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Kerts 37

Verlag: xanggasse 27.

U». 72

.Der Präsident!

Vermischtes.

* Uom Tage. Auf der Leyden'schen Klinik in Berlin ist, wie die Allg. Med. Ceutralztg." erfährt, nutzer einem von Prof. Renvcrs erwähnten noch ein zweiter ^all von Diphthcritis erfolgreich mit kantharidinsaurem Kali behandelt worden.

Der, wie aemeldet, im Duell verwundete Assessor Ziegler in Heiligenstadt, der einzige hoffnungsvolle Sohn seines Vaters, ist den Verletzungen erlegen. Der Vater ist über den Verlust seines Sohnes trostlos. Der Thäter, Referendar Schnciderwirth, sitzt in Erfurt in Haft

* Amerika. Als der Präsident und Frau Harrison in Washington am Samstag mit Gästen beim Diner saßen, flogen plötzlich Steine durch das Fenster und ein Alami, nur mit Hosen, Hemd und Schuhen beklndet, versuchte durch das Fenster zu steigen, wobei er rief:Der Präsident! ich wünsche den Präsidenten zu sprechen!" In der Gesellschaft herrschte große Aufregung und die Diener bemächtigten sich des Rasenden, worauf derselbe, mit Handschellen versehen, von der schleunigst herbcigerufenen Polizei «bgeführt wurde. Der Störenfried war ein bekannter Athlet und Graduirter der Georgetown Universität, Harrh Martin, ein Stiefsohn des Senators Lance von Nord-Carolina. Der Mann hatte mehrere Tage lang getrunken und befand sich im Delirium. Er soll eine Beschwerde gegen den Präsidenten haben und hatte schon vorher, ehe er die Steine ins Fenster warf, versucht, in das Weiße Haus einzudringen, war aber von den Dienern zurückgcwicsen worden.

eignen würde. (T. R.)

* Serbien. In serbischen Kreisen Budapests wird versichert, die Königin Natalie besitze aus dem'Jahre 1883 einen Brief des Königs Milan, in dem er seiner damals im Bade weilenden Gemahlin davon Mittheilung macht, daß sich die Liberalen des Todes der Knicanin und H>elene Warkovics bedienen, um das bestehende System in unverantwort­licher und schamloser Weise zu verdächtigen. Ueberdies spricht Milan die Lermuthung aus, daß die Morde von den Liberalen selbst, m's Werk gesetzt worden seien. Die Königin soll Garaschanin in diesen Brief Milan's Einsicht gestattet haben. Aus Belgrad wird gemeldet, daß die Regentichaft Milan und Natalie einen Vertrag zur Unterschrift vorlegte, nach welchem beide bis zur Großjährigkeit des Königs Alexander nicht nach Serbien kommen dürfen. Vier Wochen alljährlich wird König Alexander bei seinem Vater und dann bei seiner Mutter verweilen. Nur bei schwerer Er­krankung des Königs darf ihn Milan besuchen. Diesen Vertrag.werden Milan und Natalie unterzeichnen und die Skupschtiua würde ihn bestätigen.

* Türkei. Es erregt in Konstantinopel einiges Aufsehen, daß der Sultan am Samstag nach langer Zeit wieder einmal die Umgebung des Palastes verlassen und eine Spazierfahrt nach den Süßen Wassern gemacht hat. Abdul Hamid war nämlich beim Großvczier unerwartet vorgefahren, um ihm zum Verluste seines ältesten, an der Schwindsucht verstorbenen Sohnes zu condoliren und ihn durch Mitnahme auf einer Spazierfahrt zu zerstreuen. Die politischen Zeichendeuter sehen hierin etwas ganz Besonderes.

* Afrika. Das PacketbootAva", welches aus Madagaskar in Marseille ein getroffen ist, meldet, Raindimiakaia, der Gouverneur von Rossimbe, der mehr als 200 Madagassen ermorden ließ, sei mit seinem Bruder an derselben Stelle, wo die früheren Mordthaten verübt waren, hin gerichtet worden.

Ausland.

* Frankreich. Der Journalist Vanoven, welcher sich durch Stellen I im Buche Drumont's,Antisemitisches Testament", beleidigt suhlte, I schlug sich mit Drumont und wurde an der Brust verwundet.

* Schweiz. Das Testament des Prinzen Jerome! glapoleon befindet sich in Genf bei den Notaren Theodor Audeond I nrd Maquemer; es ist datirt vom 25. Dezember 1889. Notar Audeond I ist einer der testamentarischen Executoren. Die Prinzen Ludwig und I Victor und ein Vertreter der italienischen Königsfamilie werden nächstens I jeingeladen werden, sich in Genf einzufinden, um der, Verlesung des j Testaments beizuwohnen. Die Versammlung der Familie wird wahr- I «scheinlich in Genf in den ersten Tagen des April stattfinden.

