfeifenden" Raketen. Wieder erschien dann eine Bombensalve, dies Mal in Grün und Violet, herrliche Bouquets von Diamantfunkeu, Bombensalven in verschiedenen Farben und 47 einzelne Bomben bis zu 16 Zoll Durchmesser wurden zum Himmel cmpor- geschleudert. Dann aber kam ein Hauptstück:das Portrait des Deutschen Kaisers Wilhelm II." in Brillantfeuer, 60 Fuß hoch und eben so breit, in der That eine ebenso vorzügliche als bewundernswerthe Leistung hin­sichtlich der Aebnlichkeit des Bildnisses. Eine Raketensalve mit rothem Magncfinmlicht, 50 stehende Fontainen in einer Frontlänge von 500 Fuß, neu erfundenes römisches Licht. 50 Stück drehende Fontainen in Front von mehr als 200 Fuß, und der Niagarafall in einer Breite von 150 Fuß waren herrliche Schaustücke. Bomben mit elektrischem Licht bildeten den Schluß des Ganzen.

* Woltkefeier in der Akademie. Die Berliner Akademie der Wissenschaften feierte ain Donnerstag in einer öffentlichen Sitzung den Geburtstag ihres Stifters Leibuitz. Professor Curtius hielt eine glänzende Gedüchtuißrede auf das jüngst verstorbene Mitglied, den Feldmarschall Grafen Moltke. Auch andere Generale, wie Müffliug, Rühle, Scharnhorst hätten der Akademie angchört, Moltke aber sei nidjt blos Ehrenmitglied gewesen, sondern habe lebhaft an den Arbeiten derselben Theil genommen. Er schilderte, welchen wesentlichen Einfluß Karl Ritter als Lehrer auf Roon und Moltke gehabt hat; weiter gab er ein kurzes Bild von dem Aufenthalte Moltke's in der Türkei und in Kleinasien und setzte dann ausführlich auseinander, welche unsterblichen Verdienste sich der preußische Offizier Moltke um die Geographie und Topographie Kleinasiens erworben

hat. Aeußerlich erschienen seine Aufzeichnungen Wohl ein buntes Allerles aber seine Briefe seien ein Schatzhaus lehrreicher Beobachtungen; nicht nui cm klassisches Werk, sondern auch ein persönliches Denkmal. Ferner Wurde» die Verdienste Moltke's um die Herstellung der Karte von Rom und seiner Umgebung hervorgehoben; es wurde betont, daß jeder Anregung zur Er­forschung des klassischen Bodens im großen Generalstabe Folge gegeben wurde. Schließlich wurde die Persönlichkeit Moltke's im Allgemeinen ge­würdigt; wie der große Feldherr, auf dem Gipfel aller Ehren, im vollen Genuß der begeisterten Anerkennung, bewundert von allen Zeitgenossen als einer der ersten Männer des Jahrhunderts, doch immer der schlichte, einfache Mann geblieben sei.

* Gin Lamilirnrwist. In Berlin kursirt eine Geschichte über ein Zerwurfinß zwischen dem Zaren und dem Kronprinzen von Dänemark. Der Berliner Korrespondent derDaily News" Weitz darüber zu berichten, daß der dänische Kronprinz vor Kurzem seiner Schwester, der Zarewua, mehrere Aufsätze und Broschüren über die russischen Judenverfolgungen gesendet und sie gebeten habe, diese dem Zaren zu unterbreiten. Das'sei nicht geschehen; der Zar aber habe von der Thatsache Kenntnitz erhalten und habe sich äußerst mißfällig über den Versuch seines Schwagers, sich in die inneren russischen Angelegenheiten einzumischen, ausgesprochen. Er habe auch des Kronprinzen von Dänemark jüngsten Begrüßungsbesuch bei dem Oberrabbiucr von Kopenhagen als einen gegen sich gerichteten tendenziösen Schritt aufgesaßt. Dies die Ursache des Zerwürfnisses zwischen den beiden Schwägern, das nach der Angabe des erwähnten Correspondentcn in dänischen Hofzirkeln viel besprochen wird.

