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Wiesbadener Tagbiatt.
No. 55
ihn nimmer sehen sollte. Noch vor wenigen Augenblicken hatte sie an seine Schuld geglaubt, jetzt erschien ihr dieser Glaube unfaßbar. Mochte es denn sein, daß er ihr die Treue gebrochen, daß er sie gekränkt und sich von ihr gewendet; aber er war kein Mordbrenner, kein Verbrecher. Das nicht! Sie sprang empor und eilte hinaus; sie muhte ihn noch einholen, und ihm sagen, sie glaubte es nicht, sie halte ihn nicht für schuldig; allein der Weg vor ihr war leer und öde; die beginnende Dämmerung hüllte ihn allmählich ein. Sie lief die eine Straße hinab, ohne jemanden anzutreffen, kehrte zurück und wählte eine andere mit dem nämlichen Erfolg, um endlich ganz erschöpft heimzukehren. Scheu und schweigsam schlich das Gesinde umher. Cenzi gab der Oberdirn' den Auftrag, den Leuten das Abendbrod zu kochen; sie selber schloß sich in ihre Kammer ein, und verließ dieselbe diesen Abend nicht mehr. Die Wolken des Unglücks hatten sich tief herabgesenkt auf den Seilerhof; es wollte Cenzi scheinen, als seien sie zu dicht, um je wieder einen Strahl der Sonne duichzulassen. Sie hatte keine Ahnung davon, daß drunten in der Dorfgasse ein am Hofe Vorübergehender Mit hämischen Lachen nach ihrem Kammerfenster empor sah, von wo das Licht in das Dunkel hinein glänzte, und halblaut zu sich selber sprach:
„Jetzt kommt's an Dich, Hackersohn, und an Dich a, Du hoffährtig's Weib, der der Fritzcnflori net gut g'nua g'wen is. Einen Zuchthäusler zum Mann Hann, dös is besser, gelt Seilerin!"
X.
«sstlber, in Untersuchungshaft verbracht, trug sein Schicksal mit viel mehr Ruhe und Ergebung als man ihm zugetraut hätte. In ihm überwog das Bewußtsein, daß der Seiler, der Hackersohn, sich nicht schwach zeigen, seiner Würde als Bauer nichts vergeben dürfe, alles Schwere seiner Gefangenschaft, alles Drückende seines Mißgeschickes. Er zweifelte nicht, daß feine Unschuld an den Tag kommen würde, und so tief ihn die Schmach wurmte, die ihm vor der ganzen Gemeinde war angethan worden, hielt er doch an der Ueberzeugnng fest, daß mit seiner vollkommenen Rechtfertigung, die ja gar nicht ausbleiben konnte, auch jeder Makelyvon seinem reinen Namen und seinem hochachtbaren Hause schwinden würde. Manchmal freilich, wenn er schlaflos in seiner dumpfen Zelle lag und der Herbststurm schaurig durch die endlos langen Straßen der Stadt heulte und sich in den Ecken und Winkeln zwischen den hohen Mauern winselnd verfing, wenn unheimliche Laute^an sein Ohr drangen — ein geheimnißvolles, leises Klopfen, ein Stöhnen, ein Schluchzen, das Oeffnen und Schließen einer schweren Thüre, der schlürfende Schritt eines Wärters, der Ruf einer Schildwache — da sprach es ihm leise, ganz leise zu Herzen, ob er bricht selber einen Makel auf die Ehre seines Hauses gebracht, schlimmer als den, welchen boshafte Verleumdung, unseliger Jrrthum ihm angeheftet. Was wollte er ferner sagen, wenn er einen Knecht, eine Magd unordentlichen Wandels wegen zurecht wies, und sie ihm vielleicht höhnisch lachend den Flecken vorhielten, den er auf die Ehre seines Hauses gebracht. Aber eine andere Stimme übertönte laut und höhnisch die des nagenden Gewissens:
„Du hast nicht mehr gethan als tausend .Andere auch, und bist Du nicht bemüht gewesen, den verlorenen Frieden wieder herzustellen? Dein Weib hat Dir darauf geantwortet, indem sie Dich für einen Brandstifter hielt!"
Die Gesundheit des starken, an schwere Arbeit, freie Luft und immerwährende Bewegung gewöhnten Mannes litt unter der gänzlichen Unthätigkeit, dem Mangel an freier Luft, dem Nachdenken und Grübeln, das ihm vollkommen ungewohnt war. Das Blut drängte oft so ungestüm nach Kopf und Herz, daß es ihm fchwindeltc, und die breite starke Brust den Athem versagte. Er konnte nicht essen und nicht schlafen. War er ganz erschöpft endlich eingeschlummert, so tanzten sie in tollem Reigen alle um ihn her. sein Weib, das sich von ihm gewendet und ihn so tief beleidig: hatte, die braune Marik, die ihn gefangen mit ihren leuchtenden Augen, der Fritzenflori, die Faust zum Schlag drohend erhoben, die jammernde Franzi, deren elende Behausung in Flammen aufging, und die ihn deshalb verklagte. Er erwachte müder als er eingeschlafen war. Täglich fühlte er sich elender, allein er trug es trotzig und klagte niemals.