* Italien. Pietro Sbarbaro, der berühmteste Pamphletist Jta- I liens, Hai bas Gesängniß soeben verlassen, wo er nicht weniger als acht lange Jahre wegenVerleumdung" Härte sitzen müssen, wenn, ihm nicht I auf den Antrag des neuen Cabinets die Gnade des Königs die, Freiheit I zurückgegeben hätte. DemFranks. G.-A." wird darüber geschrieben: I Sbarvaro ist eine der originellsten Erscheinungen des modernen Italiens. I Er vereinigt in sich den ehrlichsten, lautersten Willen, die boshafteste Feder I und die größte Charakterschwäche. Seit 23 Jahren Professor der Rechte I an der Hochschule zu Modena, dann zu Pisa,, unternahm der für Menschen- ! toürbe und Volkswohl schwärmende Professor einen wüthcnden Feldzug I gegen die politische Corruption der hohen und höchsten Kreise einen I Feldzug, in welchem der heißblütige Ankläger leider gar bald zum unwissent­lichen Verleumder ward. Niemand war mehr vor der fürchterlichen Feder jSbarbaro'S sicher; mehrmals enthob die Regierung den Gefürchteten zwar seiner Stellung, aber seine Flugschriften und Blätter, besonders das Caudinische Joch" (forche caudine) und diepenna doro brachten ihm goldene Berge ein. Endlich sollte Sbarbaro der zweifellos außerordent­lich viel Gutes gewirkt hat und vor dem die ganze Affairistenwelt zitierte und bebte sein schneidiges Handwerk gelegt werden. Auf Antrag | des damaligen Unterrichtsministers, des bekannten Arztes Baeeelli, wurde der Pamphletist der allerdings auch von den Damen gewisser Minister, namentlich von Donna Magliani (die er mit Messalina verglichen) nicht viel Gutes gesagt hat der Verleumdung an- geklagt und zu der unerhörten und ungerechten Strafe von acht Jahren Kerker verurtheilt. Aus dieser Haft befreite ihn jedoch bald die Ab- ftimmung des Wahlkreises Pavia, der Sbarbaro zum Deputirten wählte. Run floh Sbarvaro nach der Schweiz, ließ sich aber durchein galantes Dämchen zum Ueberschreiten der italienischen Grenze verlocken, wo als Bauern verkleidete GenSdarmen den der Regiermm so unbequemen Jour­nalisten verhafteten. Daraus wurde Sbarbaro ins^-sesängniß nach Sassari (Sardinien) gebracht, wo er in drei Jahren.... vierzig Bände philo­sophischer und historischer Abhandlungen geschrieben hat! Das Cabinet Crispi wollte von einer Begnadigung Sbarbaro» nichts wissen; erst Rudini vollbrachte dies Werk der Humanität. Die Regierung hat nun dem Be­freiten Mittel zum Lebensunterhalt zur Verfügung gestellt. Der Professor, dessen treuem Weibe, Concerla, eigentlich das Haiiplverdienst an seiner Begnadigung gebührt, wird auf schweizerischem Boden eine juristische Revue herausgegeben. Allerdings wird es wohl nicht lange anstehen, bis Sbarbaro zu seiner alten Pamphletisten-Misnon, die außer ihm so meister­haft Niemand in Italien zu handhaben versteht, zurückkehren wird.

* Ketgien. DieChronique" theilt mit, der Könige habe nach seiner Rückkehr von London im Ministerrathe mitgetheilt, die Inangriffnahme

der Versassungsrevision sei unumgänglich »othwendig, und er sei bereit anaesichts der herrschendeil Agitation da? Secret über die Auf­lösung der Kammern zu erlassen - Das Journal de Bruxelles". hebt gegenüber demJournal des Debats' und der Tunes hervor, datz der Konaostaat in keiner Weise dem Berliner Vertrage znwiderhandle, den­selben vielmehr mit Opfern zur Ausführung bringe. Der Kongostaat sei der einzige Staat in Afrika, der mit bewanueter Hand gegen die Sklaven­händler auf dem Sankuru und Aruwhim, vorgehe und große Lagerplätze anlege, um den Sklavenhandel zu bekämpfen. Die, Expedition des Lieute­nants van de Kerchove habe den einigen Zweck, tm Norden von Basok- ein neues Bollwerk gegen die Sklaverei zu schaffen.

