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Stettag. 25. Dezember 1914.

Morgen - Busgabe.

Weihnachten im Heide

Ein Weihnachtserlaß und Weihnachtsgeschenke des Kronprinzen.

1|ß Br. Berlin, 24. Dez. (Gig. Droh (bericht. Ktr. Bin.)

einem Telegramm des Kriegsberichterstatters der !'«°ss. Ztg." ist für die Feiertage seitens der Heercs- ^stung besondere Aufmerksamkeit und B e- ^itschaft angcordnet Morden. Die Vorbereitungen wr die Weihnachtsfeiern sollen so getroffen werden, feJ nd l iche Überraschungen unmöglich überall in den Stellungen und Schützengräben mrd bereits Tannenbäume zu finden. Die Inten- "antur liefert den Truppenteilen für die Mannschaften Achter und Baumschmuck. Biel Freude hat folgender ^iaß des Kronprinzen unter den Mannschaften herdorgcrufen:

„Weihnachten in Frankreich! In engster Füh­lung mit dem Feinde! Solche Feier wird uns allen unvergeßlich bleiben! Dazu wünsche ich sämtlichen Angehörigen meiner tapferen Armee Gottes reichsten Segen, bis wir uns mit dem Sol­datenglück pflichtbewußter Streiter einen Frieden erkämpft haben, auf den wir und unser geliebtes Vaterland stolz sein werden. Wie mein Großvater, der Kronprinz Friedrich Wilhelm, Weihnachten 1870 seiner braven Armee, Euren Vätern und Großvätern, so sende ich j e d e m e i n z e l n e n Weiner treuen Mitkämpfer als bescheidene Erinne­rungsgabe an die gemeinsame Weihnachtsfeier in Deutschlands größter Zeit eine Tabakspferfc w i t m e i n e nr B i l d e.

gez. Wilhelm, Kronprinz des Deutschen Reiches.

Weihnachten 1914!

Von Pfarrer D. Gottfried Traub.

Wir hatten es uns voriges Mal, als wir die Kerzen Baum sahen, anders gedacht. Wir hoffen, daß Mr nächstes Mal auch wieder aus vollem Herzen feiern. Dieses Jahr kommt die Weihnachtsfreude zögernd. Md doch ist des Volkes Weihnachtsgeschenk unermeß- M groß: Wir sind bewahrt geblieben in Hof und Heim: wir erlitten mir an den Grenzen Not und

"rücken heute unseren Brüdern in Ost und West dop­est warm die Hand. Aber der deutsche Boden wahrt ^sie Grenzen und der listigste Anschlag der mächtigsten neinde ist heute schon zunichte geworden. Diese Weih- DWSgcche ist so gÄvaltig, daß sie in hellstem Lichte Mchlt. Dank, heißen Dank allen denen, die solchen >49 uns geschenkt. Dank, heißen Dank! Tausende Msten es heute gar nicht, daß 'es auch hätte anders wmmen können. Wir könnten heute auch so leben (Mssen wie die Belgier in der Fremde oder die Fran­ken auf zerstampftem Grund oder die Polen in iMen. Es kam nicht so. Wir sitzen in .der warmen Uube und sehen da und dort die Feier durch die Inster leuchten.

Doch kommt die Weihnachtsfreude zögern d. Feinde, Waffen, Geschütze, Schrapnells — sie passen nun einmal nicht unter den Baum, und mag man sie als Süßigkeit verzehren oder den Kindern als Spiel­zeug schenken. Widersinn-der Welt schleicht am Gaben­tisch vorbei und läßt sich nicht beruhigen. Freilich hattest du in „Friedenszeit" oft sehr wenig Menschlich­keit am Menschheitsfest des Friedens, , bewiesen. Klassen, Schichten, Stände richteten damals die Schran­ken auf, die heute nur die Völker trennen. _ Ich weiß, ehrlich gestanden, nicht, ob ich dem Kriege nicht danken soll, daß er uns im eigenen Land viel einheitlicheren Boden geschenkt und tausend Unterschiede weggewischt hat, so daß heute Weihnacht wirklich Volksseier, nicht nur Familienfeier zu sein braucht. Wahrhaftig! Das ist noch eine Gabe auf dem Tisch des Volkes, gar sel­ten und groß, und wir zittern heute schon darum, daß das Volk dieses Weihnachten nicht vergessen möge, wenn wieder „Frieden" geworden ist, daß es sich wieder spalte, zanke, raufe, neide. Nein, dieses Weihnachts- fest ist nicht so -schlimm, wie es ausisieht. __ «

