Nette 34
Wiesbadener Tagblatt.
Uo. 189
Vermischtes.
* Uom Tage. Das Königl.Amtsgericht in Berlin veröffentlicht folgend« Bekanntmachung: „Der Lieutenant a. D. Bogislav Adolf Leopold Boris Graf Kleist vom Laß hiersklbst, Askauischcr Platz 1, zur Zeit im Straf- gefangniß zu Plötzensee, ist durch Beschlug des oben genannten Gericht« vom heutigen Tage für einen Berschwender erklärt und demgemäß entmündigt worden. Berlin, den 6. Juni 1891."
Ein vornehmes Dorf ist der Flecken Steinbach-Hallenberg im Kreise Schmalkalden. Er ist in der glücklichen Lage, einen „Kaiser" als Todtengräber, einen „König" als Nachtwächter, einen „Herzog" als Ziegen- hiiten und einen „Markgrafen" als Gänsehirteu zu besitzen.
Ein Ehepaar in Schlieben bat den 16-jährigen Sohn bezw. Stiefsohn (väterlicherseits ist es der natürliche Sohn) seit Pfingsten, wie jetzt ermittelt worden ist, in einer niedrigen Bodenkammer eingesperrt gehalten. Der Knabe war nur aufs Dürftigste gekleidet und hat nur die geringste Nahrung erhalten, aber keinen Trunk. Der halbverhungerte Mensch sah schrecklich aus.
Eine westfälische Stadt ist in der Person ihres ersten Beigeordneten von einem seltenen Mißgeschick betroffen worden. Dieser Herr wurde wegen Fehlens bei der Frühjahrs-Controlversammlung mit dreitägigem Arrest, wegen vorschriftswidriger Beschwerde (Nicht-Innehaltung de? Instanzenweges) mit weiteren drei Tagen, endlich wegen unberechtigter Beschwerdefühning über seine erste Bestrafung vom Standgericht mit fünf Tagen Mittelarrest bedacht. Die beiden ersten Strafen hat btt Herr stellvertretende Polizeivorstand schon abgesessen.
Ein umfangreiche Vergiftung durch den Genuß von Fleisch, das von einer kranken Kuh herrührte, ist in dem Dorfe Kirchlinde bei Dortmund vorgekommen. Die Kuh war an einem schlimmen Unterleibs« leiben erkrankt und infolge eingetretener Blutvergiftung zu Grunde gegangen. Der Thierarzt hatte ausdrücklich angeordnet, daß die Kuh vergraben werde; dies geichah aber nicht, vielmehr wurde das Thier an einen Mann um 30 Mk. abgegeben. Dieser bat einen großen Theil des Fleisches verkauft, und zwar an Arbeiterfamilien, die sich den Genuß billigen Fleisches — das Pfund kostete 25 Pf. — nicht entgehen lassen wollten. Bald erkrankten 30 Personen, eine Frau starb sogar. Die Uebrigen werden hoffentlich durchkommen. Da» Gericht wird ohne Zweifel die Schuldigen strafen.
In Lcitomischl (Böhmen) erschoß der absolvirte RechtShörer Johann Brachtl, der im Garten seiner Eltern nach Spatzen schoß, au» Unvorsichtigkeit seine 18-jährige Schwester Marie, die für den reconvalescenten Vater im Garten ein Ruhelager bereitete. Au« Verzweiflung über da» Unheil richtete Brachtl den zweiten Lauf des Gewehre» gegen seine eigene Schläfe, drückte ab und blieb sofort tobt.
Laut Meldung aus Salonichi wurde das Kloster Simon Petru» auf dem berühmten Athos-Lerge durch Brand zerstört.
Die Tapetenfabrik von Paul Shoest in Lüttich ist niedergebrannt. Der Schaden wird auf 600,000 FreS. geschätzt.
?«r Giseubahn-Kalastrophe btl Mönchenstem.
Die Bus, ein 66,4 Kilometer langer, linker Zufluß des Rhein» in »er Schweiz, entsteht im Kanton Bern bei der Juraklause Pierre Pertui», ueßt zuerst in östlicher Richtung durch das obere Münsterthal, wendet <tdj dann bei Court und fließt durch eine Reihe wilder malerischer Klüsen tach Norden, vereinigt sich im Thalkessel bet Delöberg mit der Sorne und nimmt nun nordöstliche Richtung an, um durch da» Laufenthal dem Rheine nahe oberhalb Basel zuzufließen. Das Thal der Birs wird von der Bahnlinie Biel-Basel durchzogen und besitzt Uhrenfabriken, Glashütten, Hammerwerke, Seiden- und Papierfabriken; im Thale der Sorne liegen die Hochöfen und Eisenhämmer von UndervÄier. An der Virs bei dem Siechhause und der Kapelle bei St. Jakob, 1 Kilometer südlich von Basel, fanden am 26. August 1444 1200 Eidgenossen den Heldentod im Kampfe gegen das französische Heer der Armagnacs Unter dem Dauphin Ludwig. Ebeqfalls an der Birs, bei dem Dorfe Dörnach oder Dorueck, 10 Kilometer südlich von Basel, im Kanton Solotburn, erfochten die Eidgenossen am 12. Juli 1499 einen glänzenden Sieg über die Truppen des Schwäbischen Bundes, worauf am 21. September der Friede zu Basel den „Schwabenkrieg" endete.
