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Mirsbade«er Taglklsttt
Uo. 1ü2
zügliche.
Sch. v; B.
Kunst, Wissenschaft, Literatur.
* Königliche Zchauspiele. Donnerstag. „Die zärtlichen Verwandten," Lustspiel in 3 Aufzügen von Roderich Bcncdix. Irmgard: Frl. Ulrich, vom Wallnerthcater in Berlin, als Gast. — Dein Wackern Sir Roderich Bcncdix war es nicht gegeben, die Charaktere in seinen lustigen Stücken gründlich durchzuzcichuen. Man findet bei ihm fast nur Schabloncnfigurcn und der Schauspieler kommt zu dankbaren Rollen, die sich leicht spielen und ebenso leicht Beifall bringen. Auch die Rolle der Irmgard in genanntem Stück, welche im vergangenen Jahre noch Frs. H aale mit Humor und Geschick verkörperte, stellt keine hohen Anforderungen an ihre Darstellerin. Der Charakter, eine kokette, mannskolle, alte Jungfer, ist von vorne herein gegeben, er entwickelt sich nicht erst mit der Handlung, und die Rolle ist eigentlich nichts weiter, als eine ausgedehnte Episodenrolle. Wird die Zeichnung von vorne herein gut angelegt, d. h., mit derben Strichen, ein wenig nach der Caricatur hin, umrissen, dann kann einer
erfahrenen Schauspielerin der Erfolg nicht ausbleibcn. Konnten wst aus vorerwähnten Gründen nun auch von einem schärferen Charakteri- sirungstalent unseres Gastes (Frl. Ulrich ist zum Ersatz der Frau Köth-Schäfer in Aussicht genommen) in dieser Rolle nichts bemerken, so trat uns die Dame doch als ein außerordentlich sichere und gewandte Schauspielerin von hübscher Erscheinung, guten Bewegungen und an. sprechenden Nüancen entgegen. Ihre etwas Helle Stimme, ihr ganze» Auftreten scheinen noch auf eine ehemalige Naive hinzudenten, auch dürfte sie mit dem Humor der Soubrette in nähere Berührnnx gekommen sein. Es war von allem etwas, was sie als kokette alte Jungfer hier entfaltete, aber ihre Darbietung war doch ein ganz angenehmes Mixtum compositum; das Publikum erkannte das an und zeichnete sie durch öfteren, lebhaften Beifall ans. Wir glauben wohl, daß die Dame mit dem Rollenfach der komischen Alten, wenn diese Alten »ich! gar zu alt sein müssen, vortrefflich sich abfindet, ob es ihr aber gegeben ist, Rollen älterer Salondamen und würdiger Mütter, die ihr hier blühen würden, mustergiltig zu spielen, das ist eine andere Frage. Daß Frl. Ulrich beim Publikum des Wallner-Theaters beliebt war, bezweifelten wir nach dieser ersten Probe nicht, und wenn sic sich als genügend vielseitig für hier bewährt, kann man ihr Engagement nur gut heißen. Daß sic übrigens in Bezug auf künstlerische Qualitäten sich sehr von der vorigen Debütantin, dem Frl. Prcuß, unterschiede, könnte man bis jetzt nicht behaupten. Die übrige Rollen-Besetzung, die wir früher schon besprachen, bewährte sich wiederum als eine ganz vor-
Preustischsr Landtag.
Abgeordnetenhaus.
Sitzung vom 30. April.
Das Abgeordnetenhaus beendigte die Berathung des Bergwerks- Etats, wobei Frhr. v. Berlepsch die demnächstigc Reform bezw. Aufhebung der Bergwerksstcuer zusagt. — Das Haus beginnt alsdann die zweite Lesung des Justiz-EtaiS. — Abg. Biesenbach beklagt die
Deutscher Reichstag.
Sitzung vom 30. Avril.