So saß er auch eines Morgens auf seinem Bette und starrte nach dem kleinen Fleckchen Himmel hinauf, der durch das weit oben angebrachte Fenster sichtbar wurde.
Düster und trübe schien es herein — vielleicht regnete es draußen — er wußte es nicht. Da klirrten die Riegel an seiner Thür — wer kam zu so außergewöhnlicher Zeit? In jähem Erschrecken sprang er auf —
„Cenzi, Du bist's!"
Sie trat über die Schwelle in Begleitung eines Beamten, den jedoch der Gefangene kaum bemerkte. Cenzi eilte auf ihn zu; ihre Angen standen voll Thränen; er streckte ihr beide Hände entgegen und zog sie ungestüm an sich.
„Du kommst zu mir, Cenzi!"
Plötzlich aber ließ er sie los und in ganz verändertem Tone sagte er: ■ I
„Mögst wohl schauen, ob ich schon gestanden hab'?"
Da hielt sich Cenzi nicht mehr; mit beiden Armen seinen Hals umschlingend, lehnte sie wie haltlos und gebrochen an seiner Brust und schluchzte:
„Silver, ich glaub's ja nimmer! O Gott, wie hab' ich's nur einen Augenblick glauben können! Silver, verzeih' mir's, ich weiß ja, Du "bist unschuldig?"
Er machte sich von ihr los, sanft, aber entschieden.
„Glaub's doch nicht so fest, Cenzi; es möcht' Dich später reuen, wenn's mich verurtheilen und ich in's Zuchthaus komme! Dann bist Du ja die Gescheidtere gewesen und hast's eher gewußt als die Anderen!"
Als sie nicht antwortete, fuhr er fort:
„Es ist wahr, ich hab' das böhmische Madel gern gesehen; und zum ersten Mal in der Nacht, wo es gebrannt hat, bin ich ihr zu Liebe gegangen, sie hat aber gar nichts davon gewußt. Bei unserer Torfhütte hab' ich gemerkt, daß mir der Flori nachschleicht; und nachher bin ich Heimkommen und war nicht tiefer drin im Moor als da, wo der Flori und ich zuerst geredet haben, und hab' das Madel mit keinem Äug' gesehen gehabt. Darin hab' ich gefehlt, das seh' ich selber ein; aber so Großes und Schweres ist es nicht, daß Du mir's nicht hättest verzeihen dürfen. An demselben Tag, wo sie mich einaesperrt haben, bin ich dem Made! begegnet, wie cs g'rad mit seinem Schatz, einem böhmischen Musikanten, rumgctanzt ist; da bin ich heim und mein ganzer Sinn ist danach gestanden, daß zwischen uns alles wieder gleich wird. — „Brandstifter", das war Deine Antwort darauf; mein eigenes Weib hat von mir geglaubt, ich hätt' mir das Zuchthaus aufgethan — das, Cenzi, kann ich nicht vergessen und wenn ich Hunden Jahr alt werd'!"
Seine kalten harten Worte halfen ihr, sich zu fassen.
„So, das kannst Du nicht vergessen; und meinst, ich hätt' Dir damit so schweres Unrecht angethan, daß Deine Sünd' dagegen gar nichts wär'. Ich denk' nicht so, Silver! Ich mein', es ist nicht gar so gering, daß Du erst hast. sehen müssen, wie Dich das Madel zum Narren gehabt hat, bis Du so ein großes Verlangen gespürt hast, mit Deinem Weib wieder gut zu werden. Wenn ich im Kopf nimmer richtig und gefaßt war, wie die Gens- darmen auf den Hof gekommen sind und Dich haben holen wollen, das darf keinen Wunder nehmen, nachdem was ich ausgestandev hab', und das hast Du mir angethan!"
Der Beamte, welcher ein menschenfreundliches Herz hatte, fühlte Mitleid mit der armen Frau und wandte sich unwillig zu dem Gefangenen:
„Ihr dankls Eurem Weibe schlecht, daß sie sich alle Mühe gegeben hat, um Euch sehen zu können; und steht Euch btcS Trotzen wenig an, wo Ihr selber nicht schuldlos seid! Die Zeit ist vorüber, gute Frau, ich muß Euch wieder fortführen!"
Cenzi widerstrebte nicht. Noch einen traurigen Blick sandte sie zu dem Gefangenen hin, der halb abgewendet neben dem Berte stand:
„Behüt' Dich Gott, Silver!"
Die Thür schloß sich hinter ihnen; Silver war auf'Z Neue allein.
(Fortsetzung folgt.)