* Aus drv MLfte Inda, dem Gebiet der raublustigen Beduinen, berichtet H. Grashoff in derVoss. Z.": In dem ganzen felsigen Wüsten- district diesseits und jenseits des Tobten Meeres, sowie in der Jordan- Ebene Kausen diese Nomaden, elende Hungerleider, die sich in der unfrucht­baren Ebene auf das Kümmerlichste ernähren und sich gelegentlich auch ohne moralische Bedenken des Geldes und der Kleidung unvorsichtiger Europäer bemächtigen. Sie sind vortreffliche Schützen und wissen den Vogel im Fluge zu treffen. Je näher dem südlichen Theil des Todten Meeres, um so verwegener sind ihre Raubanfälle. Oft find ihrer mehrere Hundert beisammen. Alle bis an die Zähne bewaffnet. Um aber vor de» Räubern sicher zu sein, ist es nur einfach erforderlich, einen Räuber­hauptmann als Schutz mitzunehmeu, der gegen eine mäßige Vergütung etwa 3 Mark für den Tag und Persou, die Reisenden sicher durch das ganze Gebiet des Stammes führt. Für die in Palästina Reisenden ist das eine ganz selbstverständliche und geschäftsmäßige Angelegenheit. Der so wie so nothwendige, als Führer thätige Dragoman (Dolmetscher) be­nachrichtigt den Schech von Abu Dls, einem Dorfe unweit Bethaniens, welcher von der türkischen Regierung dasRecht", die Reisenden an den Jordan zu geleiten, gepachtet hat. Es ist das eine Art Frcmdensteuer, oder, wenn man so will, eine von der Regierung privilegirte Beraubung der Fremden, eine nicht unbedeutende Einnahmequelle des Häuptlings, der allerdings einen hübschen Theil davon dem Gouverneur in Jerusalem als Pachtabpeben" und außerdem seine Stammesgenosstn zum Ersatz der nun nicht stattfindenden Beraubung entschädigen muß. Dafür geleitet der braune Wüstensohn die seiner Obhut Äuvertrauten, für deren Sicherheit er nach empfangener Bezahlung der Negierung gegenüber persönlich haftet, put und sicher durch die Wüste und bringt sie wohlbehalten wieder nach Jerusalem zurück. Das ist nun einmal des Landes Brauch, und man mutz ihn respcctiren. Will es Jemand versuchen, sich stolz darüber hinwxg- znsetzen, so sei ihm wenigstens gerathen, eine möglichst umfangreiche Zeitung mitzunehmen. Vor einigen Jahren nämlich wagte es ein Engländer, allein auf gutem Pferd nach Jerichow zu reiten. Ihm wurde "sein Gaul und Alles, was er auf dem Leibe trug, genommen. Nur die Nummer derTimes", die er bei sich hatte, ließen ihm die Beduinen, und der Sohn Albions machte ans der Roth eine Tugend, d. h. aus derTimes" einen Mantel, und kam so etwas kleinlaut zwar, aber doch stolz in seine papierne Toga gewickelt, in Jerusalem wieder an. Besser erging es vor etlichen Jahren einem Berliner Candidaten Namens Ohnesorge, der auch von Jerusalem aus die Reise nach dem Jordan unternahm und, weil er arm war, ohne den Tribut zu zahlen, allein seines Weges ging. Die Räuber zogen auch ihn buchstäblich aus. Eine Zeitung hatte er aber nicht. Da setzte er sich, entkleidet wie er war, auf einen Felsen und sang mit lauter Stimme das Lied:Eine feste Burg ist unser Gott, eine gute Weht und Waffen". Als das die Beduinen hörten, kehrten sie bedächtig um nnd gaben ihm, weil sie ihn für einen Wahnsinnigen hielten, ein solcher aber nach ihrem Glauben nicht augetaffet werden darf, mit vielen Verbcugungeit und Entschuldigungen seine Kleider zurück.

* Dovtor Gisenbaut hat in der That gelebt. Eine zuverlässig Mittheitung ist derT. R." hauptsächlich in einem Briefe des Theologe" Heumann an den Cousistorialrath Hanber in Bückeburg (Göttingen, den 10. Januar 1742) aufbewahrt; hierin heißt es u. 21.:In meiner Jugend lebte ein damals sehr bekannter Marktarzt, welcher aus allen Märkten herumzog. Ich habe ihn am Ende des vorigen Jahrhunderts, da ich 8« Zeitz ein Schüler war, daselbst gesehen, als er mit großer Pracht auf­gezogen kam, und nachdem er auf seine Schaubühne getreten war, seine Rede mit diesen Worten anfing: »Hochgeehrteste Herren, ich bin der be­rühmte Eisenbart!« Ich habe aber schon das Ende seines Ruhmes erlebt nnb glaube, daß nach hundert Jahren Niemand wissen wird, daß ew Marktschreier Namens Eisenbart in der Welt gewesen." Im Allgemeinen steht so viel fest, daß Eisenbart ein von Ort zu Ort wandernder He"- kunstler, ein marktschreierischer Quacksalber und Zahn-Operateur war, der bei keinem spektakelvollen Treiben irgend eines Jahrmarktes fehlte, und der es verstand, durch seine wissenschaftliche Befähigung sich zum wohl­habenden und angesehenen Manne emporznschwinqen. Das vielbewcgtt Leben des fahrenden Doctors sand seinen Abschluß in der Stadt Hannöversch-Münden, am Zusammenflüsse der Werra und Fulda.