Wiesbadener Tagblatt.
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oder Samstag der nächsten Woche vorauszusehen. Das Herrenhaus wird täglich Sitzungen abhalten und den Stoff bis dahin bewältigen. Der Kaiser wird, wie verlautet, den Landtag persönlich mit einer Rede schlichen.
* Rundschau im Reiche. Die Anträge der Staatsanwaltschaft im Bochumer Stenerproeeß lauten gegenFusangel auf zwei, gegen Lunemann auf ein Jahr Gefängniß. Die Urthellsverkundnng ist auf den 19. Juni, 4 Uhr, anberaumt. Die Anklage auf Grund des § 130 des Strafgesetzes (öffentliche Aufreizung in einer den öffentlichen Frieden gefährdenden Weise verschiedener Klassen der Bevölkerung zu Gewaltthätia- keiten gegen einander) hat der Staatsanwalt fallen lassen und nur die Anklage auf Grund der §§ 185 und 186 (Beleidigung bezw. öffentliche Beleidigung durch Verbreitung von Schriften) aufrecht erhalten. — In Baiern hat sich ein neuer Fall der UngilkigkeitZ-Erklärung einer in Norddeutschland geschlossenen Ehe ereignet. Den Münchener ,,Reuest. Nachr." wird darüber ans Nürnberg geschrieben: „Ein zur Zeit hier in Nürnberg wohnhafter, in einem bäierischen Orte gebürtiger Maurergeselle hatte int Jahre 1888 eine Ehe in Westfalen geschlossen. Jetzt hat er nun beim Landgericht eine Klage auf UngiltigkeitS- Erklärung dieser Ehe eiNgercicht, da er bei der seinerzeitigen Eheschließung nicht der int Art. 33 des bäierischen Gesetzes über Heimath, Verehelichung und Aufenlhalt vorgcschriebcncn Bestitnuiuttg uachgekommen sei, wonach von der District-Verwaltungsbehörde, in welcher der Mann seine Heimath hat, ein Zcugniß beizubringen sei, »daß gegen die beabsichtigte Eheschließung kein im gegenwärtigen Gesetze begründetes ELehinderniß vorliege.« Die Civilkarniner des Landgerichts hat der Klagevitte des Mannes entsprechend, die Ehe als ungiltig erklärt. Dem Vernehmen nach will die Ehefrau sich bei diesem Aussprache nicht beruhigen." — In den Kreisen der Leipziger Bürgerschaft ist eine hochgradige Aufregung darüber entstanden, daß eine große Anzahl von Steuerzahlern, entgegen ihrer eigenen Deelaration, weit höher zur Einkommensteuer eingeschätzt wurden, als ihre Einkünfte dazu berechtigen. Es wurde eine Petition an das Königliche Finanzministerium ausgelegt, in welcher um die Entsendung eines Svecial-Commissars zur Untersuchung der An- gclegcnheit gebeten wird. Diese Petition hat sich innerhalb 8 Tagen mit ca. 2500 Unterschriften bedeckt, und zählen zu den Unterzeichnern derselben eine Anzahl der ersten bnchhändlerischeu re. Firmett.
Ausland.
* Frankreich. Das Blatt „Paris" erinnert daran, daß die Kammer am 21. Juni v. I. eine Petition von Aetiouären der Panama- Gesellschaft an den Justizminister verwies. Das jetzige Vorgehen des Gerichts ist die Folge jenes Beschlusses. Außer Ferdinand de Lesseps werden nach Vietor de Lesseps, Fontane, Cottn und Baron Poisson verfolgt. Letzterer und Charles de Lesseps werden außerdem als Ver- waltungsrätbe der Societe des dtjpöts verfolgt.
* Schweiz. Bei der Berathnng des Militär wese ns im Nationalrath zu Bern mahnte Äundesrath Frey, Vorsteher des Militär-Departements, als dringendste Kriegsbedürfnisse die Bildung von Armeecorps, gesetzmäßige Organisation der Gotthard - Vertheidigung, Organisation der Grenzvertheidigung und Organisation des Landsturmes vorzunehmen. Im Jahre 1892 wird die gesummte Infanterie mit neuen Gewehren bewaffnet fein. Da sowohl die Franzosen als die Italiener über den St. Bernhard oder den Simplon in Wallis eindringen können, wurde im Nationalrath lieuerdings die Befestigung von St. Maurice (Wallis) gefordert, wofür gegenwärtig Studien gemacht werden.
