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Mresbaderrrv Tagblatt.
No. 119
Verzweifelt lauschte der arme Gefangene diesen seuriq^ Worten. „Schweig, martere mich nicht längerI" rief er plötzlich den langen schlanken Hals hilflos zur Erde neigend. „Warum lockst Du mich mit unmöglichen Vorspiegelungen! Warum machst Du mir die Sklaverei noch schwerer, als sie ohnehin ist! Glaubst Du, ich wüßte selbst nicht längst Alles, was Du mir da so be- geistert vorzwitscherst? — Goti weiß, wie das Verlangen nach dem unbekannten Land meiner Träume mir längst jede Lust am Leben geraubt hat. Aber was nützen Träume, was nützt die heißeste Sehnsucht gegen die rohe Wirklichkeit! Wie kann ich hilfloser elender Knecht nach Freiheit trachten! Die klugen Wärter haben dafür gesorgt, daß ich derlei aufrührerisches Beginnen hübsch sein lassen muß! VJiit meinen armen gestutzten Flügeln komme ich nicht einmal über das hohe Gitter hinüber, geschweige denn über das ferne endlose Meer. — Mein Schicksal ist nicht mehr zu ändern! Hier bin ich zur Welt gekommen, hier muß ich wohl das Ende geduldig erwarten! Wozu mich also mit unmöglichen Wünschen quälen! Wenn Du mich lieb hast, gute, kleine Schwalbe, so zwitschere mir nicht mehr von Fortfliegen und Freiheit, sondern bleibe hübsch ruhig bei mir und hilf mir die unvermeidliche Last der Sklaverei weiter tragen!"
Doch die kleine Schwalbe war eigensinnig wie alle Weibchen und wollte sich nicht für besiegt erklären. Mit unendlicher Geduld tröstete sie Tag für Tag den armen melancholischen Flamingo und goß immer neue Hoffnung, immer stärkeren Muth tu seir wundes Vogelherz!
„Dein gestutzter Flügel wird wieder wachsen, wie der mein, wieder geheilt worden ist, süßer Freund," rief sie frohen Muthes „nur noch ein paar Monate, ein paar Wochen Geduld! — Nur ein wenig Vorsicht und Verstellung. Laß die Wärter ja nicht merken, daß Deine schönen, rothcu Federn täglich länger und stärker werden! Bald, bald werden sie Dich über dieses elende Gitter Hinwegtragen können. Ich will Dir schon den Weg nach dem Süden weisen und Dir die stillsten und sichersten Ruhe- Plätzchen zeigen. Glaube mir, mein edler Flamingo, noch ehe hier der erste Schnee vom Himmel herunterfällt, sind wir schon in. dem schönen sonnigen Land Deiner Träume unter Deinesgleichen! Dann, geliebter Freund, vergiß nur mich nicht, mich, Deine unscheinbare, treue Gefährtin aus der schlimmen Zeit bei Sklaverei!"
bind der Tag kam wirklich, wo die kleine Schwalbe Recht behielt, und der stolze einsame Flamingo mit einem jubelnden Siegesruf sich in die Lüfte schwang! Mit erstaunten, ja entsetzten Gesichtern und weit aufgerissenen Schnäbeln sahen die dicken Enteriche und die watschligen Gänse, wie ihr einstmaliger Genosse immer höher und höher über ihren Köpfen schwebte.
„Seht, seht den Frechen! den Uebermüthigen! den Undankbaren!" So rief und quakte und schnatterte und gluckste das ganze empörte Geflügel immer lauter und lauter, bis endlich die beiden Wärter des Teiches durch den Lärm aufmerksam wurden und herbeiliefen, um die Ursache des fürchterlichen Geschreies zu erfahren.
„Herr Gott! Da ist ja unser schöner Flamingo fortgeflogen," rief wüthend der Oberaufseher seinem Gehilfen zu, „daran bist Du Schuld, Du dummer Junge. Du hast ihm dies Jahr die Flügel nicht gestutzt, und nun haben wir die Früchte Deiner Unachtsamkeit! Das wird ein schöner Tanz bei der Revision werden!"
„Wer hält's dem tückischen Vogel zugetraut!" stotterte der junge Gehilfe halb ärgerlich, halb verlegen. „Man hat ihn ja gar nicht zu sehen gekriegt und nun — 's ist zu ärgerlich! Wissen Sie was, Herr Schulze? — Ich jage ihm eine Kugel in den Leib. So können wir sagen, er sei eines natürlichen Todes gestorben. Besser todt, als davon geflogen! — Ich will mau rasch die Flinte holen!"