Und doch ' liegt ein Schleier darüber. Viel Trauer löst sich an diesem Tag herb von dem Herzen, das den Kummer schon beinahe verwunden hatte. Nar­ben ..brechen auf. Plätze bleiben leer, liebe Plätze. Die Hand wird müde: wozu sich rüsten? Wozu feiern? Die Totenglocken klangen vertraulicher als die Weihnachts­glocken. Wir sehen das ein und wollen keine Worte darüber verlieren. Jetzt können und wollen wir nicht mit kluger Rede vereinigen, was sich Widerspricht, glätten, was sich zerreibt. Nur soll die Liebe wachsen gerade in diesen Tagen und das Volk dop­pelt bereit sein, in W ü r d e und schlichter K r a f t zu wissen, daß Sterne nicht sinken und das Licht nicht verlöscht und die Hoffnung unbesiegt bleibt. Vielleicht ,denken heute Tausende mehr über Weihnachten mach lals je zu Friedenszeiten! So kouunt es nicht umsonst, wenn wir mit bereit sind, jemand in diesen Tagen auf- mrichten und' zu stärken. Alles weitere wird sich klären, wenn , die .Zeit, erfüllet ist.

Der Rrieg.

Die Lage im Westen.

fortdauernde Gefechte zwischen der Maas und dem Krgonnerwalde.

Br.. Gens, 24. Dez. (Eig. Drahtbericht. Ktr. Bin.) Zwischen .der Maatz und dem Argonnecwalds dauern die. Jn- fanterie«.efechte fort, namentlich östlich Z n> i s Y und in der Nahe des Gehölzes von ForgeS und Bonn eitles. Der heftige Zusammenstoß bei. Boureillcs kostete den Fvcrnzojen außer empfinKic^m.Geländeverlust schwere Opfer an Toten. Verwundeten und Gefangenen als Folge des mit der größten Erbitterung geführten Minenkrieges.

Eine französische Derlnststatistik.

Kopenhagen, 2t. Dez. Rach einer in Paris erschienenen Statistik sind von den in diesem Kriege verwundeten französi­schen Soldaten 54 ■ Prozent geheilt zur Front zurückgekehrt,

Nachdruck »erbat!»

Stille Nacht.

Von Wilhelm Scharrelmanu.

Es hatte ben ganzen Tug geschneit, und in der Pickbalge, wo man nicht Raum genug hatte, den Mnee aus dem Wege zu schaffen, lag er zu zlvei hohen Sollen an den Häusern anfgeschichtet. Gin fußbreiter ■rW führte nunmehr dazwischen zu den Türen, und Mch immer sanken die weichen Flocken vom. Himmel )er of>, zogen allem Dunklen und Schmutzigen der engen

ein schimmerndes Feierkleid für das kommende S^ihnachtssest an und dämpften die Mräusche der ?wse zu der geheimnisvollen Stille, mit der das Fest der Unruhe der vergangenen Wochen seinen Gin- “ u 8 halten wollte. -

Bei Trina Websch hatte die Ladenklingel den gan- p 1 Tag kaum eine ruhige Minute gehabt, — denn an ^wem Tage im Jahre sah das alte Fräulein soviele psucher bei sich als am Tage vor Weih-nachten. In et Pickbalge und im Spiekersgang, in der Brücken- W St. Annenstraße brannten an diesem Tage wenige ^ume, deren Lichter flicht aus Trina Websch' Laden Nren. Selbst aus den vornehmen Häusern an der Mllstraße kamen dann Leute in das enge Gängovier- e ‘ heruntergestiegen und stapsten durch den Schnee M dem kleinen Laden in der Pickbalge. Gs war ein ssies Geschäft, und Trina Websch' Großvater hatte an pielbert Stelle und hinter demselben Tresen gestan-

!

