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Verlag: Langgasse 547.
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Schöffengerichts wegen unbefugter Einnahme einer festen Handclsstelle tnt Lustgarten zu verantworten. Da der von der sehr schwerhörigen Angeklagten vorgebrachte Grund der Unmöglichkeit, sich fortwährend auf den Beinen zu halten, weshalb sie sich oft stundenlang medersctzen muffe, kein Strafausschließungsgrund ist, mußte sie der Gerichtshof verurtheilen. Die Strafe lautete auf 1 Mk. bezw. einen Tag Haft. Damit die Aermste aber nicht zu fitzen braucht, ließ ihr, wie die „Nat.-Ztg. berichtet, der Vorsitzende durch den Gerichtsdiener den Betrag der Strafe überreichen. Die beiden Schöffen wollten aber nicht hinter ihrem Richter-Collegcn zurückbleiben, ein Jeder von ihnen legte seinen Theil dazu, und so schied die Greisin, reich beschenkt, mit frohem Sinn und dankbarem Herzen aus dem Gerichtssaal.
* Ein „Musterknabe" gesucht. Eine reiche englisch- Dame, die auf dem Lande wohnt, schrieb an eine Verwandte in London, die ebenfalls reich, Wittwe und dabei noch jung und liebenswürdig ist, sie möchte doch in der Stadt nach einem Hauslehrer für ihre beiden Söhne sich umsehen. Der Erzieher müsse in den meisten Fächern vollständig bewandert und dabei musikalisch sein. Er müsse gut zeichnen, reiten, fechten und schwimmen können, ernst, aber doch freundlich sein, bescheiden, aber nicht schüchtern, klug, aber nicht eingebildet, anspruchslos und doch würdevoll. Außerdem müsse er aus guter Familie stammen, ein hübsches Gesicht, elegante Haltung und sonore Stimme haben, überhaupt verlange sie, daß er äußerlich und innerlich vollendeter Gentleman wäre. Dafür stände dem Betreffenden eine sehr angenehme und .dauernde Stellung in Aussicht. Nach einiger Zeit kam von London folgender Bries an: „Liebe Adelaide! Ich habe einen Hauslehrer, wie Du ihn verlangst, gesucht, bis jetzt aber noch nicht gefunden. Doch ich werde mich die Mühe nicht verdrießen lassen, noch ferner zu suchen. Sobald ich ihn gefunden habe, werde ich — Du kannst Dich darauf verlassen — ihn heirathcn. Deine Eleonore."
* Zur Entführung einer Weife-GeseUschast in der Türkei, worüber wir gestern telegraphisch berichteten, wird aus Constantinopcl das Weitere gemeldet: Die Entgleisung des hier abgegangenen Exprcßzuges, den die Stangen'sche Reisegesellschaft benutzte, erfolgte bei Kilometer 116. Locomotive, Tender, Gepäckwagen und mehrere Waggons stürzten um. Dreißig Räuber, von einem Griechen geführt, rissen die Schienen auf; Bahnwächter und Passanten wurden, um eine Warnung zu verhindern, festgenoninien. Durch den Unfall wurden nur mehrere leichte Verletzungen herbeigeführt. Ein Reisender wurde durch eine« Flintenschuß schwer verwundet. Zur Empfangnahme des Lösegeldes trat der frei- gelassene Bankier Israel heute (Montag) Nachmittag 3 Uhr hier ein. Der Botschafter Radowitz that sofort beim Sultan und der hohen Pforte die nöthigen Schritte, um in erster Linie das Leben der Gefangenen zu sichern und sand hierbei eifrigstes Entgegenkommen. Israel wird mit dem Lösegeld nach Kirk-Kilisse, dem von den Briganten zur Empfangnahme desselben bestimmten Orte reisen. Die Räuber sind Griechen und keine Muhamcdaner. Die Station Tscherkesköi, welche wohl gemeint ist, liegt 130 Kilometer von Constantinopel entfernt. Wahrscheinlich handelt es sich um den Zug, welcher 7 Uhr 20 Minuten Abends Constantinopel, verläßt und um 4 Uhr 18 Minuten Vormittags in Adrianopel eintrifft. Vor Tscherkesköi liegt das Hochplateau von Sirekli, ein welliges, mit Strauchholz dicht bewachsenes Hügelland, welches die Wasserscheide zwischen dem Schwarzen und dem Marmara Meer bildet, weiches an einzelnen Punkten vom Zuge aus sichtbar ist. Dieses unwirthliche Gebiet, wo hauptsächlich die Holzkohle für Constantinopel gewonnen wird, scheint der Schauplatz des unerhörten Vorganges gewesen zu teilt, welcher hoffentlich oer türkischen Regierung Anlaß zu den energischsten Anstrengungen zur vollständigen Unterdrückung des Ränberwesens geben wird.