„Nein, nein!" rief der alte Wärter feierlich. „Laß ihn ruhig fliegen, Junge! Sich nur, wie stolz er in der blauen Luft herumschwimmt, wie prächtig seine rothen Flügel glänzen! So ein schöner, stolzer Flamingo gehört nun einmal nicht in dies feuchte Loch unter das alberne Gänsevolk. Mag er nur fliegen, wohin ihn fein Herz zieht — zur Freiheit, zur Sonne! Das ist sein gutes Recht! Er hat's von Gott erhalten und wir Menschen dürfen es ihm nicht öeuummetnl
Ei über das weite Meer gebracht und hier an diesen Ufern von einer ganz gewöhnlichen grauen Gänsemutter ausgebrütet und auferzogeu worden. Nie hatte er etwas Anderes gesehen, als diesen gitternmfriedeteu Teich und dessen stumpfsinnige, gefräßige Bewohner. Warum verzehrte sich denn seine schmerzende Vogelbrust nach etwas Anderem, Unbekanntem, nach Freiheit und nach einer würdigeren Gesellschaft! — Der arme einsame Flamingo hätte selbst nicht recht sagen können, wonach eigentlich seine Seele verlangte; doch litt er schwer unter dieser unbegreiflichen Sehnsucht und wurde täglich melancholischer und einsamer. Verächtlich ging er den Wärtern wie den andern Vögeln aus dem Wege, und kein Znckerwerk konnte ihn jemals bewegen, eine rohe, unsaubere Menschenhand mit seinem zarten goldigen Schnabel zu berühren.
Eines schönen Tages — die Blätter fingen bereits an, ftdi herbstlich roth zu färben — fiel plötzlich eine schwer verwundete Schwalbe mitten unter die Bewohner des großen Teiches. Das hübsche schwarzblaue Geschöpfchen hatte sich in die Telephondrühte verstrickt und dabei eines seiner zarten spitzen Flügelchen so arg beschädigt, daß es nun unmöglich feinen nach dem Süden entfliegenden Schwestern folgen konnte. Traurig lag es auf dem gelben Sande der kleinen Insel und zirpte leise jämmerliche Laute, das feine, glänzend schwarze Köpfchen schmerzlich zur Seite neigend.
Neugierig versammelten sich die verschiedenen Wasservögel um das winzige, vom Himmel herunter geschneite Ding und musterten cs mit wenig wohlwollenden Blicken. Ja ein besonders boshafter oder besonders gefräßiger Storch öffnete bereits seinen langen rothen Schnabel, um das arme Vögelchen zu vorschlingen, als der einsame Flamingo das jammervolle Zirpen der Verwundeten bette und hinzuhüpfte, um zu erfahren, um was es sich handele. Die hübsche todtesmatte Schwalbe gefiel dem stolzen Vogel. Sie erregte sein Mitgefühl so heftig, daß er entschlossen die korallenfarbigen Flügel über der Hilflosen ausbreitete und mit lauter Entrüstung erklärte, daß der Erste, der der kleinen Kranken nur ein Federchen zu krümmen wagte, es mit ihm zu Ihun bekäme! — Das genügte, um die elende feige Bande schleunigst in die Flucht zu jagen, denn es war unter dem Wassergeflügel allgemein bekannt, daß der krumme Schnabel und die scharfen Krallen des Einsamen die tiefsten Wunden beizubringen int Stande waren, und daß es nicht gut sei, mit ihm Händel zu suchen. Im Nu war die ganze gefiederte Gesellschaft zerstoben, und der tapfere Beschützer konnte seinen kleinen kranken Schützling behrtt- fam in das warme Haus tragen, welches ihm als Winterquartier diente.
Die Güte des schönen Flamingo blieb nicht vergeblich und auch nicht unbelohnt. Die verwundete Schwalbe genas recht bald unter seiner sorgsamen Pflege und wurde ihm nicht nur zur ergebensten und treuesten, sondern auch zur unterhaltendsten Freundin. Von nun an wußte er nichts mehr von Einsamkeit und Langerweile. In zitternder Aufregung, in athemloser Aufmerksamkeit lauschte er den spannenden Erzählungen seiner kleinen Nestgenossin und konnte sich nicht satt hören an ihren Beschreibungen der fernen Gegenden dort im Süden, an den Ufern des Ganges, wo sie gleich anderen Wandervögeln die Winter zu verbringen pflegte.
„Da müßtest Du hin, mein schöner, edler Vogel," zwitscherte die kleine Schwalbe begeistert, „da ist es warm und prächtig, wie nirgends in der Welt. Reiner und Heller wölbt sich der blaue Himmel über die mit köstlicherem Grün bedeckte Erde! Goldiger und heißer glänzt die allbelebende Sonne über smaragdene Wälder und Wiesen! Märchenhafte bunte Blumen erfüllen die ewig milde Luft mit den köstlichsten Wohlgerüchen und schöne, edle, freie Geschöpfe fliegen, Hüpfen und schwimmen im Wald, Feld und Wasser umher! Da gehörst Du hin, mein sammetweicher, flaumiger Freund! Da habe ich Deinesgleichen gesehen. Prachtvolle, schneeig- weiße Vögel mit glänzenden, korallenrotheu Bruslsedern, welche Dich mit brüderlichem Flügelschlag empfangen werden. O glaube mir, mein schöner, stolzer, geliebter Flamingo, — bleibe nicht länger in diesem sumpfigen Gefängniß, zwischen dem neidisch- bummen eitlen Geflügel, das Dich' haßt, weil es Dich beneiden muß. Hier mußt Du vor Ekel und Sehnsucht vergehen, dort an den Usern deS heiligen Jnderflusses wartet Deiner daS neue, nie» gekannte Glück: die süße, goldene Freiheit!"