In der Donnerstag-Sitznug wurde über eine Reihe Petitionen nnd den Handelsvertrag mit Marokko verhandelt. Die meisten Berichterstatter waren nicht zur Stelle, sondern ließen sich vertreten, ein Zeichen, daß den Gegenständen auch ans der Mitte des Hauses kein besonderes Gewicht beigelcgt wurde. Bei der Petition des „Mittelbadischen Bauern-Vcreins" klagt Liebermann-Sonnenberg (Antisemit) über die Zunahme des jüdischen Wuchers, namentlich in Baden und im Saargcbict. Er fordert die zwangsweise Auswanderung der Juden. Es entspann sich dann ein lebhaftes Rcde- gefecht zwischen ihm nnd den Herren Rickert nnd Stadthagen über den Wucher der Juden. Es-füllt bei solchen Judcndebattcn heutzutage sofort auf, daß ckgcntlich Niemand mehr davon besonders angezogen wird. Diese Angelegenheiten werden jetzt mit einer gewissen Gemächlichkeit behandelt, während sie früher die Köpfe mächtig erhitzten. Auch die Conservativen verhalten fick jetzt sehr ruhig und diplomatisch. Die Mehrzahl der Parteien wünscht offenbar überhaupt über die Judenfrage Nichts mehr zu hören. Neues pflegt in der That nicht vorgebracht zu werden. Dieser Stimmung gemäß verlief denn auch die von Herrn Liebermann, der sich einen Ord- nungsrnf zuzog, hcraufgeführte Judcudebatte ziemlich ruhig und interesselos. Das Hans war übrigens nicht beschlußfähig und die Tribünen waren fast gar nicht besetzt.
(?) Aus Nassau, 28. April. Daß die Bemühungen zur Hebung der nassainscheii Obstbaumzucht in den letzten Jahren von Erfolg gekrönt waren, möge aus folgender statistischen Zusammenstellung hervorgehen. ?omo-^eofl^9§beälrt Wiesbaden wurden im verflossenen Jahre geerntet: 12,8t>7,348 Kilogramm Aepfel, 2,197,469 Kilogramm Birnen, 863,876 Kilogramm Zwetschcn, 687,873 Kilogramm Kirschen, 37,022 Kilogramm Edel- jafta'lten, 171,326 Kilogramm Wallnüsse, 57,335 Kilogramm Tafeltrauben, 37,753 Kilogramm Mirabellen und Aprikosen. An Aepfeln haben die höchsten Erträge der Landkreis Wiesbaden und der Obertaunus- kels, an Birnen der Obertaunuskreis und der Kreis Westerburg, an Zwetschen der Oberlahnkreis und der Kreis Limburg, an Kirschen der Kreis St. Goarshausen und der Stadtkreis Frankfurt, an Edelkastanien der Landkreis Wiesbaden, an Nüssen der Kreis St. Goarshansen und der Landkreis Wiesbaden, au Tafeltrauben der Kreis St. Goarshausen und der Landkreis Frankfurt und an Mirabellen und Aprikosen der Kreis St. Goarshausen nnd der Obertaunuskreis zu verzeichnen.
(?) Aus dem Maingirn, 29. April. Die Imker haben einen schlimmen Winter überstanden. Fast die Hälfte der Völker ist weniger uitolge des harten Frostes, als vielmehr ans Futtermangel elend zu Grunde gegangen. Noch jetzt, da die Winter-Vorralhe längst aufgezehrt sind, muß der Bienenzüchter zur künstlichen Fütterung seine Zuflucht nehmen.
(?) Flörsheim 30. April. Auf welch unsolider Basis heutzutage mitunter Geschäfte gegründet werden, davon hier ein Beispiel. Kommt da vor einigen Wochen ein ganz junger Mann aus einem liuks- rheinischen Orte in der Nähe von Mainz hierher, miethet eine Wohnung, laßt em Ladenlocal entrichten, rüstet dasselbe auf das Comfortabelste mit Schreibmaterialien, Spiel- und Galantericwaarcn und bergt aus und stellt auch eine flotte Ladnerin ein. „Doch mit des Geschickes Mächten ist kein ew'ger Bund zu flechten" singt der Dichter - in der vorigen Woche erschien der Gerichtsvollzieher, pfändete und versteigerte den ganzen Waaren-Vorrath. Die Herrlichkeit ist nun zu Ende: sie hat kaum so lange gedauert, daß das prächtige Firmenschild genügend Zeit zum Trocknen gehabt hätte.
(?) An» dem Kreise Kochst a. M.. 1. Mai. Ein Milchhändler aus Unterliederbach, der 70-jährige P. Fischer, zog sich kürzlich an einer Dickwurzmühle eine unbedeutende Handverletzung zu. Die Wunde, welche anfänglich gar nicht beachtet wurde, verschlimmerte sich jedoch derart, daß die Hand nebst dem Unterarm amputirt werden mußte.