* Im Kampf tim den Tod. Ein Schmiedelehrling in Maulbronn war vor einiger Zeit seines Lebens überdrüssig geworden; er wollte deshalb demselben dadurch ein Ende machen, daß er in den „Tiefen See" sprang. Mitleidig kamen ihm einige Leute zu Hilfe und wollten ihn mit Stangen herausfischen. Der Todescandidat meinte es aber ernst und stieß energisch alle Rettungsmittel von sich. Im Aerger hierüber rief endlich der Straßenwart, der sich vergeblich bemühte, den Jungen zum Halten an einer Stange zu bewegen: „Wenn Du. Dich jetzt nicht bebst, dann schlage ich Dich'todt!" Und siehe, aus Augst vor dem „Todt- geschlageu werden" ergriff der Todesmulhige die rettende Stange und wurde glücklich aus Land gebracht.
* Klcifrcsscnde Infekten. Im Anschluß an die kürzlich gebrachte Mittheilung theilt ein Leser der „Tägl. Rdsch." derselben mit, daß nach Deckung des Kreuzgangdaches vom Dom zu Naumburg a. S. die aus .Bleiplatten hergestellle Dachfläche in unerklärlicher Weise durchlöchert wurde. Da die Durchbohrung nach der Lerlöthung sich an den gleichen Stellen immer wieder vorsand, wurde durch Unteriuchung der unter den Bleiplatten liegenden Holzschalung festgestellt, daß der im Holze arbeitende Wurm auch die ausliegende Bleiplatte mit durchbohrte. Die Bohrlöcher hatten etwa 4 Millimeter Durchmesser. Es ist die Mittheilung demnach als vollkommen glaubwürdig (tz D. 9t.) zu erachten.
* tUcbrr Blitzschäden an Kord von Schissen auf Ke, bringe die Verhandlungen der „Gesellschaft für Erdlunde" zu Berlin folgende demerkenswerthe Mittbeilungem Wenn man bedenkt, daß bei Gewitter. auf See ein Schiff meistens auf weiter Runde der einzige hervorragende Gegenstand ist, so sollte man annehmen, das dasselbe bei jedem Gewitter, das in die Nähe kommt, vom Blitze getroffen werden müßte. Das häufige Vorkommen des Elmsfeuers, am Lande eine seltene, auf See aber eine ganz gewöhnliche Erscheinung, zeigt, daß die Takelung des Schiffes sehr oft als Leiter der Elektrizität In Wirksamkeit tritt. Trotzdem treffen heftige Entladungen, die sich als Blitze zeigen, auffällig selten. Nach einer den „Annalen der Hvdrographie 1891, No. 1" gebrachten Zusammenstellung von Berichten über Blitzschäden, die sich auf einen Zeitraum von 11 Jahren
bliebt eraiebt sich, daß im Mittel während eines Jahres von 140 Schtffen. mr e tzs Blitzschaden erlitt, wobei in den meinen Fallen der angertchte e Schaden auch nur unbedeutend war. Von einem durch den Blitz t- standenen Brandschaden ist in den Berichten nirgends die Rede. Freilich ist die Möglichkeit nicht ausznschließen, daß unter ben
sich eins oder das andere befunden haben mag, das infolge eines durch Blitzentzündung verursachten Feuers untergegangen ist.
* Schlecht belohnte Gaftfrenndschaft. Man schreibt der Köln. Zta." aus Smyrna: Wer hier im Innern refft, muß oft bei dem Mangel an Gasthäusern die Gastfreundschaft der Einheimischen tn Anspruch nehmen. Diese wird beim auch m reichlichstem Matze geubr. Alles, was ber Gastgeber auftreiben kann, steht zur Verfügung des Gastes. Diese eble Sitte des Landes wurde bisher. leiten mißbraucht einem Dorfe in der Nähe von Alascheir ereignete sich nun turzltch das Gegenthetl. Ein reicher Muselmann bewirthete daselbst vier Bewohner eines benachbarten Dorfes und gewährte ihnen nach beendigtem Mahle die übliche Nachtherberge. Noch vor dem Schlafengehen der Gaste erschien der Sohn des Hauses, dem von seinem Vater anempfohleii wurde, sich ben nächsten Morgen ja recht früh auf den Weg zu machen, um eine gewisse Geldsumme in ein naheliegendes Dors zu bringen. Bel Tagesanbruch begab sich ber junge Mann mit seinem Gelbschatze auf den Weg. Olivas spater verließen auch die Gäste bas Hans, nachdem sie dem braven Gastwirth für ferne Freundschaft herzlich gedankt. Sie folgten dem Sohne ihres Wirthes und holten ihn bald ein. Gegen Abend sah der alte Muselmann zu seinem Erstaunen, daß feine vier Gäste als Gefangene von einigen Eoldit^ (Wächtern) der Tabakregie vorbeigefchleppt wurden. Er hielt die Truppe an und versicherte, daß hier ein Jrrthnm vorliegen muffe; denn noch gestern seien die vier Männer bei ihm gewesen und schienen tn jeher Beziehung ordentliche Leute zu sein. Die Coldjis erzählten ihm aber, daß sie ihre Gefangenen nach geschmuggeltem Tabak gefragt bähen unb deren Säcke untersuchen wollten. Tabak hätten sie dabei allerdings keinen entdeckt, dafür aber einen Gegenstand, der die Festnahme zu rechtfertigen schien. Damit holten sie aus einem Sack einen Kopf heraus, m dem der Gastgeber den seines Sohnes erkannte. Die Mörder hatten den Leichnam ihres Opfers in ein Feld geworfen und wollten ben Kopf weit davon wegtragen, um bie Polizei irre zu führen.