M und Lichter verkauft. Mit den Jahren war dieser p>>den dann allmählich eine Rarität geworden, eine phenswürdigkeit. Darum achtete die Besitzerin auch DMich darauf, daß nichts geändert würde im Hause, pr nenmo-dische Einrichtungen, Gas, elektrisches Licht ^ ähnlichen „Zauber" hatte Trina Wöbsch keinen

Sinn. In ihrem Laden brannte noch eine Petroleum­lampe unter der Decke, und eine alte Messingwage, wie sie längst in keinem Geschäft mehr benutzt wurde, hiug mit dünner Kette an einsnr großen Balken unter der Ladendecke.

Da es bereits nach 8 Uhr und nicht zu erwarten war, daß noch Kunden kommen würden, konnte auch Trina Websch endlich daran gehen, ihren Baum zu schmücken. Denn trotzdem sie völlig allein stand und ihre Weihnachtsfrerrde mit nienwnd teilen konnte, ihren Tannenbaum mutzte sie.haben. Man wollte doch auch wissen, ldaß Weihnachten war.

Sic trat üi ihre Stube, die hinter >d«n Laden lag und mit diesem durch eine Glastür verbunden war, und ünachte sich an die Arbeit. Der Baum stand schon auf dem Tisch und hatte die Stube mit dem köstlichen Wohlgeruch seiner Nadeln erfüllt. Trina Websch wurde ganz weihnachtlich zumute. Aus dem alten braunge- strichenen Schrank, der die eine Ecke des Zimmers ein­nahm, kramte sie jetzt langsam und umständlich ein paar Pappschachteln heraus, in denen sie den Ehriflbaum- schmuck vergangener Jahre, säuberlich^ geordnet, be­wahrte. Vorsichtig öffnete sie die Schachteln, nahm ein Stück nach dem anderen mit spitzen Fingern aus der rosa Watte heraus und hing es in den kleinen Baum. Da waren Netze und. Ketten aus Goldpapier und kleine Engel aus Wachs mit Flügeln aus Seidan- goze und Flitter, Sachen, mit denen ihre Mutter ihr schon vor vielen Jahren den Baum geschmückt hatte, und von denen jedes Stück eine Erinnerung an ihre Kinderzeit wachrief. Vergoldete Nüsse waren darunter, die nie. verzehrt worden waren, und Sterne aus Pappe, die mit Goldfäden umwickelt waren. Körbchen und Tüten aus Buntpapier mit kleinen silbernen Sternchen beKebt.

Nr. 601. ♦ 62. Jahrgang.

24 Prozent sind Rekonvaleszenten, 17 Prozent noch in Be­handlung. Tot sind nur 3% Prozent, so daß dis Äerblich- keit geringer ist als in früheren Kriegen. Da die französische Heeresleitung sich gehütet hat, amtliche Verlustlisten heraus- zugeben, so entbehrt diese Statistik natürlich jeder Beioeis- kraft, da niemand in der Lage ist, sie auf ihre Richtigkeit zu kontrollieren.

Betrachtungen eines Franzosen über das neue Frankreich.

ü,l. Köln, 24. Dez. (Ktr. Bln.) Die „Köln. Ztg." meldet aus Zürich: Der bisherige Pariser Mitarbeiter der „Neuen Züricher Zeitung", ein Franzose, stellt interessante Betrach­tungen an über das neue Frankreich und erklärt, daß seit Kriegsbeginn die Unbeliebtheit der Parlamen­tarier und der Regierenden gewachsen sei. Die politische Zensur würde noch schärfer gehandhabt als die mili­tärische. Dazu kommt noch die Unzufriedenheit über eine. Reihe ungeschickter finanzieller Maßnahmen. Die Regierung kann ihre Autorität den Heerführern gegen- über nich- voll. aufrechterhalten imb ihre Maßnahmen stoßen auf Widerstand bei den Militärbehörden.

Zur Frage der Entsendung japanischer Truppen.

W. T.-B. London, 24. Dez. (Nichtamtlich) _ Das Reuter­bureau erfährt bezüglich der Berichte in französischen Blättern über die. Entsendung japanischer Truppen nach dem europäi­schen Kriegsschauplatz, daß diese Frage niemals erwogen worden sei, da ihr technische und finanzielle Schwier'.gkeilen im Weg stehen. Japan befinde sich jedoch, noch immer tnt Kriege und setzt sein Zusammenschen mit den Berbüwdeten fort. Es zwÄselt nicht an dem schließlichcn für die Verbünde­ten günstigen Ausgang des Krieges.