* Großbritannien. Ein Anhänger Partiell^ griff in Cork den antiparnellitischen Abgeordneten, Timothy Healy, in dessen Wohnung an und zerschlug ihm das Pmcenez; man befurchtet daß durch die erhaltenen Verletzungen Healy's Sehkrast gelitten, vielleicht zerstört ist.

* Rußland. Dieser Tage fanden, wie man aus Petersburg mit« theilt, auf Anregung eines deutschen Ingenieurs auf dem Artillerie-Polygon in der Nähe von Kolpino Versuchsschietzen gegen Schneewalle statt Es waren zwei Brustwehren erbaut, welche aus einer Entsernung von 600 Meter durch die Feld-Artillerie beschossen wurden. Die Geschoße drangen in die Wälle nur 18 Fuß tief ein. Im Ernstfälle würde man diese Wälle weniger breit Herstellen können, da.die Artillerie ]a ans be­deutend größerer Entfernung operiren würde. Es fand ferner vor Kurzem auch ein Jnfanterieschießen Wen Schneewälle statt Unter An­wesenheit des Chefs der 21. Jnfaiiterie-Division, General-Lieutenants I Graf Borch, hatten die Truppen des 81. Apscheroner Infanterie-Regiments einen Schneewall von etwa 50 Fuß Länge, 18 Fuß Breite und 41/» Fuß Höbe errichtet. Hinter dem Walle waren, in gleicher Entsernung von ein­ander, drei Scheiben mit einer und eine Scheibe mit sechs Figuren aus­gestellt- auf eine jede derselben wurden drei Salven abgeichossen, und zwar auf 800, 400, 200 und 100 Schritt. Die Durchschlagskraft der Geschosse durch den Wall war auf 100 Schritt 9 Fuß, auf 200 Schritt 5 Fuß 7 Zoll, auf 400 Schritt 4 Fuß 7 Zoll, auf 800 Schritt 4 Fuß. Daraus kann man ersehen, daß im Falle von Kriegsoperattoneu I imWiuter der Schnee sich vorzüglich als Deckungsmaterial für die Truppen

Tbeilnehmern sogar ein gastliches Quartier in seinem Regieruugsgebaude. Keiner Liebenswürdigkeit gelang es auch, die polnischen Gelehrten, welche -ine deutsche Versammlung in Posen vielleicht zuerst nicht ohne em ge­wisses Mißbehagen in dergroßpolnischen Hauptstadt" sahen, zu bestimmen, daß sie ihre Sammlungen zeigten, auch sich den Wanderveriammlungen nach Gnesen u. s. f den Ausgrabungen und den Debatten anschlossen. _

* Die Frage der zweijährigen Dienstzeit. Wie das Deutsche Tageblatt" ankündigt, läßt der durch seine, taktischen und historischen Werke in weitesten Kreisen bekannte General-Lieutenant z. D. v. Bogus­lawski in den nächsten Tagen im Verlag von Friedrich Luckhardt in Berlin eine Schrift veröffentlichen, wodurch er die Nothwendigkeit der zweijährigen Dienstzeit bei allen Waffengattungen mit Ausnahme der Kavallerie in Vorschlag bringt. Der Verfasser sucht nachzuweisen, daß Wir ohne diese Maßregel Frankreich gegenüber numerisch stets tn be­deutendem Nachtheil sein müssen, schildert die Mängel des Dispostttons- airlaiiberwesens und der Ersatzreserven Überzeugend und beurtheilt den bet her Fahne zurückbehallenen Rest des dritten Jahrganges nicht als eine Stütze, sondern als eine Gefahr für die Armee. Der Standpunkt des Verfassers ist ganz verschieden von dem der freifinnigen Partei, da er wgar einen höheren Präseiizstand als jetzt und sehr zahlreiche Ausgleich- maßregeln bei Einführung der zweijährigen Dienstzett für nothwendig erklärt.

* Korkin, 25. März. Obwohl formelle Verhandlungen über die Aufhebung des Einfuhr-Verbotes für amerikanisches Schweine­fleisch. osficiös bementirt werden, glauben unterrichtete Personen doch an eine baldige Aufhebung.

* Rundschau im Reiche. Es ist merkwürdig, wie vielerlei Gerüchte in und nach den Tagen der Prinzregenten-Feier in München überall colportirt wurden. Gerade das Unsinnigste fand die bereiteste Weiterverbreitung. So wurde u. 21. erzählt, König Otto sei gestorben, sein Tod werde aber verheimlicht, in der Residenz habe sich dieschwarze Fran" (ein Seitenstuck zurweißen Fran" in Berlin) gezeigt. Daß das Erstere unwahr war, lag auf der Hand, das Letztere wird imVaterland" zu allem Uederfluß bementirt.