* Italien. Monsignore Moeenni erklärte, er werde die Leitung der Verwaltung des Peterspsennigs, nachdem dieselbe geregelt, wieder niederlegen, da er im Staatsseeretariate zu verbleiben wünsche. In die Verwaltung sind neuerdings noch zwei Rechnuiigsbeamte und der Advokat Aliata berufen worden. Die Größe des Verlustes, der den heiligen Stuhl trifft, hängt davon ab, ob die aus dem Pelerspfeniiig unterstützten römischen Ädelssamilieii, unter denen sich auch Liberale befinden sollen, ihre Darlehen werden znrückzahlen können. Der nicht sichergestellte Dheit derselben beläuft sich auf fünf Millionen Lire, aber auch die Sicherstellungen sind infolge der Krisis gefährdet.
* Großbritannien. Sämmtliche Wäscherinnen Londons veranstalten heute im Hydepark eine Kundgebung, bei welcher sie verlangen, daß in die Fabrikgesetze die Waschhäuser mit eingeschlossen werden. — Das Amtsblatt meldet, Oberstlieutenaiit William Gordon-Cumming (der des falschen Spiels überführt wurde) sei aus der Armee ent- lassen worden, nachdem die Königin keine weitere Verwendung für seine Dienste habe. — Die englische Presse ist das getreue Spiegelbild, das Sprachrohr der öffentlichen Meinung. So sagt der Engländer, und nicht «mit Unrecht. Ihre unumschränkte Freiheit ist darum sein Stolz, und ein unantastbares Heiligthum. Wie trefflich sie aber auch sonst ihres hohen Amtes walten mag, sie feierte am 9. d. M., wie dem „Frkf. Gen.-Anz." geschrieben wird, einen besonderen Ehrentag. Denn nicht oft bringt selbst sie die Gefühle und Gedanken, Wünsche und Befürchtungen der verschiedensten Kreise des Volkes in allen ihren Schattirungen so klar und deutlich zum Ausdruck, wie in den Commentareil Über den nun zu Ende gefommenen Skandalprozeß. Das ist vielleicht der einzige Lichtblick in diesem erbärmlichen Schauspiel, das hohe und höchste Gesellschaftskreise in den letzten Tagen vorgeführt haben. Die Geschworenen sprachen ihr gesellschaftliches Todesurtheil ans über einen Mann, von erprobter Tapferkeit, reich an weltlichem Gut und Ehren, und sie konnten kaum anders handeln, angesichts der erdrückenden Beweise. Dte Presse, nein, die Nation spricht heute ihr Urkheil aus nicht allein über Sir William Gorbon-Cummina, sondern auch über das Leden und Treiben des Prinzen von Wales. Wenn je ein Kronprinz erfahren
konnte, was seine zukünftigen Untertanen, vom ersten Herzog bis zum kleinsten Krämer, vom stolzestm General bis zum niedrigsten Arbeitsmann herunter über feinen Lebenswandel denken, er findet es jetzt rein und unverfälscht in den Spalten der englischen Zeitungen, die im besten Sinne des Wortes Preßfreiheit genießen und für die der Freimuth keine gefährliche Sache ist.
* Rnsitand. Die „Nordd. Allgem. Ztg." beendigt eine Artikelserie über dte Wehrkraft Rußlands. Die objective und werthvoll, Darstellung kommt zu außerordentlichen Schlüssen für Rußland. Es wird zahlenmäßig constatirt, daß das russische Heerwesen wie die Flotte nach jeder Richtung hin enorme Fortschritte gemacht haben. Die Kriegsstärke wird auf 2,192,000 Mann beziffert, für deren Ergänzung eine gleiche Anzahl ausgebildeter Mannschaften zur Verfügung steht.
* Serbien. Die Königin Natalie wird bis zum Herbst in Ungeni bei Kischenew verbleiben, sich im Herbst nach Jalta in der Krim begeben und daselbst den Winter zubringen.
* Türkei. Um auf die Spur der Briganten, bereit Verfolgung di, Pforte eifrig betreibt, zu kommen, wurden achtzehn gefangene Räuber mnnestirt und den Truppentheilen als Wegweiser mitgegeben.
* Griechenland. Professor Zaviziano in Corfu, der Führet der dortigen Delyannis-Partei, Vorsitzender der corfiotischen Freimaurer, ein intimer Freund von Delyamns, berichtet soeben: „Wie ärztlich constatirt ist, hat die Ermordung der Rubina Sarda, speziell die Durchschneidung der Kehle nicht nach der jüdischen Methode der Schachtens stattgefunden."