Englands Fürsorge für die Hinterbliebenen der Gefallenen.

TU. London, 23. Dez. (Ktr. Bin.) Großes Mitzbe» h a g e n in den Kreisen der Angehörigen der auf den franzö­sischen Schlachtfeldern gefallenen englischen Soldaten erregt eine Entscheidung, der zufolge nur die Frauen der gefallenen Soldaten Pension beziehen sollen. Verschiedene Mütter be­schweren sich darüber, daß ihre Söhne, die ihre einzige Unter­stützung wären, gefallen sind, und daß seit bereut Tode die Staatsunterftütznng ausbleibt.

Der SchKdsn in Scarborongh.

W. T.-B. London, 24. Dez. (Nichtamtlich.) , Das Rewtev- pureau meldet: Der Premiermsiüster richtete an den Bürger­meister von Scarborough einen Brief, in dem er mitteilt, daß die. englische Regierung jeden Schaden, der durch den An­griff der Deutschen auf die OMiste angerichtet wurde, «ms ihre Rechnung nehme.

Von den östlichen ttriegsschauplätzen.

Ein englischer Bericht über die Lage im Osten.

TU. Christiania, 24. Dez. Der Berichterstatter der „Daily Mail" ln Petersburg meldet: Bor einigen WochM griffen die deutschen und öfterreichisch-ungarischen Truppen von drei S e i t e n die Russen an. Jetzt sind sie nur imstande, den An­griff von einer Seite sortzusetzen, denn die Stellungen der Russen sind bedeutend verbesiert. Der Großfürst Nikolaus Nikolcrjswitsch hat dem Prokurator des heiligen Synods ein Telegramm gesandtz worin er seine Überzeugung aus- jpricht, daß die russischen Heere den Feind bald zu vollständi-

Lächelnd wie ein Krstd, das eine Schachtel mit Spiel­

sachen geöffnet hat, stand Trina Websch.'da, das schon ergrauende Haar schlicht Mer die Stirn gescheitelt, die breite goldene Brosche, die ihre Mutter bereits getragen, Nur Feier des Abends an den mit weißer Rüsche ge­zierten Halsausschnitt des grauen Kleildes gesteckt, und lächelte in gelassener Freude.

Nun fehlten nur die Lichter uoch, und sie ging in den Laden hinWer, um sich eine Schachtel zu holen, als noch einmal die Haustür geöffnet wurde und unter den: rasselnden Gebimmel der alten Türglocke ein Junge von etwa 10 'Jahren über die Schwelle trat, schmutzig und zerrissen im Zeuge, barhäuptig und die frierenden .Hände in wen Hosentaschen .vergraben. „Na, Emil?" fragte Trina, den Jungen musternd, der einen seltsam verstörten Eindruck machte und keine Worte finden konnte.

„Sie — Sie — sollten mal eben — zur Mutter 'rüberkommen!" stotterte er schfi-eßlich. „So?" sagte Trina Websch, im ersten Augenblick ein wenig erstaunt. Aber sie besann sich nicht lange. Ihren Tannenbaum tonnte sie auch nachher noch ausputzen.

„Na, is gut, ich komm' gleich", setzte sie hinzu, und' giM in ihre StMe zurück, um sich das große, rot­karierte, wollene Tuch Mer die Schulter zu schlagen, das ihr bei allen Ausgängen statt eines Mantels diente. Sorgfältig verschloß sie darauf ihre Hausttir und schob den alten Hausschlüssel, der lang und sclKver wie eine kleine Pistöle war, in ihre Tasche und folgte dem Jungen in das Mchbarhaus. wo die Familie Budelmann wohnte. Es war eine heillose Wirfichast darin. Die Kinder — es gab bereits vier kleine Budelmänner im Hause — standen mit verstörten Ge­sichtern auf dem Hausflur, der allein durch die au8 der StMe scheinende Petro.leumlampL erleuchtet wm-d«