Hier eine von der „Str. Post" wiedergegcbene Skizze von dem Orte des Unglücks und der Art, wie es sich entwickelte, von einem schaudernden Augenzeugen inmitten der Trümmer entworfen:
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Ein Insasse de» verunglückten Zuge» g--bt in der „Basler Nationalzcitung" folgende Schilderung der Satoftrophe: „3btfaud mich im sechstletzten Wagen des Zuges, em .^rker Putsch überraschte im»; erschrocken fragen totr einander: „Was tst das? Doch kaum zwei Sekunden nach dem ersten Putsch folgt em zweiter, stärkerer Stoß. Schlimmes ahnend rufe ich: „Beine herauf! ^""^EwenigePersoiieu folgen diesem Rath. Und nun geht es hm und her, Stoße von hinten und nach vom wiederholen sich gewiß sechs Mal; dann folgt em furchtbares Gekrach und Getöse, unser Wagen wird an einem, Ende von dem nächstfolgenden Wagen aufacriffen. In dtcftm Augenblick macht unser Wagen eine Schwenkung und wird mit der Brestseite aus die >t.rummer der vorderen Wagen, mit seinem einen Ende noch auf die Bofchung der Birs geworfen. Während des Hin- und Herschütteln» glaubte ich an einen Zusammenstoß, so daß wir, weil wir uns im hinteren Thcile des Zuges befanden, nicht» zu befürchten hätten. Al» e» aber beim Brückenkopf bergab ging und Alle» nm uns krachte und da» Dach de» Wagens embrach, da wurde mir die Situation klar, und ich dachte einfach, Alles wurde zermalmt werden. Während diese» ganzen Herganges vom zweiten Ruck bis »ubem Augenblick, wo wir festsaßeii, wurde in unserem Wagen kein Wort gesprochen; die Fähigkeit, zu denken, ging mir für einen Moment verloren; wir mußten einfach abwarten, was da kommen werde. Als bie Bewegung
des Zuge« aufhörte, befanden wir uns am abschüssigen Ufer der Birs- aus unserem Fenster steigen wir birect auf bie Böschung, ein grauenhafter Anblick bietet sich uns, wir sind im höchsten Grade erstaunt, mit wenigen Contusionen davon gekommen zu fein. In unferem Wagen liegen Der« Siebene Frauen ohnmächtig, theil« verlest; eint Eudwcmd des Wagen» vollständig aufgeriffen, das Dach ist offen, unser Wagen hat sich vom nachfolgenden Wagen losgerissen, und während der unserige die Schwenkung nach rechts Dollzog, war der nächste Wagen geradeaus unter dem mistigen durchgefahren. Die abgerissene und noch functionirenbe Luftbremse hatte die nächsten vier Wagen auf dem Damme festgehalten. Nachdem wir uns über die Situation klar geworden, macht sich Alles aus dem Wagen, die Kinder und Frauen schreien, wir schaffen bie Verwundeten au» dem Wagen, es war eine schauerliche Begebenheit. Am schrecklichsten war das Gefühl, als wir mit unserem Wagen die Böschung der Birs in ziemlich gleichmäßigem Tempo, wie etwa auf einem Schlitten hinabrutschten. Wir nahmen an, daß außer den 2 Lokomotiven noch vier Wagen im Birs- bache zermalmt liegen, ohne irgend welche Hoffnung auf Rettung der darin befindlichen Personen."
Noch immer belagert eine gewaltige Menschenmenge von früh bis spät die Unglücksstätte. Unter den Harrenden befinden sich selbstverständlich viele, die darauf warten, daß man die Ihren unter den Trümmern hervorziehe, und herzzerreißende ©eenen giebt es so viele, daß man Bücher damit anfüllen könnte. Hier hat ein Mann seine Gattin und ein paar Kinder verloren, dort wird der Vater, der Sohn, der Bruder vermißt, kurz, es ist ein Leid über die Stadt Basel gekommen, wie man sich keine» ähnlichen erinnern kann. Eifrig besprochen wurde besonders das Schicksal der Familie des Dr. Vögelin, eines beliebten Baseler Arztes, der mit drei Kindern zum Sängerfest wollte. Die Frau war ihm vor einem Jahre an der Influenza gestorben, nun ist er mit seinen drei Kindern bei dem Mönchensteiner Unglück um's Leben gekommen. Man soll ihn aufgefunben haben in jedem Arme eines seiner Kinder haltend. Allein von der Fannlie am Leben bleibt ein 12-jähriger Sohn, der, während der Vater mit den übrigen Geschwistern nach dem Feste fuhr, einen Ausflug in die Berge mit seiner Klasse machte. Wie übrigens bei jedem Unglück doch auch wieder Manches sich glücklich fügt, das sieht man ans dem Umstand, daß eine Sänger-Gesellschaft aus Mülhausen, die „Fidelta", 100 Personen, den Unglückszug verfehlte und in Basel zurückbleiben mußte. Mit Dank denken gewiß Alle an diese ihnen wahrscheinlich zuerst sehr unangenehme Verspätung. — Das Unglück von Mönchenstein ist jedenfalls eines der schrecklichsten in den Annalen der Eisenbahngefchichte.
Amtlich verlautet, daß nod) 100 Leichen unter den Trümmern liegen Dann betrüge die Totalziffer ca. 200 Tobte.