* Dir Presse in Konstantinopel behandelt eine Skizze ber „N. Zürch. Ztg.", aus ber das Folgenbe Herausgehoben ist. Im Ganzen sind jetzt 50 Zeitungen in ber lürkischen Hanptstabt verlegt; von diesenerscheinen 19 in türkischer, 6 in französischer, 1 in italienischer, 2 in hebräischer Sprache; außer ihnen fließt es armenische, bulgarische, arabische, persische Blätter. Von bie,"en Zeitungen erscheinen 19 täglich, 3 wöchentlich drei Rial, 2 wöchentlich zwei Mal, 17 wöchentlich ein Mal, 3 monatlich zwei Mal und 6 monatlich em Mal. 30 Blätter, d. h. unter anderen die meisten ber täglich erscheinenden, beschäftigen sich mit beinahe farbloser Politik und mit Nationalökonomie, 3 ausschließlich mit Industrie, Handel und Gewerbe als Organe der Handelskammern, 9 mit Religion, Kunst und Wissenschaft, 2 machen Witze, 6 sind Fachblätter für Militär, Justiz, Medizin n. s. w. Die Zahl der türkischen Zeitungen ist freilich noch schwankender, als die der abendländischen. Häufig tauchen neue Blätter wie Kometen auf, um größtentheils nach kurzer oder längerer Zeit nutz- und spurlos zu verschwinden; andere wieder, welche seit einer Reihe von Jahren bestanden, werden plötzlich nhtcrbrütft, weil sie ber Regierung mißfielen, unb noch andere, Organe hochgestellter Personen, werden durch deren Sturz lebensunfähig. Die große Zahl aber, welche sich durch lange Jahre hindurch eine fchönc Abonnenten-Nummer gesichert hat, geht schlicht unb recht ihres Weges, giebt weder der Regierung noch dem Publikum Anlaß zu Klagest, streicht Ersterer bei jede: Gelegenheit Butter und Hoiiig auf's Brod unb bringt Letzterem bie täglichen Telegramme unb aus europäischen Zeitungen übersetzte Auszüge der allgemeinen Sage, nicht ohne auch diese Mittheilnngeu auf das Unschuldigste zu beschränken. Eine politische Opposition, welche die Oeffentlichkeit auf dem Wege durch bie Presse sucht unb findet, ist in Konstantinopel undenkbar. Verliert ein Blatt die erlaubte Farbe, so verliert es damit gleichzeitig das Recht zu erscheinen. Ans alledem ergießt sich, daß die Presse Konstantinopels nicht etwa als Spiegel ber Zeit betrachtet werden kann und daß sie keinen ober doch nur mangelhaften Ausschluß bietet über moderne türkische Ciiltur unb Politik. — Vom 20. September bis Enbe November 1890 kam am golbencn Horn auch eine deutsche Zeitung unter dem Titel „Osmanische Post" heraus. Fast scheint cs, als habe dieses Blatt vorwiegend dazu gedient, die Komik der Druckfehler zu üben, welche griechischen Setzern tn deutschem Texte mir zu leicht unb zu oft unterlaufen. Hier sind einzelne Beispiele: Die junge Dame erregte wegen ihres seltenen Schmutzes (Schmuckes) allgemeine Aufmerksamkeit. — Bei einem zu Ehren Seiner Majestät veranstalteten Gartenfeste verliehen Taufende von Lumpen (Lampen) dem Gartenfest ein besonderes Aussehen. — Die Aetiengesellschast X. . . tl)eilte mit, daß nachdem die Aktionäre die erste Rate eingezahlt haben, oer Rest des Betruges (Betrages) demnächst erhoben wird. — Der Männerchor-Gesangverem hat den Verstand (Vorstand) verloren. — Gleich nach Beginn der Sitzung wurden sämmtliche Mitglieder beerdigt checidigt). — Die Mehrzahl der Mitglieder war für unbedingte Freßfreiheit (Preßfreiheit) u. s. f.
* Kmnoristisches. Der alte Bekannte. Gast: „Höret Se emol, Wirth, bas junge Hahnle, das ich mir da bestellt hab', ischt o guter alter Bekannter von mir." Wirth: „So, wieso denn?" Gast: „Ja wisset Se, schon im vorigen Jahr hab' ich fein Enkele bei Jbne geffe." — Ein kleiner Junge erhielt von seinem Lehrer eine Vor- Ichrift mit dem bekannten Reime: „Geh' treu unb redlich durch die Welt, das ist das beste Reisegeld." Der Schüler war ein Philosoph, und einer Erleuchtung folgend, schrieb er: „Geh' treu und redlich durch die Welt, das Beste ist das Reisegeld."