* Plains, 1. Mai. In Bezug aus das gemeldete Attentat zweier Offiziere des 87. Infanterie-Regiments in Mainz auf einen jungen Mann ist als beachtenswerth noch mitznthcilen, daß dem Uebcrfall eine Begegnung des Ueberfallenen mit den beiden Offizieren in dem Offiziers- casino voransgegangen ist. Die Offiziere, Lieutenant H. und Lieutenant L., von denen der eine bem_ jungen Manne, dem Sohne eines angesehenen Beamten, schon früher eine Forderung zum Duell zugeschickt, hatten ihn abermals in das Offizierscasino beschicken, woselbst sic die Forderung erneuerten, aber auch hier erklärte der junge Manu, daß er nicht gewillt sei, sich mit ihnen zu schlagen. Er soll sogar den betr. Offizier für nicht satisfactions- fähig erklärt haben. Der Ueberfall ist deshalb begreiflich, wenn auch nicht verzeihlich. Die Beleidigten haben sich eben von ihrem vielleicht nicht unberechtigten Zorn zu schwerer Gewaltthat hinrcißeu lassen.
— Lrhrerstrllr. Die Lchrcrstelle zu Michelbach, im Kreise Untcr- taunus, mit einem decretlichcn Gehalte von 1050 Mk., soll bis zum 1. Juli l. I. anderweitig besetzt werden. Anmcldnngcn für dieselbe sind bis zum 1. Juni l. I. durch die Herren Schulinspeetoren zu machen.
— Aus der Umgegend. Inder Nacht vom Samstag zum Sonntag erlegte Herr Forstmeister Nemnich aus Wiesbaden in dem Walddistricte „Dietzhölze" bei Dillenburg einen Auerhahn. Es war ein schöner schwerer Vogel im ungefähren Gewicht von 9 bis 10 Pfund. — In Dillenburg starb im 68. Lebensjahre der König!. Oberförster Hümmerich nach längerem Kranksein infolge eines Herzschlages. — Im Pfaffcnwies- bacher Gcmeindewald am Feld berg sind int Laufe des Monats in kurzer Aufeinanderfolge drei Wildkatzen gefangen bezw. geschossen worden. Zwei, in Fallen lebendig gefangene Exemplare, wurden dem zoologischen Garten zu Frankfurt a. M. übermittelt. — Die ersten englischen Kohlen wurden vorgestern (12,000 Centncr) durch einen Tauer bei Cobtenz vorbeigebracht. Die Kohlen sind für die Frankfurter Gasfabrik bestimmt.
* Gpee und Mnstk. Die Proben zu den diesjährigen Bayreuther Festspielen werden am 19. Juni, vier Wochen vor Beginn der Aufführungen, ihren Anfang nehmen. Die Karten-Bestcllunaen sind bei dem Verwaltungsrath in Bayreuth und bei den verschiedenen Verkanfs- stellen aus allen Ländern bereits so zahlreich eingelaufcn, daß' auf ausverkaufte Häuser zu rechnen ist.
* Personalien. Der Intendant des Dentschen Landestheaters in Prag, Pfeil, ist gestorben. — Fräulein Busch, die frühere Altistin am hiesigen Theater, ist auf die Dauer von fünf Jahren für das König!, Hoftheater in Kassel verpflichtet worden.
* Peischiedrne Mitthcilungru. Die jüngste Kirchenban-Lotterie hat dem Fonds für Restaurirung der Sebalduskirche in Nürnberg 100,000 Mk. zugeführt, da sämmtliche Loose verkauft waren. So erfreulich dieser Zuwachs des Fonds ist, so muß doch bemerkt werden, daß noch bedeutende Summen zur Durchführung des Rcstauratioiis-Projectes erforderlich find. — Die General-Jnrendantur der königlichen Schauspiele zu Berlin soll ihre Verpflichtungen gegen den außer Thätigkeit gesetzten Director des königlichen Schauspielhauses vr. Otto Devrient durch eine einmalige Abfindungssumme von 40,000 Mk. abgelöst haben. — Die Aristotelische Handschrift, welche jüngst, wie gemeldet, in London aufgefnnden wurde und die Philologen, wie die ganze gebildete Welt in so lebhafte Erregung versetzt hat, erscheint in ganz neuem Lichte durch eine Schrift Dr. Caner's, Privat-Docenten der Universität Tübingen, die vom Göschen'schcn Verlage in Stuttgart angeküudigt wird. Der Verfasser behauptet geradezu und tritt den wissenschaftlichen Beweis dafür an, daß die Schrift vom Staate der Athener kein Werk des Aristoteles sein kann.