* Asien. Während in Deutschland die Getreidepreise infolge der geringen Bestände eine ganz empfindliche Höhe erreicht haben und die Aussichten für die nächste Ernte zum Mindesten zweifelhaft sind, herrscht in Ostindien in diesem Jahre ein nie geahnter Ueberfluß an Weizen und noch niemals ist der Export hierin so blühend gewesen, als in den verflossenen Wochen. Die Berichte aus Bombay sprechen von einem ganz außerordentlichen Verkehr, wie ihn diese größte Hafenstadt Indiens noch nicht gesehen hat. Sämmtliche Getreide-Lagerhäuser in der Nähe des Hafens sind bis obenhin gefüllt und außerdem wird jeder unbedeckte Platz, der zu haben ist, mit förmlichen Tyürmen von Kornfäcken ausgefüllt. Alles wartet auf Verschiffung nach Europa, tun die hohen Preise nach Möglichkeit auszunutzeu. — Aus Shanghai wird gemeldet: Das Besitzthuin der protestantischen und der katholischen Gemeinden in Wuchen am Poyaug-See wurde in Brand gesteckt. Auch in Takutang fanden Unruhen statt. Die dorthin entfeubeten Truppen machten mit den Ruhestörern gemeinsame Sache.
* Afrika. Der Sclavenhaubcl steht im Kaiserreich Marocco noch immer in Bliithe. Fortwährend langen Saraicanen ans der Sahara an, welche Sclaven beiderlei Geschlechtes mit fid) sichren und dieselben an Sklavenhändler aus Fez, Mequiuez und Marocco verkaufen. In der letztgenannten Stadt, in welcher der Sultan residirt, sollen im April nicht weniger als 200 Sclaven auf öffentlichem Markt verkauft worden fein. And) in Mogodor gelangten zahlreiche Kinder zur öffentlichen Versteigerung.
* Arncrika. Wie schon kurz gemeldet, wurden auf Haiti (San Domingo), diesem paradiesischcii Eilande Westindiens, auf Befehl des Generals Hippolyte wehrlose Gefangene niedergenietzelt, welche unter dem Vorwande eingekerkert waren, gegen Hippolyte conspirirt zu haben. Verschwörungen gegen haitische Staatsoberhäupter sind allerdings durchaus nichts Ungewöhnliches. And) General Hippolyte, welcher seit dem 15. Mai des Vorjahres als Präsident den 600 Quadrat großen Staat und dessen 960,000 schwarze Unterthanen beherrscht, hat bereits verschiedene „Anfechtungen" seitens seiner politischen Gegner zu erfahren gehabt und, offenbar wenig geneigt, da? Schicksal seiner unglücklichen AmtSvorgäuger zu thellcn, griff er zu einem schrecklichen Radikalmittel, durch welches er fein wankendes Regime zu festigen hofft. Den Mafseneinkerkerungen folgte eine MassenhiUrichtung. Die Henker und dieExekutionSpelotonS arbeiten offenbar dem Wiitherich viel zu langsam und so wählte er die Gatling- Mitrailleuse als Hinrichtungsinstrument. Diese Schnellfenerkanone ist eine Kugelspritze und vermag bei rascher Umdrehung der Geschoßtrommel 40 bis 60 Schliß in der Minute abrugeben. Dank dieser Feuergeschwindigkeit mußte die Blutarbeit in einem Nu geschehen sein. Achtzig Menschen sind dem Wiitherich zum Opfer gefallen und es dürste dieser gräßliche Act, wie bei allen haitischen Staatsumwälzungen, nur die grauenvolle Ouvertüre zu weiteren Älutthaten bilden. — Ein Geistlicher des am 8. Juni von Haiti in New-Aork angekommenen Dampfers „Orange Nassau" berichtet, daß Präsident Hippolyte persönlich in viele Häuser ging und Haussuchungen vornahm, so u. A. auch bet einem wohlhabenden und angesehenen Kaufmann Namens Ernest Rigiiana. Da er bei demselben nicht der freundlichsten Aufnahme begegnete, so lieft er ihn, obwohl sich keine Waffen bei ihm sanden, verhaften und im Morgengrauen des nächsten Tages erfdjieften. Der Neffe Rignana's, welcher sich am Tage darauf die Freiheit heransnahm, fid) nach dem Grunde für die summarische Hinrichtung seines Onkels zu erkundigen, wurde cbeirfallS verhaftet und hin- gerichtet.
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Vermischtes.
* Nom Tage. Großes Aussehen erregt in Stockholm die Mittheilung des Professors Noffander von der dortigen Akademie, es sei ihm gelungen, vier flrebslelbeiibe durch Einspritzung von Lymphe zu heilen; zweien von den Patienten seien Einspritzungen in die Brust, den beiden anderen in das Gesicht gemacht worden.
Die Strafkammer in Eisenach verurtheilte den Pfarrer ))r. jRafd)te aus Mihla wegen Unterschlagung von Kirchengel d e r n zu drei Jahren Gefängniß.
